Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

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kaffee-charly
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von kaffee-charly »

Thomas Wawerka hat geschrieben: *
@Charly: "Ausbluten" ist etwas dick aufgetragen.
Männooo.... :mad: Rate doch mal, warum ich "Ausbluten" in Anführungszeichen gesetzt habe.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Und was den Verschwörungsthriller betrifft - hey, schreib ihn doch selber! ....
Nö - diese Thematik macht mir keine Freude beim Schreiben.
Bin schließlich nur ein "Zum-Spaß-Schreiber".
Meine "kommerzielle Kreativität" ist nun mal bei der Software-Entwicklung viel gewinnbringender. :wink:

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Thomas Wawerka
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

kaffee-charly hat geschrieben:
Thomas Wawerka hat geschrieben: *
@Charly: "Ausbluten" ist etwas dick aufgetragen.
Männooo.... :mad: Rate doch mal, warum ich "Ausbluten" in Anführungszeichen gesetzt habe.
:mad:
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Kringel »

Gast09 hat geschrieben:Meintest du sowas?
So ähnlich.
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Ming der Grausame
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame »

Bungle hat geschrieben:Und was, wenn die Auswanderung ein große dickeskes Täuschungsmanöver ist?
Meinst du etwas Vergleichbares, wie es im Film Cargo thematisiert wurde? Wo die angeblichen Auswanderer lediglich in Tiefkühlcontainer eingelagert wurden?
Thomas Wawerka hat geschrieben:Aber ich würde sagen, "zu wenige" um einfach weiterzumachen wie bisher.
Solange es noch Menschen gibt, wird es weitergehen, wie bisher. Der Mensch hat sich schon immer so verhalten, wie er sich verhält – es ist einfach ein Teil seiner Natur. Der Mensch wird daher meiner Meinung nach einfach immer weiterzumachen wie bisher, weil er einfach nicht gegen seine ureigene Natur agieren kann.
Kringel hat geschrieben:
Gast09 hat geschrieben:Meintest du sowas?
So ähnlich.
Wie bereits geschrieben, der Schweizer Science-Fiction-Film aus dem Jahr 2009 von Ivan Engler hat ein ähnliches Szenario beschrieben.
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Thomas Wawerka
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Ming der Grausame hat geschrieben: Solange es noch Menschen gibt, wird es weitergehen, wie bisher. Der Mensch hat sich schon immer so verhalten, wie er sich verhält – es ist einfach ein Teil seiner Natur. Der Mensch wird daher meiner Meinung nach einfach immer weiterzumachen wie bisher, weil er einfach nicht gegen seine ureigene Natur agieren kann.
Kann sein, auf eine anthropologische Diskussion möchte ich mich jetzt nicht einlassen. Sie würde zumindest versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Aber ob das klappt ist halt die spannende Frage. - Angesichts der Eurokrise versuchen wir ja auch weiterzumachen wie bisher. Hier mal ein Rädchen, da mal ein Stellschräubchen ... Anpassungen. Aber der status quo soll möglichst unangetastet bleiben. Ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang? Das diskutiert vielleicht eine Arbeitsgruppe bei den Grünen, wo sie keine Regierungsverantwortung haben, aber von rechts bis links besteht ansonsten die einhellige Meinung: Weiter so! Ob nun durch neue Schulden oder durch Sparen ist die derzeit diskutierte Hauptfrage. - Ich frage mich dagegen: Gehts überhaupt weiter so? Nicht dass ich eine Antwort darauf hätte. Aber erst diese Frage schafft ja wieder Raum für utopisches Denken. Übertragen könnte man annehmen, dass die Menschen auch während der Auswanderungswelle "Weiter so!" sagen, einige andere aber - die "eigentliche Elite" :wink: - alternative Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfe durchdenkt.
Meiner Meinung nach würde eine derartige Auswanderungswelle erstmal sehr viel erschüttern (gesetzt den Fall, die Erde 2.0 hat alles, was die Erde auch hat, nur keine Menschen, und gesetzt den Fall, der Transport wäre schnell und schlicht zu bewerkstelligen -> denn dann würde nicht nur das Prekariat oder die Oberschicht auswandern, sondern ein bunt gemischter Teil der Gesellschaft, der der zurückbleibenden Gesellschaft fehlen würde) - aber wenn sich die zurückbleibende Gesellschaft nicht nur anpasst, sondern kreativ und konstruktiv umstellt, hätte sie auch viel Gutes davon.
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

