Zukunftsvisionen für die Menschheit

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Thomas Wawerka
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Christof hat geschrieben:Und gerade in Rom war ein Fortschrittsgedanke sicher nicht fremd.
Wiederholung: Es ist ein Gedanke der Neuzeit! In der Antike dachte man genau andersrum: Es gab in mythischer Vergangenheit ein goldenes Zeitalter, seitdem geht es permanent abwärts mit der Welt. Der Fortschrittsgedanke war Rom also völlig fremd.
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Christof

Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Christof »

Der Fortschrittsgedanke war Rom also völlig fremd
Der Wunsch nach Verbesserung der Lebensumstände? Die Wunsch nach Forschung? Ideenhunger?
Ich bin weder Historiker noch Geisteswissenschaftlicher. Aber wenn ich kurz google bemühe ist hier doch etwas interessantes zu finden:
http://www.amazon.de/Fortschrittsgedank ... 3640991389
Zitat aus der Kurzbeschreibung:
In einem ersten Schritt wird das griechisch-antike Fortschrittsbewusstsein untersucht, das eingebettet war in politisch- soziale Verhältnisse. Die Forschung ist sich heute weitestgehend einig, dass ein solches Bewusstsein und ein solcher Gedanke bestanden hätten, dennoch ist ein endgültiges Urteil, schon allein auf Grund der Quellenlage, fast unmöglich
Zum reinlesen bei googlebooks
http://books.google.de/books?id=Qwx851m ... ke&f=false

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kaffee-charly
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von kaffee-charly »

Thomas Wawerka hat geschrieben:
Christof hat geschrieben:Nur in einem riesigen Zeitraum von 5k Jahren ist eine Kurve nach unten nicht weiter wild.
Ich würde sagen: Da ist der der Aufschwung der letzten 300 Jahre oder so nur eine kleine, unbedeutende Spitze ... Warten wir mal den Peak Oil ab und sprechen danach weiter über "Fortschritt!" 8-)
Bei den alten Kulturen gab es so etwas wie das Fortschrittsdogma nicht. Es ist eine Erfindung der Moderne, in die die Geschichte der alten Kulturen einfach mit eingezeichnet wurde. Den weitaus überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte gab es keinen Fortschritt in unserem Sinn - Fortschritte durchaus, Verbesserungen, Entwicklungen ... wie immer man es nennen will.
(Hervorhebung durch mich)

Da hätte ich mal ein paar Fragen:
a] Was verstehst du denn unter "Fortschritt in unserem Sinne"?
b] Sind >>Verbesserungen, Entwicklungen ... wie immer man es nennen will<< denn kein Fortschritt in unserem Sinne?

Was mich vor allem an deinen Worten irritiert hat:
c] Ist die Geschichte der alten Kulturen denn nicht auch unsere Geschichte?
Schließlich haben nicht wenige der darin vorgekommenen Ereignisse doch erst zu den Bedingungen unserer Gegenwart geführt. Jeder Historiker wird dir das bestätigen können.
Es gäbe ja z.B. noch nicht einmal den Monotheismus, aus dem Judentum, Christentum und Islam entstanden sind, wenn Jerusalem im Jahr 701 v.Chr. nicht durch eine Seuche vor der Belagerung durch Sanherib (König v. Assyrien) gerettet worden wäre (was als göttliches Eingreifen interpretiert wurde). Wenn Jerusalem damals ausgelöscht worden wäre, dann hätte sich der Ein-Gott-Glaube der Juden niemals so weit durchsetzen können, um daraus Weltreligionen entstehen zu lassen. Wie sähe 2712 Jahre später unser Leben aus, was wären unsere spirituellen Wurzeln?
Und wie sähe die Welt heute aus, wenn bei Salamis die Griechen verloren hätten oder wenn Karthago Rom besiegt hätte? Gehört das etwa nicht zu unserer Geschichte?

Ich kann deiner Argumentation leider nicht so richtig folgen. :-?

