Gene-Wolfe-Lesezirkel Teil 1: Der Schatten des Folterers

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Nessuno
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Gene-Wolfe-Lesezirkel Teil 1: Der Schatten des Folterers

Ungelesener Beitrag von Nessuno » 13. September 2005 14:12

Hallo Gene-Wolfe-Fans,

an dieser Stelle wollen wir gemeinsam Gene Wolfes Meisterwerk „Das Buch der Neuen Sonne“ („The Book of the New Sun“) lesen und darüber diskutieren.

Wer Gene Wolfe (noch) nicht kennt, für den sei kurz zitiert, was das Standardwerk „The Encyclopedia of Science Fiction“ von John Clute und Peter Nicholls über ihn schreibt: „Obwohl weder der populärste noch der einflussreichste Autor auf dem Gebiet der Science Fiction, ist Gene Wolfe heute wahrscheinlich der bedeutendste.“

Diese hohe Lob beruht im Wesentlichen auf seinem vierbändigem Werk „Das Buch der Neuen Sonne“ („The Book of the New Sun“), das zwischen 1980 und 1983 erschien und das 1987 um einen fünften Band erweitert wurde. Die fünf Romane (The Shadow of the Torturer/Der Schatten des Folterers; The Claw of the Conciliator/Die Klaue des Schlichters; The Sword of the Lictor/Das Schwert des Liktors; The Citadel of the Autarch/Die Zitadelle des Autarchen; Die Urth der Neuen Sonne/The Urth of the New Sun) erzählen die Geschichte des jungen Severian, der vom Lehrling in der Folterer-Zunft zum Herrscher, im letzten Band sogar zum Messias, zum Heilsbringer des Planeten und seiner Sonne aufsteigt. Das Ganze spielt vor einer weit in der Zukunft liegenden Kulisse, in der die Ressourcen des Planeten erschöpft und die Völker teilweise wieder in die Barbarei zurückgekehrt sind.

Obwohl Wolfes Bücher teilweise enthusiastisch von Kritik und Publikum aufgenommen wurden, hat das Werk nicht immer die Aufmerksamkeit bei den Science-Fiction-Lesern gefunden, die es verdient hat. Dafür sind im Wesentlichen zwei Gründe zu nennen: Zum einen gebraucht Wolfe, um seine rückständige Welt glaubhaft zu machen, häufig seltene und altertümliche Wörter, zum anderen ist die Geschichte um Severian sehr komplex. Die feinen Anspielungen, Motive, Bezüge usw., die wie ein Netz über alle Bände verteilt sind, erfordern einen aufmerksamen und mitdenkenden Leser. Dieser wird allerdings für seine Mühe mit einer grandiosen Geschichte belohnt.

Gerade wegen der Komplexität von „Das Buch der Neuen Sonne“ bietet es sich an, den Zyklus gemeinsam zu lesen, darüber zu diskutieren oder einfach nur Fragen zu stellen. Erstleser sind ebenso willkomen wie alte Gene-Wolfe-Hasen.

Der Start unseres Lesezirkels ist der 1. Oktober!

Zum Abschluss noch ein paar Infos:
- die fünf Bände des „Buches der Neuen Sonne“ sind 1984 als Taschenbücher bei Heyne (Nr. 4063, 4064, 4065, 4066, 4655) erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich. Allerdings sind sie relativ häufig in einschlägigen Antiquariaten, bei ZVAB, Booklooker, Ebay etc. zu finden. Wer des Englischen mächtig ist, sollte zum Original greifen. Die ersten vier Bücher sind relativ günstig als zwei Paperbacks („Shadow and Claw“ und „Sword and Citadel“) bei Orb Books erhältlich und können z. B. über Amazon bestellt werden. "The Urth of the New Sun" ist ebenfalls bei Orb Books bzw. Amazon zu bekommen.
- im Internet gibt es einige gute Seiten zu Gene Wolfe, z. B. http://www.ultan.co.uk , und sogar eine eigene mailing list http://www.urth.org/whorlmap - leider keine keine offizielle Homepage
- nützlich (aber nicht unbedingt nötig) zum Nachschlagen der zahlreichen Begriffe und Personen ist das „Lexicon Urthus“ von Michael Andre-Driussi. Es ist leider vergriffen (und selbst für viel Geld) antiquarisch kaum zu bekommen, aber bei http://www.siriusfiction.com kann man eine Kopie (und weitere Materialien) zu Gene Wolfe bestellen. Außerdem soll es in zwei Jahren eine Neuausgabe des Lexikons geben.

Soviel zur Einstimmung. Viel Spaß beim Lesen!