kaffee-charly hat geschrieben:
Thomas Wawerka hat geschrieben:Und was den Verschwörungsthriller betrifft - hey, schreib ihn doch selber! ....
Nö - diese Thematik macht mir keine Freude beim Schreiben.
Tja und ich bin halt ein Mensch, den hauptsächlich geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Fragen interessieren - und wenn ich SF schreibe, kommt halt mehr oder weniger automatisch social fiction dabei raus. Für alles andere wie z.B. einen Thriller müsste ich mir enorm viel Mühe geben, und es würde wahrscheinlich trotzdem nicht viel Gescheites dabei rauskommen. Insofern habe ich eben mehr Freude daran, die Auswirkungen der Auswanderung im Umfeld der Zurückgebliebenen auszuleuchten, als so einen Thriller zu schreiben.
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kaffee-charly
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von kaffee-charly »

Thomas Wawerka hat geschrieben:
kaffee-charly hat geschrieben:
Thomas Wawerka hat geschrieben:Und was den Verschwörungsthriller betrifft - hey, schreib ihn doch selber! ....
Nö - diese Thematik macht mir keine Freude beim Schreiben.
Tja und ich bin halt ein Mensch, den hauptsächlich geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Fragen interessieren - und wenn ich SF schreibe, kommt halt mehr oder weniger automatisch social fiction dabei raus. Für alles andere wie z.B. einen Thriller müsste ich mir enorm viel Mühe geben, und es würde wahrscheinlich trotzdem nicht viel Gescheites dabei rauskommen. Insofern habe ich eben mehr Freude daran, die Auswirkungen der Auswanderung im Umfeld der Zurückgebliebenen auszuleuchten, als so einen Thriller zu schreiben.
Na gut - dann muss ich selbst mal gucken, ob ich eine Story zusammen schustern kann, die von einer vorgetäuschten Auswanderung auf eine Paradies-Welt handelt. (Vielleicht macht es mir ja doch Spaß. :beanie: )
Alles muss man selber machen ... grummel ... knurr... :x
(Aber dieses Jahr wird das wohl nix mehr. :( )

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Ming der Grausame
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame »

Thomas Wawerka hat geschrieben:
Ming der Grausame hat geschrieben:Solange es noch Menschen gibt, wird es weitergehen, wie bisher. Der Mensch hat sich schon immer so verhalten, wie er sich verhält – es ist einfach ein Teil seiner Natur. Der Mensch wird daher meiner Meinung nach einfach immer weiterzumachen wie bisher, weil er einfach nicht gegen seine ureigene Natur agieren kann.
Kann sein, auf eine anthropologische Diskussion möchte ich mich jetzt nicht einlassen. Sie würde zumindest versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Aber ob das klappt ist halt die spannende Frage.
Also möchtest du statt eine anthropologische lieber eine evolutionsbiologische Diskussion führen? Wie du meinst. Entweder schafft der Mensch es oder er wird eben ein Opfer der negativen Selektion. Die evolutionäre Spieltheorie ist diesbezüglich ziemlich eindeutig. Entweder wir bestehen den Chicken Game des Lebens oder wir gehen eben unter. Beim Survival of the Fittest gibt es nämlich keine sonstige transzendierende Rationalität. C'est la vie.

