Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

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Konrad
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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 18. Mai 2018 10:21

Ich kann nur hoffen, daß jetzt niemand auf die Idee kommt, den Text der 9. Beethoven anzutasten...
:megablaster:

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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 18. Mai 2018 17:06

"Frauenbeauftragte will Deutschlandlied gendern!", so der Titel einer großen Frauenzeitschrift. :mad:
Nachdem ich mich vorsichtig gekniffen und vergewissert hatte, daß ich nicht über Tiptrees "Your faces..." eingeschlafen und in dessen Zukunft gelandet war, fand ich im Merkur (nein, nicht der von "Houston, Houston...") Leserbriefe, die mich wieder beruhigten:
https://www.merkur.de/lokales/leserbrie ... 66328.html
:lol:

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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 22. Mai 2018 11:59

Immer diese Tippfehler, "lurp" steht natürlich für LRRP und nicht LLRP.
Steht da breit und fett und trotzdem liest man immer wieder drüber hinweg.

Ich habe ja schon erwähnt, daß sich Tiptree für die Titel ihrer Erzählungen bei einigen Dichtern bedient hat.
"And I Awoke and Found Me Here on the Cold Hill's Side" stammt z.B. von John Keats aus "La Belle Dame Sans Merci".
Aber auch die Zitate in den Erzählungen stellen für die Übersetzung immer eine Herausforderung dar.
In "Houston, Houston..." läßt Tiptree Lorimer angesichts des betäubten Dave zitieren:
“On the deck my captain lies”.

Dies stammt aus Walt Whitmans Gedicht "O Captain! My Captain" und ist ein Ausschnitt aus der Zeile “Where on the deck my captain lies Fallen cold and dead.” Walt Whitmans Gedicht ist in Amerika sehr populär, eine bewegende Reaktion des Autors auf Lincolns Ermordung am Ende des Bürgerkriegs, 6 Tage nach General Lees Kapitulation.

Tiptree verstärkt m.E. in der Szene mit dem Zitat das Gefühl der Führungslosigkeit, der Verlorenheit.
Es gibt allerdings noch einen versteckten Aspekt, der hier erstaunlich gut paßt.
Whitman hat in späteren Jahren bei den Erinnerungsfeiern an Lincolns Ermordung Vorträge gehalten, in denen er die geschichtliche Notwendigkeit von Lincolns Tod betont hat.
Die Wahl Lincolns zum 16. Präsidenten gilt als Auslöser der Sezession.

1981 hat Joachim Körber in seiner Übersetzung das Zitat wie normalen Text behandelt. Er ignoriert die poetische Form völlig; ich glaube nicht, daß er wußte, wer und was da zitiert wurde.

1982 versuchte Walter Brumm die Zeile zu deuten und übersetzt sehr freizügig "Dave hat recht. Ich habe sie verraten. Nun liegt er da, ausgeliefert auf Gedeih und Verderb."
Das entspricht zwar der Situation in der Szene, folgt aber Tiptrees Gedanken zur Führerschaft nicht.

1989 erschien der Spielfilm "Der Club der toten Dichter" von Peter Weir, der das Gedicht auch in Deutschland bekannt machte. Im Film läßt sich ein beliebter Lehrer, toll gespielt von Robin Williams, mit "O Captain! My Captain" anreden.

2013 verwendet Andrea Stumpf als Übersetzung den Titel "O Käpt'n! Mein Käpt'n!" und knüpft damit an die bekannte Anrede im Spielfilm an. Dies ist zwar gut gemeint, ruft aber m.E. eine völlig andere Assoziation hervor.
Im Spielfilm wird dieses Zitat am Ende zusammen mit der Solidaritätsdemonstration das Symbol für Selbstbehauptung.

Tja, Übersetzen ist ein Metier mit vielen Klippen... :engel:

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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 29. Mai 2018 09:55

Für einen Nicht-Botaniker sind die englischen Informationen zur Kudzu-Ranke höchst verwirrend, da der Engländer offenbar alle Rankengewächse "vine" nennt. Botanisch ist Kudzu keine Weinranke, sondern ein Bohnenranke, die zu den 100 gefährlichsten invasiven Arten der Welt zählt.
"The vine that ate the south" muß man also eher mit "Die Schlingpflanze, die den Süden verschlungen hat" übersetzen.

Warum ist die Kudzu-Ranke für die Interpretation interessant?

Lorimer assoziiert Frauen mit Schlingpflanzen (Seite 323 und 349).
In alten Texten findet man häufig das Stereotyp der Frau, die als Efeu die starke männliche Eiche umrankt.
J.H.Campe, ein Pädagoge der Aufklärung, schreibt 1789 in seinem "Väterlicher Rath für meine Tochter":
"Er die Eiche, Sie der Epheu, der einen Theil seiner Lebenskraft aus den Lebenskräften der Eiche saugt, der mit ihr in die Lüfte wächst, mit ihr den Stürmen trotzt, mit ihr steht und mit ihr fällt, ohne sie ein niedriges Gesträuch, das von jedem vorrübergehenden Fuß zertreten wird".
Obwohl diese Geschlechtsstereotype etwas aus der Mode gekommen ist, nutzt auch die moderne Literatur die Assoziation, z.B. Max Frisch in "Homo Faber" mit etwas anderer Färbung.
Allerdings ist die Kudzu-Ranke mit dem Hautgout der "invasive alien plant" schon sehr typisch für Tiptree.
Tiptree deutet hier ihre These an, die man in ihren Erzählungen immer wieder findet, daß der wahre "Alien" das andere Geschlecht ist.

