Gene-Wolfe-Lesezirkel Teil 2: Die Klaue des Schlichters

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Nessuno
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Gene-Wolfe-Lesezirkel Teil 2: Die Klaue des Schlichters

Ungelesener Beitrag von Nessuno » 28. April 2006 13:34

Liebe Gene-Wolfe-Fans,

an dieser Stelle wollen wir gemeinsam den zweiten Teil von Gene Wolfes mehrbändigem Meisterwerk "The Book of the New Sun" mit dem Titel "Die Klaue des Schlichters / The Claw of the Conciliator" lesen und darüber diskutieren.

Wer Gene Wolfe (noch) nicht kennt, für den sei kurz zitiert, was das Standardwerk „The Encyclopedia of Science Fiction“ von John Clute und Peter Nicholls über ihn zu sagen hat: „Obwohl weder der populärste noch der einflussreichste Autor auf dem Gebiet der Science Fiction, ist Gene Wolfe heute wahrscheinlich der bedeutendste.“

Diese hohe Lob beruht im Wesentlichen auf seinem vierbändigem Werk „Das Buch der Neuen Sonne“ („The Book of the New Sun“), das zwischen 1980 und 1983 erschien und das 1987 um einen fünften Band erweitert wurde. Die fünf Romane (The Shadow of the Torturer/Der Schatten des Folterers; The Claw of the Conciliator/Die Klaue des Schlichters; The Sword of the Lictor/Das Schwert des Liktors; The Citadel of the Autarch/Die Zitadelle des Autarchen; Die Urth der Neuen Sonne/The Urth of the New Sun) erzählen die Geschichte des jungen Severian, der vom Lehrling in der Folterer-Zunft zum Herrscher, im letzten Band sogar zum "Messias" für die "Urth" aufsteigt.

Obwohl Wolfes Bücher teilweise enthusiastisch von Kritik und Publikum aufgenommen wurden, hat das Werk nicht immer die Aufmerksamkeit bei den Science-Fiction-Lesern gefunden, die es verdient hat. Dafür sind im Wesentlichen zwei Gründe zu nennen: Zum einen gebraucht Wolfe, um seine rückständige Welt glaubhaft zu machen, häufig seltene und altertümliche Wörter, zum anderen ist die Geschichte um Severian sehr komplex. Die feinen Anspielungen, Motive, Bezüge usw., die wie ein Netz über alle Bände verteilt sind, erfordern einen aufmerksamen und mitdenkenden Leser. Dieser wird allerdings für seine Mühe mit einer grandiosen Geschichte belohnt, die ihresgleichen in der Science Fiction sucht.

Gerade wegen der Komplexität von „Das Buch der Neuen Sonne“ bietet es sich an, den Zyklus gemeinsam zu lesen, darüber zu diskutieren - oder einfach nur Fragen zu stellen. Erstleser sind hier ebenso willkomen wie alte "Gene-Wolfe-Veteranen".

Der erste Teil unseres Lesezirkels über "The Book of the New Sun" - "Der Schatten des Folterers" / "The Shadow of the Torturer" ist unter http://www.sf-fan.de/phpBB/viewtopic.php?t=2119&start=0 zu finden.

Zum Abschluss noch ein paar Infos:
- die fünf Bände des „Buches der Neuen Sonne“ sind 1984 als Taschenbücher bei Heyne (Nr. 4063, 4064, 4065, 4066, 4655) erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich. Allerdings sind sie relativ häufig in einschlägigen Antiquariaten, bei ZVAB, Booklooker, Ebay etc. zu finden. Wer des Englischen mächtig ist, sollte zum Original greifen. Die ersten vier Bücher sind relativ günstig als zwei Paperbacks („Shadow and Claw“ und „Sword and Citadel“) bei Orb Books erhältlich und können z. B. über Amazon bestellt werden. "The Urth of the New Sun" ist ebenfalls bei Orb Books bzw. Amazon zu bekommen.

Wer kein Exemplar von "Die Klaue des Schlichters" hat oder auftreiben kann, dem leihe ich gerne ein Exemplar. PN genügt!

Der Start für den 2. Teil dieses Lesezirkels ist der 1. Juni 2006!

Soviel zur Einstimmung. Viel Spaß beim Lesen!

Nessuno
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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 1. Juni 2006 17:44

Ahoj, Kameraden!

Der Startschuss zu "The Claw of the Conciliator"/"Die Klaue des Schlichters" ist erfolgt!

II 1: The Village of Saltus / Das Dorf Saltus

GWs schriftstellerische Brillianz zeigt sich in der ersten Szene zum einen darin, wie er sie fast spielerisch mit dem Schluss des 1. Bandes verknüpft (Piteous Gate; Dorcas´ blutende Wunde), zum anderen, wie er den Leser ins Geschehen „hereinholt“. Man hat fast den Eindruck, als ob der überwältigende Ansturm der heterogenen Bilder das Aufwachen des noch schlaftrunkenen Severian auf stilistischer Ebene abbilden soll.

Morwenna: Eigentlich eine völlig zweitrangige Figur. Aber den Paranoiden unter uns, äh, ich meine den aufmerksamen Lesern, wird aufgefallen sein, dass es das erste Wort des Buches ist und also wahrscheinlich Signalwirkung hat. Nur so ins Blaue hinein: St. Morwenna wird auch mit St. Merryn identifiziert. Andererseits wird Morwenna durch das „Prasseln“ (!?) des Blutes mit Dorcas assoziiert.

Der Increate beobachtet aus der „Eternity“ „the World of Time“. Erinnert mich an neuplatonische Vorstellungen.

Hat Severian einen Traum (wie er selbst glaubt), eine Wiedererinnerung oder eine Vision oder eine Kombination davon?

Stachys: ein griechisches Wort, das Ähre bedeutet und den Stern Spica bezeichnet. Es gibt aber auch einen Heiligen aus dem 1. Jahrhundert mit diesem Namen.

cariole: „a light four-wheel open or covered one-horse carriage; or a light covered cart“ (LU).

indanthrene: “a shade of blue” (LU).

Lazulith: „hydrous phosphate of aluminium and magnesium, found in blue monoclinic crystals, also the color of this mineral ... Sometimes used to mean Lapis Lazuli” (LU).

Carillon: “a set of bells so hung and arranged as to be capable of being played upon either by manual action or by machinery” (LU).

Bell Tower: sonst Bell Keep, ein Turm, wo die Lehrlinge zu schwimmen pflegen.

Brother Cook: Möglicherweise heißt er Aybert. Vgl. Kapitel 18.

Campanile: ein frei stehender Glockenturm.

Wasserkrug enthält Wein: das so sehr an ein Wunder Jesu erinnernde Weinwunder wird auch noch im Kapitel 5 erwähnt, offenbar wollte GW sicher gehen, dass jeder Leser den Witz kapiert (und es gibt natürlich auch noch die Verwandlung von Wein in Wasser ...).

