Zum Geburtstag von Jules Verne

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Ender
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Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Ender » 8. Februar 2015 10:10

Am heutigen 8. Februar dürfen wir den 187. Geburtstag eines der Begründer - wenn nicht DES Urvaters schlechthin - der Science Fiction begehen: Jules Verne.
Der 1828 in Nantes geborene Franzose schuf bis zu seinem Tod 1905 ein so umfang- und vor allem einflussreiches Werk wie kaum ein anderer Autor im Bereich der phantastischen Literatur. Viele seiner Romane, Kurzgeschichten und Erzählungen sind auch heute noch jedem SF-Freund ein Begriff; spätestens durch eine der zahllosen Verfilmungen ist man einigen seiner Geschichten fast zwangsläufig schon mal begegnet.
Seine berühmtesten Werke wie zum Beispiel "Reise zum Mittelpunkt der Erde", "Von der Erde zum Mond", "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer", "Reise um die Erde in 80 Tagen" oder "Der Kurier des Zaren" müssen hier sicher nicht mehr ausdrücklich vorgestellt werden.
Deshalb möchte ich zur Feier des Tages an dieser Stelle einfach mal auf eine Geschichte hinweisen, die nicht unbedingt zu seinen allerberühmtesten Werken zählt, sich aber nichtsdestotrotz auch heute noch unbedingt zu lesen lohnt: "Die fünfhundert Millionen der Begum".

Ausgangspunkt dieser Geschichte ist eine riesige Erbschaft (500 Millionen eben), die dem französischen Arzt Dr. Sarrasin unverhofft zuerkannt wird. Sogleich macht er sich daran, mit diesem Vermögen etwas Außergewöhnliches zu schaffen: er errichtet eine Stadt, die nach modernsten humanistischen Erkenntnissen und streng hygienischen Gesichtspunkten angelegt wird. Doch auch ein Deutscher, Professor Schultze, erhebt Anspruch auf das Vermögen und lässt in unmittelbarer Nachbarschaft ebenfalls eine Stadt nach seinen Vorstellungen entstehen. Diese jedoch macht ihrem Namen „Stahlstadt“ alle Ehre und wird zu grauem Industriemoloch und moderner Waffenschmiede ausgebaut. Und so dauert es denn auch nicht lange, bis von diesem aggressiven Nachbarn tatsächlich eine ernsthafte Bedrohung für Sarrasins paradiesisch anmutende Musterstadt ausgeht...

In dieser Geschichte bringt Jules Verne seinen Abscheu gegenüber deutschem Militarismus und Herrschaftsgehabe – der deutsch-französische Krieg und die anschließende Gründung des Kaiserreichs lagen erst wenige Jahre zurück – deutlich zum Ausdruck. Wenn man bedenkt, wann dieser Roman entstanden ist, dann ist es unglaublich beeindruckend und erschreckend, wie viele seiner düsteren Prognosen in den folgenden Jahrzehnten Wirklichkeit geworden sind.
In meiner Diogenes-Ausgabe von 1967 wird im Klappentext der deutsche Schriftsteller Arno Schmidt u.a. wie folgt zitiert:
„Ein vom Stoff her besonders gewichtiges (und für uns peinliches) Buch [...] – und da ist niemals so früh das finstere Panorama einer Hitler-Landschaft, bis in präzise Einzelheiten hinein, gezeichnet worden [...] Der Diktator in seinem ‚Stierturm‘; die wahnwitzige Aufrüstung, mit dem Rumfummeln an und Prahlen mit ‚Geheimen Waffen‘; die uniformierten [...] Arbeiterheere, unter halbem KZ-Verschluß; und die SS-Typen – man kommt sich, als Deutscher, zum Speien blöd vor, wenn man erwägt, daß dergleichen ‚zur Warnung‘ seit 1875 vorhanden gewesen ist; sogar hunderttausendfach ins Deutsche übersetzt!“

Nochmal sei es gesagt: „Die fünfhundert Millionen der Begum“ ist meiner Meinung nach ein sehr, sehr beeindruckendes Buch!