:kaffee:
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Thomas Wawerka
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

kaffee-charly hat geschrieben:Da hätte ich mal ein paar Fragen:
a] Was verstehst du denn unter "Fortschritt in unserem Sinne"?
b] Sind >>Verbesserungen, Entwicklungen ... wie immer man es nennen will<< denn kein Fortschritt in unserem Sinne?

Was mich vor allem an deinen Worten irritiert hat:
c] Ist die Geschichte der alten Kulturen denn nicht auch unsere Geschichte?
Schließlich haben nicht wenige der darin vorgekommenen Ereignisse doch erst zu den Bedingungen unserer Gegenwart geführt. Jeder Historiker wird dir das bestätigen können.
Okay.
*schnauf!*

Es ist eigentlich gar nicht so sehr komplex. Es ist nur schwer zu verstehen, weil wir alle so geeicht darauf sind - wir bemerken gar nicht, wie sehr wir das verinnerlicht haben. Das ist so ähnlich wie mit der Uhr am Handgelenk oder dem Ehering - man merkt nicht mehr, was man da trägt, weil man es schon so lange trägt.
a) Wir müssen zwischen dem "Fortschritt" als Weltanschauung, als Dogma, spitz formuliert als Ideologie und dem "Fortschritt" als Begriff für eine beliebige Verbesserung, Vergrößerung, Zunahme oder was auch immer unterscheiden (im Lateinischen wurde der Begriff z.B. für Landgewinn im Krieg benutzt). Das erste nenne ich den Fortschritt, fürs zweite benutze ich gern den Plural Fortschritte - der Unterschied ist, dass das Wort im zweiten Fall irgendwelche einzelnen Phänomene benennt, ohne einen Zusammenhang herzustellen; im ersten dagegen eine Gesamtsicht auf die Welt, innerhalb der alles auf eine Denk-Linie gebracht wird. Eine Utopie vom ständigen Zuwachs des menschlichen Machtpotenzials und dem Aufsteigen der Menschheit zu umfangreicherem Wissen, technisch immer differenzierteren Prozessen, besserer Lebensqualität usw. Diese Verwendung des Begriffs ist definitiv eine Erfindung der Neuzeit: unser Fortschrittsbegriff. Natürlich wurde der Begriff "Fortschritt" auch schon in antiken Texten verwendet (ich hab selber welche davon übersetzt, z.B. Philo von Alexandrien), aber da bezeichnet er etwas völlig anderes. Soviel auch zu
b).
c) Natürlich ist die Geschichte der alten Kulturen auch unsere Geschichte. Aber man kann diese Geschichte nicht erkennen, ohne sie gleichzeitig auch zu interpretieren, was heißen soll: Im Rahmen einer bestimmten Weltanschauung oder Weltsicht zu deuten und zu verwerten. Zur Zeit der Renaissance galt das Mittelalter als dunkle Welt (so konnte man sich schön davon absetzen), zur Zeit der Romantik als heile Welt (so konnte man sich schön von der Aufklärung absetzen). Und unsere Geschichtsverwertung in Bezug auf die antiken Kulturen besteht eben auch darin, sie in die gedachte ansteigende Linie oder Kurve des permanenten Fortschritts einzuzeichnen - wo zwar die eine oder andere Ausbuchtung nach unten schon mal vorkommen kann (siehe Christof), aber das Prinzip trotzdem stimmt. Es geht weiter aufwärts, bis zu den Sternen.
Das Ganze ist auch wieder nur eine Umdeutung von uralten Vollkommenheitslehren, nebenbei gesagt. Und es ist eben reine Konstruktion, Idee, Einbildung, sonst nichts. Es ist keine Tatsache! So ähnlich war es übrigens auch bei der Geschichtsteleologie des dialektischen Materialismus, in der die Geschichte nicht anders als auf den Kommunismus hinauslaufen konnte. Du hättest bei einer Lehrerweiterbildung nach der Wende dabei sein sollen - wie fassungslos die Leute waren, als diese für sie ganz und gar selbstverständliche Weltanschauung (die übrigens auch eine explizite Fortschrittsidee war) hinterfragt wurde! Die gesamte schöne Kurve, einfach, präzise und klar, sauber und permanent aufsteigend, fiel in sich zusammen und hinterließ Unsicherheit, Rat- und Orientierungslosigkeit.

