Andreas Eschbach: "Der Letzte seiner Art"

Science Fiction in Buchform
Benutzeravatar
andreas
True-Fan
True-Fan
Beiträge: 195
Registriert: 5. April 2003 16:38
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: Schätzing: Limit
Wohnort: Tuttlingen

Ungelesener Beitrag von andreas »

SPOILER!!!!

Duane Fitzgerald ist ein Cyborg, eine vom US-Militär mit übermenschlichen Kräften und technischen Schnickschnack ausgerüstete Kampfmaschine, ein für Einzelkämpfereinsätze aufgerüsteter Mensch.

Doch das Projekt Steel-Man wird nach etlichen technischen und finanziellen Rückschlägen von der Regierung auf Eis gelegt. Duane und seine Gefährten werden in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, getrennt und leben fortan zurückgezogen als milliardenschwerer Schrott in den von ihnen gewählten Gegenden der USA.

Duane bekommt die Erlaubnis sich in Dingle, dem Land seiner Ahnen im Südwesten Irlands niederzulassen. Dort führt er ein unauffälliges Leben außerhalb der Gesellschaft bis eines Tages ein Anwalt auftaucht, der in dazu bewegen will eine Schadensersatzklage gegen die Regierung der Vereinigten Staaten zu führen. Doch bevor es soweit kommen kann wird der Jurist ermordet.

Kurz darauf tauchen noch mehr Fremde in dem verschlafenen Fischerdorf auf und ein weiterer Mord passiert. Diesmal ist es ein Arzt dem sich Duane offenbart hat und über Fitzgeralds Innenleben bestens bescheid weiß. Duane versucht hinter das Geheimnis der ihn beobachtenden Fremden zu kommen...

Ja, das klingt nach rambam: ein im Stich gelassener Soldat nimmt Rache und beginnt seinen persönlichen Krieg gegen den perfiden Militärapparat. Ich sehe Explosionen und einen unbesiegbaren, lächelnden Protagonisten der seinen ehemaligen „Ziehvätern“ das Fell über die Ohren zieht, einen Haufen Asche hinter sich lässt um nach getaner Arbeit in sein Fischerdörfchen zurückzukehren und ein neues, freies Leben zu beginnen... aaarrggghhh.

Aber nix da, Eschbach lässt sich nicht dazu hinreißen einen solch ausgelutschten Plot darzustellen und das ist gut so :wink: . Die Geschichte die er erzählt ist eher eine ruhige die sich mit dem nichttechnischen Innenleben des Hauptdarsteller beschäftigt.

Er legt dar, dass die verheißungsvolle Technik in seinem Körper eine Hölle für Duane geworden ist. Sein Turboherz hat von Anfang an nicht so funktioniert wie es die Entwickler haben wollten und die Titanlegierungen in seinem Körper sind so schwer, dass er ständig Probleme damit hat. Dazu kommt das die Modifizierungen einem schleichenden Alterungsprozess anheimfallen und ihm die Gewissheit geben, dass es um eine hohe Lebenserwartung eher schlecht bestellt ist.

Der Autor beschreibt mit Liebe zum Detail wie der alltägliche Horror eines Cyborgs aussehen muss und das macht den Roman zu etwas einzigartigem. So beschreibt er z. B. die komplizierte und einzig praktikable Möglichkeit der Nahrungsaufnahme die Duane geblieben ist, nachdem man einen Großteil seines Darms zugunsten technischer Ausrüstung entfernt hat und man leidet mit wenn er den Wunsch nach einem Bier oder herkömmlicher Nahrung äußert. Oder er zeigt auf, dass Fitzgeralds Superauge solch ein Gewicht besitzt, dass es sich mit der Zeit in der Augenhöhle abgesengt hat. Das sind Sachen bei denen man sieht, dass Eschbach sich Gedanken und Mühe gemacht hat.

Dabei wird das Ganze nicht ohne Komik und mit einem verschmitzten Grinsen erzählt. Duane flüchtet sich in die Philosophie im speziellen einem römischen Philosophen namens Seneca, dessen Zitate jedes Kapitel des Romans einleiten. Senecas Credo ist: hadere nicht mit dem Schicksal, den nur wer große Mühen ohne zu murren meistert hat sein Leben wirklich gelebt. Das ganze hört sich ein bisschen bauernschlau und profan an, passt aber auf die Situation in der sich Fitzgerald befindet gut. Zudem ist der Protagonist nicht einer der übersprudelnde Intelligenz besitzt, was ihn aber sympathisch und glaubwürdig macht.

