[Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

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Mammut
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Teddy hat geschrieben:
11. Januar 2021 22:26
Ender hat geschrieben:
11. Januar 2021 21:08
Teddy hat geschrieben:
11. Januar 2021 20:40
Ender hat geschrieben:
11. Januar 2021 20:11
... wie kann man denn durch Logik den Lauf einer Roulettekugel vorhersagen?
Indem man die Anfangsbedingungen sehr genau kennt. Auch wenn die Bahn der Kugel chaotisch ist, ist sie determiniert.
Das Genie kann also nicht nur Differenzialgleichungen (Newtonmechanik) aus dem Kopf aufstellen, sondern auch im Kopf lösen. Beides ist absurd, aber das ist wohl nicht der Punkt.
Aber dazu müsste er beispielsweise wissen, mit welcher Geschwindigkeit der Croupier die Kugel und das Rad anschiebt - und das kann er bei aller Genialität nun mal nicht vorausberechnen.
Mir ist schon klar, dass auch seine übrigen Geniestreiche nicht realistisch bzw. möglich sind, aber trotzdem fällt die Roulette-Episode da etwas aus der Reihe, finde ich. Da hätten sich bessere Beispiele finden lassen.
Ich bin mir relativ sicher, dass man noch setzen kann, wenn die Kugel schon im Rad ist, d.h. er muss nur gut messen können.
Woher wusste er denn von dem Kometen? Ist das nicht noch seltsamer? Aber wie gesagt, ich finde das unerheblich. Es ist völlig klar, worum es geht.
Vielleicht wollte der Autor mit dem Beispiel auch zeigen, das er die ganze Idee nicht so bierernst nimmt. Wenn etwas nur weit genug entwickelt ist, wirkt es wie Magie heißt doch der Spruch und wird damit auf die Schippe genommen.

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Teddy
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Nelson Bonds Geschichte ist allerdings älter als Clarkes drittes Gesetz "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden". Aber klar, bierernst hat er das alles nicht genommen. Das gilt übrigens für die meisten seiner Geschichten, zumindest für die paar, die ich gelesen habe.

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Ender
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Ender »

Teddy hat geschrieben:
11. Januar 2021 22:26
Ich bin mir relativ sicher, dass man noch setzen kann, wenn die Kugel schon im Rad ist, d.h. er muss nur gut messen können.
Das musst du mir altgedientem Roulette-Veteranen nicht sagen, aber:
"Aber das is' kein Risiko, Jim. Will mir scheinen, 's ist ganz sicher, daß die Neunzehn kommt. So wie ich das sehe."
[...]
Der Geschäftsführer nickte dem Croupier zu, der Croupier ließ den winzigen Ball kreisen.
(S.26)
:wink:


Worauf ich nur hinaus will: Das Originelle an dieser Story ist die zugrunde liegende Idee, dass jemand ohne entsprechende Vorbildung und nur auf Basis weniger Informationen selbst komplizierteste Berechnungen anstellen oder geniale Schlussfolgerungen ziehen kann. Dementsprechend wird er ja auch "Logik-Hank" genannt. Witzig.
Natürlich wird das dann übertrieben und überspitzt dargestellt.
Aber dadurch, dass außerdem noch Beispiele auftauchen, die selbst theoretisch nur mit magischer Hellseherei möglich wären, verdirbt er die Idee selbst ein bisschen.
Das gibt Abzüge (von mir) :lehrer:

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Teddy
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Da gebe ich dir recht. Diese Stelle (und eigentlich auch der Komet) passen nicht so recht zur Prämisse.

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Knochenmann
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

So, neue Woche, neue Kurzgeschichte:

"Ylla" von Ray Bradbury, (1950)

Zusammenfassung: Ein Marisaner Ehepaar hängt auf dem Mars herm, die Frau (Ylla) hat träume von einem irdischen Austronauten der sie in seinem Raumschiff entführen kommt. Dazu: eine menge Untergangs-romantischer Umgebung. Feuervögel, toter See. Man hat so bilder im Kopf von in Togen gewandeten Römern die sich im Schaffen von Säulen im Schein der untergehenden Augustsonne auf Divanen räkeln.

