Thomas Wawerka hat geschrieben:Wenn es um kulturelle Fragen geht, halte ich nichts von Aussagen wie "Der Mensch ist so oder so."
Da ich zufälligerweise Kulturwissenschaften im Zweitstudium belegt habe, kann ich dir diesbezüglich nur bedingt zustimmen. Nach Niklas Luhmann kann man bekanntlich erst dann von Kultur im historischen Sinne sprechen, wenn besagte Gesellschaftsordnung auch Beobachter zweiter Ordnung ausgebildet haben, also die sogenannten Beobachter der Beobachter. Infolgedessen kann man sehr wohl das Wesen des Menschen weitgehend enträtseln, wenngleich man deswegen nicht gleich die objektive Realität als solches enträtseln kann.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Da greifen anthropologische oder evolutionstheoretische Argumente nur bedingt.
Inwieweit? Bezweifelst du etwa, dass der Mensch zur Unterordnung der Trockennasenaffen und dort zur Familie der Menschenaffen gehört? Wir können sowohl bezüglich den Haplorrhini als auch in Bezug auf die Hominidae recht genau ausführen, inwieweit unsere menschlichen Eigenarten schlicht und einfach eine Folge unseres evolutionären Stammbaumes sind. Unser Sexual- und Familienverhalten ist hauptsächlich hiervon geprägt. Wir sind selbstverständlich ebenso ein Produkt der Natur, wie unsere nächsten Verwandten, die Orang-Utans, Gorillas und Schimpansen, es auch sind. Der Mensch ist ebenso bezüglich seines Genotypes, wie gemäß des morphologischen und physiologischen Phänotypes handfest vorbestimmt. Die menschliche Kultur und Gesellschaft, sowie die Fähigkeiten zur Reflexion und Transzendenz, können nicht ohne besagte Ausgangsvoraussetzungen gedacht werden. Von daher halte ich die proklamierte Entgegensetzung von Kultur und Natur für nicht sonderlich zielführend. Zwischen Kultur und Natur kann es im Sinne der Menschheit nämlich niemals zur Konfrontation kommen, bestenfalls Kontrastieren sich beide Begrifflichkeiten demzufolge nur gegenseitig. Wir können weder gegen unsere, noch gegen die Natur wirklich ankommen.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Die Menschheit hat sich eine kulturelle Sphäre aufgebaut, in der sie eben nicht ausschließlich nach evolutionsbiologischen Vorgaben agieren muss, auch nicht nach anthropologischen Merkmalen - Kultur bedeutet, sich einen Freiraum von der Natur zu erobern, auch von der eigenen Natur ... oder zumindest, diese Vorgaben zu transformieren.
Ich kann nur Letzteres zustimmen. Allein unsere Paarungsrituale sind derart verwoben mit den evolutionsbiologischen Vorgaben, dass eine Leugnung zwecklos wäre. Ebenso ist es mit der Art und Weise, wie wir Lebensgemeinschaften bilden. Nur deshalb konnte der Sozialanthropologe Rodney Needham die Universalität der Kernfamilie propagieren. Es ist uns Menschen einfach evolutionsbiologisch vorgegeben, die sozialen Implikationen sind allesamt nachrangig und erst nachträglich von der Gesellschaft kodifiziert.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Kultur bedeutet nach meiner begrenzten Erkenntnis letztendlich, andere Regeln zu erfinden, nach denen gespielt wird ... oder eine zweite Seinsebene aufzubauen, in der man nach anderen Regeln spielen kann.
Wenn du geschrieben hättest, dass die menschliche Kultur uns die Illusion gibt, nach anderen Regeln zu spielen bzw. uns die Illusion gibt, eine zweite Seinsebene aufbauen zu können, dann hätte ich dir zugestimmt. So muss ich dir aber entschieden widersprechen: Unsere Wirklichkeit ist grundsätzlich eine gesellschaftlich vorgegebene Illusion. Peter L. Berger und Thomas Luckmann haben dies bereits im Jahr 1966 in
Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit unzweideutig bewiesen.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Kultur kann auch in die andere Richtung gehen (ich verwende den Begriff nichtnormativ, d.h. wertfrei) und destruktivere, "unmenschlichere" Regeln etablieren als die natürlich gegebenen: Das ist immer dann der Fall, wenn man sagt "Sowas würde kein Tier tun, nichtmal ein Raubtier." KZs oder Eltern, die ihre Kinder misshandeln oder ähnliches. Soviel zum Grundsätzlichen.
Was, bei allem Respekt, schlicht Nonsens ist. Nichts ist barbarischer als die entfesselte Natur – sie ist einfach der Inbegriff der ungezügelten Rohheit. Und da wir ein Produkt der Natur sind, können wir folglich auch nicht barbarischer als die Natur sein. Alles andere sind nur unzulässige Werturteile, die nur etwas über die Scheuklappen desjenigen aussagt, der solche Werturteile abgibt.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Nun zum Konkreten: In einer Situation, in der die Erdbevölkerung sagen wir mal um ein Fünftel vermindert würde, würden sich neue Rahmenbedingungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens ergeben.
Nein, unsere kapitalistische Grundordnung existierte bereits in ihrer voller Ausprägung weit bevor die Anzahl der Menschen, die 1-Milliarden-Grenze überschritten hatte. Im Jahr 1900 betrug die Bevölkerungszahl 1,6 Milliarden, was in etwa ein Fünftel der heutigen Weltbevölkerung darstellt. Alle wesentlichen Merkmale des Kapitalismus waren aber bereits ab dem 13. Jahrhundert evident, wo wir noch deutlich unter eine halbe Milliarde waren. Deine Annahme ist also historisch nicht zu belegen, den die Grundzüge des Menschen haben sich in dieser Zeit nicht wesentlich geändert, ebenso wenig die Rahmenbedingungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Darauf müsste "Kultur" reagieren, d.h. ein Teil der Regeln neu geschrieben werden. Wann immer die Karten neu gemischt und ausgeteilt werden, gibt es findige Köpfe, die plötzlich neue Regeln durchsetzen und damit nach oben kommen.
Nun, nach oben kommen immer wieder neue Spieler hoch, aber die Regeln, nach denen gespielt wird, haben sich seit
Der Fürst von Niccolò Machiavelli nicht wesentlich geändert. Und Machiavelli hat lediglich zu Papier gebracht, was von alters her schon immer galt. Schon Gaius Julius Caesar hat danach gespielt.
Thomas Wawerka hat geschrieben:Das Auswanderungsszenario ist diffiziler und nicht so heftig wie irgendein apokalyptisches Szenario, aber gerade deshalb halte ich es für reizvoll. Apokalyptische Szenarien versinnbildlichen oft eine große Reinigung der Welt von der verderbten/verderblichen Kultur der Menschheit, eine Rückführung auf einen vermeintlichen "natürlichen Urzustand" (der dämliche Rosseau hat diese Ente in die Welt gesetzt). Das ist mir zu billig. Es wird nicht alles untergehen. Es wird auch nicht alles vollkommen werden. Es wird aber anders - und die Frage ist doch: Wie anders?
Ich persönlich verehre Jean-Jacques Rousseau, aber seine Vorstellung des Menschen im Naturzustand als ein edler Wilder ist einfach nur ein schönes Gutenacht-Märchen und sonst gar nichts. Ein Ausdruck des positiven Rassismus. Diesbezüglich muss ich Hobbes einfach recht geben, es war lediglich ein
bellum omnium contra omne. Man braucht nur nach Somalia zu schauen, um zu wissen, wie es im Naturzustand zugeht.