Wie steht es um die Fantasy?

Science Fiction in Buchform
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breitsameter
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Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von breitsameter » 16. Januar 2011 21:48

Wie steht es um die Fantasy in Deutschland?
Wenn man in eine beliebige Buchhandlung geht, sollte man eigentlich schnell zu der Meinung gelangen: Phantastisch! Wo sich früher oft nur ein Regal befand, in der sich ein paar vereinzelte Fantasybücher den Platz mit einer Überzahl an Science-Fiction-Romanen teilen mussten, findet man heutzutage neben zwei Regalwänden Fantasy oftmals auch ein Regal, dass nur mit »Vampir« übertitelt ist – und davor drängen sich auf den Tischen mit den aktuellen Neuerscheinungen auch noch Berge von Titeln mit Zwergen, Werwölfen, Rittern und Prinzen. Da sollte eigentlich jeder Fantasyleser glücklich sein!

Doch die kritischen Stimmen mehren sich. Im Fandom Observer 259 erschien ein Hilferuf von Fantasyleserin Petra Hartmann: »Ich habe die Nase voll von Fantasy von der Stange! (…) Ich will keine Plastik-Bücher mehr lesen. Keine netten »All-Ager« mit Arztroman-Bauplan. Keine Klone von Klonen von Bestsellern. Keine vegetarischen Vampire und erotischen Engel mehr. Kein »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« mit Elfen. Ich will keine aalglatten Marktcharaktere mehr im Buchregal haben, die im Assessment-Center der Großverlage am wenigsten Anstoß erregten.«

SF-Fan.de hat daraufhin drei Fantasy-Experten nach ihrer Meinung zum Stand des deutschen Fantasy-Marktes befragt. Veröffentlichen deutsche Verlage tatsächlich nur noch Fantasy von der Stange? Langweilige Serienware ohne Überraschungen und Ansprüche? Gibt es noch lesenswerte Romane oder gibt es nur noch Quantität statt Qualität in der Fantasy?

Den Anfang macht Markus Mäurer, u.a. Redakteur bei der mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichneten Website fantasyguide.de:

http://www.sf-fan.de/artikel-und-news/w ... eil-1.html
Echte Vampire schillern nicht im Sonnenlicht, sie explodieren. Echte Helden küssen keinen Vampir, sie töten ihn.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Kringel » 17. Januar 2011 07:34

Zum Artikel:

Dass es mit Vampiren auch anders geht, kann man bei Kim Newman nachlesen. Sind allerdings keine neuen Romane; Newmans Trilogie wurde lediglich vor nicht allzu langer Zeit (2008?) mit einem an die "Völker"-Romane angepassten Coverbild neu veröffentlicht (Band 3 wurde übrigens von unserem Forenmitglied Frank Böhmert kongenial übersetzt).

Egmont/Lyx veröffentlicht nicht nur Nackenbeißer-Romantik, sondern auch die "Fantasy-Thriller" von Jens Lossau und Jens Schumacher, die so ganz anders sind als andere Fantasyromane - und schon gar nicht weichgespült. Bisher erschienen: "Der Elbenschlächter" und "Der Orksammler". Beide sehr zu empfehlen, ersterer mehr als letzterer.

Dass der Name Andrzej Sapkowski wieder mal nicht auftaucht, wenn schon von "grim and gritty" gesprochen wird, macht mich ein bisschen traurig. OK, dessen Romane und Kurzgeschichtenbände sind auch nicht neu, erscheinen aber nach und nach neu in Deutschland.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Kuheuter » 17. Januar 2011 09:20

Hallo,

als früherer eingefleischter Fan von Fantasy, stehe ich dem Thema heute ziemlich gelassen entgegen. Irgendwie ist die Zeit vorangeschritten und hat mich mit meinen Klassikern zurückgelassen. Da letzte "neue" Fantasybuch was ich mir geholt habe, waren "Die Orks" und das ist schon lange her. Nach 30-Seiten habe ich es dann weggelegt und ich habe festgestellt, dass das Thema Fantasy mich nicht mehr berührt, bzw. die neuen Trends. Von daher empfehle ich an dieser Stelle die Klassiker: Ursula Le Guin, J.R.R. Tolkien, Patricia Mc Killip, Tad Williams und Robert Jordan. Da hat man Jahrelangen Lesestoff. Als deutsche Fantasy gibt es einige Perlen im Rahmen der DSA-Reihe.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Doop » 17. Januar 2011 10:32