In diesem Zusammenhang werfe ich einfach mal die Frage in die Runde:
Welche sonstigen Romane oder Kurzgeschichten von Jules Verne – abseits seiner ganz berühmten Werke – können empfohlen werden? Wer hat noch Tipps, Vorschläge bzw. Lieblingsgeschichten zu unserem heutigen Jubilar?

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von lapismont » 8. Februar 2015 10:32

Ich rate sogar zur Doppellektüre. Erst Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym von Poe und dann die Fortsetzung von Verne Die Eissphinx.

Ach, ich habe soviele Lieblingsbücher ber Verne:

Zwei Jahre Ferien
20.000 Meilen unter den Meeren / Die geheimnisvolle Insel
Ein Kapitän von fünfzehn Jahren
Matthias Sandorf
Der Kurier des Zaren


Aber das allerallerliebste ist mir

Die Kinder des Kapitän Grant

:freude:

hab ich bestimmt schon ein dutzend Mal gelesen.

Sehr zu empfehlen sind stets die ausführlich kommentierten Ausgaben von Volker Dehs!

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Doop » 8. Februar 2015 19:28

Wer weiß, ob ich ohne Jules Verne zur SF-Literatur gefunden hätte?

Großartig waren

Die 500 Millionen der Begum
Fünf Wochen im Ballon
20000 Meilen unter dem Meer
Die geheimnisvolle Insel
Reise zum Mittelpunkt der Erde
Matthias Sandorf (großartig, auch wenn es sein "Graf von Monte Cristo"-Rip-off ist)
Die Eissphinx ist eher interessant als wirkliche Fortsetzung von Arthur Gordon Pym. Verne dachte, dass Poes Geschichte unvollendet sei. Ich denke das nicht.
„Ich habe [...] nichts gegen Filme ohne viel Handlung (z.B. Laberfilme von Rohmer), aber das Verhältnis zwischen Landschaftsmalerei, Dialog und Kawumm muss stimmen.“ (Badabumm, hier im Forum)

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Teddy » 8. Februar 2015 19:48

Ich habe zwar einige Filme nach Jules Vernes Vorlagen gesehen, aber gelesen habe ich von ihm nur "Reise zum Mittelpunkt der Erde". Das war o.k., hat mich aber offenbar nicht zum großen Fan gemacht.
Jetzt gibt es viele von Vernes Romanen, insbesondere auch die von euch empfohlenen "Die fünfhundert Millionen der Begum" und "Die Kinder des Kapitän Grant", ja auch umsonst, z.B. bei Amazon. Könnt ihr etwas zu den Übersetzungen sagen? Sind die o.k. oder sind das eher völlig veraltete Übersetzungen, die heute keinen rechten Spaß mehr machen?

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von derbenutzer » 8. Februar 2015 22:14

Teddy hat geschrieben:Ich habe zwar einige Filme nach Jules Vernes Vorlagen gesehen, aber gelesen habe ich von ihm nur "Reise zum Mittelpunkt der Erde". Das war o.k., hat mich aber offenbar nicht zum großen Fan gemacht.
Jetzt gibt es viele von Vernes Romanen, insbesondere auch die von euch empfohlenen "Die fünfhundert Millionen der Begum" und "Die Kinder des Kapitän Grant", ja auch umsonst, z.B. bei Amazon. Könnt ihr etwas zu den Übersetzungen sagen? Sind die o.k. oder sind das eher völlig veraltete Übersetzungen, die heute keinen rechten Spaß mehr machen?
Hallo, Teddy!

Ich habe von diesen kostenlosen deutschen Übersetzungen nur "Reise zum Mittelpunkt der Erde" gelesen, und das war etwas ungewohnt (Rechtschreibung des 19. Jahrhunderts). Ging aber so ...

Verne ist vermutlich unter den Autoren der letzten 2 Jahrhunderte einer derjenigen, der am meisten Bearbeitungen, Kürzungen bis hin zu Verstümmelungen erleiden musste. Angeblich gilt das neben den deutschen Übersetzungen auch für die englischen.

Diese Edition: WWL Winkler Weltliteratur: Die Klassiker von Jules Verne (Neuübersetzungen), ist, folgt man dem Macher dieser ungemein ausführlichen Webseite (Andreas Fehrmann), sei eine der besten. Nur kann man bei nur 5 Bänden wohl kaum von Edition sprechen ...