Jonas´ Gesicht – straight nose and straight forehead – wirkt im Schlafen älter („ancient“) und erinnert Jonas an alte Gemälde. Wie später klar wird, stammt Jonas aus einer früheren Epoche von Urth (unserer?), ist mit der Fortunate Cloud weggeflogen und dann vor einigen Jahren auf Urth gestandet. Er könnte also tatsächlich einem von Severians Epoche abweichenden „Phänotyp“ angehören.

Der „haarless gnome“, dessen Hände wie geölt rutschen und der for years and years den Krieg verfolgt, erinnert mich an einen chem.

alcalde: „a magistrate of a town; a sheriff or justice” (LU).

Barnoch: “wie einen Dachs herausziehen”: meine Vermutung beim ersten Lesen war, dass es sich um Hildegrin handelt. Neben der Bezeichnung als "Dachs" ist darauf hinzuweisen, dass Vodalus ein so großes Interesse an Barnoch zeigt, dass er selbst nach Saltus reitet und später daran denkt, Severian gegen ihn auszutauschen. Also ist Barnoch sicherlich kein einfacher Dorfbewohner. Andererseits ist Barnoch noch nicht lange eingesperrt, so dass Hildegrin, der nach der expliziten Aussage von Vodalus unter mehreren Namen bekannt ist, leicht in diese Rolle schlüpfen konnte ("Whether he be dead, or, as we have good reason to believe - for he hasn't been in there that long - alive").

Autochthonen: „a dark squat race in the Commonwealth“. Interessant, dass trotz der Tatsache, dass die Geschichte in einer fernen Zukunft spielt, noch keine vollständige Durchmischung erfolgt ist. (Ich hatte schon bei Agia den Eindruck, dass sie ein ziemlich „reinrassiger“ asiatischer Typus ist.)

Cerbotana: „(Spanish) a blowgun of South America“ (LU).

Wo ist Severians Umhang hingekommen? Wahrscheinlich hat ihn Dorcas noch, weil sich im nächsten Kapitel Severian einen neuen gekauft hat.

Garnison in der Zitadelle: Wenn ich mich recht entsinne, wird dies hier zum ersten Mal explizit erwähnt. Bisher hatte ich den Eindruck, dass jede Kaste ihren eigenen Turm zu verteidigen hat.

vingtner: „a sergeant commanding twenty infantrymen, from the Renaissance British Army” (LU).

kelau: “slingers … Light infantry armed with the sling” (LU). “Slingers who formed a corps d´elite in the Canaaite army” (Stone, Glossary, 349).

Erentarii: “light infantry” (LU). Sie tragen übrigens wie die Septentrionen („golden chimaera“) Gold – diese Farbe ist anscheinend Eliteneinheiten bzw. der Leibwache vorbehalten. Was aber macht eine solche Truppe in Saltus? („they´ll need to be in the mountains“). Sind sie vielleicht tatsächlich auf der Suche nach Vodalus?

slingers´ song. Dazu fällt mir wenig ein. Natürlich soll die Geburt unter einem Schweifstern/Sternschnuppe an die Geburt Jesu, die Weisen (aus dem Morgenlande) und die Hirten (Mutter und Vater = Maria und Josef?) erinnern, aber wie ist das weiter zu deuten? Als Vorausschau auf Severians Leben? Was soll dann „Dawn-Gate where the angels are“ heißen?

EDIT: Gerds Posting erinnert mich, daran, dass GW selbst etwas zu dem Song in "Castle" schreibt: "Of all the material in the four volumes of The Book of the New Sun I think this little song gave me the most trouble. I had to be something soldiers could march a quick-step to. It also had to be something these soldiers would march to. (Their slings projected pyrotechnic missiles, the "shooting stars" of their song.) It also had to illuminate - darkly - Severian´s past and future.
I suspect that I am a good deal more interested in my little bits of verse thant you are .."

„bone-strewn“: Ich habe schon zu I 1 auf die Beziehung zu Golgotha hingewiesen. Nach einer Version bezieht sich der Name „Schädelhöhe“ darauf, dass dort die Gebeine von Verbrechern beerdigt werden. Werden nicht auch die toten „Klienten“ in der Nekropolis beerdigt?

Pistole ... Herrin: eigentlich war es nicht Thea, sondern Hildegrin; und dann gleich eine Passage über das perfekte Gedächtnis nachgeschoben – autsch (der Tritt gegen das Schienbein des Lesers hat wirklich gesessen)!

„Dass wir nur sein können, was wir sind, bleibt unsere unverzeihliche Sünde“. Ich sehe GW förmlich vor mir, wie er solche Sätze grinsend zu Papier bringt ...

„this death in life that grips me as I write“: jaja, auch ein Autarch hat´s nicht leicht …

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 21. Juli 2006 17:56, insgesamt 11-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von g. b. corner » 2. Juni 2006 09:23

hallo die runde! willkommen zurück, Nessuno!

bevor ich zum 1. kapitel komme: hier noch meine liste mit fragen, die ich gerne im auge behalten würde; vielleicht finden wir noch hinweise (vielleicht möchtet ihr die liste auch erweitern? kein problem!):

- Das "Atrium of Time" und Valerias Familie
- Was geschah bei Severians ertrinken im Gyoll?
- Geschichte: Zeiträume
- Triskele
- Malrubius, Gurloes, Palaemon: Was stimmt mit wem nicht?
- die "Maid" bei den Folterern
- Theclas Bemerkung über den Mann, der etwas Interessantes zu ihr gesagt hätte
- Barbea, Gracia, Thecla2 und das House Azure
- Theclas / Theas Herkunft bzw. Verwandtschaft
- Severians Träume/Visionen, insbesondere der Traum mit Baldanders
- Dr. Talos Umtriebe
- Baldanders: Was ist er? Was macht er? Was hat er vor?
- Agias Herkunft, evtl. Verbindungen zu Vodalus und Verwandtschaft zu Severian
- Father Inire: Diener des Autarchen oder heimlicher Herrscher?
- die seltsame Szene im botanischen Garten (Dschungelhütte)
- Hildegrins Umtriebe
- Hethors Geschichte
- der Vorfall samt Panik am Tor

bis später,
georg

übrigens; der thread zu buch 1 hat's schon auf über 31.000 views gebracht!

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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 3. Juni 2006 10:46

g. b. corner hat geschrieben:hallo die runde! willkommen zurück, Nessuno!

Danke, Georg!

Die Reise hat sich - unter dem Aspekt GW-Bücher - nicht sonderlich gelohnt. Insbesondere der Harvard Book Shop in Cambridge und Forbidden Planet in NYC waren eine Enttäuschung. Allerdings habe ich ein neues Chapbook von GW entdeckt. Habt ihr von "Grave Secret "(Rochester: The Pretentious Press, 1991) gewusst? Enthält ein Foto von GW in Militäruniform. Außerdem sammele ich nun auch fremdsprachige Varianten von GW-Büchern. Falls also einer von euch (oder von den "Lurkern") niederländische, portugiesische, japanische, russische, dänische, serbokroatische usw. Ausgaben anzubieten hat, der möge mir bitte Bescheid geben!