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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Ming der Grausame hat geschrieben:
Thomas Wawerka hat geschrieben:
Ming der Grausame hat geschrieben:Solange es noch Menschen gibt, wird es weitergehen, wie bisher. Der Mensch hat sich schon immer so verhalten, wie er sich verhält – es ist einfach ein Teil seiner Natur. Der Mensch wird daher meiner Meinung nach einfach immer weiterzumachen wie bisher, weil er einfach nicht gegen seine ureigene Natur agieren kann.
Kann sein, auf eine anthropologische Diskussion möchte ich mich jetzt nicht einlassen. Sie würde zumindest versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Aber ob das klappt ist halt die spannende Frage.
Also möchtest du statt eine anthropologische lieber eine evolutionsbiologische Diskussion führen? Wie du meinst. Entweder schafft der Mensch es oder er wird eben ein Opfer der negativen Selektion. Die evolutionäre Spieltheorie ist diesbezüglich ziemlich eindeutig. Entweder wir bestehen den Chicken Game des Lebens oder wir gehen eben unter. Beim Survival of the Fittest gibt es nämlich keine sonstige transzendierende Rationalität. C'est la vie.

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Wenn es um kulturelle Fragen geht, halte ich nichts von Aussagen wie "Der Mensch ist so oder so." Da greifen anthropologische oder evolutionstheoretische Argumente nur bedingt. Die Menschheit hat sich eine kulturelle Sphäre aufgebaut, in der sie eben nicht ausschließlich nach evolutionsbiologischen Vorgaben agieren muss, auch nicht nach anthropologischen Merkmalen - Kultur bedeutet, sich einen Freiraum von der Natur zu erobern, auch von der eigenen Natur ... oder zumindest, diese Vorgaben zu transformieren. Die Evolution hört deshalb nicht auf (wie ich eine zeitlang annahm), und man kann sich auch nicht von der eigenen Natur lossagen (wie das etwa die trans/posthumane Horrorshow ausmalt). Kultur bedeutet nach meiner begrenzten Erkenntnis letztendlich, andere Regeln zu erfinden, nach denen gespielt wird ... oder eine zweite Seinsebene aufzubauen, in der man nach anderen Regeln spielen kann. Kultur kann auch in die andere Richtung gehen (ich verwende den Begriff nichtnormativ, d.h. wertfrei) und destruktivere, "unmenschlichere" Regeln etablieren als die natürlich gegebenen: Das ist immer dann der Fall, wenn man sagt "Sowas würde kein Tier tun, nichtmal ein Raubtier." KZs oder Eltern, die ihre Kinder misshandeln oder ähnliches. Soviel zum Grundsätzlichen.
Nun zum Konkreten: In einer Situation, in der die Erdbevölkerung sagen wir mal um ein Fünftel vermindert würde, würden sich neue Rahmenbedingungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens ergeben. Darauf müsste "Kultur" reagieren, d.h. ein Teil der Regeln neu geschrieben werden. Wann immer die Karten neu gemischt und ausgeteilt werden, gibt es findige Köpfe, die plötzlich neue Regeln durchsetzen und damit nach oben kommen. Ich mag den Film "Postman" nicht besonders, aber eine Szene liebe ich: General Bethlehem erlärt dem Postman, dass er im früheren Leben Vertreter für Kopiergeräte (glaub ich) war, ein Nichts und Niemand - aber er reagierte auf die Veränderung und setzte sich durch und ist nun der große Zampano, mit ein paar einfachen neuen Regeln. Vorher war kein Platz dafür, jetzt hat er diesen Platz eingenommen. Das Auswanderungsszenario ist diffiziler und nicht so heftig wie irgendein apokalyptisches Szenario, aber gerade deshalb halte ich es für reizvoll. Apokalyptische Szenarien versinnbildlichen oft eine große Reinigung der Welt von der verderbten/verderblichen Kultur der Menschheit, eine Rückführung auf einen vermeintlichen "natürlichen Urzustand" (der dämliche Rosseau hat diese Ente in die Welt gesetzt). Das ist mir zu billig. Es wird nicht alles untergehen. Es wird auch nicht alles vollkommen werden. Es wird aber anders - und die Frage ist doch: Wie anders?
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

