Sie dachte darüber nach, ob `Singen´ für sie wirklich in Frage kam. Natürlich hatte sie Musikunterricht erhalten und kannte die klassischen Werke der Vergangenheit ebenso wie ihre Interpreten. Sie wußte, wie die rhythmischen Sequenzen der Venusier und die Konzerte der Altair-Bewohner klangen. Aber das Singen selbst brachte für ein Hüllengeschöpf beträchtliche technische Schwierigkeiten mit sich. ***** war es gewohnt, ein Problem von allen Seiten zu beleuchten, bevor sie eine endgültige Prognose stellte. So gab sie nicht gleich auf, als sie erkannte, daß sie beispielsweise ihren Mund nicht öffnen und schließen konnte, sondern machte sich daran, die Methoden der vokalen und instrumentalen Lautwiedergabe zu studieren.
Ihre eigene Ausrüstung war eher instrumental als vokal. Hüllengeschöpfe atmeten nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Sauerstoff und andere Gase wurden nicht mit Hilfe von Lungen aus der Umgebungsatmosphäre geholt, sondern unmittelbar in die Zellen abgegeben. Aber nach eigenen Versuchen stellte ***** fest, daß sie ihr Zwerchfell gut genug beherrschte, um einen Ton zu halten. Wenn sie die Halsmuskeln entspannte und in der Mundhöhle die nötigen Sinusschwankungen formte, konnte sie die Laute durch ihr Kehlkopfmikrophon leiten. Sie verglich die Ergebnisse mit Bandaufnahmen von modernen Sängern und war nicht unzufrieden, auch wenn ihre Aufzeichnungen irgendwie anders klangen – nicht unharmonisch, aber doch außergewöhnlich. Danach war es für ***** mit ihrem perfekten Gedächtnis nicht mehr schwer, sich in der Labor-Diskothek ein Repertoire zusammenzustellen. Sie entdeckte, daß sie jede Rolle und jede Stimmlage singen konnte. Es kam ihr nicht komisch vor, daß sie als Mädchen Baß, Bariton und Tenor beherrschte – neben Alt, Sopran und Koloratur natürlich. Für sie war es lediglich eine Frage der Zwerchfellsteuerung.