Der Charakter des Duane Fitzgerald ist schön herausgearbeitet ohne das entnervende Längen entstehen. Klar hätte man die Thematik philosophisch wesentlich tiefer abhandeln können, was ich mir auch das ein oder andere mal gewünscht hätte, aber so bleibt es was Eschbach ausmacht nämlich gut lesbar ohne zuviel Anspruch. Es bleibt für den Leser noch genug übrig über das er sich Gedanken machen kann. Zum Beispiel wird kurz die Frage angerissen wo sich die Grenze Mensch-Cyborg befindet. Ist man schon ein Cyborg wenn man ein künstliches Herz in sich trägt? Welche Auswirkung hat das auf das Menschsein? Wird man weniger Wert und Schritt für Schritt zur Maschine ohne Rechte je mehr Organe durch Technik ersetzt werden? Die Grenze zur Maschine scheint im Falle der Steel-Man schon überschritten denn ihnen würde ein Notaus-Schalter eingefügt und ihren Vorgesetzten bleibt das Privileg ihn zu drücken.

Die eigentliche Handlung bleibt dagegen etwas blass und platt. Hier wird mit den üblichen Klischees gearbeitet. Eine Verschwörungsgeschichte in der es die üblichen Guten und Bösen gibt. So auch die Liebesgeschichte mit Keane, einer natürlich rothaarig, sommersprossig, grünäugigen irischen Schönheit, deren Mann (natürlich gutaussehend, schwarzhaarig und mit wildem Blick bestückt) natürlich in der Komandoebene der IRA tätig war und ermordet wurde. Wahrscheinlich diente Eschbach die Liebe hier als ein Mittel um Duane die Möglichkeit zu geben sich über Senecas Lebensweisheiten zu erheben und das Leid der unerfüllten Liebe als ebenso hoch einzuschätzen wie Senecas kraftmeierische Philosophie. Frei nach dem Motto: Ich fühle mich.

Mir wurde schon frühzeitig klar das es für Fitzgerald kein Entkommen gibt. Duane, wahrscheinlich aufgrund seiner mangelnden Intelligenz, erst zum Schluß, denn natürlich muss ein mit allen technischen Pipapo ausgerüsteter Organismus über ein klasse Ortungssystem verfügen allein schon um die militärischen Operationen von außen koordinieren zu können. Ich wäre echt enttäuscht gewesen hätte man diesen Aspekt nicht berücksichtigt. So bleibt nur der bittere Geschmack, dass wenn Duane es nicht schon von Haus aus wusste, er doch etwas früher auf den Gedanken hätte kommen müssen, dass man ein militärisches Gerät das Milliarden gekostet hat und ein immenses Sicherheitsrisiko darstellt nicht einfach so rumrennen lässt.

Interessant allerdings ist die Frage, ob Duane nur deshalb verschont wurde um ein ausgestopftes Sammlerobjekt von Hunter zu werden oder ob das nur Paranoia eines alterierenden Cyborgs ist.

Mein Urteil: durchaus lesenswert.

Gruß Andreas

Benutzeravatar
Khaanara
Gamemaster des Forums
Gamemaster des Forums
Beiträge: 12416
Registriert: 14. Oktober 2002 08:00
Bundesland: Hessen
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: Perry Rhodan-Paket 55 :"Das atopische Tribunal (Teil 1)
Perry Rhodan Silberband 85: "Allianz der Galaktiker"
Sascha Mamzack "Das Science Fiction Jahr 2014"
Marion Zimmer Bradley "Herrin der Stürme"
Wohnort: Schwalbach a.Ts.
Kontaktdaten:

Ungelesener Beitrag von Khaanara »

Nach dem ausführlichen Bericht, kann ich mich ja jetzt einem anderen Roman zu Gemüte führen. 8)

Benutzeravatar
andreas
True-Fan
True-Fan
Beiträge: 195
Registriert: 5. April 2003 16:38
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: Schätzing: Limit
Wohnort: Tuttlingen

Ungelesener Beitrag von andreas »

@khaanara:
Khaanara hat geschrieben:Nach dem ausführlichen Bericht, kann ich mich ja jetzt einem anderen Roman zu Gemüte führen. 8)
ääh, hätte ich den spoiler-hinweis größer machen sollen?

