Michael Bishop
Die seltsamen Bäume von Ectaban(And Strange at Ecbatan the Trees)
http://www.sondheimguide.com/bishop/novels/ecbatan.htm
Und an dem Abend, an dem diese Geschichte beginnt, gingen Gabriel Elk und ich nach Lunn, in unsere Hauptstadt, um einen toten Masker zu kaufen.
...
Mit dem Herannahen des Äquinoktiums kam gleichzeitig der Beginn der jährlichen Vorführungen in Stonelore. Drei Neurodramen wurden gespielt. Während der Vorbereitung für diese ging ich bei Gabriel Elk in eine harte Lehre. Ich mußte die Arbeit Gareths im Kontrollraum unter dem Amphitheater übernehmen. Daß ich ein wenig begabt war für derlei Dinge, wollte der alte Mann nicht zugeben. Er brauchte mich.
Solange nicht mehr als drei wiederbeseelte Masker auf der Neurobühne agierten, brauchte der alte Mann keine Hilfe. Aber wenn mehr als drei von unten heraufgeholt wurden, mußte ein zweiter Kontrollmann mitarbeiten.
Während der konzentrierten Wochen meines Trainings hatte Gabriel Elk kaum Zeit für mich selbst gelassen. Ich lernte alles über das Neurodrama, was Elk mir vermitteln und ich aufnehmen konnte.
Ich erfuhr, daß keines von Elks Dramen mit mehr als sechs Darstellern besetzt war. Wenn er mit dem ganzen Ensemble spielte, übernahm er die Kontrolle von drei Leichen, und ich mußte ebenfalls drei übernehmen. Vor jeder Vorstellung mußten Gesichtsausdruck und Sprache neu programmiert werden; die Bewegungen der Darsteller wurden direkt vom Kontrollraum unter der Bühne gesteuert. Da jedes Drama nach streng aristotelischen Gesetzen konstruiert war und wir manchmal über zwei Stunden zwischen Schalttafeln, Bildschirmen und glühendheißen Strahlern auf unseren Drehstühlen saßen, erforderte diese Arbeit ein enormes Durchstehvermögen. Dazu kam, daß Elks Neurodramen nicht ohne pantomimische Elemente auskamen, die nach orientalischem Muster vom sogenannten No-Spiel entnommen waren; wir mußten demzufolge Gesten und Aufstellungen bringen, die nur mit größter Anstrengung und größtem Geschick am Schaltbrett bewerkstelligt werden konnten. Außerdem mußten wir die Beleuchtung des Theaters schalten, wir mußten den pneumatischen Aufzug bedienen und die Klanguntermalung steuern.
Den Tag, an dem mir die toten Schauspieler vorgestellt wurden, werde ich nie vergessen. Er fiel bereits in die erste Woche meiner unerbittlichen Lehrzeit.
"Kommen Sie, Ingram", hatte Gabriel Elk gesagt. "Es wird Zeit, daß Sie Ihre Ahnungslosigkeit verlieren. Wir können erst dann ernsthaft zu arbeiten beginnen, wenn Sie die Darsteller kennen."
Zusammen waren wir in den Programmierungsraum hinuntergefahren. Hinunter in den Fels, in das Reich kybernetischer Wunder. Aber wir blieben nicht dort. Gabriel Elk öffnete eine Tür, die zu dem Verbindungsgang mit dem Kontrollraum führte.
Der Verbindungsgang wie überhaupt das ganze unterirdische System weckten in mir das ungute Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Es war mir, als habe ich in irgendeiner weitvergangenen Inkarnation das Licht abgelehnt und sei in ein unterirdisches, verborgenes Mausoleum eingetreten, das so gewesen war wie dieses und aus dem ich so blaß wie ein Toter wieder aufgetaucht war.
Zwei rote Lampen waren die einzigen Lichtquellen in dem Verbindungsgang. Wir blieben einen Moment lang stehen und sahen auf die verschlossene Tür des Kontrollraums. Dann gingen wir ein paar Meter bis zu einer Tür in der rechten Mauer. Dahinter lag der Schlafraum der toten Darsteller.
Es war eiskalt in dem Raum.
Die Leichen, die Gabriel Elk durch Kauf erworben hatte, lagen in einfachen weißen Plastiksärgen beziehungsweise Konservierungskästen mit Glasdeckeln. Auf jeder Seite des Raums drei von diesen Kästen, dazwischen ein schmaler Gang. Jeder Kasten war mit einem automatischen Kälteregler ausgestattet. Alle waren an ein zentrales System von Vorratstanks mit flüssigem Sauerstoff angeschlossen. Die Tanks standen wie Orgelpfeifen an der rückwärtigen Wand.