Neben all den Tolkien-Epigonen und den Vampirschmonzetten :kotzen: gibt es durchaus qualitativ hochwertiges, das auch den Weg ins Deutsche findet. Ich weise auf die Werke von China Miéville und von Neil Gaiman hin.
„Ich habe [...] nichts gegen Filme ohne viel Handlung (z.B. Laberfilme von Rohmer), aber das Verhältnis zwischen Landschaftsmalerei, Dialog und Kawumm muss stimmen.“ (Badabumm, hier im Forum)

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Olaf » 17. Januar 2011 10:42

Ich find auch, neben dem ganzen unsäglichen Serien-Zeugs gibt es ein reiche Auswahl an anspruchsvoller, extrem lesenswerter Fantasy, und zwar mehr als noch vor zehn Jahren.
Wen ich da noch erwähnen will, neben Abercrombie, Lynch oder auch Steven Erikson (Malazan Empire), wäre Peter V. Brett, dessen ersten Roman, The Painted Man, ich grad lese.
Dämonenverseuchte Fantasy, aber ab der ersten Seite bereits extrem fesselnd.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch » 17. Januar 2011 12:21

Man vergebe mir, dass ich ein wenig schmunzeln muss (deswegen auch mein Kommentar zu Petra Hartmann).
Genau dieselbe Diskussion führten wir in den 80er Jahren auch schon - und damals wurden noch nicht mal deutsche Autoren im Bereich der Fantasy verlegt. Es gab sogar in Wetzlar mal eine Podiumsdiskussion dazu "was ist gute Fantasy?" :beanie:
Die Situation ist heute sehr viel besser, und mich stört es nicht, wenn Hypes den Rest ein bisschen mitziehen. Gottseidank, dass es sie überhaupt gibt. Auch wenn ich persönlich darum kämpfen muss, überhaupt wahrgenommen zu werden, finde ich heute wenigstens im Gegensatz zu den 80ern einen Verleger. Das ist schon ein entscheidender Schritt weiter. :lol:
Zuletzt geändert von Uschi Zietsch am 17. Januar 2011 16:52, insgesamt 1-mal geändert.
:bier:
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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel » 17. Januar 2011 13:29

Kringel hat geschrieben: Dass der Name Andrzej Sapkowski wieder mal nicht auftaucht, wenn schon von "grim and gritty" gesprochen wird, macht mich ein bisschen traurig. OK, dessen Romane und Kurzgeschichtenbände sind auch nicht neu, erscheinen aber nach und nach neu in Deutschland.
Zum Artikel: Florian hatte mich gebeten, »ein paar Zeilen« zur aktuellen Lage des Fantasymarktes in Bezug auf den Artikel von Petra zu schreiben. Deshalb bin ich das Ganze auch als persönlichen Kommentar angegangen und nicht als Artikel. Der wäre dann wahrscheinlich noch etwas differenzierter geworden und ich hätte noch mehr Autoren und Richtungen erwähnt.
Dass ich Sapkowski nicht empfohlen habe, liegt daran, dass ich von ihm bisher nur die Geschichte »Die Stiege« gelesen habe, die mir nicht so gefallen hat. Deshalb kann ich ihn (noch) nicht empfehlen. Ich habe nur das empfohlen, was in meinem eigenen Bücherregal steht. Und auch wenn Florian mich als »Experte« bezeichnet hat, lese ich nicht genug Fantasy, um alle interessanten Neuerscheinungen abzudecken. Aber dafür gibt es ja Foren wie dieses hier.

Gruß Markus

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von muellermanfred » 17. Januar 2011 13:36

Uschi Zietsch hat geschrieben:mich stört es nicht, wenn Hypes den Rest ein bisschen mitziehen.
Das gilt natürlich nur für Verlage, die eine Mischkalkulation betreiben können und eine Redaktion mit etwas mehr inhaltlichem Ehrgeiz unterhalten, die es sich also leisten können, Titel mit weniger bombastischen Verkaufsaussichten zu publizieren, die ein anspruchsvolles Stammpublikum bedienen und nicht die Leute, die im Foyer der kettenbuchhandlungen lediglich auf die aktuellen Stapel gucken.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka » 17. Januar 2011 14:08

Ich lese kaum Fantasy, aber ich kann etwas ganz sehr empfehlen: Die "Kreis der Krähen" - Trilogie von K. J. Parker.
"Hilfreich wäre es, wenn wir die, die sich dem Leistungsdruck widersetzen, bewundern, anstatt sie als Loser anzusehen." -
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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Smiley » 17. Januar 2011 14:40

Poul Anderson, Fritz Leiber . . . mal so als Beispiel.
Kann man alles mehrmals lesen.

