Martin hat ja verschiedentlich betont, dass er keine Fantasyversion der Rosenkriege erzählen will, sondern den historischen Stoff als Ausgangspunkt genommen hat und frei damit herumspielt. Daneben gibt es in ASoIaF offensichtlich noch eine ganze Reihe weiterer historischer Inspirationsquellen. Braavos & Co. erinnern an die frühe Neuzeit, die ghiscarischen Städte an die Antike, die Dothraki an die Völkerwanderungszeit. Zu den historischen kommen geographische Vorbilder, Dorne ist z.B. durch den Südwesten der USA inspiriert, wenn ich mich nicht irre. Das wird von Martin alles durcheinandergewürfelt und frei nach Gusto verwendet.
Entsprechend gibt es einige klar mittelalterlich inspirierte Elemente in ASoIaF, vor allem die Heraldik, das Rittertum und das Feudalsystem in Westeros. Die Sparrows erinnern an mittelalterliche Bettelorden, aber da weicht die Fiktion schon vom historischen Vorbild ab: Der Faith, also die institutionalisierte Religion, hat in Westeros viel weniger Macht als die Kirche im realen Mittelalter. Außerdem gibt es in Westeros einen von der Kirche unabhängigen Akademikerstand (die Maester), ein ziemlich effizientes Postsystem (die Raben) und eine Luftwaffe (die Drachen). Alles Dinge, die man aus dem realen Mittelalter nicht kennt. Das sind nur einige Punkte, die mir aufgefallen sind, während ich von anderen, die mittelalterliche Gesellschaft betreffend, keine Ahnung habe. Kann irgendwer hier z.B. sagen, ob es im England des 15. Jahrhunderts (der Zeit der Rosenkriege) eine mit Westeros vergleichbare Geldwirtschaft gab? Mir scheint das Hantieren mit Geld in Westeros eine im Vergleich zur Naturalienwirtschaft doch recht große Rolle zu spielen.
Insofern finde ich es überhaupt nicht inkonsistent, dass Tyrion von seinem Vater nicht postnatal ersäuft wurde. Wir wissen, dass es in Westeros erwachsene Kleinwüchsige gibt. Wir wissen, dass Tyrion von seinem Vater und seiner Schwester verachtet wird. Später auftretende Kleinwüchsige müssen sich als Schausteller durchs Leben schlagen. Daraus können wir schließen, dass Kleinwüchsige in Westeros es nicht leicht haben, dass sie aber auch nicht per se Kindstötungen zum Opfer fallen. Welche Rolle spielt es da, ob die Dinge im realen Mittelalter anders lagen? Überhaupt scheint es mir so, als würde die Welt von ASoIaF gerade nicht nach der Formel „Mittelalter + magische Wesen“ funktionieren. Zwar gibt es Wesen wie Drachen und Zombies, aber sie werden recht sparsam eingesetzt. Das Phantastische kommt bei Martin eher zustande durch eigene, fiktive Naturgesetze, wobei die Jahreszeiten nur das augenfälligste Beispiel sind. Es ist in dieser Welt auch möglich, Bauwerke zu errichten, die jeglicher Statik trotzen. Die Vererbungsgesetze scheinen anders zu funktionieren. Martin hat auch viel mehr Gedanken an Flora und Fauna seiner Welt verschwendet, als die meisten Fantasyautoren das tun. Irgendetwas macht Martin sehr geschickt, wenn man bedenkt, dass häufig überlegt wird, wie weit seine Welt mit dem realen Mittelalter übereinstimmt, während oft übersehen wird, dass im Hintergrund von ASoIaF fast alles auf eine Art und Weise zu funktionieren scheint, die in unserer Welt ganz und gar unmöglich wäre.