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 28. April 2006 13:40, insgesamt 6-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von Stefan Hoffmann » 13. September 2005 14:18

Sehr schön, ich bin dabei. :) Die US-Ausgabe würde mich zwar sehr reizen, aber die komplexe Sprache Wolfes kenne ich aus diversen englischen Zitaten und so leids mir tut: No way. :)


Stefan, bleibt hier fürs erste ganz entschieden bei der deutschen Ausgabe
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Ungelesener Beitrag von Khaanara » 13. September 2005 14:52

Ich glaube den ersten Band habe ich sogar noch hier rumstehen, aber irgendwie komme ich im Moment eh nicht zum lesen :(

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Ungelesener Beitrag von Rusch » 13. September 2005 20:15

Na dann mal viel Spass beim jagen. Die Deutsche Ausgabe ist gesucht und nicht so leicht zu finden. Und teuer könnte es auch werden. ;)

Will sagen: Sucht doch ein Buch aus, das leichter zu bekommen ist. Besser wäre natürlich ein, dass man einfach neu kaufen kann. :D

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Ungelesener Beitrag von breitsameter » 13. September 2005 20:33

Ich werde auch mitlesen und mir jetzt erstmal nur die beiden ersten Bände in der englischen Sammelausgabe holen. :wink:
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Ungelesener Beitrag von Jorge » 13. September 2005 22:33

Rusch hat geschrieben:Besser wäre natürlich ein, dass man einfach neu kaufen kann. :D
Was ist eigentlich aus der geplanten Neuausgabe bei Heyne/Piper geworden?

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Ungelesener Beitrag von Rusch » 14. September 2005 08:49

Jorge hat geschrieben:
Rusch hat geschrieben:Besser wäre natürlich ein, dass man einfach neu kaufen kann. :D
Was ist eigentlich aus der geplanten Neuausgabe bei Heyne/Piper geworden?
Das würde ich mich in der Tat auch interessieren. Ich dachte auch, mal was davon gehört zu haben, aber inzwischen scheint dies kein Thema mehr zu sein.

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Ungelesener Beitrag von Gerd R. » 14. September 2005 13:47

*Seufz*

Sorry, wenn ich mich mal kurz aus einem anderen Forum selbst zitieren muss:
Gene Wolfes "Buch der Neuen Sonne" bezogen - soll heißen: es besteht berechtigte Hoffnung, dass der Band / die Bände kommen (immerhin kommt nächstes Jahr auch "The Knight" / "The Wizard" bei Klett-Cotta im HC, und ich nehme an, dass Piper sich da sozusagen dranhängt).
und
Was die Neuauflage des "Buch der Neuen Sonne" angeht, so hat mir - wie erwähnt - die Buschtrommel diese Info zugetragen (soll heißen: das ist noch nicht offiziell, wird aber voraussichtlich/wahrscheinlich so laufen); in diesem Fall ist von einer zweibändigen Taschenbuch-Ausgabe auszugehen. Ich persönlich hätte mir ja Trades gewünscht, wenn's schon nicht im HC geht (aber ein Publikumsverlag - ohne das Tolkien-Polster - und Gene Wolfe im HC? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen), aber letzten Endes ist es auch egal - Hauptsache, die Bücher werden (auf deutsch) wieder lieferbar, denn den guten Gene im Original zu lesen ist nicht ohne
Beide Aussagen stammen von Ende Juni dieses Jahres - das heißt, dass mit der (gerüchteweise angedachten, aber keineswegs offiziellen - s.o.) Neuauflage des "Buch der Neuen Sonne" bei Piper frühenstens ab April/Mai '06 gerechnet werden kann. (Genaueres vielleicht nach der Buchmesse).

Na, Erinnerungen aufgefrischt?

Grüße
Gerd
(der verdammt große Lust hätte, bei diesem Lesezirkel mitzumachen, aber vor der Buchmesse noch in ein paar andere Sachen reinlesen will/soll/muss - und hinterher wahrscheinlich wieder irgendwelchen Deadlines hinterherhechelt ...)

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Ungelesener Beitrag von Rusch » 14. September 2005 14:07

Super, genau das waren die Zeilen, die ich gemeint habe. Als es besteht durchaus noch Hoffnung. Wie war denn die alten Übersetzung? Gut? Oder soll man besser auf die Neuübersetzung warten?

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Ungelesener Beitrag von Bungle » 14. September 2005 17:11

Ich habe mit dem Zyklus "Das Buch der neuen Sonne" angefangen. Mir gefiel der erste Band so gut, dass ich mir die anderen auch noch antiquarisch besorgt habe. Aber das war schon über ein Jahr her und seither habe ich nicht weitergelesen.
Aber ich könnte den Lesezirkel zum Anlass nehmen, um weiterzulesen :)

Zur Übersetzung und allgemein gibt es auch negative Meinungen. So habe ich mal in "Der Rabe" von jemanden gelesen, dass es ihm gar nicht gefiel, die Romane in den Heyne Reihen Einheitslook grepresst zu sehen und die Übersetzung sei auch nicht besonders gelungen.