Jedenfalls kann man sich durch die Website Fehrmanns immerhin ein ungefähres Bild machen. Zumindest erfährt man durch sie, was an Ausgaben zu vergessen ist; hoffe ich wenigstens.

http://www.j-verne.de/verne_navigator.html

Wie zuverlässig oder genau jetzt die Angaben sind, kann ich nicht beurteilen. Immerhin habe ich erfahren, dass die meisten Jules Verne Fischer-Taschenbuchausgaben meiner Jugend sehr gekürzt waren. :kopfkratz:

Werktreue ... es ist zum Beispiel so, dass etwa im Original von "20000 Meilen unter dem Meer" unendlich langatmige erschöpfende zoologische Abhandlungen über Meeresorganismen zu lesen waren. Vermutlich aus damaliger Fachliteratur abgeschrieben. So etwas wurde bald mal gestrichen.

Vielleicht ist Fehrmanns Seite mal eine erste Hilfe.

Was mir von Verne als empfehlenswert erscheint? So einiges. Ich reiche das noch nach.

Beste Grüße, bis bald!

Jakob

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr » 9. Februar 2015 11:37

Fehrmanns Seite ist auf jeden Fall eine Hilfe! V.a. für westdeutsche Leser. Großes Paradox: in der alten BRD gab es mehr Verne-Titel, dafür weniger leidlich originalgetreue Ausgaben. In der DDR gab es weniger Verne-Titel, dafür waren die originalgetreuer.

Viele westdeutsche Leser dürften Verne nie wirklich gelesen haben, sondern die um bis zu 75% eingedampften Fassungen etwa des Fischer-Verlags oder die in der Übersetzung fragwürdigen Ausgaben von Pawlak.

Ich möchte dem Eingangssatz widersprechen, von wegen Produktivität Vernes. Verne hat alle Halbjahr ein Buch geliefert - wobei wir wahrnehmen müssen, dass viele Titel, die wir heute als ein Buch wahrnehmen, in Wirklichkeit Mehrteiler waren. Am offenbarsten wird das bei den Kindern das Kapitän Grant, der immerhin in drei Teile zerfällt. Weniger offenbar ist es bei den 20.000 Meilen. Dazu kommt die Fehlzuordnung: Vernes Sohn Michel hat nicht nur Manuskripte des Vaters radikal bearbeitet, sondern auch unter dessen Namen selbstverfasste Werke publiziert.

Ich find die ja gar nicht schlecht. Ganz eindeutig war Michel der eigentliche SF-Autor nach heutigem Verständnis, von ihm stammt etwa die Weltuntergangsnovelle "Der ewige Adam".

Unterm Strich: JV hat viel geschrieben, aber etwa im Vergleich zu Bourroughs ist sein Werk schmal. (Etwas mehr als 50 Romane.)

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Ender » 9. Februar 2015 12:29

L.N. Muhr hat geschrieben: Unterm Strich: JV hat viel geschrieben, aber etwa im Vergleich zu Bourroughs ist sein Werk schmal. (Etwas mehr als 50 Romane.)
Na gut - ich korrigiere von "...so umfangreich wie kaum ein anderer..." hin zu "...aber doch immer noch ganz schön umfangreich". :)

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Khaanara » 9. Februar 2015 13:32

Gelesen habe ich von Verne aktuell nur die illustrierte Kindle-Version von "Fünf Wochen im Ballon" (Wunderkammer), ansonsten kenne ich seine Werke nur aus den Verfilmungen, Comics und Hörspielen. Als Kind hat mich der Karel Zeman-Film "Auf dem Kometen" doch sehr für die SF geprägt (neben der ARD SF-Reihe in den Siebzigern).

Mit dem Kindle-Roman wollte ich mich nach und nach durch Vernes Werke durcharbeiten, aber aktuell ist der Speicher noch voll mit anderem Lesematerial.

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von lapismont » 9. Februar 2015 13:49

Zeit. den Stapel ungelesener Kindle anzufangen …
;)

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von derbenutzer » 11. Februar 2015 23:41

Ender hat geschrieben:
[...]