Konnte ich damit für etwas mehr Klarheit sorgen?
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von qik666 »

Andreas Eschbach hat geschrieben:Der würde sich sagen, "huch, Magie", und gut. Und mal ehrlich: Mehr hat uns Steve Jobs ja auch nicht gesagt, oder? :D
Made my Day!

Zum Thema Fermi Paradox:

Ein Paradox beruht auf Annahmen und ist nur existent wenn die Annahmen richtig sind. Bis jetzt konnte aber jedes Paradox dessen Annahmen überprüfbar wurden als nicht Paradox "entlarvt" werden.
Beispiele lassen sich leicht ergoogeln.

Beim Fermi Paradox muss man annehmen das die Aussis: 1. kommunizieren wollen, 2. nah genug sind, 3. ihre Kommunikationsversuche von uns als solche erkannt werden, und 4. Leben bereits lange genug möglich ist bzw. existiert.

Besonders das "nah genug" ist eine ziemlich gewagte Annahme.

Was man an der Drake Gleichung kritisieren kann versteh ich nicht.
Solange keine Werte aufgrund von Annahmen eingesetzt werden ist das eine völlig logische und legitime Möglichkeit eine bestimmte Zahl abzuschätzen. Nicht mehr und nicht weniger. Das die nötigen Werte sicher nicht in absehbarer Zeit bekannt sein werden und ihr momentaner realer Wert dadurch bescheiden klein ist steht ja wieder auf einem anderen Blatt Papier.
"Der Sinn fällt nicht vom Himmel, er wird auch nicht von einer Religion gestiftet, sondern ich selbst stifte Sinn, indem ich mir mein Tun wichtig mache." - Reinhold Messner

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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von kaffee-charly »

Thomas Wawerka hat geschrieben: ...
Konnte ich damit für etwas mehr Klarheit sorgen?
Nicht wirklich.
Ich verstehe zwar ansatzweise, was du meinst, kann es aber trotzdem nicht nachvollziehen.
Du betrachtest anscheinend den Glauben an Fortschritt als eine Art Ideologie im gesellschaftspolitischen Sinne (die aus Interpretation früherer Zeiten entsteht).

Fortschritt ist aber kein Glaube, keine Religion und keine Ideologie, sondern eine (nachprüfbare) Reihe von aufeinander aufbauenden Verbesserungen und Entwicklungen, zu denen auch vergangene Kulturen maßgeblich beigetragen haben (wenn auch evtl. ungewollt).
Ägypter, Mayas, Phönizier, Babylonier, Griechen und Römer waren sehr an der Erweiterung und Verbesserung von Wissen, Techniken und Fertigkeiten und damit an "Fortschritt" interessiert (auch wenn sie das vielleicht anders bezeichnet haben).
Ohne dieses Interesse hätten sie niemals die beeindruckenden Leistungen erbringen können, die wir noch heute bewundern.
Schau' dir die Bauwerke ihrer Architekten und Baumeister an, die mit jeder Generation besser wurden. Lies die Schriften ihrer Philosophen, in denen die Grundlagen von Mathematik, Naturwissenschaft und Ingenieurskunst zu finden sind. Das ist kein Glaube, sondern es sind nachprüfbare Fakten.
Und viele dieser Leistungen bildeten erst die Grundlagen unseres heutigen Wissens.
Architektur, Werkstoffkunde, Handwerk, Mathematik usw. usf. bauten auf diesen Leistungen und frühen Erkenntnissen auf und wurden entweder verworfen oder weiterentwickelt (sogar die Irrtümer führten zu Verbesserungen).
Und das, was heute erforscht und entwickelt wird (vor allem in der Grundlagenforschung), werden eines Tages unsere Nachfahren entweder als Irrtum verwerfen oder verbessern und weiterentwickeln (auch wenn es sicher Rückschläge geben wird).
Wenn das kein Fortschritt ist, was soll es dann sein?