MB, der vor allem von Wolfes Novellen fasziniert ist

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Nessuno
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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 14. September 2005 20:14

Bungle hat geschrieben:Zur Übersetzung und allgemein gibt es auch negative Meinungen. So habe ich mal in "Der Rabe" von jemanden gelesen, dass es ihm gar nicht gefiel, die Romane in den Heyne Reihen Einheitslook grepresst zu sehen und die Übersetzung sei auch nicht besonders gelungen.
Zu der Übersetzung von Reinhard Heinz gibt es in der Tat sehr unterschiedliche Auffassungen und Meinungen. Aus meiner persönlichen Sicht sei gesagt, dass ich die Übersetzung insgesamt beim ersten Lesen (!) für durchaus lesbar gehalten habe. Leider gibt es an manchen Stellen richtige "Aussetzer", die nahezu unerklärlich sind und nicht nur den Lesegenuss, sondern auch das Verständnis empfindlich beeinträchtigen.

Nessuno
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Gerd aus Wiesbaden

Ungelesener Beitrag von Gerd aus Wiesbaden » 16. September 2005 19:42

Hallo Ness'!

Gerade aus dem Urlaub zurückgekommen habe ich entdeckt, dass die Idee einer Gruppendiskussion von Wolfes Meisterwerk schon feste Konturen angenommen hat. Toll! Der "Lesezirkel" ist sicherlich der beste Einfall der letzten Monate!!! ich freue mich schon darauf, wenn am 01.10. der Startschuss abgegeben wird. Bis dahin schon mal eine poetische Einstimmung mit den ersten Worten aus "The Shadow of the Torturer"

"A thousan ages in thy sight
Are like an evening gone;
Short as the watch that ends the nigt
Before the rising sun."

Grüße von Gerd

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Stefan Hoffmann
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Ungelesener Beitrag von Stefan Hoffmann » 16. September 2005 22:58

Bungle hat geschrieben:Zur Übersetzung und allgemein gibt es auch negative Meinungen. So habe ich mal in "Der Rabe" von jemanden gelesen, dass es ihm gar nicht gefiel, die Romane in den Heyne Reihen Einheitslook grepresst zu sehen und die Übersetzung sei auch nicht besonders gelungen.
Hm, wie war die Kritik mit dem "Einheitslook" zu verstehen? Wenn sie sich auf die Titelbildmotive bezieht, dann sollte er die Kritik an den US-Verlag weiterreichen, die Artwork wurde übernommen. Wie z.B. hier ersichtlich:

http://www.amazon.com/gp/reader/0312890 ... eader-page

Ansonsten steht das Popcorn bereit, ich warte nur noch drauf, daß es endlich losgeht. :)


Stefan
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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 1. Oktober 2005 10:21

Ein Blick auf den Kalender verrät mir, dass heute der 1. Oktober ist und damit der Gene-Wolfe-Lesezirkel eröffnet werden muss. Da Gerd und ich das Thema vorgeschlagen haben, will ich auch gerne den Anfang machen. Da ein solcher Lesezirkel noch den Charakter eines Experiments trägt und wir keinerlei Erfahrungswerte haben, ist der konkrete Ablauf noch nicht endgültig festgelegt. Er sollte von allen Lesern - und solchen, die noch teilnehmen möchten - in nächster Zeit einvernehmlich mitbestimmt werden. Daher vielleicht die grundsätzliche Frage vorweg: Wie viel lesen wir pro Woche? Georg hat ein Kapitel pro Woche vorgeschlagen, ich drei. Als Kompromiss habe ich für diese erste Woche zwei Kapitel gewählt. Vielleicht könnten die Teilnehmer des Zirkels ihre Meinung dazu posten.

[EDIT: Nach allgemeinem Konsens lesen wir in Zukunft nur 1 Kapitel pro Woche]

Nun zu den ersten beiden Kapitel. Ich gebe vorab eine kurze Inhaltsangabe (Achtung, Spoiler-Gefahr!):

Kap. 1: Tod und Auferstehung
Kapitel 1 („Tod und Auferstehung“) wirft uns mitten in das Geschehen. Der Ich-Erzähler, der Folterlehrling Severian, und seine drei Freunde Drotte, Roche und Eata wollen von einem Badeausflug in ihren Wohnturm zurückkehren. Da Severian einen Unfall hatte, bei dem er fast ertrunken wäre und eine Nahtod-Vision hatte, ist es später als erwartet geworden und die vier Freunde finden die Tür der Nekropolis verschlossen vor (ein Symbol für Severians anstehendes Exil). Sie können jedoch die Wache, bestehend aus Freiwilligen, die die Gräber vor Leichenraub schützen sollen, übertölpeln und in die Nekropolis eindringen. Severian wird dabei von den anderen getrennt und trifft im Innern der Nekropolis auf eine weitere Gruppe: den Rebellenführer Vodalus, seine Geliebte Thea und ihren Diener (Hildegrin). Beim Kampf mit drei Wächtern rettet Severian Vodalus und tötet einen der Freiwilligen. Als Dank erhält er von Vodalus eine Goldmünze.