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Ungelesener Beitrag von Lichtspruch-an-TRAV » 7. Juni 2006 12:57

Hallo Leute!

Bevor ich mich auf Kapitel 1 von "Klaue" stürze, möchte ich ein paar Worte zum Eingangsvers verlieren:

"Aber noch entströmt deinen Dornen Kraft
und deinen Schluchten der Klang von Musik.
Deine Schatten liegen auf meinem Herzen wie Rosen
und deine Nächte sind wie starker Wein."

Es dürfte sich um den einzigen Fall in "TBOTNS" handeln, wo eine Übersetzung vom deutschen Original ins Englische erfolgte. Das klingt dann so:

" But strength still goes out from your thorns
and from your abysses the sound of music.
Your shadows lie on my heart like roses
and your nights are like strong wine."

Die Zeilen stammen nämlich von Gertrud von Le Fort (1876 - 1971), einer deutschen Schriftstellerin und wurden von Gene Wolfe mit folgenden Anmerkungen adaptiert:

"The Claw of the Conciliator" opens with quotation from Gertrude von Le Fort, about whom I know next to nothing except that she wrote the lines I borrowed which I think very beautiful. You' ll already have noted the rose symbolism. The poem's feeling of space complements the feeling of time in the first quotation. The mentions of shadows and nights links Claw to the first volume, The Shadow of the Torturer; and of course shadows and night may be said to evoke the sun by emphasizing its absence, though they do not symbolize it." ("The Castle Of The Otter, 20 - 21)

Bleibt noch zu sagen, dass es sich bei Wolfe wie auch bei Gertrud von Le Fort um zum Katholizismus übergetretene Protestanten handelt. Wie bei so vielen konvertierten Protestanten liegt bei Wolfe die Anziehungskraft des Katholizismus - meines Erachtens - weniger in den Glaubensinhalten, als in der Zeichensprache und der Mystik begründet, die dieser Konfession zueigen sind. Ein Protestant angelsächsischer Prägung, gewöhnt an eine eher nüchterne und puritanische Weltanschauung, muss davon zwangsläufig fasziniert sein, vor allem wenn er - wie Wolfe - eine überschäumende Phantasie besitzt!

Nun zum 1. Kapitel: "The Village of Saltus"

- Das Kapitel beginnt mit einer für Wolfe typischen Traumsequenz. In Gedankenfetzen lässt Severian vergangene und gegenwärtige Ereignisse noch einmal Revue passieren. Wir erfahren von Morwenna, einer jungen Frau, die später wegen Giftmordes hingerichtet werden wird.

- Severian ist von seinen Erinnerungen derart gefangen genommen, dass er Mühe hat sich in seiner neuen Behausung zurecht zu finden: er glaubt wieder zurück in der Zitadelle zu sein.

- Er betrachtet den schlafenden Jonas, der ihm ein wenig wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit erscheint.

- Der Wirt behandelt Severian mit an Unterwürfigkeit grenzendem Respekt. Er macht ihn darauf aufmerksam, dass am heutigen Tage eine ganz besondere Volksbelustigung stattfinde. Den Worten lässt sich entnehmen, dass auf unseren Folterer Arbeit wartet: ein Mann namens Barnoch und besagte Morwenna sollten gefoltert und hingerichtet werden.

- Eine Gruppe von Elite - Soldaten ("erentarii") marschiert durch das Dorf. Der Wirt identifiziert sie als "Southerners", was sich offensichtlich an ihrem hellen Teint erkennen lässt. Er teilt Severian mit, dass viele von ihnen nicht mehr zurückkehren werden.

Dennoch scheint der Krieg eher "statisch" zu verlaufen: die Fronten bleiben nahezu unverändert. Auch scheint nicht ganz klar zu sein, ob die Truppen gegen die Ascier oder gegen Vodalus ins Feld geführt werden.

- Die Erwähnung von Vodalus stürzt Severian in ein Wechselbad der Gefühle. Die Bewunderung für "seinen" Helden ergreift erneut von ihm Besitz.

Grüße,

Gerd

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Ungelesener Beitrag von g. b. corner » 7. Juni 2006 21:58

hallo freunde!

jetzt bin ich auch ins buch 2 vorgestossen -
danke an Gerd für die hinweise zum gedicht!

- mit der traumsequenz am anfang stößt Wolfe uns leser ja ziemlich ins kalte wasser, da sind kaum anknüpfungspunkte zu buch 1, und er wirft mit vorläufig unbekannten namen nur so um sich.

- im traum kommt der zwischenfall am Piteous Gate noch einmal vor - die frage ist, ob man sich auf die aussagen hier verlassen kann. ein brennender wagen liegt herum, mehrere soldaten sind anwesend, aber genaues erfahren wir nicht. interessant das erscheinen von Malrubius und Triskele: hier erkennt er sie als traumfiguren, und es scheint ihm klar, dass Malrubius' frühere "erscheinungen" keine träume waren. was haltet ihr davon? wie ist Malrubius' erscheinen beim ertrinken im Gyoll einzuschätzen? die unterscheidung zwischen "vision" und "traum" erscheint mir da fast haarspalterisch.

- ein faktischer fehler, der Wolfe öfter unterläuft, ist übrigens das satte grün der bäume. eine rötlich sterbende sonne kann grüne bäume nicht ordentlich beleuchten, da kommt nur ein graubraun heraus. das selbe gilt natürlich für den grünen mond.

- der wein in den wasserkrügen: mir ist das beim erstlesen nicht aufgefallen, aber natürlich klingt da das wasserwunder an (nicht, dass es nicht evtl. eine natürliche erklärung gäbe, immerhin ist der wirt ja sehr um seine gäste bemüht). wie so oft hat Wolfe das "wunder" aber umgedreht, und Severian ist nicht so recht zufrieden: "... but I still wanted water to splash on my face and smooth my hair."

- Nessuno dürfte recht haben mit der bemerkung über Jonas phänotyp; war auch mein gedanke beim lesen.

- der "hairless gnome" hat mich nicht an einen chem erinnert ("Long Sun" hatte ich damals noch nie gelesen), sondern an den gleich geschwätzigen wirt in Bree im "Herr der Ringe".

- interessant: jetzt erfahren wir, warum Severian oft mit "Sieur" angeredet wurde. bisher dachte ich immer, die anrede sei einfach sehr inflationär verwendet worden, aber anscheinend waren in Nessus "verkleidete" exultanten keine seltenheit, und seine körpergröße + gesicht dürften die ursache für die anrede gewesen sein. hier am land dagegen ist "Sieur" offenbar tatsächlich für alle möglichen höhergestellten personen in verwendung.

