Mich wundert es, dass Michael Szameit diesen Artikel erst jetzt veröffentlicht - denn als sein Roman »Copyworld« nach der Wende erst einmal keinen Verleger fand, äußerte er bereits eine sehr ähnliche Kritik an der Entwicklung und dem aktuellen Stand der Science Fiction.
Michael Szameit hat geschrieben:Früher (und vor allem in der osteuropäischen SF) waren die Raumfahrer vor allem Entdecker und Forscher auf der Suche nach "Brüdern im All und im Geiste", von Neugier und Wissbegierde bis an den Rand des Universums getrieben, gewissermaßen mit einem Ölzweig im Schnabel - heute sind sie Eroberer, allerorten präsente Streitmacht oder Patrioten und Superhelden im Dienste irgendwelcher pseudoaristokratischer Weltherrscher, wachen in waffenstarrenden Festungen an den Grenzen des terranischen Imperiums mit Argusaugen und Rocky-Balboa-Fäusten darüber, dass kein Außerirder seinen käsigen Fuß über die Demarkationslinie setzt.
Ich weiß nicht, ob ich in den letzten zehn Jahren auch nur einen Roman gelesen habe, auf den die Beschreibung von Michael Szameit der derzeit aktuellen Science Fiction passt.
Michael Szameit hat geschrieben:Romane wie z.B. Jefremovs "Das Mädchen aus dem All" oder die von Jules Verne, Stanislaw Lem werden nie wieder geschrieben werden. Vermutlich würden mit heutigen Lesegewohnheiten infizierte Konsumenten militanter Mainstream-SF solche Werke kitschig und weltfremd nennen - und genau das ist das Problem: Diejenigen, die gerademal bis drei zählen können, diffamieren alles, was über drei hinausgeht…
Auch Romane wie »Hyperion« von Dan Simmons werden heute nicht mehr geschrieben. Auch kein »Ubik« mehr, kein »Man in the Maze«, kein »Stars my Destination«. Statt dessen werden aber neue Romane von neuen Autoren geschrieben, die keine Wiederholung der alten Themen darstellen – und neues ausprobieren und uns neue Ideen präsentieren.
Michael Szameit hat geschrieben:Heute sind an die Stelle der Weltentwürfe und kühnen Was-wäre-wenn-Gedankenexperimente, der Visionen und Prophezeiungen, der Aufklärung und Warnung billige Horrorszenarien getreten, die einzig und allein als Rechtfertigung für möglichst viele Ballerszenen herhalten müssen. Folgerichtig ist die Storyarchitektur derart simpel und linear, dass der Langeweile nur noch mit Reizüberflutung entgegengewirkt werden kann: Also noch mehr Ballerei, noch mehr Blutlachen, noch mehr Explosionen und Implosionen, Blitze, Feuer, Donnerhall…
Moderne Science Fiction ist nicht gleichzusetzen mit Military-SF. Dies ist eine Spielart, aber eben nur eine von vielen. Was ist mit Iain Banks, China Mieville, Nei Stephenson? Was ist mit hierzulande Andreas Eschbach, Michael Marrak und meinetwegen auch Uwe Post?
Michael Szameit hat geschrieben:Als wirklich gefährlich, mindestens jedoch hoch bedenklich, muss die zwischen den Zeilen oder auch explizit vermittelte Ideologie eingeschätzt werden: Die überwältigende Mehrheit der Produkte präsentiert in ihren - wenn auch nur fragmentarisch dargebotenen - Gesellschaftsstrukturen unverkennbar faschistoid-militante Tendenzen - und das nicht etwa kritisch mit der Intention, vor solchen Entwicklungen zu warnen, sondern klar euphemisierend oder gar idealisierend. Das Spektrum umfasst neofeudalistische Modelle mit ausgeprägtem Standessystem, alle denkbaren Spielarten von Diktaturen, Technokratien und andere elitaristische Herrschaftsformen. Nur Demokratie kommt selten vor. Sehr selten…
»Faschistoid-militante Tendenzen« - also diese Art der Kritik ist nicht neu (sie wurde in den Siebzigern geäußert) und heute genauso in der vorgebrachten Verallgemeinerung falsch wie damals.
Nein, die Science Fiction ist nicht am Ende. Sie verändert sich auf vielfältige Art und Weise - und das ist gut so.