Benutzeravatar
Jorge

Ungelesener Beitrag von Jorge »

andreas hat geschrieben:SPOILER!!!!

Duane Fitzgerald ist ein Cyborg, eine vom US-Militär mit übermenschlichen Kräften und technischen Schnickschnack ausgerüstete Kampfmaschine, ein für Einzelkämpfereinsätze aufgerüsteter Mensch.

Doch das Projekt Steel-Man wird nach etlichen technischen und finanziellen Rückschlägen von der Regierung auf Eis gelegt. Duane und seine Gefährten werden in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, getrennt und leben fortan zurückgezogen als milliardenschwerer Schrott in den von ihnen gewählten Gegenden der USA.

Duane bekommt die Erlaubnis sich in Dingle, dem Land seiner Ahnen im Südwesten Irlands niederzulassen. Dort führt er ein unauffälliges Leben außerhalb der Gesellschaft bis eines Tages ein Anwalt auftaucht, der in dazu bewegen will eine Schadensersatzklage gegen die Regierung der Vereinigten Staaten zu führen. Doch bevor es soweit kommen kann wird der Jurist ermordet.

Kurz darauf tauchen noch mehr Fremde in dem verschlafenen Fischerdorf auf und ein weiterer Mord passiert. Diesmal ist es ein Arzt dem sich Duane offenbart hat und über Fitzgeralds Innenleben bestens bescheid weiß. Duane versucht hinter das Geheimnis der ihn beobachtenden Fremden zu kommen...

Ja, das klingt nach rambam: ein im Stich gelassener Soldat nimmt Rache und beginnt seinen persönlichen Krieg gegen den perfiden Militärapparat. Ich sehe Explosionen und einen unbesiegbaren, lächelnden Protagonisten der seinen ehemaligen „Ziehvätern“ das Fell über die Ohren zieht, einen Haufen Asche hinter sich lässt um nach getaner Arbeit in sein Fischerdörfchen zurückzukehren und ein neues, freies Leben zu beginnen... aaarrggghhh.

Aber nix da, Eschbach lässt sich nicht dazu hinreißen einen solch ausgelutschten Plot darzustellen und das ist gut so :wink: . Die Geschichte die er erzählt ist eher eine ruhige die sich mit dem nichttechnischen Innenleben des Hauptdarsteller beschäftigt.

Er legt dar, dass die verheißungsvolle Technik in seinem Körper eine Hölle für Duane geworden ist. Sein Turboherz hat von Anfang an nicht so funktioniert wie es die Entwickler haben wollten und die Titanlegierungen in seinem Körper sind so schwer, dass er ständig Probleme damit hat. Dazu kommt das die Modifizierungen einem schleichenden Alterungsprozess anheimfallen und ihm die Gewissheit geben, dass es um eine hohe Lebenserwartung eher schlecht bestellt ist.

Der Autor beschreibt mit Liebe zum Detail wie der alltägliche Horror eines Cyborgs aussehen muss und das macht den Roman zu etwas einzigartigem. So beschreibt er z. B. die komplizierte und einzig praktikable Möglichkeit der Nahrungsaufnahme die Duane geblieben ist, nachdem man einen Großteil seines Darms zugunsten technischer Ausrüstung entfernt hat und man leidet mit wenn er den Wunsch nach einem Bier oder herkömmlicher Nahrung äußert. Oder er zeigt auf, dass Fitzgeralds Superauge solch ein Gewicht besitzt, dass es sich mit der Zeit in der Augenhöhle abgesengt hat. Das sind Sachen bei denen man sieht, dass Eschbach sich Gedanken und Mühe gemacht hat.

