Der "Liest zur Zeit" Thread

Science Fiction in Buchform
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Ender
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Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

Ungelesener Beitrag von Ender »

John Lanchester - Die Mauer

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Hmm. Ein merkwürdiges Buch.
Es spielt in Großbritannien, das sich nach dem sog. "Wandel" komplett abgeschottet und mit einer Mauer umgeben hat, an der jeder mögliche Eindringling gnadenlos getötet wird. Eine Art umgekehrte DDR-Grenze sozusagen. Oder weitergedachte EU-Grenze. Jener Wandel wird gar nicht näher erläutert, aber man darf wohl davon ausgehen, dass der Klimawandel gemeint ist, der weite Teile der Welt unbewohnbar gemacht und dafür gesorgt hat, dass Flüchtlinge aus aller Welt - propagandistisch entmenschlichend "Die Anderen" genannt - versuchen, nach GB hineinzugelangen. Ähnlich dem Wehrdienst (die Älteren werden sich erinnern) muss auf dieser Mauer jeder Bürger zwei Jahre Dienst tun und - wenn es wirklich dazu kommen sollte - notfalls auch töten.

Die Geschichte wird sehr langsam und repetitiv erzählt, was die Monotonie und den Stumpfsinn der endlosen Wachdienst-Schichten eindringlich verdeutlicht. Aber darüber schwebt eben immer auch die latente Gefahr, von einem Moment auf den anderen um Leben und Tod kämpfen zu müssen.
Erst nach und nach entfalten sich so zwischen den Zeilen die Hintergründe, die man zu Beginn nur so ungefähr erahnen kann. Jene für die Protagonisten zur Selbstverständlichkeit gewordene Ungeheuerlichkeit, die dahinter steckt.
Diese Erzählweise ist bestimmt nicht jedermanns Sache, aber ich fand diesen Stil perfekt passend und ganz hervorragend.

So etwa im letzten Drittel ändert sich die Szenerie dann deutlich und es beginnt praktisch eine ganz neue Art von Geschichte. Diese ist zwar für sich genommen auch nicht uninteressant, ignoriert aber weitestgehend die unterschwelligen Fragen, das moralische Dilemma, die offensichtliche Kritik und die politischen Dimensionen, die im ersten Teil so geschickt aufgebaut wurden. Plötzlich wird all das fast komplett ausgeblendet und stattdessen ein spannendes Abenteuer erzählt. Diesen vollständigen Bruch fand ich sehr irritierend und er hat dem Gesamteindruck deutlich geschadet.

Ein Roman also, der mir gut gefallen aber mich letztlich trotzdem enttäuscht hat. Wie gesagt: irgendwie merkwürdig.

Montag
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Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

Ungelesener Beitrag von Montag »

Star Trek Deep Space Nine - Saratoga von Michael Jan Friedman

Warum ich es gekauft habe:
Um ganz ehrlich zu sein: das Cover ist toll. Die Saratoga im Halbprofil vor der Erde. Weiter hinten der Mond, in dessen Umrisse die Gesichter von Sisko und Jake eingearbeitet sind. Und dann die Beschreibung, dass die Defiant sabotiert wird und jetzt natürlich der Saboteur gefunden werden muss. Das weckt Erinnerungen an eine der besten Folgen "the adversary", vom Ende von Staffel 3. Oder aber es wird eine Art KrimiGeschichte im Weltraum. Ein whodunnit.

Was habe ich bekommen?
Eines der langweiligsten Bücher, die ich jemals gelesen habe!
Na klar, die typischen Star Trek Episoden haben einen a- und einen b-Plot. Das mus noch nicht schlecht sein und viele Romane verwenden ebenfalls dieses Muster. Und klar, man kann mit dem B-Plot in den Prolog gehen. Aber so lernen wir die Gedankenwelt einer Figur kennen, die nur einmal wieder vorkommt und selbst für den B-Plot unwichtig ist. Und so geht es fröhlich weiter. Es dauert 120 Seiten, bis die Defiant losfliegt, um überhaupt sabotiert zu werden! Von 266 Seiten!
Ich bin kein Anhänger der Theorie, dass gleich auf der ersten Seite eine Explosion stattfinden muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass es da einen festgelegten Zeitpunkt in Geschichten geben muss, an dem was passiert sein muss. Das tut es bei - keine Ahnung - Proust auch nicht. Aber irgendwann muss was passieren.
Naja und als endlich sabotiert wird, springt der Erzähler immer wieder zum B-Plot, der nicht interessiert. So kommt gar keine Spannung auf. Vielmehr kein mit der Eindruck, der Autor hätte schlicht keine Ideen für den Sabotageplot gehabt. Meine ersehnte Sherlock-Holmes-Story materialisierte sich leider nicht. Man kann dem Autor zugute halten, dass er sich Zeit nimmt, die neuen Figuren einzuführen (die nicht-Stammbesatzung). Aber trotzdem ergibt sich nie ein Ratespiel, wer von ihnen der Täter ist. Die Auflösung ist dann auch extrem enttäuschend.