Das war wieder nichts für mich, bin mit Bradburry noch nie warm geworden, jetzt hat wieder nicht. Obschon die Atmosphäre schön war! Erinnert irgendwie an die "Feenland" Geschichten von Tidebek, von der dieses Jahr ein Roman erscheinen soll (ich freu mich).
Als ich jung war, war der Pluto noch ein Planet

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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Flossensauger »

Ja, der Bradbury... . Sein Altersstarsinn kurz vor seinem Lebensende erhöht bei mir auch nicht das Verlangen ihn mal wieder zu lesen. "Mars-Chroniken" und "Illustrierte Mann" bleiben natürlich Klassiker, die man kennen sollte, aber sonst finde ich persönlich ihn nicht gut gealtert.

Aber "damals" war er schon wichtig, vermute ich. Sein Können als Schriftsteller lag über dem durchschnittlichem pulp-Autor und er konnte Leser interessieren, die sich nicht so sehr für Raketenraumschiffe und glubschäug (ihr wisst was ich meine) interessieren.

Wenn ich mich nicht ganz vertue sind seine Storys nach einer kurzen Anlaufzeit im SF-Sektor dann auch meist in "allgemeinen" Magazinen erschienen.

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L.N. Muhr
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Weil die besser zahlten. Aus keinem andern Grund.

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Mammut
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Ylla ist rech oft erschienen:
http://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?64825

Ich kann mich an die Mars Chroniken nicht mehr so recht erinnern, aber ich weiß noch ziemlich genau, das ich bei der ersten Lektüre von Fernes Licht noch dachte, warum hat der Herausgeber gerade diese Geschichte ausgewählt?

Ylla träumt von Außerirdischen, die von der Erde zum Mars kommen und ist völlig aus dem Häuschen. Ihr geruhsames, vielleicht langweiliges Leben als Ehefrau ist in Unordnung und sie sehnt sich nach den Ankömmlingen.
Yll, ist der Name ein Verweis auf die Symbiose der Ehe der beiden? Yll und Ylla, zuerst Herr und Frau K. Yll sieht seine Ehe oder sein bisheriges Leben bedroht und hindert seine Frau, deren Ankunft zu begrüßen und erschießt die Ankömmlinge, während er mit einem Vorwand die Frau im Haus hält.
Wie soll man die Geschichte interpretieren? Angst vor dem Unbekannten? Angst davor, das äußere Einflüsse die Ehe zerstören könnten?
Keine Ahnung, aber so richtig als SF Geschichte nehme ich die nicht wahr.
Die Sprache aber ist sehr poetisch und so gleitet man fasziniert durch diese Erzählung.

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L.N. Muhr
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Mammut hat geschrieben:
18. Januar 2021 17:12
Ylla ist rech oft erschienen:
http://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?64825
90% der Liste sind diverse Editionen der Mars-Chroniken. Besonders oft anthologiesiert wurde die Geschichte wohl nicht.

Was die Antwort für die Auswahl hier sein könnte.

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Teddy
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Knochenmann und Mammut haben es eigentlich schon gesagt:
Knochenmann hat geschrieben:
18. Januar 2021 14:11
Obschon die Atmosphäre schön war!
Mammut hat geschrieben:
18. Januar 2021 17:12
Die Sprache aber ist sehr poetisch und so gleitet man fasziniert durch diese Erzählung.
"Ylla" von Ray Bradbury besticht vor allem durch seine Sprache und die dadurch erschaffene Atmosphäre. Die Marsianer selbst wirken auf mich eher wie ein amerikanisches Paar aus den Fünfzigern. Klare Rollenbilder, er arbeitet, sie macht den Haushalt, er sagt, wo's lang geht.
Beide Marsianer scheinen telepathisch begabt zu sein. Ylla deutet ihre Wahrnehmung als Träume, und je hysterischer Yll dies als Quatsch abtut, desto klarer wird, dass er dasselbe auch wahrnimmt.
Mit welcher Selbstverständlichkeit der Marsianer die Besatzung der Rakete von der Erde kurzerhand erschießt, finde ich sehr befremdlich. Andererseits könnte er sie durch Warnschüsse auch nur vertrieben haben, aber glauben tut man das nicht.
Wie gesagt, was die Geschichte zu etwas besonderen macht, ist die Atmosphäre. Zu der tragen auch die Alltagsgegenstände der Marsianer bei: Die haben keinen Hubschrauben sondern einen Baldachin, der von Flammenvögeln gezogen wird. Sie schlafen nicht in einem Bett sondern ruhen auf weichem Nebel, der beim Schlafengehen aus den Wänden strömt. Und den magnetischem Staub, den man ausstreut und der dann vom heißen Wind davongetragen wird und den Schmutz mitnimmt, den hätte ich auch gern.
Ich kann Bradburys Geschichten nicht hintereinander weg lesen, aber in Maßen genossen gefallen sie mir sehr gut. "Ylla" gehört nicht unbedingt zu den besten Geschichten von Bradbury, aber ist trotzdem lesenswert.