Dabei wird das Ganze nicht ohne Komik und mit einem verschmitzten Grinsen erzählt. Duane flüchtet sich in die Philosophie im speziellen einem römischen Philosophen namens Seneca, dessen Zitate jedes Kapitel des Romans einleiten. Senecas Credo ist: hadere nicht mit dem Schicksal, den nur wer große Mühen ohne zu murren meistert hat sein Leben wirklich gelebt. Das ganze hört sich ein bisschen bauernschlau und profan an, passt aber auf die Situation in der sich Fitzgerald befindet gut. Zudem ist der Protagonist nicht einer der übersprudelnde Intelligenz besitzt, was ihn aber sympathisch und glaubwürdig macht.

Der Charakter des Duane Fitzgerald ist schön herausgearbeitet ohne das entnervende Längen entstehen. Klar hätte man die Thematik philosophisch wesentlich tiefer abhandeln können, was ich mir auch das ein oder andere mal gewünscht hätte, aber so bleibt es was Eschbach ausmacht nämlich gut lesbar ohne zuviel Anspruch. Es bleibt für den Leser noch genug übrig über das er sich Gedanken machen kann. Zum Beispiel wird kurz die Frage angerissen wo sich die Grenze Mensch-Cyborg befindet. Ist man schon ein Cyborg wenn man ein künstliches Herz in sich trägt? Welche Auswirkung hat das auf das Menschsein? Wird man weniger Wert und Schritt für Schritt zur Maschine ohne Rechte je mehr Organe durch Technik ersetzt werden? Die Grenze zur Maschine scheint im Falle der Steel-Man schon überschritten denn ihnen würde ein Notaus-Schalter eingefügt und ihren Vorgesetzten bleibt das Privileg ihn zu drücken.

Die eigentliche Handlung bleibt dagegen etwas blass und platt. Hier wird mit den üblichen Klischees gearbeitet. Eine Verschwörungsgeschichte in der es die üblichen Guten und Bösen gibt. So auch die Liebesgeschichte mit Keane, einer natürlich rothaarig, sommersprossig, grünäugigen irischen Schönheit, deren Mann (natürlich gutaussehend, schwarzhaarig und mit wildem Blick bestückt) natürlich in der Komandoebene der IRA tätig war und ermordet wurde. Wahrscheinlich diente Eschbach die Liebe hier als ein Mittel um Duane die Möglichkeit zu geben sich über Senecas Lebensweisheiten zu erheben und das Leid der unerfüllten Liebe als ebenso hoch einzuschätzen wie Senecas kraftmeierische Philosophie. Frei nach dem Motto: Ich fühle mich.

Mir wurde schon frühzeitig klar das es für Fitzgerald kein Entkommen gibt. Duane, wahrscheinlich aufgrund seiner mangelnden Intelligenz, erst zum Schluß, denn natürlich muss ein mit allen technischen Pipapo ausgerüsteter Organismus über ein klasse Ortungssystem verfügen allein schon um die militärischen Operationen von außen koordinieren zu können. Ich wäre echt enttäuscht gewesen hätte man diesen Aspekt nicht berücksichtigt. So bleibt nur der bittere Geschmack, dass wenn Duane es nicht schon von Haus aus wusste, er doch etwas früher auf den Gedanken hätte kommen müssen, dass man ein militärisches Gerät das Milliarden gekostet hat und ein immenses Sicherheitsrisiko darstellt nicht einfach so rumrennen lässt.

Interessant allerdings ist die Frage, ob Duane nur deshalb verschont wurde um ein ausgestopftes Sammlerobjekt von Hunter zu werden oder ob das nur Paranoia eines alterierenden Cyborgs ist.

Mein Urteil: durchaus lesenswert.

Gruß Andreas
Kann es sein, das Eschbach Ideen aus Fredrik Pohl`s "Der Plusmensch"(Man +) bezogen hat? Da geht es zwar darum einen Menschen für das Überleben auf dem Mars als Cyborg herzurichten, aber diese Schwierigkeiten mit den künstlichen Organen und die Frage nach der Menschlichkeit klingen etwas bekannt..... :wink:

Benutzeravatar
Shock Wave Rider
Statistiker des Forums!
Statistiker des Forums!
Beiträge: 9525
Registriert: 20. Juli 2003 21:28
Bundesland: Bayern
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: L. Niven "Die Ringwelt"
K.N. Frick (Hg.) "Wie künstlich ist Intelligenz?"
Wohnort: München

Ungelesener Beitrag von Shock Wave Rider »

andreas hat geschrieben:SPOILER!!!!