In einer Hinsicht in Bezug auf "Fortschritt des Menschen" gebe ich dir aber recht:
Eine Weiterentwicklung des Menschen und seiner Natur wird es sicher nicht geben.
Wir werden trotz all unseres Wissens und unserer intellektuellen Fähigkeiten tief in unserem Innern immer Höhlenmenschen bleiben. Egoismus und Aggressivität wird immer Teil unserer Natur sein.
Daran wird keine Religion, keine Heilslehre und keine Ideologie jemals etwas ändern.
Diese Art von Fortschritt wird nicht stattfinden.

:kaffee_muede:
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Beverly
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Beverly »

Thomas Wawerka hat geschrieben:
Christof hat geschrieben:Nur in einem riesigen Zeitraum von 5k Jahren ist eine Kurve nach unten nicht weiter wild.
Ich würde sagen: Da ist der der Aufschwung der letzten 300 Jahre oder so nur eine kleine, unbedeutende Spitze ... Warten wir mal den Peak Oil ab und sprechen danach weiter über "Fortschritt!" 8-)
Ja, wir

- müssen die Schulpflicht abschaffen
- auch in der Oberschicht Lesen und Schreiben unterbinden, das hat im Feudalismus so wunderbar geklappt
- die Universtitäten schließen
- das Gesundheitswesen abschaffen
- die Frau an den Herd verbannen
- Ehebrecher steinigen
- die Wasserleitungen aus der Erde reißen; soll der Pöbel wieder zum Brunnen gehen
- Bischöfe und Nachfahren der Kurfürsten zusammentrommeln, damit sie für Deutschland wieder einen Kaiser wählen. Der Wulf ist als Staatsoberhaupt untragbar geworden und in der Karnevalssaison sind Narrenkappen überall zu haben
- Andersdenkende auf dem Scheiterhaufen verbrennen
- sexuelle Minderheiten umbringen
- wieder Pogrome an religiösen Minderheiten veranstalten
- Jerusalem von den Heiden befreien
- die Leibeigenschaft wieder einführen
- das ius prima nocti wieder einführen
- Elektrizität abschaffen
- nächtliche Straßenbeleuchtung verbieten (Gott hat gewollt, dass es des Nachts dunkel ist)
- aus Traktoren Schwerter und Ritterrüstungen machen, sollen die Bauern den Pflug selbst ziehen
- endlich die Maschinen stürmen und wieder jeden Nagel in Handarbeit herstellen
- die demographische Herausforderung mittels Seuchen und Kriegen lösen
- auf den Asteroiden warten, der die wieder in die "gute alte Zeit" zurück versetzte Menschheit von ihren Leiden erlösen wird

Beverly
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Beverly »

kaffee-charly hat geschrieben:Fortschritt ist aber kein Glaube, keine Religion und keine Ideologie, sondern eine (nachprüfbare) Reihe von aufeinander aufbauenden Verbesserungen und Entwicklungen, zu denen auch vergangene Kulturen maßgeblich beigetragen haben (wenn auch evtl. ungewollt).
Ich sehe das so:

Geschichte an sich ist kein Fortschritt, aber es hat im Laufe der historischen Epochen Fortschritt gegeben und der ist das, was bleibt. Zum Rest verweise ich bezüglich der vormodernen Epochen auf mein letzten Post - das war zu großen Teilen ein Abenteuerspielplatz von Schlägertypen, Demagogen und Intriganten, denen höhere Ziele irgendeiner Art völlig egal waren.

