Cryptonomicon von Neal Stephenson

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Teddy
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Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Um es gleich vorweg zu sagen: Was für ein tolles Buch! Zumindest für Leute, die mit der weitausladenden, detailversessenen Erzählweise Stephensons keine Probleme haben.
In einem Erzählstrang in der Gegenwart (Jahrtausendwende) und mehreren während des zweiten Weltkriegs erzählt Stephenson viel über Kryptographie und hundert andere Sachen wie beispielsweise über Geldtheorie oder das einzig richtige Essen von Cap’n-Crunch-Cerealien.
Warum geht es? Die Alliierten haben die Enigma und viele andere Codes der Deutschen und Japaner geknackt und können große Teile deren Funkverkehrs mitlesen. Würden sie ihr Wissen jedoch konsequent ausnutzen, wären den Deutschen schnell klar, dass ihre Codes bekannt wären und sie diese ersetzen müssten. Deshalb wird die Spezialeinheit 2702 gegründet, die im Nachhinein Gründe liefert, warum die Alliierten von irgendetwas Kriegswichtigen gewusst haben. So wird bei Neapel ein Beobachtungsposten eingerichtet, der so wirken muss, als ob es ihn schon 6 Monate gegeben hätte, inklusive menschlicher Fäkalien für diese Zeit, die extra in Fässer herbeigeschafft werden. Da alles streng geheim ist, wissen die Soldaten nur, was sie tun sollen, aber nicht warum.
In einem zweiten Handlungsstrangwährend des Zweiten Weltkriegs wird der Bau eines Stollensystems auf den Philippinen beschrieben, in das die Japaner die gesamten erbeuteten Goldbestände verstecken, als die Niederlage unabwendbar wird.
Die Suche nach diesem Gold nimmt dann einen wesentlichen Aspekt der Handlung ein, die in der Gegenwart spielt. Hier will ein Startup in einem fiktiven Nachbarland der Philippinen einen Datenhafen bauen, der ihren Kunden Sicherheit ihrer Daten vor neugierigen Geheimdiensten bietet. Beim Verlegen eines Unterseekabels stößt man auf ein gesunkenes deutschen U-Boot, was letztendlich zu den Koordinaten des Goldschatzes der Japaner führt.
Bei Stephenson hat man das Gefühl, er recherchiert alle Sachverhalte äußerst gründlich und entwickelt seine Figuren mit größter Sorgfalt, um sie dann in allen Belangen ein wenig - teilweise auch ein wenig mehr - zu übertreiben. Besonders deutlich wird das beispielsweise an General Douglas MacArthur, der einerseits alles so macht wie in der Realität, sich aber anderseits benimmt wie im billigsten B-Movie. Dadurch kommt ein Schreibstil zustande, der oft grotesk oder zumindest launig wirkt und Cryptonomicon zu einem oft amüsanten aber nie albernen Roman macht.
Viele Leser kritisieren Stephenson für seine weiten Abschweifungen, die vor allem in seinen neueren Roman vorkommen. Aber gerade hierin liegt mMn das große Vergnügen seiner Romane, die so eine Menge Abwechslung bieten: Spannende Abschnitte, die die Handlung voranbringen, wechseln sich ab mit informativen Kapiteln, in denen die Figuren über einen Sachverhalt philosophieren, mal gibt es pure Action, dann wieder groteske Episoden. Gerade diese Abwechslung sorgt dafür, dass auf den über 1000 Seiten keine Langeweile aufkommt.
Wer schon den Barock-Zyklus von Stephenson gelesen hat, wird alten Bekannten - bzw. den Nachfahren alter Bekannter - begegnen. Die Nachfahren von Shaftoe und Waterhouse sind auch hier die Hauptfiguren und der unsterbliche (?) Enoch Root kommt auch wieder vor.
Wie der Barock-Zyklus ist auch Cryptonomicon ein Grenzgänger, ein historischer Roman, der manchmal ins Schelmenhafte rutscht, gespickt mit ein paar phantastischen Elementen.
Ich kann Cryptonomicon nur empfehlen.