- wir erfahren von der wirtschaftlichen bedeutung des henkens. gleich drei verurteilte auf einmal, da lacht das herz des alcalde ... Barnoch und Morwenna werden mit namen genannt, aber "that country fellow" ???

- was wir auch mitbekommen - die kriege laufen in recht antiker weise ab: die truppen werden an die front geschickt, um zu verrecken, die zivilbevölkerung bleibt davon aber größtenteils unberührt. bisher habe ich keinen hinweis auf eine allgemeine wehrpflicht gefunden, und auch angriffe auf zivile ziele scheint es nicht zu geben. (evtl. spielen da auch Wolfes erfahrungen aus dem koreakrieg hinein, der ja aus sicht der US-bevölkerung in weiter ferne stattfand, sowohl geographisch als auch emotional)

- die erwähnung von Vodalus bringt Severian ziemlich aus der fassung, wie Gerd richtig anmerkt. mir ist immer noch nicht klar, ob die ganze "verehrung" nur aus der friedhofsszene (samt Thea) rührt, oder ob über Vodalus under den lehrlingen und gesellen im turm mit roten ohren diskutiert wurde - ich vermute eher letzteres.

- Nessunos hinweis auf die szene Vodalus-Hildegrin-Thea: ich bin mir nicht sicher, ob das ein versehen Wolfes ist (die pistole wanderte ja unmittelbar zu Thea weiter) oder ob er damit eben das doch nicht so tolle gedächtnis illustrieren will. ich würde auch eher zu 2erem tendieren - generell würde ich die regel aufstellen, dass die erinnerung umso ungenauer wird, je emotioneller Severian eine szene erlebt.

- "That we are capable only of being what we are remains our unforgivable sin." der satz ist auch Nessuno aufgefallen. eine der stellen, wo Severian's philosophiererei für mich sinn macht (oft kann/will ich ihm ja nicht recht folgen).

Gerds ausführungen über die "katholisierten" protestanten kann ich mich nur anschließen. es scheint außerdem, dass solche leute den glauben wesentlich ernster nehmen als "geborene" katholiken, aber das versteht sich ja irgendwo von selbst (wer tut sich schon das konvertieren an, wenn er nicht schon von vorneherein ein sehr gläubiger mensch ist).

grüsse,
Georg

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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 8. Juni 2006 19:38

Hi Georg!

Ein paar Bemerkungen zu deinem Posting:
g. b. corner hat geschrieben:- im traum kommt der zwischenfall am Piteous Gate noch einmal vor - die frage ist, ob man sich auf die aussagen hier verlassen kann. ein brennender wagen liegt herum, mehrere soldaten sind anwesend, aber genaues erfahren wir nicht. interessant das erscheinen von Malrubius und Triskele: hier erkennt er sie als traumfiguren, und es scheint ihm klar, dass Malrubius' frühere "erscheinungen" keine träume waren. was haltet ihr davon?
Hier habe ich auch keine Patentlösung. Bis zum Beweis des Gegenteils verfahre ich einfach nach der Regel: Ist Triskele bei Malrubius, dann handelt es sich um die Erscheinung von Eidolons, ist Malrubius alleine, dann handelt es sich um eine Erinnerung / einen Traum.
g. b. corner hat geschrieben:- ein faktischer fehler, der Wolfe öfter unterläuft, ist übrigens das satte grün der bäume. eine rötlich sterbende sonne kann grüne bäume nicht ordentlich beleuchten, da kommt nur ein graubraun heraus. das selbe gilt natürlich für den grünen mond.
Damit kann ich mich überhaupt nicht anfreunden. Wolfe versteht zu viel von Astronomie, als dass ihm ein solcher Fehler unterlaufen würde (wenn sich die Sonne tatsächlich zu einem roten Riesenstern entwickelt hat, müsste es übrigens wärmer, nicht kälter auf Urth sein. Außerdem: Wie passt der "Grüne Mann" dann ins Bild?). Meiner Ansicht nach befinden wir uns in TBotNS nicht milliardenweit in der Zukunft, sondern allenfalls millionen- oder tausendjahreweit. Die Veränderung der Sonne ist nicht natürlichen, sondern (wie Typhos Astronomen andeuten) künstlichen Ursprungs. Außerdem scheint an manchen Stellen die Sonne durchaus "golden".
g. b. corner hat geschrieben:- "That we are capable only of being what we are remains our unforgivable sin." der satz ist auch Nessuno aufgefallen. eine der stellen, wo Severian's philosophiererei für mich sinn macht (oft kann/will ich ihm ja nicht recht folgen).
:D Ich hatte genau das Gegenteil gedacht, Georg! Für mich macht diese Stelle so viel Sinn wie die katholische Vorstellung von der "Erbsünde". EDIT: Derselbe Satz wird nochmals am Ende von Buch 2 zitiert!
g. b. corner hat geschrieben:- wir erfahren von der wirtschaftlichen bedeutung des henkens. gleich drei verurteilte auf einmal, da lacht das herz des alcalde ... Barnoch und Morwenna werden mit namen genannt, aber "that country fellow" ???
Wenn ich mich nicht irre, erfahren wir in Kap. 4 oder 5 noch, dass es sich um einen Viehdieb handelt. Und Severian sagt dann, dass er ab dieser Hinrichtung keine mehr berichten wird, weil sie "nicht wichtig" (oder so ähnlich) sei. Bei dieser Bemerkung gehen die Alarmglocken an, auch wenn ich leider kein Feuer sehe ...

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 9. August 2006 15:38, insgesamt 2-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 8. Juni 2006 19:39

PS.: Mein Posting zu Kapitel 2 folgt am Samstag. Ich muss für eine Freundin noch kurzfristig ein paar Seiten Latein übersetzen ...
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Ungelesener Beitrag von g. b. corner » 9. Juni 2006 16:54

hallo Nessuno!

- im Saltus-traum tauchen aber Malrubius und Triskele zusamen auf, und Severian beschreibt sie explizit als traumfiguren? oder vielleicht träumt er von den eidolons :evil:

- dass die sonne ein "roter riese" ist, habe ich nicht vermutet, eher richtung "brauner zwerg" - wie du richtig anmerkst, handelt es sich ja um ein künstliches sterben. ich muss die stellen, wo vom licht die rede ist, noch einmal durchlesen ... die lichtsymbolik zieht sich aber durchs ganze buch, und ich hatte schon den eindruck, dass wir da von einem "kranken" licht sprechen.

- "That we are capable ..." - natürlich ist es tragisch, dass wir nicht mehr sein können, als wir sind, und mir scheint, das wort "sünde" wird in diesem zusammenhang ironisch verwendet (und darum mit "unforgivable" kombiniert). ich bin ja glaubenstechnisch nicht so versiert, aber ich zweifle, ob es im christentum überhaupt unvergebliche sünden gibt.

grüsse,
georg
(und alles gute an die deutsche 11, falls ihr fußballanhänger seid - ansonsten einfach ein schönes wochenende!)