Duane Fitzgerald ist ...
Nicht gelesen!
Noch nicht mal ignoriert habe ich diesen Beitrag!
Grund: Illegales Spoilern! :evil:
Shock Wave Riders Kritiken aus München
möchten viele Autor'n übertünchen.
Denn er tut sich verbitten
Aliens, UFOs und Titten.
Einen Kerl wie den sollte man lünchen!

Benutzeravatar
andreas
True-Fan
True-Fan
Beiträge: 195
Registriert: 5. April 2003 16:38
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: Schätzing: Limit
Wohnort: Tuttlingen

Ungelesener Beitrag von andreas »

Shock Wave Rider hat geschrieben:
andreas hat geschrieben:SPOILER!!!!

Duane Fitzgerald ist ...
Nicht gelesen!
Noch nicht mal ignoriert habe ich diesen Beitrag!
Grund: Illegales Spoilern! :evil:
@Shock Wave Rider: klär mich auf

Benutzeravatar
Shock Wave Rider
Statistiker des Forums!
Statistiker des Forums!
Beiträge: 9525
Registriert: 20. Juli 2003 21:28
Bundesland: Bayern
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: L. Niven "Die Ringwelt"
K.N. Frick (Hg.) "Wie künstlich ist Intelligenz?"
Wohnort: München

Ungelesener Beitrag von Shock Wave Rider »

andreas hat geschrieben:@Shock Wave Rider: klär mich auf
Du bist noch nicht aufgeklärt? :o
Bevor ich jetzt etwas Jugend gefährdendes mache: wie alt bist Du? :wink:
Shock Wave Riders Kritiken aus München
möchten viele Autor'n übertünchen.
Denn er tut sich verbitten
Aliens, UFOs und Titten.
Einen Kerl wie den sollte man lünchen!

Benutzeravatar
breitsameter
Ghu
Ghu
Beiträge: 12117
Registriert: 25. Dezember 2001 00:00
Bundesland: Bayern
Land: Deutschland
Wohnort: München
Kontaktdaten:

Ungelesener Beitrag von breitsameter »

Bevor dieser Thread völlig in Albernheiten versinkt (war der Hinweis deutlich genug?), möchte ich anmerken, daß mich "Der Letzte seiner Art" in manchen Punkten an Andreas Eschbachs PERRY RHODAN-Heftroman "Der Gesang der Stille" erinnert hat. Hier wie dort geht es um die Frage, wann der Mensch zur Maschine wird, und welche Opfer man dafür bereit ist, auf sich zu nehmen. Vielleicht waren es aber auch nur einzelne Szenen, die mich so an Skill Morgensterns "Augenoperation" am Ende des PR-Heftes erinnert haben.

Nebenbei: Vom Ende von "Der Letzte seiner Art" war ich ein wenig enttäuscht, aber es macht trotzdem letztlich sehr viel Sinn. :wink:
Echte Vampire schillern nicht im Sonnenlicht, sie explodieren. Echte Helden küssen keinen Vampir, sie töten ihn.

Benutzeravatar
Shock Wave Rider
Statistiker des Forums!
Statistiker des Forums!
Beiträge: 9525
Registriert: 20. Juli 2003 21:28
Bundesland: Bayern
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: L. Niven "Die Ringwelt"
K.N. Frick (Hg.) "Wie künstlich ist Intelligenz?"
Wohnort: München

Ungelesener Beitrag von Shock Wave Rider »

breitsameter hat geschrieben:Bevor dieser Thread völlig in Albernheiten versinkt (war der Hinweis deutlich genug?), ...
Meine Güte, ist der Mensch empfindlich! Fühlt sich schon von ein paar Albernheiten bedroht.

Nun gut: Dann schreibe ich mal höchst ernsthaft über Eschbach!
Ich kenne von ihm "Quest", "Exponentialdrift", "Perfect Copy" und seinen Mars-Jugendroman, dessen Titel mir gerade nicht einfällt.