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Bungle
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Ich hatte Schwierigkeiten mit der Handlung, die in der Gegenwart spielt. Die war für mich viel uninteressanter als die zur Zeit des Zweiten Weltkieges.

MB

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derbenutzer
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von derbenutzer »

Teddy hat geschrieben:Um es gleich vorweg zu sagen: Was für ein tolles Buch! Zumindest für Leute, die mit der weitausladenden, detailversessenen Erzählweise Stephensons keine Probleme haben.
In einem Erzählstrang in der Gegenwart (Jahrtausendwende) und mehreren während des zweiten Weltkriegs erzählt Stephenson viel über Kryptographie und hundert andere Sachen wie beispielsweise über Geldtheorie oder das einzig richtige Essen von Cap’n-Crunch-Cerealien.
Warum geht es? Die Alliierten haben die Enigma und viele andere Codes der Deutschen und Japaner geknackt und können große Teile deren Funkverkehrs mitlesen. Würden sie ihr Wissen jedoch konsequent ausnutzen, wären den Deutschen schnell klar, dass ihre Codes bekannt wären und sie diese ersetzen müssten. Deshalb wird die Spezialeinheit 2702 gegründet, die im Nachhinein Gründe liefert, warum die Alliierten von irgendetwas Kriegswichtigen gewusst haben. So wird bei Neapel ein Beobachtungsposten eingerichtet, der so wirken muss, als ob es ihn schon 6 Monate gegeben hätte, inklusive menschlicher Fäkalien für diese Zeit, die extra in Fässer herbeigeschafft werden. Da alles streng geheim ist, wissen die Soldaten nur, was sie tun sollen, aber nicht warum.
In einem zweiten Handlungsstrangwährend des Zweiten Weltkriegs wird der Bau eines Stollensystems auf den Philippinen beschrieben, in das die Japaner die gesamten erbeuteten Goldbestände verstecken, als die Niederlage unabwendbar wird.
Die Suche nach diesem Gold nimmt dann einen wesentlichen Aspekt der Handlung ein, die in der Gegenwart spielt. Hier will ein Startup in einem fiktiven Nachbarland der Philippinen einen Datenhafen bauen, der ihren Kunden Sicherheit ihrer Daten vor neugierigen Geheimdiensten bietet. Beim Verlegen eines Unterseekabels stößt man auf ein gesunkenes deutschen U-Boot, was letztendlich zu den Koordinaten des Goldschatzes der Japaner führt.
Bei Stephenson hat man das Gefühl, er recherchiert alle Sachverhalte äußerst gründlich und entwickelt seine Figuren mit größter Sorgfalt, um sie dann in allen Belangen ein wenig - teilweise auch ein wenig mehr - zu übertreiben. Besonders deutlich wird das beispielsweise an General Douglas MacArthur, der einerseits alles so macht wie in der Realität, sich aber anderseits benimmt wie im billigsten B-Movie. Dadurch kommt ein Schreibstil zustande, der oft grotesk oder zumindest launig wirkt und Cryptonomicon zu einem oft amüsanten aber nie albernen Roman macht.
Viele Leser kritisieren Stephenson für seine weiten Abschweifungen, die vor allem in seinen neueren Roman vorkommen. Aber gerade hierin liegt mMn das große Vergnügen seiner Romane, die so eine Menge Abwechslung bieten: Spannende Abschnitte, die die Handlung voranbringen, wechseln sich ab mit informativen Kapiteln, in denen die Figuren über einen Sachverhalt philosophieren, mal gibt es pure Action, dann wieder groteske Episoden. Gerade diese Abwechslung sorgt dafür, dass auf den über 1000 Seiten keine Langeweile aufkommt.
Wer schon den Barock-Zyklus von Stephenson gelesen hat, wird alten Bekannten - bzw. den Nachfahren alter Bekannter - begegnen. Die Nachfahren von Shaftoe und Waterhouse sind auch hier die Hauptfiguren und der unsterbliche (?) Enoch Root kommt auch wieder vor.
Wie der Barock-Zyklus ist auch Cryptonomicon ein Grenzgänger, ein historischer Roman, der manchmal ins Schelmenhafte rutscht, gespickt mit ein paar phantastischen Elementen.
Ich kann Cryptonomicon nur empfehlen.
Was Du hier über Cryptonomicon schreibst, deckt sich weitgehend mit den Eindrücken, die ich beim Lesen des Romans gewann. Es macht jetzt wenig Sinn, bestimmte Schmankerln aus dem Roman zu zitieren, Du hast bereits Beispiele angeführt. Um was es geht, hast Du ebenso anschaulich erklärt.