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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 9. Juni 2006 18:37

Hi, Georg!

Danke für deine Klarstellung. Da ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt habe, reite ich nochmals auf den Themen herum, um meinen Standpunkt deutlicher zu machen.
g. b. corner hat geschrieben:- im Saltus-traum tauchen aber Malrubius und Triskele zusamen auf, und Severian beschreibt sie explizit als traumfiguren? oder vielleicht träumt er von den eidolons :evil:
Richtig. Was mir allerdings aufgefallen ist, dass die großen Traum-/Visionsszenen zweigeteilt sind, d.h. Severian "wacht" immer "zweimal" (!) auf, z.B. in I 11, in I 15 und auch in II 1 (hier allerdings nicht so deutlich, aber die Szene vor "I threw the blankets aside" ist merklich anders als die danach). Mir scheint dieses Muster nicht zufällig zu sein. Vielleicht macht die Unterscheidung Erinnerung, (fiktiver) Traum, (Zukunfts-)Vision und Erscheinung doch Sinn.
g. b. corner hat geschrieben:- "That we are capable ..." - natürlich ist es tragisch, dass wir nicht mehr sein können, als wir sind, und mir scheint, das wort "sünde" wird in diesem zusammenhang ironisch verwendet (und darum mit "unforgivable" kombiniert).
Ich bin immer noch nicht sicher, dass wir dasselbe meinen. Severians Gedankengang ist m.E. folgender: die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart. Anders als die meisten verfügt allerdings Severian über die perfekte Erinnerung an die Vergangenheit, und ist dadurch in einem "circulus vitiosus" gefangen, aus dem er nicht ausbrechen kann. Während Vodalus - der Mann der Gegenwart - eine Wahlmöglichkeit hat, hat sie Severian nicht. Der folgernde Satz "That we are capable only of being what we are, remains our unforgivable sin" ist entweder auf Severian ("we" als pluralis maiestatis) oder auf alle Menschen zu beziehen. Im ersteren Fall würde es etwa bedeuten, dass Severian durch sein absolutes Gedächtnis eine "Erblast" mitbekommen hat, das ihm ein enges Korsett anlegt. Im letzteren, dass die Gegenwart einen so starken Einfluss auf die Menschen nimmt, dass sie nur scheinbar echte Wahlmöglichkeiten haben, in Wirklichkeit aber ebenfalls determiniert sind (und ihr tragisches "Los" ist es, dass sie es gar nicht merken). Beide Lösungen scheinen mir aber einen ungerechtfertigten Determinismus zur Prämisse zu haben. Aber vielleicht verstehe ich das Ganze völlig falsch ... EDIT: Derselbe Satz wird nochmals am Ende von Buch 2 zitiert!

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 9. August 2006 15:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 9. Juni 2006 22:20

Ahoj, Kameraden!

Da mich die Weltmeisterschaft schon seit Tagen nervt, habe ich die Zeit mit einem guten Buch verbracht, genauer mit:

II 2: The Man in the Dark / Der Mann im Dunkeln

“It´s traditional”. Interessant, dass Jonas die Verhältnisse in Saltus so gut kennt. Offenbar war er schon einmal hier.

„A legend, a lie, and a likelihood make a tradition“. Mir sagt das nichts. Und wir erhalten auch keine Antwort von Severian auf Jonas´ Frage. Da wir bisher wenig Glück bei der Identifizierung von Zitaten, Bildern usw. hatten, drängt sich der Verdacht auf, dass Wolfe sie entweder ad hoc erfunden hat oder – wahrscheinlicher – dass es sich um Insiderjokes handelt, etwa um Zitate aus älteren Pulps, von Kollegen oder ähnliches.

„Before they close the openings ...“ Also wird der Verurteilte (?) lebendig eingemauert. Man hat den Eindruck, dass jede Stadt, jede Region im Commonwealth ihr eigenes Rechtssystem hat oder ihr eigenes Süppchen kocht (vgl. auch „we´ll duck him in the river“).

Mesmin: Laut „The Book of Saints“ gibt es zwei Heilige dieses Namens, der eine ist auch als Memorius bekannt (und den Attila köpfen ließ), der andere auch als Maximinus.

Sebald: „First a hermit near Vicenza, then a co-worker with St Willibald in the Reichswald” (BoS).

Die Geschichte von Mother Pyrexia fand vor 18 Jahren (unser Übersetzer macht daraus 13! Shoot him!) statt, also etwa zu dem Zeitpunkt, als Severian geboren wurde. Auch die Bezeichnung „Mother“ könnte auf Catherine zielen, selbst wenn man nur schwer eine Beziehung zu ihr konstruieren kann. Plausibler erscheint mir eine Verbindung zu den Pelerinen oder Hexen (Domnicellae und die Cumaean werden so genannt). Was damals passiert, ist mir ziemlich unklar. Anscheinend hat sich die Frau in ein „Nachtgeschöpf“ verwandelt. Hat das Ganze mit den Fledermäusen zu tun, die später noch mehrfach erwähnt sind?

piletes: „a simple pole of wood tipped with iron, not enhanced by pyrotchnology, as a hastarus is” (LU).

admitted: gilt jedenfalls für Eata nur im weitesten Sinne.

Wie schon der Wirt ist auch der alcalde sehr gesprächig; anscheinend ein Charakterzug dieser „northeners“. Betont werden zweimal die „cleveren“ Augen. Besondere Augen hatte auch der Autarch bzw. der Türsteher im House Azure. Nur ein Zufall?

cultellarii: „cutthroats in 12th century France“ (LU).

ashlar: “a square hewn stone for building purposes and pavement; also used as a missile in defending fortresses” (LU).

“If you can, Barnoch, cut your throat now!” Kommt diese Aufforderung an dieser Stelle noch jemanden merkwürdig vor? Meine Spekulation: der zweite Mann von Vodalus ist niemand anders als der alcalde selbst, der Angst vor der Enttarnung durch Barnoch hat.

„I was in agony“: ziemlich starke Ausdruckweise, aber in Anbetracht dessen, was er über sein Gedächtnis und Vodalus im vorigen Kapitel gesagt hat, nachvollziehbar.

“A volunteer from the crowd, a burly, black-bearded fellow”: Wer – wie ich – an den “Kammerspielcharakter” von TbotNS glaubt, wird versuchen müssen, möglichst viele Personen miteinander zu identifizieren. Hier kommt am ehesten Hildegrin in Frage, von dem wir wissen, dass er Severian seit dem Botanischen Garten gefolgt ist und unter mehreren Namen bekannt ist.

„Vodalus will come!”: Dazu in einem späteren Kapitel mehr.