Da bewahrheitet es sich im schlechten: bewerte niemals ein Buch nach seinem Cover!

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Des_Orphan
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Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

Ungelesener Beitrag von Des_Orphan »

Es wird Zeit für den 2. Teil der Barock-Trilogie:
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Nachdem der 1. Teil mich schon sehr begeistert hatte, beginnt auch dieser neue Handlungsabschnitt gewohnt furios und sehr unterhaltsam.
Niemand schreibt wie Stephenson...Der permanete Wechsel der Perspektiven ebenso wie sein origineller und immer treffender Stil - ganz zu schweigen von dem speziellen Humor - :prima: machen auch Konfusion zu einem echten Lesegenuss.

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Ender
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Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

Ungelesener Beitrag von Ender »

Adrian Tchaikovsky - Im Krieg

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Nach dem großartigen "Die Kinder der Zeit" geht es in Tchaikovskys nächstem Roman erneut um intelligente und Krieg führende Tiere (auch wenn das irgendwie nach einem Widerspruch klingt). Sagen wir also lieber: um Tiere, die ein Bewusstsein erlangt haben. Irgendwie. Diesmal sind's keine Spinnen oder Ameisen, sondern Hunde, Bären, Bienen ... oder irgendwelche genetisch/technisch zusammengesetzte Mischformen.
Ein spannendes Thema, durchaus ordentlich umgesetzt. Mit zunehmender Dauer geht es auch weniger um bloße Action, sondern um existenzielle Fragen über Ethik, Moral, Gefahren des technischen Fortschritts, Waffen in falschen Händen, Krieg als Wirtschaftsfaktor etc.
So ganz 100%-ig hat es mich trotzdem nicht gepackt. Neben den etwas ermüdenden Actionszenen lag es vielleicht an der Perspektive: Die Geschichte wird überwiegend aus Sicht eines der manipulierten Tiere geschildert, das abgerichtet bzw. programmiert ist, bestimmte Dinge zu tun und bestimmten Menschen zu gehorchen. Davon kann es sich zwar langsam lösen, aber das gänzlich freie Denken fällt ihm trotzdem weiterhin schwer. Das ist zwar einerseits gerade spannend und reizvoll, aber andererseits fehlte mir dadurch eine echte Identifikationsfigur.
Schwierig.

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Scotty
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Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

Ungelesener Beitrag von Scotty »

Des_Orphan hat geschrieben:
25. Mai 2020 18:34
Es wird Zeit für den 2. Teil der Barock-Trilogie:
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Nachdem der 1. Teil mich schon sehr begeistert hatte, beginnt auch dieser neue Handlungsabschnitt gewohnt furios und sehr unterhaltsam.
Niemand schreibt wie Stephenson...Der permanete Wechsel der Perspektiven ebenso wie sein origineller und immer treffender Stil - ganz zu schweigen von dem speziellen Humor - :prima: machen auch Konfusion zu einem echten Lesegenuss.
Den Zyklus wollte ich immer schon lesen. Leider scheibt es den ersten Band nicht als Kindle E Book zu geben. Und dicke Papier Wälzer lese ich nicht mehr....
Lese zur Zeit:
Antonia Hodgson - Das Höllenloch
Davor:
Frederico Axat - Mysterium

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Des_Orphan »

    Scotty hat geschrieben:
    6. Juni 2020 11:52
    (...) Leider scheibt es den ersten Band nicht als Kindle E Book zu geben. Und dicke Papier Wälzer lese ich nicht mehr....
    ...und ich lese die Teile sogar in gebundener Form. Eine echte Herausforderung für die Unterarmmuskulatur :)
    Aber es lohnt sich: für mich ist diese Trilogie DIE Entdeckung des Jahres...und die Bücher sind immerhin schon gut 16 Jahre alt :o
    Doch auch nach mittlerweile über 1600 Seiten werde ich immer noch bestens unterhalten :prima:

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

    Nur zur Einordnung:

    Die drei Barock Bücher spielen in der gleichen Welt wie "Cryptonomnicon", eigendlich hätte Cryptonomnicon in die drei Bücher integriert werden sollen... Aber das wäre vielleicht ein _bischen_ viel gewesen .