kaffee-charly hat geschrieben:Na gut - dann muss ich selbst mal gucken, ob ich eine Story zusammen schustern kann, die von einer vorgetäuschten Auswanderung auf eine Paradies-Welt handelt.
Mach das! Aber nur mal ein paar Fragen:
- Wer ist dafür verantwortlich? Regierungen? Nee ... Ein Kartell? Vielleicht schon eher.
- Warum sollte irgendwer sowas vortäuschen? Cui bono?
- Wo sind die Leute dann, wenn sie nicht wirklich auswandern? Area 51? Neuschwabenland? Tot?
- Wer übernimmt die finanziellen Kosten der gesamten Aktion?
Wenn du das plausibel beantworten kannst, zieh ich den Hut!
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame »

Thomas Wawerka hat geschrieben:Wenn es um kulturelle Fragen geht, halte ich nichts von Aussagen wie "Der Mensch ist so oder so."
Da ich zufälligerweise Kulturwissenschaften im Zweitstudium belegt habe, kann ich dir diesbezüglich nur bedingt zustimmen. Nach Niklas Luhmann kann man bekanntlich erst dann von Kultur im historischen Sinne sprechen, wenn besagte Gesellschaftsordnung auch Beobachter zweiter Ordnung ausgebildet haben, also die sogenannten Beobachter der Beobachter. Infolgedessen kann man sehr wohl das Wesen des Menschen weitgehend enträtseln, wenngleich man deswegen nicht gleich die objektive Realität als solches enträtseln kann.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Da greifen anthropologische oder evolutionstheoretische Argumente nur bedingt.
Inwieweit? Bezweifelst du etwa, dass der Mensch zur Unterordnung der Trockennasenaffen und dort zur Familie der Menschenaffen gehört? Wir können sowohl bezüglich den Haplorrhini als auch in Bezug auf die Hominidae recht genau ausführen, inwieweit unsere menschlichen Eigenarten schlicht und einfach eine Folge unseres evolutionären Stammbaumes sind. Unser Sexual- und Familienverhalten ist hauptsächlich hiervon geprägt. Wir sind selbstverständlich ebenso ein Produkt der Natur, wie unsere nächsten Verwandten, die Orang-Utans, Gorillas und Schimpansen, es auch sind. Der Mensch ist ebenso bezüglich seines Genotypes, wie gemäß des morphologischen und physiologischen Phänotypes handfest vorbestimmt. Die menschliche Kultur und Gesellschaft, sowie die Fähigkeiten zur Reflexion und Transzendenz, können nicht ohne besagte Ausgangsvoraussetzungen gedacht werden. Von daher halte ich die proklamierte Entgegensetzung von Kultur und Natur für nicht sonderlich zielführend. Zwischen Kultur und Natur kann es im Sinne der Menschheit nämlich niemals zur Konfrontation kommen, bestenfalls Kontrastieren sich beide Begrifflichkeiten demzufolge nur gegenseitig. Wir können weder gegen unsere, noch gegen die Natur wirklich ankommen.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Die Menschheit hat sich eine kulturelle Sphäre aufgebaut, in der sie eben nicht ausschließlich nach evolutionsbiologischen Vorgaben agieren muss, auch nicht nach anthropologischen Merkmalen - Kultur bedeutet, sich einen Freiraum von der Natur zu erobern, auch von der eigenen Natur ... oder zumindest, diese Vorgaben zu transformieren.
Ich kann nur Letzteres zustimmen. Allein unsere Paarungsrituale sind derart verwoben mit den evolutionsbiologischen Vorgaben, dass eine Leugnung zwecklos wäre. Ebenso ist es mit der Art und Weise, wie wir Lebensgemeinschaften bilden. Nur deshalb konnte der Sozialanthropologe Rodney Needham die Universalität der Kernfamilie propagieren. Es ist uns Menschen einfach evolutionsbiologisch vorgegeben, die sozialen Implikationen sind allesamt nachrangig und erst nachträglich von der Gesellschaft kodifiziert.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Kultur bedeutet nach meiner begrenzten Erkenntnis letztendlich, andere Regeln zu erfinden, nach denen gespielt wird ... oder eine zweite Seinsebene aufzubauen, in der man nach anderen Regeln spielen kann.