Kap. 2: Severian
In Kapitel 2 („Severian“) erzählt uns aus seinem Leben in der Folterer-Zunft und von seiner Nahtod-Vision während seines Ausflugs. Beim Tauchen gerät Severian unter ein Dickicht aus Seerosen und verliert die Orientierung und sein Bewusstsein. In seiner Vision sieht er, wie sein verstorbener Meister Malrubius vergeblich nach ihm sucht, während Severian sich in einer der Zellen unter dem Vernehmungssaal befindet (eine Vorausdeutung auf Severians Trennung von der Zunft und seiner zehntägigen Gefangenschaft nach dem Tod von Thecla). Ein riesige Frau mit wunderschönem Gesicht (später als die Undine Juturna identifiziert) rettet ihn, indem sie ihn an Land wirft.

Da ich von der Handlung (und ihrer Interpretation) noch nicht allzu viel vorwegnehmen möchte, beschränke ich mich noch auf ein paar allgemeinere Bemerkungen zu den Namen und Titeln, die bei Wolfe und im Besonderen bei „The Book of the New Sun“ eine herausragende Bedeutung haben. „Shadow of the Torturer“ ist natürlich mehrdeutig. Er kann zum einen darauf Bezug nehmen, dass der Henker bei der Hinrichtung zwischen Sonne (sic!) und Opfer steht, dann aber auch darauf, dass abtrünnige Severian nur der „Schatten“ eines „richtigen“ Folterers ist, vielleicht auch auf die Figur des Folterer-Meisters Malrubius, der als „Schatten“ mehrmals im 1. Buch auftaucht.
Das 1. Kapitel „Tod und Auferstehung“ bezieht sich auf Severians Nahtod-Erfahrung, im übertragenen Sinne auf den Tod des „alten“, der Zunft verhafteten, und die Geburt des „neuen“ Severian. Gleichzeitig wird natürlich ein biblisches Motiv angeschlagen und auf Severians Rolle als „Messias“ und Heilsbringer angespielt.
Noch ein paar grundlegende Bemerkungen zu den Namen, die in „The Book of the New Sun“ auftauchen und ihm sein besonderes Flair geben. Die Personen des Commonwealth tragen die Namen von Heiligen der katholischen Kirchen (Eata, Roche, Dorcas usw.) oder von mythologischen Gestalten (Abaia, Talos, Typhon). Die Hierodulen sind nach kleineren römischen Gottheiten benannt, die Hierogrammaten nach Erzengeln (was eine Hierarchie der Namen nahe legt, die genauer untersucht werden müsste). Kleinere Ortschaften tragen lateinische (Os, Saltus usw.), größere griechische Namen (Thrax). Oft sind bei Wolfe die Anspielungen recht versteckt, so dass man etwas Forschungsarbeit bei den Namen investieren muss (es lohnt sich aber!).
Ein konkretes Beispiel: Nessus ist der griechischen Mythologie der Name des Zentauren, der mit einem vergifteten Gewand den Halbgott Herakles tötet (eine Anspielung, die vielleicht nicht sofort einleuchtet); das „Lexicon Urthus“ schlägt außerdem eine Verbindung zu griechisch “neossos”, einem jungen Tier vor. Mir scheint ein andere Deutung näher zu liegen. Der Wortstamm „Ness-“ (wie Nessuno :smokin ) bedeutet in romanischen Sprachen „nicht“, „niemand“. Nessus wäre also die „Nicht-Stadt“ oder mit einem anderen Wort: „Utopia“. Ein nicht unpassender Name für die Hauptstadt in einem Science-Fiction-Roman, oder?

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 9. Dezember 2005 15:21, insgesamt 4-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von g. b. corner » 1. Oktober 2005 10:23

nachdem hier sonst keiner dafür zuständig zu sein scheint, werde wohl ich das kommando geben müssen:

auf die plätze - fertig - los!

viel spaß,
georg

(ich lasse euch einen vorsprung - bin übers wochenende in südtirol, werde aber versuchen, ab montag zügig aufzuholen!)

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