    Reamde spielt auch in der gleichen Welt, hat aber keine Berührungspunkte zu Barock, wird aber in "Fall" mit Cryptonomnicon verknüpft... Es gibt u.a. eine Wazerhouse-Shaftoe Bank und ein Museum für das U-Boot.
    Als ich jung war, war der Pluto noch ein Planet / Mod-Hammer fieg und sieg!

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Ender »

    Sag mal: Gibt es eigentlich auch Bücher, die du noch nicht gelesen hast, Knochenmann? :respekt:
    Ich bezeichne Stephenson ja durchaus auch als einen meiner bevorzugten Autoren ... kenne aber erst 3 oder 4 Bücher von ihm. Würde natürlich den Rest auch gerne lesen, aber da gibt es ja noch ein bis zwei Dutzend andere, bei denen es mir genauso geht. In einem anderen Forum wird z.B. gerade über Philip K. Dick gesprochen und mehrere Leute nennen ihre liebsten 20-30 Romane von ihm. Auch einer, den ich sehr schätze - aber bei solchen Zahlen bin ich raus ...
    Mehr als 10 oder 12 Bücher habe ich noch von überhaupt niemandem je gelesen, glaube ich (und das dürfte auch höchstens auf 2-3 zutreffen). Es gibt halt einfach so unendlich viele interessante Autorinnen und Autoren ...

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Des_Orphan »

    Ender hat geschrieben:
    6. Juni 2020 20:27
    Sag mal: Gibt es eigentlich auch Bücher, die du noch nicht gelesen hast, Knochenmann? :respekt:
    (...)
    Nun muss man für diese Aussagen zu Stephensons Werk die Bücher nicht unbedingt gelesen haben...
    ...da reicht z.B. auch die Konsultation von Wikipedia u.ä. ...
    ...was nicht heißen soll, dass ich Knochenmann absprechen will die Bücher alle gelesen zu haben :)

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

    Von Stephanson hab ich _fast_ alles gelesen, mit der Ausnahme des letzn Bands den Barock Zyklus.... das war mir zu viel.

    Empfehle aber nachdrücklich "The Rise and Fall of DODO" und "Interface".
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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Wrong »

    Mit der Novelle„Tretet ein, die ihr leidet“ (1982) des heute weitestgehend unbekannten Autors Anatoli Tkatschenko aus dem Verlag Volk und Welt Berlin habe ich einen richtigen Volltreffer gelandet. Der sowjetische Autor lässt drei junge Wissenschaftler aus Moskau sich in der turkemenischen Wüste verirren. Angeführt von der Biologin Ivetta, die eine seltene Wermutpflanze zu finden erhofft, stößt sie zusammen mit ihren um ihre Gunst buhlenden Rivalen auf eine verlassene Siedlung, deren vier Bewohner sie vor der endlosen Einsamkeit retten sollen. Es prallen drei Städter ohne jedes Verständnis für die bescheidene Lebensweise der Wüstenbewohner auf einen gewachsenen Lebenskreis, den sie mit ihren Maßstäben messen. Sie beschwören Gefahren herauf und die Geschichte endet, wie man sich denken kann, nicht gerade fröhlich.
    Eine wunderbare Geschichte über Toleranz, das eigene Selbstverständnis und die Erkenntnis, dass das persönliche Wohlfühlen grundsätzlich immer im Einklang mit sich und seiner Umgebung stattfinden muss. Natürlich keine neue Sache, aber der Autor schafft es, die psychologisch unheimlich spannende Novelle metaphorisch so geschickt zu schreiben, dass man trotzdem über diese Selbstverständlichkeiten nachdenkt.
    Und nebenbei liefert das Buch noch, natürlich nur für diejenigen, die es mögen, eine sozialistische Romantik und eine Kombination aus Melancholie und Pessimismus, die ich so an der russischen Literatur schätze.

    Abschließend sei noch der puristisch schöne Einbandentwurf von Lothar Reher erwähnt:
    https://pictures.abebooks.com/MATTHIASH ... 627699.jpg

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Beeblebrox »

    Roald Dahl "alle Küsschen", mit SF-Elementen.
    LG zaph

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Teddy »

    Beeblebrox hat geschrieben:
    10. Juni 2020 13:03
    Roald Dahl "alle Küsschen", mit SF-Elementen.
    Und da sollte man sich nicht vom etwas dämlichen Titel abschrecken lassen. Die Geschichten von Roald Dahl sind richtig klasse.

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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

    Die haben mit "Küsschen, Küsschen" angefangen, dann gab es "Noch mehr Küsschen", und das ist wohl die Sammelausgabe.
    :bier:
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    Re: Der "Liest zur Zeit" Thread

    Ungelesener Beitrag von Teddy »

    So ist's.

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