In diesem Zusammenhang werfe ich einfach mal die Frage in die Runde:
Welche sonstigen Romane oder Kurzgeschichten von Jules Verne – abseits seiner ganz berühmten Werke – können empfohlen werden? Wer hat noch Tipps, Vorschläge bzw. Lieblingsgeschichten zu unserem heutigen Jubilar?
Einige Werke Jules Vernes (jenseits seiner breit bekannten), die mir besonders gefallen haben:

Das Dampfhaus (auch Der Stahlelefant oder Im Elefantenlokomobil durch Nordindien)
Bild
Eine Gruppe von Gentlemen erlebt exotische Abenteuer. Die Herren sind standesgemäß mit einem dampfgetriebenen Fahrzeug, das äußerlich einem Elefanten nachgebildet ist und zwei luxuriöse Wohnanhänger zieht, in Indien unterwegs. Aufstände der Einheimischen, Jagderlebnisse und eine klassische Rachegeschichte lassen keine Langeweile aufkommen.


Die Propellerinsel (auch Die Insel der Milliardäre oder Die Propeller-Insel)
Bild
Es gibt heutzutage angeblich Pläne, Riesen-Kreuzfahrtschiffe zu bauen, deren vornehmlicher Zweck darin bestehen soll, äußerst betuchten Dauermietern ein luxuriöses Domizil zu bieten, wobei sich diese Fahrzeuge immer dort aufhalten sollen, wo (erstens) schönes Wetter herrscht und (zweitens) auch sonst was los ist.
Das ist alles Pipifax gegen Vernes Szenario, der in diesem Roman wahrhaftig geklotzt und nicht gekleckert hat.
Einige Tausend US-Milliardäre teilen sich eine 27 km² große, mit zehn Millionen PS starken Motoren angetriebene "Propellerinsel". Apropos "teilen". Die Insel als solche ist auch noch in einer anderen Hinsicht geteilt. Eine Hälfte ist für die Yankees, die andere für Bewohner der Südstaaten. Das birgt schon zur Genüge Stresspotential, aber im Laufe der Reise kommen noch zusätzlich ganz andere Turbulenzen auf die Bewohner zu ...


Von der Erde zum Mond & Reise um den Mond (Beide Romane sind natürlich zu den bekanntesten Werken Vernes zu zählen)
Bild
Verne und sein "typischer" Sarkasmus:
Meines Wissens ist besonders der erste Teil (selbst im Vergleich zu anderen "misshandelten" Werken des Autors) oft und besonders rigide gekürzt worden. Die wenig oder nicht gekürzten Ausgaben sind ein Musterbeispiel für die beißende Ironie Vernes. Die Herren des Kanonenclubs in Baltimore werden nicht gerade als sympathisch beschrieben. Manchmal wirkt der Sarkasmus des Autors verblüffend frisch. Lesenswert, keine Frage. Teil 2 ist ohnehin ein Klassiker, dessen Lektüre anzuraten ist.


Zwei Jahre Ferien (auch Abenteuer auf Chairman oder Ein Pensionat von Robinsons)
Bild
Eine schöne, feine, abenteuerliche Robinsonade. Eine Gruppe von Internatskindern strandet auf einer einsamen Insel und muss sich gegen allerlei Unbill durchsetzen. Spannung, Romantik: alles vorhanden. Meiner Meinung nach auch heute noch ein empfehlenswertes Jugendbuch ... Goldings Herr der Fliegen ist brutaler ... :wink:


Reise durch die Sonnenwelt (auch Hektor Servadacs Reise durch die Sonnenwelt, Hektor Servadacs Weltraumreise, oder Reise durch das Sonnensystem
Bild
Hector Servadac, ein Hauptmann der französischen Armee in Algerien, schreibt kurz vor einem bevorstehenden Duell (ein amouröses Abenteuer ist die Ursache ...) noch an einem Gedicht für seine Angebetete, als plötzlich ein Asteroid die geplanten Abläufe empfindlich stört.
Der Himmelskörper schabt ein Stückchen Nordafrika samt Hauptmann und einigen anderen Personen von der Erde ab und durchläuft weiter seine Bahn durch die kalten Planetenräume des Sonnensystems. Glücklicherweise wurde ebenso etwas Atmosphäre abgeschabt, dennoch ist ab sofort das Leben für alle Betroffenen kein Zuckerschlecken. Die Herausforderungen und Gefahren sind groß, der Weg ist lang ...