Ich bin gegenüber der Epoche, in der wir leben und die als "Moderne" bezeichnet wird, durchaus kritisch eingestellt und wünsche mir, dass sie durch eine andere Epoche abgelöst wird. Aber wie Thomas Wawerka anzudeuten, dass diese Epoche aus einem Aufguss einer vormodernen Epoche besteht, halte ich für zutiefst menschenverachtend. Er wärmt einen reaktionären Diskurs auf, der mindestens so alt ist wie das Zeitalter der Aufklärung und dessen Allgegenwart mich fragen lässt, ob die Aufklärung überhaupt stattgefunden hat.

Selbst, wenn wir nicht in einer Endzeit des triumphierenden Fortschritts leben, sondern in einer Epoche, vor der andere Epochen waren und nach der andere Epochen kommen, so muss der Weg vorwärts und aufwärts führen und nicht rückwärts und abwärts.

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Thomas Wawerka
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

qik666 hat geschrieben:Was man an der Drake Gleichung kritisieren kann versteh ich nicht.
Ganz einfach, sie setzt das "Fortschrittsschema" als Axiom voraus. Es ist so, es passiert so, bei uns und anderswo.
Nur mal ein paar Fragen: Was ist "intelligentes Leben"? Sind Ameisenstaaten intelligent? Was sind "technische Zivilisationen"? Waren die Ägypter eine solche? Folgen technische Zivilisationen notwendigerweise auf intelligentes Leben?
Die Drake-Gleichung ist damit nicht, hm ... falsch, sie funktioniert eben nur innerhalb des Schemas.
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

kaffee-charly hat geschrieben:Fortschritt ist aber kein Glaube, keine Religion und keine Ideologie, sondern eine (nachprüfbare) Reihe von aufeinander aufbauenden Verbesserungen und Entwicklungen, zu denen auch vergangene Kulturen maßgeblich beigetragen haben (wenn auch evtl. ungewollt).
Der Fortschritt ist ein Prinzip, mit dem wir Geschichte deuten, eine Schablone, eine Metapher, ein Symbol, in dem hochgradig konzentriert ist, wie wir die Geschichte sehen wollen und was wir glauben wollen, was der Mensch ist und wozu er bestimmt ist.

Den Fortschritt gibt es erst seit der Neuzeit. Ein paar wesentliche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um überhaupt so denken zu können. Die Entdeckung und Eroberung der "neuen Welt" z.B. Oder Magellans Weltumrundung, woraufhin langsam ins Bewusstsein der Menschen sickerte: Hey, wir können tatsächlich jeden Punkt der Welt erreichen! Es musste doch erstmal eine Ahnung davon und ein Wille dafür aufkommen, dass man die Welt in die Hände nehmen und umgestalten kann. Ich würde diese innere Haltung im Barock verorten. Die wirkliche Handhabe zur Umgestaltung der Welt im großen Stil hatten dann jene, die sich Watts Dampfmaschine zueigen machen konnten.

Vorher war der Fortschritt nicht existent. Er ist eine Denkfigur, die sich in den letzten ca. 300 Jahren herausgebildet und mittlerweile derart verfestigt hat, dass sie für die Wahrheit gehalten wird. Sicher gab es schon vorher gewisse Fortschritte, aber ansonsten ging das Bestreben der Menschen nicht in Richtung einer dynamischen Aufwärtsspirale, sondern in Richtung Kontinuität. Die Dampfmaschine gabs in der Antike schon, warum konnte erst ein Watt oder Newcombe sie "erfinden"? Die neue Welt war schon früher bekannt, warum konnte erst ein Kolumbus sie "entdecken"? Die Antekythera-Maschine ist ein Computer im Frühstadium, warum konnte erst ein Zuse den Computer "erfinden"? - - - Klar, wir behelfen uns mit der Denkfigur "Wissensverlust/ Wissensvernichtung in der Zeit des dunklen Mittelalters" - die Beule, die unsere Aufstiegsvorstellung so eklatant verunziert. In der Tat hat von ca. 300 vor bis ca. 1700 nach Christus - zumindest, was den "eurabischen Raum" betrifft - eine relativ gleichförmige Kultur existiert. Es gab partielle Fortschritte, es gab partielle Rückschritte. Eine "nachprüfbare Reihe von aufeinander aufbauenden Verbesserungen und Entwicklungen" ist pure Illusion.
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Beverly hat geschrieben:Aber wie Thomas Wawerka anzudeuten, dass diese Epoche aus einem Aufguss einer vormodernen Epoche besteht, halte ich für zutiefst menschenverachtend. Er wärmt einen reaktionären Diskurs auf, der mindestens so alt ist wie das Zeitalter der Aufklärung und dessen Allgegenwart mich fragen lässt, ob die Aufklärung überhaupt stattgefunden hat.
Du unterstellst mir Sachen, die ich nirgends gesagt oder angedeutet habe. Ich bin ein großer Freund und Verteidiger der Aufklärung. Und ist es nicht gerade im Sinne der Aufklärung, verkrustete Denkschemata zu hinterfragen und aufzubrechen? Darin besteht der Unterschied zwischen Menschen, die das Wort "Aufklärung" bloß nachplappern und Menschen, die sich die Mühe machen und wirklich denken ... bemüh dich mal um konstruktivere Beiträge!
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von a3kHH »