Nur ein Beispiel aber ...

da Du schon einmal diese "Spezialeinheit 2702" erwähntest: Eigentlich hätte diese Einheit ja die Nummer 2701 erhalten sollen. Da aber jedem, der sich mit Kryptografie auch nur minimal auskennt, sofort auffallen könnte, dass diese Zahl das verdächtige Produkt zweier Primzahlen (nämlich 73 und 37) ist, geht das (Geheimhaltung!) natürlich nicht, absolutes No-Go ... Daher: "Spezialeinheit 2702" ... Alles klar?

Das klingt jetzt nach einem ausgeprägten Nerd-Gag, der vollkommen überzogen ist. Stephenson schafft es aber, diese skurrile Sache so gut mit einem trockenen, witzigen und dabei lockeren Dialog zu vermitteln, dass man als Leser einfach schmunzeln muss.

Wie Du auch vollkommen richtig bemerktest, variiert der Autor die Erzählweisen so gekonnt, dass nie der Eindruck einer Aneinanderreihung überrecherchierter Späßchen entsteht. So etwas wie erschlagendes Dumping von Fakten findet ebenso nicht statt. Der Roman liest sich genussvoll. Leser, die gerne in tief eine Geschichte eintauchen, werden belohnt.

Übrigens wurde der Roman (ohne Übertreibung) hervorragend von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl übersetzt, die auch Quicksilver, Confusion, Principia, Anathem und Terror ins Deutsche übertrugen.

LG

Jakob

P.S.: Ich freue mich schon sehr auf Stephensons nächsten Roman

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Mervin Pumpkinhead
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von Mervin Pumpkinhead »

derbenutzer hat geschrieben:
Übrigens wurde der Roman (ohne Übertreibung) hervorragend von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl übersetzt, die auch Quicksilver, Confusion, Principia, Anathem und Terror ins Deutsche übertrugen.

LG

Jakob

P.S.: Ich freue mich schon sehr auf Stephensons nächsten Roman
...der wohl Seveneves heisst und laut Amazonas am 19.05.2015 erscheinen soll. Ich bin schon ganz hibbelig und hoffe, das die Übersetzung wieder genauso gut wird, wie durch jene oben genannten Übersetzer. Ich hab ja keine Ahnung von Cryptographie aber doch weitestgehend verstanden, um was es geht. Der Barock Zyklus übrigens war ganz großes Kopfkino. :prima:
He whispered, "And a river lies
Between the dusk and dawning skies,
And hours are distance, measured wide
Along that transnocturnal tide--
Too doomed to fear, lost to all need,
These voyagers blackward fast recede
Where darkness shines like dazzling light
Throughout the Twelve Hours of the Night."
"The Twelve Hours of the Night"

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Knochenmann
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

Was mich verblüfft hat: der Detailreichtum.

Zur Erinnerung: In Cryptonoicum gibt es ja das Sultanat Kinakuta, und in diesen Sultanat gibt es ja den Mt. Eliza. Und wie die Leser des Baroquezyklus vielleicht wissen: dieser Mt. Eliza wurde von Shaftoe nach eben der Eliza, einer der Hauptprotagonisten, benannt.