Beste Grüße!

Jakob

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr » 12. Februar 2015 10:43

Einige Tausend US-Milliardäre
Nachtrag: die Insel hat 10.000 Einwohner, allerdings können wir davon ausgehen, dass die Mehrzahl Personal ist. Mehrere tausend US-Milliardäre wäre selbst Verne wohl unrealistisch vorgekommen in dem Fall. Heute würde man von Oligarchie sprechen.

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Bully » 12. Februar 2015 13:51

Erinnert Ihr Euch an die Kapelle in Camerons "Titanic"? Ein Streicherquartett sind die Hauptpersonen auf "Standard Island", wie die Propellerinsel in "meiner" Übersetzung hieß.
Ist aber deutlich lustiger als Titanic, um spoilerfrei die Kurve zu kriegen.
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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von derbenutzer » 12. Februar 2015 16:15

L.N. Muhr hat geschrieben:
Einige Tausend US-Milliardäre
Nachtrag: die Insel hat 10.000 Einwohner, allerdings können wir davon ausgehen, dass die Mehrzahl Personal ist. Mehrere tausend US-Milliardäre wäre selbst Verne wohl unrealistisch vorgekommen in dem Fall. Heute würde man von Oligarchie sprechen.
Danke, die Verteilung klingt natürlich plausibel (Milliardäre & Personal :kopfkratz: ). Detailliert konnte ich mich nicht mehr erinnern. Bei paar Daten musste ich nachschlagen. An den Sense of Wonder anlässlich der Beschreibung der Propellerinsel erinnere ich mich hingegen sehr wohl, obwohl die Lektüre ewig zurückliegt.

LG

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr » 12. Februar 2015 16:42

Ich sags mal so: Verne hat sich sein Konzept auch nicht so ganz genau durchdacht, will mir scheinen. (Zitate direkt aus dem E-Book. sorry für die Formatierung.)
Alle Bewohner der künstlichen Insel sind, wie groß auch
ihr Vermögen sei, nur Mieter.
Von Anfang an hat sich das ganze Unternehmen übri
-
gens finanziell vorzüglich gestaltet. Einzelhäuser und Woh
-
nungen wurden zu geradezu fabelhaften Preisen vermietet,
so daß sie zuweilen mehrere Millionen übersteigen, denn
nicht so wenige Familien waren in der beneidenswerten
Lage, derartige Summen alljährlich nur für ihr Unterkom
-
men anzulegen. Die Company erzielte damit schon aus die
-
ser einen Quelle einen Überschuß. Hiernach wird jeder
-
mann zugestehen, daß die Hauptstadt von Standard Island
den ihr gegebenen Namen mit Recht verdiente.
Von jenen überreichen Familien abgesehen, gibt es hier
mehrere hundert andere, deren Miete 100- bis 200.000 Franc
beträgt und die sich mit solchen bescheidenen Verhältnissen
begnügen. Die noch übrige Einwohnerschaft umfaßt dann
Lehrer jedes Fachs, Lieferanten, Angestellte, Dienstboten
und Fremde, deren Zufluß nur gering ist und denen nicht
gestattet wird, sich in Milliard City oder sonstwo auf der
Insel anzusiedeln. Advokaten gibt es nur wenige, wodurch
auch Prozesse nur selten sind; Ärzte noch weniger, wodurch
die Sterblichkeit auf eine lächerlich tiefe Stufe herabsinkt.
Auch Soldaten gibt es auf Standard Island, nämlich eine
Truppe von 50 Mann unter dem Befehl von Oberst Stewart,
denn man durfte nicht außer acht lassen, daß die weiten
Gebiete des Stillen Ozeans nicht immer sicher sind. In der
Nähe gewisser Inselgruppen ist es ein Gebot kluger Vor
-
sicht, sich gegen Überfälle durch mancherlei Seeräuber si
-
cherzustellen. Daß diese Miliz einen sehr hohen Sold be
-
zieht und der gewöhnliche Mann sich besser steht, als ein
höherer Offizier im alten Europa, ist ja selbstverständlich.
Die Anwerbung dieser Soldaten, die auf öffentliche Kos
-
ten untergebracht, ernährt und gekleidet werden, geht ohne
Schwierigkeiten vor sich.
Verne sagt also, dass die Dienstboten, Miliz etc. sich auf der Insel eingemietet haben. Interessante Frage: haben damit die Dienstboten ihre Dienstherren im Griff, weil sie ja jederzeit wegziehen könnten? Und kann die Miliz streiken, wenn ihr Gehalt nicht ihren Sicherheitsvorstellungen entspricht? (Dass Verne sich hier innerhalb weniger Absätze widerspricht, wenn er erst alle Bewohner Mieter nennt und danach sagt, die Miliz sei auf öffentliche Kosten untergebracht... well...)