Thomas Wawerka hat geschrieben:
qik666 hat geschrieben:Was man an der Drake Gleichung kritisieren kann versteh ich nicht.
Ganz einfach, sie setzt das "Fortschrittsschema" als Axiom voraus. Es ist so, es passiert so, bei uns und anderswo.
Nur mal ein paar Fragen: Was ist "intelligentes Leben"? Sind Ameisenstaaten intelligent? Was sind "technische Zivilisationen"? Waren die Ägypter eine solche? Folgen technische Zivilisationen notwendigerweise auf intelligentes Leben?
Die Drake-Gleichung ist damit nicht, hm ... falsch, sie funktioniert eben nur innerhalb des Schemas.
Vollkommen richtig.
Die Standard-Definition von Intelligenz, die fast alle Menschen ohne sie zu hinterfragen als gegeben annehmen, ist definitiv anthropomorph und zu kurz gefasst. Lebt man mit Tieren zusammen, fällt auf, daß deren Intelligenz anders funktioniert, oftmals eher sozialer denn analytischer Natur ist.
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Christof

Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Christof »

@Thomas Wawerka
Kann es sein das du aus der geisteswissenschaftlichen Ecke kommst? Das was du schreibst erinnert mich an x Diskussionen mit Pfarrern und Theologen oder gar Religionspädagogen aus meinem Freundeskreis. Es ist die gleiche Richtung wo es um Metaphern, Symbolen und Co geht, statt mit einfachen nachweisbaren Fakten. Die man im Falle des Fortschritts sogar anlangen kann. Man gehe an den Bodensee, besuche einen Pfahlbau, gehe weiter zu einer Römerstraße, gehe weiter in ein Automobilmuseum usw.
Das hat nichts, aber wirklich gar nichts mit einer Geisteswissenschaft zu tun.
Der Fortschritt ist ein Prinzip, mit dem wir Geschichte deuten, eine Schablone, eine Metapher, ein Symbol, in dem hochgradig konzentriert ist, wie wir die Geschichte sehen wollen und was wir glauben wollen, was der Mensch ist und wozu er bestimmt ist.
Nein. Fortschritt sind Nachweisbare Dinge. Aus A wird B, aus B wird C usw. Wir können uns jetzt sicher über Geisteshaltungen, philosophische Ansätze die Köpfe heiß schlagen, ändert es etwas daran das in der Antike die Grundlagen der Mathematik gelegt wurden? Das diese in all den Jahrtausenden bis heute weiter entwickelt wurde? Sicher nicht. -> Fortschritt in der Mathematik. Und im Grunde trifft das auf alles zu. Seit dem der erste Mensch auf den Baum verlassen hat, hat er Wissen angehäuft, dieses weiter verfeinert und an die nächsten weiter gegeben.
. Und unsere Geschichtsverwertung in Bezug auf die antiken Kulturen besteht eben auch darin, sie in die gedachte ansteigende Linie oder Kurve des permanenten Fortschritts einzuzeichnen - wo zwar die eine oder andere Ausbuchtung nach unten schon mal vorkommen kann (siehe Christof), aber das Prinzip trotzdem stimmt. Es geht weiter aufwärts, bis zu den Sternen.
Kurven sind per Definition nicht nur aufsteigend. Nur zeigen sogar archäologische Ausgrabungen, das der Mensch kaum vom Baum herunter am Fortschritt interessiert war und massiv daran arbeitete. Dieses Wissen weiter gab. Dazwischen gab es dunkle Epochen wo z.B. verrückte Religionen Wissen verboten, es unterbanden. Ganz Kulturen gingen unter. Sprich die Kurve geht sehr oft nach unten. Nur wenn man alles zusammen nimmt, alles über sehr sehr lange Zeiträume betrachtet, wird Wissen erweitert, am Fortschritt, an besseren Lebensumständen, an neuen Ideen gearbeitet. Nur mit Gewalt kann man die Menschheit davon abbringen.
Zuletzt geändert von Christof am 12. Februar 2012 11:16, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Mein Freund eRDe, der sich auch hier ab und zu rumtreibt, hat mir geschrieben und meinen Stil kritisiert. Er meint, ich wäre zu apodiktisch, wenn ich schreibe "Science Fiction IST [dies und jenes]". Um es etwas gefälliger zu machen, hier der Relaunch:

Science Fiction kann unter bestimmten Gesichtspunkten die Funktion eines Religionsersatzes, einer säkularen Konfession einnehmen. Science Fiction kann unter bestimmten Gesichtspunkten die Funktion einnehmen, originäres Ausdrucksmittel, Überträger und Verbreiter der Idee vom Fortschritt zu sein. Unter anderen Gesichtspunkten ist Science Fiction einfach kreatives und spannendes Lesefutter. :smokin
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Re: Zukunftsvisionen für die Menschheit

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Christof hat geschrieben:Nein. Fortschritt sind Nachweisbare Dinge. Aus A wird B, aus B wird C usw.
Ich verweise auf meine Unterscheidung zwischen dem Fortschritt und Fortschritten - bitte beachten und in der Diskussion nicht vermengen! Fortschritte lassen sich zweifellos nachweisen - dagegen habe ich nie auch nur den geringsten Einspruch erhoben!

Aus A wird B wird C - na das ist ja hübsch! Woher weißt du, dass "A" den Stellenwert von "A" einnimmt und nicht von "B" oder "C"? Woher weißt du, dass du die drei Größen so ordnen musst und nicht anders? Dass es drei sind oder fünf oder 53 oder beliebig viele? Dass sie auf einer Reihe liegen und nicht beispielsweise netzwerkartig anzuordnen sind? Dass B aus A folgt und C aus B und nicht beispielsweise A, B, C aus einer übergeordneten Größe 0? Das alles sind Operationen, die sich nur aufgrund geisteswissenschaftlich begründeter Voraussetzungen vollziehen lassen!

Wirklich an die Wurzel gehen doch erst die Geisteswissenschaften, weil sie uns als unvollkommene Menschen ernst nehmen und zu erklären versuchen, wie wir ticken, wie und warum wir verstehen, was wir zu verstehen glauben, wo unsere "blinden Flecken" sind und wie wir damit trotzdem zu einem besseren Verständnis der Dinge gelangen. Du bist wahrscheinlich auch so einer von denen die denken, Geisteswissenschaftler labern nur rum ... Du denkst, du kannst auf die Geschichte schauen und siehst eine Reihe "A, B, C" und so verhält es sich, punktum. Ich versuche zu erklären, warum wir überhaupt diese Reihe sehen, durch welche Brille diese Reihe zustandekommt und wie sich die Beweise dafür werten lassen. mkay?

Ich geh jetzt erstmal :kaffee:
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