Wenn du geschrieben hättest, dass die menschliche Kultur uns die Illusion gibt, nach anderen Regeln zu spielen bzw. uns die Illusion gibt, eine zweite Seinsebene aufbauen zu können, dann hätte ich dir zugestimmt. So muss ich dir aber entschieden widersprechen: Unsere Wirklichkeit ist grundsätzlich eine gesellschaftlich vorgegebene Illusion. Peter L. Berger und Thomas Luckmann haben dies bereits im Jahr 1966 in Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit unzweideutig bewiesen.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Kultur kann auch in die andere Richtung gehen (ich verwende den Begriff nichtnormativ, d.h. wertfrei) und destruktivere, "unmenschlichere" Regeln etablieren als die natürlich gegebenen: Das ist immer dann der Fall, wenn man sagt "Sowas würde kein Tier tun, nichtmal ein Raubtier." KZs oder Eltern, die ihre Kinder misshandeln oder ähnliches. Soviel zum Grundsätzlichen.
Was, bei allem Respekt, schlicht Nonsens ist. Nichts ist barbarischer als die entfesselte Natur – sie ist einfach der Inbegriff der ungezügelten Rohheit. Und da wir ein Produkt der Natur sind, können wir folglich auch nicht barbarischer als die Natur sein. Alles andere sind nur unzulässige Werturteile, die nur etwas über die Scheuklappen desjenigen aussagt, der solche Werturteile abgibt.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Nun zum Konkreten: In einer Situation, in der die Erdbevölkerung sagen wir mal um ein Fünftel vermindert würde, würden sich neue Rahmenbedingungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens ergeben.
Nein, unsere kapitalistische Grundordnung existierte bereits in ihrer voller Ausprägung weit bevor die Anzahl der Menschen, die 1-Milliarden-Grenze überschritten hatte. Im Jahr 1900 betrug die Bevölkerungszahl 1,6 Milliarden, was in etwa ein Fünftel der heutigen Weltbevölkerung darstellt. Alle wesentlichen Merkmale des Kapitalismus waren aber bereits ab dem 13. Jahrhundert evident, wo wir noch deutlich unter eine halbe Milliarde waren. Deine Annahme ist also historisch nicht zu belegen, den die Grundzüge des Menschen haben sich in dieser Zeit nicht wesentlich geändert, ebenso wenig die Rahmenbedingungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Darauf müsste "Kultur" reagieren, d.h. ein Teil der Regeln neu geschrieben werden. Wann immer die Karten neu gemischt und ausgeteilt werden, gibt es findige Köpfe, die plötzlich neue Regeln durchsetzen und damit nach oben kommen.
Nun, nach oben kommen immer wieder neue Spieler hoch, aber die Regeln, nach denen gespielt wird, haben sich seit Der Fürst von Niccolò Machiavelli nicht wesentlich geändert. Und Machiavelli hat lediglich zu Papier gebracht, was von alters her schon immer galt. Schon Gaius Julius Caesar hat danach gespielt.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Das Auswanderungsszenario ist diffiziler und nicht so heftig wie irgendein apokalyptisches Szenario, aber gerade deshalb halte ich es für reizvoll. Apokalyptische Szenarien versinnbildlichen oft eine große Reinigung der Welt von der verderbten/verderblichen Kultur der Menschheit, eine Rückführung auf einen vermeintlichen "natürlichen Urzustand" (der dämliche Rosseau hat diese Ente in die Welt gesetzt). Das ist mir zu billig. Es wird nicht alles untergehen. Es wird auch nicht alles vollkommen werden. Es wird aber anders - und die Frage ist doch: Wie anders?
Ich persönlich verehre Jean-Jacques Rousseau, aber seine Vorstellung des Menschen im Naturzustand als ein edler Wilder ist einfach nur ein schönes Gutenacht-Märchen und sonst gar nichts. Ein Ausdruck des positiven Rassismus. Diesbezüglich muss ich Hobbes einfach recht geben, es war lediglich ein bellum omnium contra omne. Man braucht nur nach Somalia zu schauen, um zu wissen, wie es im Naturzustand zugeht.
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