Wunderbares Buch, hab ich ca 5 Mal gelesen. Eines der schönsten Ereignisse im dem Buch: das Erdbeben, das Randys Haus in Kalifornien zerstört. Das wird so grandios als Handlungselement eingesetzt, sowas habe ich noch bei keinen anderen Autor gefunden.
Als ich jung war, war der Pluto noch ein Planet

Mod-Hammer fieg und sieg!


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Teddy
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Mervin Pumpkinhead hat geschrieben:
derbenutzer hat geschrieben:
Übrigens wurde der Roman (ohne Übertreibung) hervorragend von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl übersetzt, die auch Quicksilver, Confusion, Principia, Anathem und Terror ins Deutsche übertrugen.

LG

Jakob

P.S.: Ich freue mich schon sehr auf Stephensons nächsten Roman
...der wohl Seveneves heisst und laut Amazonas am 19.05.2015 erscheinen soll. Ich bin schon ganz hibbelig und hoffe, das die Übersetzung wieder genauso gut wird, wie durch jene oben genannten Übersetzer. Ich hab ja keine Ahnung von Cryptographie aber doch weitestgehend verstanden, um was es geht. Der Barock Zyklus übrigens war ganz großes Kopfkino. :prima:
Und hier etwas zum Inhalt von der Seite einer polnischen Literaturagentur, die auf der englische Wikipedia zitiert wird:
Stephenson, Neal / SEVENEVES
Morrow, ed. Jennifer Brehl, Winter 2015

When the moon blows up, the earth’s atmosphere is predicted to go through changes that will eventually lead to a Hard Rain, a meteorite storm that could last for thousands of years, rendering the earth’s surface uninhabitable. In preparation, the nations of the earth send an ark of humans to an International Space Station. But the Station isn’t immune to the galactic catastrophe and many of its people are lost, mostly men. When stability is reached, only seven humans remain, all of them women. Jump forward thirty thousand years. Two peoples exist: those who survived on Earth, living rustic, primitive lives; and those who derived from the Seven Eves of the space station, affluent, sophisticated, organized sects looking to colonize the surface of earth. Stephenson’s next novel is an epic potboiler, with political and military intrigue, and plenty to say about evolution, genetic engineering, and civilization as we know it.
Das klingt doch mal interessant!

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Andreas Eschbach
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von Andreas Eschbach »

Wird sicher wieder 5.000 eng bedruckte Seiten dick ;)

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derbenutzer
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Re: Cryptonomicon von Neal Stephenson

Ungelesener Beitrag von derbenutzer »

Andreas Eschbach hat geschrieben:Wird sicher wieder 5.000 eng bedruckte Seiten dick ;)
:D Man darf selbstverständlich anmerken, dass Stephenson auch außerhalb seines Barockzyklus' einen Hang zu barocker Breite hat. :wink: Meiner Meinung nach ist jedoch dabei immer Substanz inbegriffen.

Eines jeden Sache sind breit episch dargebrachte Sachen so oder so nicht. Daher verstehe ich jeden, dem das zu viel wird. Bei Anathem etwa, der mir sehr gut gefallen hat, dürfte jeder Leser, der sich nicht für massive philosophische Einschübe begeistern kann, etwas schwindlig geworden sein. An Action orientiert sieht anders aus.

Wirklich schlimm sind dicke Ziegel, denen wirklich die Geschichte ausgeht. Beispiele dafür dürfte jeder Leser zur Genüge kennen ...

Bevor das eventuell missverstanden wird: Nein, lieber Andreas Eschbach, ich meine dabei keines Deiner Bücher (immerhin kenne ich außer paar Deiner Jugendbücher alles von Dir ... ). Äh, nein, stimmt nicht ganz, alle mit "Jesus" vorne im Titel noch nicht.

LG

Jakob

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