„advocacy of Master Palaemon – and no doubt of Drotte and Roche and a few other friends“. Ich hatte zu I 13 (“More than two, and more than three”) ja auf vier (Palaemon, Drotte, Roche, Eata) getippt. Ich bin mir da jetzt nicht mehr so sicher, ob Eata richtig ist (dessen Name ja hier auffälligerweise nicht genannt ist. Sagt er in „Urth“ nicht sogar etwas dazu? Erinnert sich jemand?

Das Kapitel ist das vielleicht unspektakulärste bisher. Ein sicheres Zeichen, das ich einiges übersehen habe, aber ihr werdet mir ja auf die Sprünge helfen ... Aufgefallen ist mir noch die „geisterhafte“ Atmosphäre in Saltus. Das Wort taucht mehrfach auf und lässt mich an den alten Film um ein „verwunschene Dorf“ zurückdenken.

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 21. Juli 2006 14:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von g. b. corner » 14. Juni 2006 16:49

hallo kollegen!

kapitel 2:

- den satz mit "legend, lie, likelihood" kenne ich auch nicht. auch ist mir nicht klar, ob Jonas sich nur auf Saltus bezieht, oder ob das vielleicht im ganzen Commonwealth üblich ist. (Severian kennt die methode nicht, aber er kannte z.b. auch die duellszene in Nessus nicht, das heißt nicht viel)

- der Alcalde bezeichnet unseren helden als "Master Severian", und dieser weist die anrede auch nicht zurück. Palaemon hat ihm ja einen brief mitgegeben:
"It describes you as highly skilled in our mystery. For such a place, it will not be a falsehood."
ob Severian in dem brief als meister bezeichnet wird, wage ich aber zu bezweifeln. entweder führt er den titel unkorrekterweise, oder der Alcalde übertreibt in der anrede (vgl. das häufige "Sieur")

- bezügl. Alcalde: wenn er vor 18 jahren wirklich noch ein bürschchen ("stripling" würde ich für < 10 jahre halten) war, dann ist er für seinen job recht jung.

- die Pyrexia-story: ""It depends on what you mean by that. I'll say this - a woman sealed in the dark long enough can become something very strange, just like the strange things you find in rotten wood, back among the big trees." das klingt mir nicht nach einer fledermaus. mehr nach, z.b., pilzen, oder evtl. maden.

- "Better talk than mine - I'm only a rough miner, as many of you know." die bergleute von Saltus müssen große redner sein ...
“If you can, Barnoch, cut your throat now!” Kommt diese Aufforderung an dieser Stelle noch jemanden merkwürdig vor? Meine Spekulation: der zweite Mann von Vodalus ist niemand anders als der alcalde selbst, der Angst vor der Enttarnung durch Barnoch hat.
gute idee, Nessuno! könnte auch erklären, warum der Alcalde später als erster in die hütte vordringt.
“A volunteer from the crowd, a burly, black-bearded fellow”: Wer – wie ich – an den “Kammerspielcharakter” von TbotNS glaubt, wird versuchen müssen, möglichst viele Personen miteinander zu identifizieren. Hier kommt am ehesten Hildegrin in Frage
ich weiß nicht ... wenn er es ist, ist er in maske, sonst hätte Severian ihn erkannt - und wenn er in maske ist, weshalb stellt er sich dann in den mittelpunkt? auf der anderen seite hat es eben wirklich etwas kammerspielhaftes, also ganz von der hand zu weisen ist dein vorschlag nicht.

- "Barnoch would not be saved at all. I, who should have been his comrade, would brand him, break him on the wheel, and at last sever his head." hier noch eine vorausschau; später (nach Morwenna) beschließt er, von den hinrichtungen nichts mehr zu berichten.

- die Agia-sichtung: kreuzigt mich, aber das ist KEIN zufall mehr - "Out of all the struggling tide of faces beyond the doorway, I saw one, upturned, illuminated by the sun."

grüsse,
georg

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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 15. Juni 2006 20:19

g. b. corner hat geschrieben: - die Agia-sichtung: kreuzigt mich, aber das ist KEIN zufall mehr - "Out of all the struggling tide of faces beyond the doorway, I saw one, upturned, illuminated by the sun."
Nein, wir kreuzigen dich nicht, Georg. Erstens brauchen wir dich noch, zweitens hast du mit deiner Beobachtung sicher Recht. Aber was bedeutet diese Assoziation von Sonne und Agia? An ein verwandtschaftliches Verhältnis mag ich anders als Borski nicht glauben, weil Entsprechendes für Ouen und Dorcas (die einzigen "sicheren" Verwandten Severians, oder?) fehlt. Außerdem scheint mir GW Verwandtschaft durch körperliche Ähnlichkeiten anzudeuten. Und wenn ich mich recht entsinne, sind auch die Hütte und die Figuren im Dschungelgarten in goldenem Licht gebadet. Wie erklärst du das?
g. b. corner hat geschrieben:- die Pyrexia-story: ""It depends on what you mean by that. I'll say this - a woman sealed in the dark long enough can become something very strange, just like the strange things you find in rotten wood, back among the big trees." das klingt mir nicht nach einer fledermaus. mehr nach, z.b., pilzen, oder evtl. maden.
Ergänzung: Eine Heilige namens Pyrexia gibt es nicht, sie scheint also nach einer einfachen „Grundregel“ keine Angehörige des Commonwealth zu sein (allerdings sagt der alcalde, dass er ihren Namen vergessen hat!). Das Wort ist die lateinische (medizinische) Bezeichnung für „Fieber“ (mein Medizinlexikon nennt auch eine griechische Form „pyrexis“, die aber im Altgriechischen gar nicht existiert). Nach Borski ist sie mit Hethors „slug“ identisch (hmm, Pyrexias Geschichte fand aber schon 18 Jahre vorher statt?!). Wenn man Fieber ins Lateinische zurückübersetzt, würde ihr Name „Febris“ sein, die in Rom als Gottheit verehrt wurde. Der Name von kleineren römischen Gottheiten ist aber nach einer weiteren Namensregel für Hierodulen verwendet (Ossipago, Barbatus, Famulimus, Palaemon, Inire? Cumaean?). Interessant vielleicht auch, dass Febris in Senecas "Apocolocyntosis" als eine der wenigen Götter dem Kaiser Claudius (= Severian?) hilft. Nochmals hmm.

Nessuno
Zuletzt geändert von Nessuno am 9. August 2006 15:41, insgesamt 3-mal geändert.
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Ungelesener Beitrag von Nessuno » 15. Juni 2006 23:08

Ahoj, Kameraden!

II 3: The Showman´s Tent / Das Zelt des Schaustellers

Zu “Cadroe of the Seventeen Stones” vgl. I 27.