Ja, hatte ich an diesem Tag gedacht. Wie Orgelpfeifen.
Es war, als ob jeder schlafende Darsteller in der stumpfen Abgeschiedenheit seines eigenen Todes Kirchenmusik hören würde, für immer an die stummen Choräle der Tanks angeschlossen, an das Brodeln unerträglicher Kälte.
Ich hatte durch den Glasdeckel eines Kastens auf Bronwen Liefs* Gesicht geblickt. Unverändert hatte sie geschlafen.
Ich war zwischen den Särgen hindurchgegangen. Ich hatte die Gesichter von vier Männern und einer weiteren Frau betrachtet. Die Männer boten einen Querschnitt durch die männliche Bevölkerung der Mansuecerianer: zwei von ihnen waren relativ jung, einer mittleren Alters und untersetzt, der vierte durch sechs oder sieben Dekaden von Wintern auf Ongladrad zerfurcht und verwittert.
Das waren Gabriel Elks Darsteller.
Ich hatte ihn angesehen, und er hatte mir die Namen der fünf Toten genannt, die ich noch nicht gekannt hatte. Geburtsdatum, Herkunft, Beruf, Talente, schlechte Eigenschaften, Schicksalschläge und schließlich die Todesursache-alles hatte ich erfahren.
"Kannten Sie einen von ihnen zu Lebzeiten?" hatte ich gefragt.
"Nein", hatte er geantwortet. "Aber ich habe während des Winters versucht, möglichst viel über sie in Erfahrung zu bringen. Ich habe sie im Winter gekauft - außer Bronwen. Auf sie mußte ich warten."
"Kaufen Sie jeden Winter?"
"Es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich brauche sie total auf, Ingram. Eine Spielzeit in Stonelore höhlt sie völlig aus, mehr als das Leben es je fertigbringen würde."
"Programmieren Sie jeden einzelnen Darsteller vor Beginn der Spielzeit und dann noch einmal vor jedem neuen Stück?"
"Diejenigen, die Rollen haben, müssen mit Hilfe von chirurgischen Eingriffen besonders behandelt werden. Elektroden werden eingepflanzt, kybernetische Neuraltransplantate sind nötig, sonst könnten wir die Darsteller nicht vom Kontrollraum aus steuern. Ich arbeite besonders gewissenhaft an denen, die das Drama zum eigentlichen Drama machen. Bei den anderen, den Nebenrollen, bin ich etwas nachlässiger. Manchmal setze ich einem Darsteller eine Maske auf, um es mir bei den Vorbereitungen etwas leichter zu machen. Aber trotzdem gibt es erdrückend viel Arbeit. Ihre Aufgabe in Stonelore, Ingram, besteht darin, Gareths** Arbeit zu übernehmen, und diese beschränkt sich auf die rein mechanische Kontrolle der Darsteller. Ich werde nicht versuchen, Sie mit anderen Aufgaben zu belasten. Sie sind meine Spezialität. Meine Hände und mein Geist sind an die Langwierigkeit dieser Aufgaben gewöhnt."
"Und wenn die Spielzeit vorbei ist, Sayati Elk? Was haben Sie dann gewonnen? Und was wird aus den ausgehöhlten Darstellern?"
"Sie werden, wie es bei den Atariten der Brauch ist, verbrannt. In ihrem Leben sind sie zwar Mansuecerianer gewesen, in ihren letzten Tagen jedoch -in ihren künstlichen posthumen Tagen- waren sie in ihrem Verhalten denen gleich, die vom Feuer berührt sind. Nach ihrem Tod erleben sie hier in Stonelore ein kurzes, intensives zweites Leben und dann einen zweiten unwiderruflichen Tod. Wir zünden ihre ausgehöhlten Leiber an und lassen den Rauch aus den Feuern in den Himmel steigen."
*"Meine Darstellerin ist heute die Leiche der Bronwen Lief, eines Mädchens, das vor vier Tagen von Pelaganen getötet wurde. Ich verbeuge mich vor ihren Eltern, die es mir gestattet haben, sie zu kaufen."
**Im Programmierungsraum traf ich Gabriel Elk an. Er war über die Leiche seines Sohnes gebeugt. Mit von Leberflecken bedeckten, ruhigen Händen arbeitete er, um aus Gareth einen Darsteller zu machen. Während er arbeitete, sprach er. Er sprach mit tiefer, fast emotionslos monotoner Stimme, und die Zusammenhanglosigkeit dessen, was er sagte, war erschütternd.