Übrigens ist die Stelle auf Seite 323 auch noch aus einem anderen Grund für die Interpretation wichtig.
Hier taucht das Motiv der Irrelevanz auf, von dem ich gesprochen hatte.
Für Lorimer waren Frauen früher irrelevant und am Ende der Story ist dies gespiegelt das Schicksal der Männer.
Überhaupt ist die Spiegelung ein vielfach verwendetes Konstrukt der Erzählung.
Z.B. erklärt Judy Paris am Ende des Story die Konsequenzen für die Männer und kratzt sich dabei unbefangen (unselfconsciously) zwischen den Beinen. Diese typisch männliche Geste wird demonstrativ gespiegelt als Zeichen, wer hier die "Eier hat".
Frau Stumpf übersetzt "unselfconsciously" mit "schamlos", was eher dem Geschmack der Übersetzerin als dem Originaltext entspricht. :teuflisch:

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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 31. Mai 2018 21:21

Kommen wir ein letztes Mal zurück zur Interpretation von "Your faces...".
Als ich die Erzählung das erste Mal gelesen habe, habe ich mich unwillkürlich gefragt, warum ist sie Kurier?
Niemand gibt ihr einen Brief oder etwas ähnliches, was diese Funktion erklären würde.
Erst später ist mir klar geworden, daß dies die Funktion ist, die sie sich selber gegeben hat.
Sie bricht aus dem freudlosen realen Leben einer "gut situierten jungen Vorstadtgattin" (affluent young suburban matron) aus, in dem jeder ihr Vorschriften macht, überall Gefahren lauern und sucht sich eine Aufgabe, die ihr wichtig ist.
Sie ist die Überbringerin einer universellen Botschaft, eine Botschaft der Freude und Schwesterlichkeit in einer zukünftigen Welt ohne Männer.
"Alle Menschen werden Schwestern, wo dein sanfter Flügel weilt...", Schiller und Beethoven mögen mir verzeihen. :engel:

Man könnte also sagen, dies ist die Tiptree-Version der "Ode an die Freude".
Natürlich mit der für Tiptree typischen Brechung. :smokin

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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 2. Juni 2018 17:35

Eine ziemlich brutale Brechung.
Eine an der Realität gescheiterte Vision?
Wenn die Story neben der Kritik an der mangelnden Solidarität der Frauen noch eine weitere Aussage hat, dann ist es sicherlich die, daß es nicht genügt eine Vision zu haben.
Trotz des Mitleids mit der Protagonistin kommt man an einem Faktum nicht vorbei, daß sie Hiawathas Lehre "Learn of every beast its nature..." nicht richtig befolgt und daher ihre Angreifer nicht erkannt hat.
Nun könnt man sagen, es war halt ein naiver Jugendtraum.
Aber hier sollte man sehr genau hinschauen, denn die Protagonistin ist letztlich gescheitert, weil sie beharrlich immer wieder die sich meldende Realität weggedrückt hat.

So stellt sich also nur noch die Frage, was bleibt von der Vision übrig.
Die Protagonistin zumindest glaubt daran, daß es auch über ihren Tod hinaus jemand geben wird, der die Botschaft von der Freude und der Schwesterlichkeit weitertragen wird.
Es könnte ja evtl. ein Leser sein...

....so es welche gibt; der Fred läßt zumindest darüber Zweifel aufkommen.... :kaffee_muede:

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Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 3. Oktober 2018 18:05

Zufällig habe ich einen historischen "Schnipsel" gefunden, der ein Hinweis auf den schriftstellerischen Impuls für die Erzählung "Your faces...." sein könnte.
Im Jahr der Einreichung der Story (1974) ist Magda Merck gestorben, mit der "Ting" Sheldon vor Ali verheiratet war.
Magda war eine Tochter des deutsch-amerikanischen Unternehmers Georg Merck, Gründer des US-Zweigs des bekannten Pharmakonzerns.
Sie heiratete Colonel Huntington Sheldon im Jahre 1928.
Magda erlitt nach der Geburt ihres dritten Kindes Peter eine Wochenbettpsychose, die wohl so schlimm war, daß sie zeitweilig ihren Ehemann nicht mehr erkannte. Sie kam in eine Privatklinik und wurde mit Elektroschocks behandelt.
"Ting" hat die Behandlung den Ärzten überlassen und die Scheidung eingereicht.
Ihr Sohn Peter sagte später: "Er hat sich einfach aus dem Staub gemacht".*
Ich nehme an, daß diese Geschichte bei ihrer Beerdigung im März 1974 wohl wieder aufgewirbelt wurde.

* entnommen aus Julie Phillips: "James Tiptree Jr., Das Doppelleben der Alice B. Sheldon", Septime Verlag, 2013

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