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Thomas Wawerka hat geschrieben:
kaffee-charly hat geschrieben:Na gut - dann muss ich selbst mal gucken, ob ich eine Story zusammen schustern kann, die von einer vorgetäuschten Auswanderung auf eine Paradies-Welt handelt.
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Wenn, dann wird es nur 'ne Kurzgeschichte.
Aus der Sicht eines Protagonisten, der selbst auch nur auf Vermutungen angewiesen ist.
Durch diesen Trick brauche ich gar nicht so genau auf die Details einzugehen, denn die Romanfigur weiß die ja auch nicht.
(Menschen als lebendige Ersatzteillager für alternde Reiche (oder Außerirdische) könnten vielleicht der Hintergrund sein - oder sonst 'was Unangenehmes.)
Das Ende lasse ich natürlich offen, denn ich bin ein fieser Schreiberling, der den Leser quälen will ... hähähäää :teufel:

Also: Wenn du nicht willst, dass ich Leser quäle, dann musst DU die Story schreiben und mir zuvor kommen, um Schlimmeres zu verhindern. :-P

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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

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http://www.welt.de/debatte/die-welt-in- ... -Erde.html

Sehr schade, dass er zu den im letzten Satz genannten Problemen nichts ausführt.
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Ming der Grausame hat geschrieben: Ich persönlich verehre Jean-Jacques Rousseau, aber seine Vorstellung des Menschen im Naturzustand als ein edler Wilder ist einfach nur ein schönes Gutenacht-Märchen und sonst gar nichts. Ein Ausdruck des positiven Rassismus. Diesbezüglich muss ich Hobbes einfach recht geben, es war lediglich ein bellum omnium contra omne. Man braucht nur nach Somalia zu schauen, um zu wissen, wie es im Naturzustand zugeht.
Sorry, die Verhältnisse in Somalia als Naturzustand zu nehmen, das ist krass und eigentlich um es vorsichtig auszudrücken, weltanschaulich geprägt und nicht objektiv. Dem ominösen Naturzustand des Menschen sieht man doch eher bei den Völkern auf Papua-Neuguinea oder in Afrika zu bleiben in der Lebensweise der San, auch besser als Buschmänner bekannt.
Hier kann man prima den Bogen zurück zum Thema finden. Wer wird wohl am ehesten zurückbleiben als die so genannten Naturvölker, die am wenigsten Anschluss an die Zivilisation haben?

MB
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Re: Der Tag, an dem es zu wenige Menschen gab

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In Somalia existiert überhaupt kein höheres Gemeinwesen, wodurch der Mensch nicht gezwungen ist, sich diesem unterzuordnen. Somalia ist faktisch ein Ort, wo die Ordnung vollständig abhandengekommen ist und alle Gesetze aufgehört haben gültig zu sein, ergo ein Ort, wo der Naturzustand praktisch herrscht, wo die ursprüngliche Natur des Menschen sichtbar wird. Und da bekanntlich Hobbes’ Leviathan auch den Bürgerkrieg als Ausgangsbasis hatte, welche gemeinhin als die brutalste Ausprägung des Naturzustandes angesehen wird, ist mein Beispiel durchaus korrekt. Aber selbstverständlich ist es weltanschaulich geprägt, wie auch deine Beispiele weltanschaulich geprägt sind, wie überhaupt alles Menschenwerk prinzipiell weltanschaulich geprägt ist. Nichtsdestotrotz führen auch Naturvölker Kriege, selbst Menschenaffen machen das. Carnivoren sind nun einmal grundsätzlich nicht sonderlich friedliche Gesellen.
Zuletzt geändert von Ming der Grausame am 3. Juni 2012 14:12, insgesamt 2-mal geändert.
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