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Re: Zum Geburtstag von Jules Verne

Ungelesener Beitrag von Bully » 12. Februar 2015 20:18

Variante 1: Dienstboten (Butler, Zimmermädchen, etc.) wohnen in den Villen ihrer Dienstherren, die für deren Kost und Logis mitzahlen, werden aber nicht als eigenständige Bewohner aufgefasst. Die Miliz ist ein Sonderfall, weil Angestellte der Betreiberfirma selbst, die quasi deren Miete auf die übrigen Bewohner umlegt.
Variante 2: Angestellte kriegen Betrag x als Gehalt, müssen davon aber Betrag y direkt als Miete weiterreichen. Die Miliz ist die Ausnahme von der Regel, und es ist halt blöd formuliert, lektoriert und/oder übersetzt.
Variante 3: mit "nur Mieter" ist gemeint "keine Eigentümer, Miteigentümer, Gesellschafter oder Anteilseigner", so dass alle Milliardäre, Lehrer, Putzhilfen und Sicherheitskräfte gleichermaßen der Insel verwiesen werden könnten, wenn sie gegen den Mietvertrag verstoßen sollten. Leute im "öffentlichen Dienst" wie die Miliz, bzw., deren Zufriedenheit besonders wichtig ist, wie die Miliz, oder jedenfalls die Miliz, bekommen Kost und Logis zwar gestellt, haben bzgl. ihrer Unterkünfte genau dieselben Rechte und Pflichten wie Mieter. Bzw., sie sind Mieter, deren Miete 0,00 $ beträgt. Sobald sie ihren Arbeitsvertrag beenden, hört auch der bisherige "Mietvertrag" auf, d.h., sie müssen mit sofortiger Wirkung ortsübliche Miete zahlen. Oder im Park übernachten. D.h., sie überlegen es sich mehrfach, bevor sie streiken.

In Variante 1 wären zumindest die Angestellte einzelner Milliardäre deren Gnade deutlich stärker ausgeliefert als auf dem Festland, weil die auf dem Festland sich zumindest theoretisch von ihrem Erspartem irgendwo anders einmieten könnten, wenn sie mal kündigen/gekündigt werden. Auf Standard Island sind die dann doppelt gekniffen: kein Einkommen mehr und keine Mietwohnungen für den ganz kleinen Geldbeutel. Dreifach, wenn man hinzunimmt, dass die potentiellen Arbeitgeber sich da alle kennen und man kaum einen neuen Dienstherrn oder sonst eine Arbeit findet, wenn man sich nicht im Guten mit dem Chef getrennt hat (und wieso sollte man sich im Guten trennen?). Vermutlich wird man ins nächste Versorgungsschiff gesteckt und kann zusehen, wo man bleibt (z.B. Deutsch-Samoa).

In Variante 2 ist das halt die alte Abzocke, tolles Gehalt mit versteckten Nebenkosten.

Variante 3 vereinfacht der Inselführung, unliebsame Mitbürger unbürokratisch loszuwerden und renitente Angestellte zu disziplinieren. Käme mir am plausibelsten vor, wenn man annimmt, dass das kein Utopia sein soll, sondern ein Geschäftsmodell.

Ich muss das Buch selbst mal wieder rauskramen.
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