Ist uns die alte Frau, die ebenfalls sehr gesprächig – mit einer sehr „pragmatischen“ Einstellung – ist, Severian etwas umsonst geben wollte (hat der alcalde Druck ausgeübt?) und deren närrischer (Schwieger-)Enkel ein „Erfinder“ ist, bekannt? Severian ist jedenfalls wie immer unaufmerksam: „you look at the people going past instead of me“.

maté: Tee aus Paraguay.

„she wouldn´t have recognized me“. Ist das Severians echte Meinung? Wohl nicht. So viele großgewachsene Scharfrichter laufen nicht durch die Gegend, dass Agia ihn nicht erkannt haben sollte. Aber warum lügt er dann? Reine Gewohnheit?

„Green men know everything, people say“: also ist „unser“ Exemplar kein Einzelfall. Ist hier auf uralte Mythen wie den Grünen Ritter und Vegetationsgottheiten angespielt? Aber die sind m. W. nicht für ihr besonderes Wissen bekannt. Laut LU repräsentiert der Grüne Mann „the triumph of the New Sun, in contrast to Master Ash“. Sehe ich nicht so. Nach eigener Aussage sind sie hier, um die Vergangenheit zu erforschen (andere Frage: funktioniert Photosynthese bei roter Sonne überhaupt?).

[EDIT: In dem GW-Interview (hallo Gerd! :wink:) sagt GW, wenn ich mich recht entsinne, dass er mit dem Green Man eine der möglichen (!) Zukünfte unserer Erde aufzeigen wollte und dass er von mittelalterlichen Mythen in Großbritannien dazu angeregt worden ist.]

Bei welcher Gelegenheit haben die Leute von Saltus die Kathedrale zu Gesicht bekommen? War die Kathedrale vielleicht eine Art Pilgerstätte? Allzu weit scheint ja Saltus nicht von Nessus entfernt zu sein. Severian hat nach eigener Aussage die Stadt vor „ein paar Tagen“ verlassen.

Pancreator: Vgl. I 10, 18. 30, 32. Scheint neben Increate die verbreiteste Bezeichnung für den obersten Schöpfergott zu sein. Davon sind die Pantocrators - laut GW die "incarnations of the Pancreator" zu unterscheiden.

Wir erhalten hier die Bestätigung, dass die Pelerinen selbst die Kathedrale angezündet haben (nachdem sie laut Jonas in I 35 in der Nacht vor Severian das Tor durchquert haben).

„Infinite Meadows of the New Sun“: Klingt wie die „ewigen Jagdgründe“ ...

Enkel/Fool: Dass „Wissenschaftler“ als Narren gelten, ist ein weit verbreiteter Mythos. Ob GW hier konkret an jemanden gedacht hat? Er ist ja mit der Frühzeit der Fliegerei gut vertraut und sammelt noch heute Modelle von Flugzeugen aus dem WK 1. Interessant auch die Bemerkung der Großmutter: „Er kann die Hand in der Natur einfach nicht sehen“.

“Oh he´s seen it when they´ve been through here, at least a dozen times.“ Hier habe ich ein dickes Fragezeichen. Was genau meinte die Alte? Und was Severian?

„man with the drum“: Bekannt?

Der grüne Mann soll aus den „jungles of the north“ stammen. Ob er sich speziell für den Krieg zwischen dem Commonwealth und den Asciern interessiert hat? Der Dialog zwischen Severian und dem Grünen Mann ist in meiner Ausgabe – obwohl oberflächlich klar – mit vielen Fragezeichen gespickt.

“I thought of Master Palaemon, then of Master Malrubius and my poor Thecla”. Interessant ist, dass Gurloes überhaupt nicht und Palaemon vor Malrubius genannt ist. Hier ist deutlich die persönliche Wertschätzung Severians zu erkennen.

Eine merkwürdig Ausdruckweise ist, dass der Grüne Mann davon spricht, dass dieser Eingriff den langen Kampf der Menschheit mit der Sonne (!) friedvoll beigelegt hat. Ist nicht eher der Kampf mit der Natur gemeint? Auch Severian scheint das merkwürdig zu finden.

„Day is brighter in my age“: Auch das lässt sich so interpretieren, dass die derzeitige rote Sonne eine Abnormalität darstellt, wir uns also keine Milliarden Jahre in der Zukunft befinden.

„I am a true man, friend. You are not”. Und gleich darauf: “You do not believe me or even understand that I am a man like yourself.” Redet der Grüne Mann nur drauflos, um seine Haut zu retten? Oder ist der Widerspruch dadurch aufzulösen, dass hier das „true“ betont werden soll? Nach dem Motto: erst wenn man Frieden mit der Sonne geschlossen hat, ist man ein wahrer Mensch?

Interessant, dass der Grüne Mann nach Severians Leugnung noch einmal betont, dass Severian Mitleid hat. Er scheint Severian doch besser zu kennen als dieser sich selbst.

“and for us a new sun has come, and because it has come we have forgotten it”: Gemeint wohl: durch die mit dem Erscheinen der Neuen Sonne verbundene Katastrophe ist jede Erinnerung daran zunichte gemacht worden.

Ich habe Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass eine mechanische Fußfessel den Grünen Mann am Zeitreisen hindern kann (wie gelangt er überhaupt in seine Zeit zurück?). Andererseits scheint für GW Zeitreisen auch immer mit einer räumlichen Bewegung verbunden zu sein (Atrium of Time; Botanic Garden; Severians Rückkehr von Yesod, Tzadkiels Schiff usw.).

“But before this world has wound itself ten times more about the sun you shall be less strong, and you shall never regain the strength that is yours now. If you breed sons, you will engender enemies against yourself.” Steckt in diesen Prophezeiungen (ein Körnchen) Wahrheit? Immerhin behauptet er ja, dass er nur die Wahrheit gesagt habe (aber auch dass er der größte Lügner sei). Was mag dann mit der ersten Prophezeiung gemeint sein? Die Verletzung Severians? Den Verlust der Claw? Und mit der zweiten? Gibt es irgendwo in TBotNS Nachkommen Severians, der zu seinem Feind wird? Zugegeben: erst nach dem „Tranceanfall“ scheint der Grüne Mann „richtig“ zu prophezeien, aber bei GW ist vieles doppelbödig ...

"Above ground." Nehmen wir an, der Grüne Mann kann tatsächlich wahrsagen (und Vodalus wollte ja tatsächlich Barnoch befreien), was bedeutet das? Dass Agia in diesem Moment durch die Luft fliegt?

Und noch etwas Offensichtliches zum Abschluss: Die Teilung des Wetzsteins erinnert an den symbolischen Akt des Heiligen Martin.