Ich habe mir vorhin wieder meinen wöchentlichen Schock verpasst und bin durch die Mayersche gegangen.
Es ist schrecklich! Da liegt schon seit Jahren immer der gleiche Müll.
Ein Leben ohne Tabasco ist möglich, aber geschmacklos.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von breitsameter » 17. Januar 2011 14:50

Teil 2 der Artikelreihe ist jetzt online:
http://www.sf-fan.de/artikel-und-news/w ... eil-2.html
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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch » 17. Januar 2011 17:01

muellermanfred hat geschrieben:
Uschi Zietsch hat geschrieben:mich stört es nicht, wenn Hypes den Rest ein bisschen mitziehen.
Das gilt natürlich nur für Verlage, die eine Mischkalkulation betreiben können und eine Redaktion mit etwas mehr inhaltlichem Ehrgeiz unterhalten, die es sich also leisten können, Titel mit weniger bombastischen Verkaufsaussichten zu publizieren, die ein anspruchsvolles Stammpublikum bedienen und nicht die Leute, die im Foyer der kettenbuchhandlungen lediglich auf die aktuellen Stapel gucken.
Also die Großverlage haben alle eine Mischkalkulation, und heutzutage gibt es noch dazu mehr Kleinverlage denn je, die ihr eigenes, abseits des Mainstream gelegenes Programm gestalten. Oder auch innerhalb des Mainstream, aber dadurch Newcomern ein Podium bieten, die dabei sogar noch was verdienen können.

Und es ist wirklich so: Ohne den jetzigen Hype wäre die Verbreitung der Fantasy in dieser vielfältigen Form gar nicht möglich. Und noch einmal: Als es in den 80ern einen ersten Boom gab, kamen überhaupt keine deutschen Autoren zum Zuge. Ich finde schon, dass das berücksichtigt werden sollte. Diese "Fantasywelle" hält sich auch schon ein paar Jahre. Es ist klar, dass bei einem Trend sehr viel Mist und sehr viel Massenware produziert wird. Aber ehrlich, die anderen Bücher gibt es ja auch, und im Zeitalter des Internets und des Infonets gibt es die Möglichkeit, auch die "einsamen Perlen" zu finden - sicherlich nicht alle, aber besser als früher. Dennoch werden sie nicht so gekauft, obwohl soooo viele danach zu verlangen scheinen. Woran mag das liegen?

Ich finde die Situation in den Buchhandlungen auch nicht toll, weder als Verlegerin noch als Autorin. Doch diese ist für mich nicht neu, damit kämpfe ich schon seit 1986. Und es wird sich nichts ändern, weiland Goethe hat sich schon darüber beklagt (s.a., dass 80 Jahre nach Veröffentlichung seines westöstlichen Diwans immer noch originalverklebte Bücher zu erstehen waren ...).
:bier:
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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel » 17. Januar 2011 17:40

http://carltonmellick.com/2010/12/15/wh ... t-writers/
Hier gibt es einen guten Aufsatz von Carlton Mellick darüber, warum amazon der beste Weg sei, Autoren zu unterstützen. Dazu muss gesagt sein, dass Mellick ein Nischeenautor ist, der im Genre der Bizarro Fiction schreibt. Vor kurzem erschien sein Roman "Die Kannibalen von Candyland" in sensationeller Aufmachung bei Festa.
Melicks erster Roman, der in einem sehr kleinen Verlag erschien, wurde auf Amazon über "Ähnliches gekauft" mit "House of Leaves" von Mark Z. Danielewski verknüpft. Danach schoßen Mellicks Verkaufszahlen in die Höhe. Ich frage mich, ob das auch in Deutschland so funktioniert? Wenn ja, ist auch hier amazon ein guter Weg Autoren in Kleinverlagen zu unterstützen.

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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch » 17. Januar 2011 20:18

Die Verknüpfung ist da, wenn das Kaufverhalten da rein passt. Es ist also nicht gesagt, wie viele diese Verknüpfung angezeigt bekommen - und ob's daraufhin gekauft wird, ist wieder was anderes. In jedem Fall ist das Internet hilfreich, die Bücher bekannt zu machen.
:bier:
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Re: Wie steht es um die Fantasy?

Ungelesener Beitrag von breitsameter » 17. Januar 2011 22:03

Und jetzt ist der letzte Teil auch online: Michael Scheuch, u.a. Mitherausgeber des MAGIRA-Jahrbuchs zur Fantasy, legt die Situation sehr ausführlich dar:
http://www.sf-fan.de/artikel-und-news/w ... eil-3.html
Echte Vampire schillern nicht im Sonnenlicht, sie explodieren. Echte Helden küssen keinen Vampir, sie töten ihn.

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