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Ender
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Ender »

Ich fand die Story ebenfalls so mittelprächtig.

Gut: wie schon genannt - die Atmosphäre. Mit ein paar Sätzen werden Haus und Umgebung beschrieben, und man hat direkt die Bilder dazu vor Augen.
Schlecht: die Menschenähnlichkeit der Marsianer. Wie Teddy sagt: wie ein amerikanisches Paar aus den Fünfzigern. Als hätte man sich damals gar nicht vorstellen können, dass es irgendwie irgendwo vielleicht auch anders sein könnte. Na ja, und mit der guten alten Telepathie kann ich in der Regel eh nicht viel anfangen.
Das Highlight aber: Was für eine geile Vorstellung! Da reist die Menschheit endlich und zum allerersten Mal zu einer anderen Welt. Welch ein historischer Augenblick: Der erste Mensch setzt seinen Fuß auf einen fremden Planeten. "Ein kleiner Schritt für mich, ein riesiger Sprung für die Menschheit!" Und dann ... wird er von einem eifersüchtigen Ehemann erschossen! Zack. Ende der Geschichte.

Ja, doch. Je länger ich darüber nachdenke ... irgendwie hat das was.

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L.N. Muhr
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Ein wenig background: der Originaltitel der Geschichte war "I'll not ask for wine", ich werde keinen Wein verlangen.

Das beruht auf einem Gedicht aus dem 17. Jahrhundert:
Drink to me only with thine eyes,
And I will pledge with mine;
Or leave a kiss within the cup,
And I'll not ask for wine.
(Ma'so ad hoc übersetzt:

Trink mir mit deinen Augen bloß zu,
so wie ich mit mein';
Oder hauch einen Kuss in dein Glas,
und ich will keinen Wein.

Bei Heyne ist die Übersetzung etwas steifer:

Trink mir mit den Augen nur zu,
kein Wort brauchst du zu sagen;
Lass mir einen Kuss am Glas,
nach Wein werd ich nicht fragen.

Ich find, beide Übersetungen haben ihre Mängel und Meriten. Wein ist eine häufige Metapher im Text, Ylla lebt in der Nähe von Weinbäumen.)

Originaltext und Illus der Geschichte finden sich hier:

http://archive.macleans.ca/article/1950 ... k-for-wine

Die Geschichte erschien erstmals in Kanada.

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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von George Nelson »

L.N. Muhr hat geschrieben:
20. Januar 2021 14:27
Ein wenig background: der Originaltitel der Geschichte war "I'll not ask for wine", ich werde keinen Wein verlangen.

Das beruht auf einem Gedicht aus dem 17. Jahrhundert:
Drink to me only with thine eyes,
And I will pledge with mine;
Or leave a kiss within the cup,
And I'll not ask for wine.
Übersetzung der KI DeepL ( https://www.deepl.com/translator ) :

Trinke mir nur mit deinen Augen zu,
und ich werde mit den meinen geloben;
Oder lass einen Kuss im Becher,
und ich werde nicht nach Wein fragen.

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Flossensauger
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Flossensauger »

Zur Zeit der unglaublich trashigen Verfilmung der "Mars-Chroniken" waren diese als Allegorie auf die Landung der Einwander auf dem amerikanischen Kontinent gedacht (und die Marsianer dann die "Indianer"). -Vermutlich von einem Spiegel oder Zeit Autor im Fölliton geschrieben, der H.G.Wells nachmittags mal im Literaturkurs hatte.

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L.N. Muhr
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Äh, nein, deine Häme ist unangemessen.

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