OT: Vor wenigen Tagen habe ich das neue Chapbook von Gene Wolfe erhalten: Strange Birds, publiziert bei DreamHaven Press und mit zwei neuen Stories des Meisters: „On a Vacant Face a Bruise“ ist eine atmosphärisch starke Science-Fiction-Geschichte um den jungen Tom, der sich einem Wanderzirkus anschließt; „Sob in the Silence“ ist eine bösartige Horrorgeschichte von Stephen King, äh, natürlich auch von GW ... Das Bändchen ist hübsch aufgemacht und zeigt ein neues Bild von GW mit seinem Spazierstock, dessen Ende wie ein Tierkopf (Wolf?) aussieht. Ich würde viel Geld darauf verwetten, dass sich im Innern wie bei Dr. Talos eine Klinge befindet (eine ähnliche Waffe ist etwa auf Tafel 47 in Wilkinsons „Swords and Daggers“ zu sehen). Das Buch ist leider nicht über Amazon oder Libri lieferbar, ihr müsst euch also an den "Buchhändler eures Vertrauens" wenden.

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Ungelesener Beitrag von g. b. corner » 19. Juni 2006 15:13

hallo kollegen!

kapitel 3:

- "wide, flat cheeks" bemerkt Severian über Agias gesicht - in buch 3 werden die "flat cheeks" Severians von Cyriaca bemerkt. (andererseits haben wir hier ein "softly rounded chin", während Severian ein "sharp chin" besitzt ("with a little cleft", vermutet Cyriaca, was darau hindeut, dass es doch ein wenig breiter ist).

- "The tea was maté, spicy and a trifle bitter." - hier offenbar der gängige tee, in Nessus war er ein hinweis auf armut.

- kennt jemand den brauch, tee durch metallene strohhalme zu trinken? sollte auf jeden fall besser kühlen als z.b. ein echter strohhalm.
„she wouldn´t have recognized me“. Ist das Severians echte Meinung? Wohl nicht. So viele großgewachsene Scharfrichter laufen nicht durch die Gegend, dass Agia ihn nicht erkannt haben sollte.
hier traue ich ihm schon: sie hat vermutlich nicht in seine richtung geschaut, und er trägt ja auch momentan nicht das "zunftgewand", sondern etwas neues, am jahrmarkt erworbenes, wie der alcalde schon angemerkt hat. dass er ein bisschen naiv ist, dürfen wir ja mittlerweile voraussetzen ...
Bei welcher Gelegenheit haben die Leute von Saltus die Kathedrale zu Gesicht bekommen? War die Kathedrale vielleicht eine Art Pilgerstätte? Allzu weit scheint ja Saltus nicht von Nessus entfernt zu sein. Severian hat nach eigener Aussage die Stadt vor „ein paar Tagen“ verlassen.
die kathedrale war eine "wandernde" pilgerstätte: in umkehrung traditioneller religiosität, wo der pilger irgendwohin pilgert, ziehen die Pelerinen mit der kathedrale durch die gegend und suchen die "pilger" auf (allein in Saltus waren sie während der letzten jahre mehr als ein dutzend mal). es scheint sich aber dabei um eine ausnahme zu handeln, weil ja "richtige" kathedralen zur verfügung stehen und das zelt eben nicht als "richtige" gilt.

- hier erhalten wir die bestätigung, dass die zeltkathedrale für die "claw" gedacht war; die Pelerinen waren wohl nur die traditionellen verwalter der reliquie. und wirklich scheinen sie, nach dem verlust, die konsequenzen gezogen zu haben. der lange abstand zwischen unfall und abfackeln (ca. 1 1/2 tage) hat mich schon überlegen lassen, ob hier gar nicht der unfall auslöser war, sondern das zelt vorsätzlich "feuerbestattet" wurde. mich wundert nur, dass die pelerinen das in dicht besiedeltem gebiet getan haben sollen - klingt nicht ungefährlich. wahrscheinlich hofften sie auf himmlischen beistand ...

- "A great liar, like every man whose foot is in a trap." klingt nach Kipling, aber ich weiß nicht, wo das stehen könnte ...
Eine merkwürdig Ausdruckweise ist, dass der Grüne Mann davon spricht, dass dieser Eingriff den langen Kampf der Menschheit mit der Sonne (!) friedvoll beigelegt hat. Ist nicht eher der Kampf mit der Natur gemeint? Auch Severian scheint das merkwürdig zu finden.

„Day is brighter in my age“: Auch das lässt sich so interpretieren, dass die derzeitige rote Sonne eine Abnormalität darstellt, wir uns also keine Milliarden Jahre in der Zukunft befinden.

„I am a true man, friend. You are not”. Und gleich darauf: “You do not believe me or even understand that I am a man like yourself.” Redet der Grüne Mann nur drauflos, um seine Haut zu retten? Oder ist der Widerspruch dadurch aufzulösen, dass hier das „true“ betont werden soll? Nach dem Motto: erst wenn man Frieden mit der Sonne geschlossen hat, ist man ein wahrer Mensch?
ich denke mir das so, dass es eine vielzahl sich verzweigender zukünfte gibt (so à la viele-welten-theorie); der grüne mann kommt aus einer, wo die neue sonne angekommen ist (und sämtliche erinnerungen daran durch die katastrophalen nebenwirkungen verschwunden sind); später werden wir Master Ash kennenlernen, der aus einer anderen zukunft stammt, in der die sonne weiter erkaltet ist.
was der grüne mann mit seiner seltsamen bemerkung "You are not" meint, ist mir ebenfalls schleierhaft, auch sein verzweifeltes lachen. das alles auf eine bemerkung Severians hin, die mir nicht ungewöhnlich auffällt.
“and for us a new sun has come, and because it has come we have forgotten it”: Gemeint wohl: durch die mit dem Erscheinen der Neuen Sonne verbundene Katastrophe ist jede Erinnerung daran zunichte gemacht worden.
genau, und gleichzeitig eine zarte kritik am seine geschichte vergessenden menschen, der, wenn es ihm einmal (zu) gut geht, vergisst, dass das nicht der "normalzustand" menschlicher existenz ist. ("wenn es dem esel zu gut geht, geht er auf's eis tanzen" oder so hat meine großmutter gesagt)

- "Above ground" reiht sich ein in eine lange tradition von vieldeutigen orakelsprüchen, auch wenn es hier "nur" um den aufenthaltsort einer jungen frau geht. ich vermute aber einen zusammenhang mit dem kapitel über die versunkene mine: evtl. war Agia kurz vorher dort oder wird bald dort sein; im moment aber ist sie "über der erde". genial, hm? ;)

- Nessunos hinweis auf den geteilten mantel ist gut! hier haben wir eine episode, wo Severian mitleid zeigt (wie der grüne mann erkennt), und zwar gegenüber einem völlig fremden. er hat mit einem tier begonnen (Triskele), dann kam Thecla (geliebte), und am schluss wird er sogar seine zunft abschaffen. eine ähnliche episode mit wetzstein gab es übrigens in "Prinz Eisenherz" ("Prince Valiant") - weiß aber nicht, ob Wolfe das kannte.

grüsse,
georg

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