von Guido Seifert » Montag 16. April 2007, 22:07
Die SF kann ja alle Genres und Stile in sich aufnehmen; so auch den Krimi-Reißer. Und da schiebt sich mir vor den Versuch einer mehr oder minder "objektiven" Kritik die Geschmacksfrage. Schlicht und einfach: ich bin nicht der größte Fan dieses Genres. Mit einigen gewichtigen Ausnahmen allerdings, so z.b. Raymond Chandler. Da ist es aber vor allem sein lakonischer und witziger Stil, der mich anzieht (und die Frage, wer denn jetzt wohl der Mörder ist, wird schon zweitrangig...). Eckhardt bedient sich nun des ziemlichen Gegenteils eines Chandler-Stils: Er schreibt betulich; und gar nicht so sehr manieristisch (wie es auf SciFiNet zu lesen war). Denn "manieristisch" hieße ja wohl "gekünstelt", dabei ist "Kafkas Schloss" doch - Alles in Allem - eher durch eine konventionelle Erzählhaltung geprägt (wobei die Assoziation des Erzählers auf S. 57 - "kafkaeskes Schloss" - mir kaum tauglich erscheint, zum Titel erhoben zu werden: Dieses Schloß ist denn doch wohl ein bisschen anders...). Um vom bloßen Geschmacksurteil wegzukommen und auch ein bisschen "objektiv" zu kritisieren: Eine Hämorrhoide, die sich "zu Wort meldet", auch mal "zustimmend kneift", wenn sie nicht gerade "beleidigt schweigt": Sorry, aber das ist Schmock; und erinnert an den literarischen Anfänger, der - auf Teufelkommraus - brillieren möchte und zu vermeintlich lustigen Personifikationen greift. Diese Art Humor, die sich an weiteren Beispielen aufzeigen ließe, tut keinem Text gut. Auch die gedankliche Präzision in Bildern und Vergleichen läßt manchmal zu wünschen übrig. So heißt es zum Beispiel Von Gwendolin von Stamsund: "Eine von diesen Schöpfungen, die vor Urzeiten Modell gestanden haben mochten, als Der Alte Erdgott nicht wusste, wie die Rippe zu formen war." Das hieße, den christlichen Mythos in ein Paradox zu treiben: Der Alte Erdgott war ja gerade damit beschäftigt, überhaupt ersteinmal MODELLE zu SCHAFFEN, nämlich für die zwei Sorten von Menschen. Er hätte also für das Modell Frau (Eva) nach einem Modell Ausschau gehalten... (oder kapiere ich es nicht, und es soll bloß "witzig" sein? Dann kann ich aber nicht lachen...). Oder: "Sie stellte einen triefendnassen Schirm in die Ecke, unter dem sich ein kleiner See ejakulierte." Wie kann man - etwas - sich selbst ejakulieren? Die Ejakulation setzt doch wohl einen "Ejakulanten" voraus. Es müsste also heißen: "Sie stellte einen triefendnassen Schirm in die Ecke, DER (sogleich) einen kleinen See ejakulierte." Oder: "Die Stationen waren verlassen, und die Moorcrafts verschwunden oder sie ragten als pittoreske stümpfe gekentert aus dem salzigen Morast." Das ist missverständlich, den die Moorcrafts sind ja wohl kaum als pittoreske Stümpfe gekentert. Geschmeidiger wäre es, der Kausalität der Ereignisse zu folgen: also erst kentern, dann ragen. ("Die Stationen waren verlassen, und die Moorcrafts verschwunden oder sie ragten - gekentert - als pittoreske Stümpfe aus dem salzigen Morast"). Diese Unsauberkeiten ließen sich weiterverfolgen und sind umso unangenehmer, je stärker der Erzählstil sich an die Tradition bindet. Denn diese bietet uns ja perfekte Muster (etwa Thomas Mann; oder auch Theodor Storm, an den Eckhardt bei der Wahl des Lokals gedacht haben mag...). Da könnte also mehr kommen; und ich - als Leser - möchte da auch mehr...
Gruß, Guido