Quest hat mich über weite Strecken begeistert und mitgerissen. Vor allem das erste Kapitel, der Angriff auf das Pashkanarium, war fesselnd. Nur wenige Autoren können derart klare innere Filme erzeugen. Über weite Strecken konnte er das Niveau halten. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, ging es mir, als käme ich gerade aus einen Abenteuerfilm aus dem Kino: ich hatte ein Leseerlebnis hinter mir, dessen Handlung und Charaktere mich aber merkwürdig unberührt ließen.

Exponentialdrift fand ich unter Berücksichtigung der Randbedingungen (Einbeziehung aktueller Ereignisse in einen Fortsetzungsroman) recht gut gelungen. Allerdings würde ich es nicht zu meinen Lieblingsbüchern rechnen. Die Handlung war etwas zu glatt und rund, und die Aktualitätsbezüge standen insgesamt doch zu sehr neben der Handlung.

Der Mars-Jugendroman war spannend geschrieben, in die Charaktere der Kinder konnte ich mich gut einfühlen. Aber gerade, als man auf die ersten Spuren der Marsmenschen stieß, endete das Buch. Ich fühle mich ein wenig vergackeiert (um einen politisch korrekten Ausdruck zu verwenden).

Perfect Copy hat ein hochaktuelles Thema (Klonen) von vielen Seiten beleuchtet und einige mir bislang unberücksichtigte Facetten aufgezeigt. Das Ganze war in eine spannende Handlung mit zumeist überzeugenden Charakteren eingefasst. Ein gutes Buch.

Fazit: Eschbach zählt zu den besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, nicht nur im SF-Sektor. Er kann mitreißend schreiben und ungezwungen bildliche Vorstellungen in die Köpfe der Leser zaubern. Seine Figuren haben mich jedoch bislang noch nie richtig unmittelbar berührt. Sie blieben mir stets etwas fremd.

Das hatte jetzt allerdings nichts mit "Der Letzte seiner Art" zu tun. Noch weiß ich nicht, ob und wann ich mir das Teil besorge. Eine oberflächliche Erhebung ergab einen Bestand von mindestens 96 ungelesenen Büchern in meinen Regalen. Die Zahl muß sich erstmal deutlich verringern, bevor ich mir was Neues anschaffe.
Shock Wave Riders Kritiken aus München
möchten viele Autor'n übertünchen.
Denn er tut sich verbitten
Aliens, UFOs und Titten.
Einen Kerl wie den sollte man lünchen!

heino
SMOF
SMOF
Beiträge: 7078
Registriert: 2. Mai 2003 20:29
Bundesland: NRW
Land: Deutschland
Wohnort: Köln

Ungelesener Beitrag von heino »

Das Problem mit den vielen noch ungelesenen Büchern im Regal kenn ich gut, das habe ich auch immer :bier:
Ich habe "Der letzte seiner Art" noch nicht gelesen, aber ich kenne Man+ und denke nicht, daß es Eschbach sonderlich als Inspiration gedient hat.
Es gibt da einen alten Film aus den 70ern über einen Wissenschaftler,der nach einem Unfall im Ostblock von DDR-Ärzten durch Operation und Umwandlung in einen Cyborg verwandelt wird und deshalb bei seiner Rückkehr in den Westen große Probleme mit seinem Arbeitgeber (US-Regierung) bekommt, weil die ihn nicht mehr für einen Menschen und auch noch für einen Spion hält. Der Film heißt "Der Mann aus Metall" und geht auf einen Roman von Algis Budrys zurück, wenn ich mich recht erinnere. Das scheint mir von der Thematik viel näherliegend zu sein als Man+.
Lektüre daheim:
Matt Ruff - Ich und die anderen
Lektüre unterwegs:
Stefan Orth - Couchsurfing in Saudi-Arabien

Benutzeravatar
Jorge

Ungelesener Beitrag von Jorge »

heino hat geschrieben:Das Problem mit den vielen noch ungelesenen Büchern im Regal kenn ich gut, das habe ich auch immer :bier:
Ich habe "Der letzte seiner Art" noch nicht gelesen, aber ich kenne Man+ und denke nicht, daß es Eschbach sonderlich als Inspiration gedient hat.
Es gibt da einen alten Film aus den 70ern über einen Wissenschaftler,der nach einem Unfall im Ostblock von DDR-Ärzten durch Operation und Umwandlung in einen Cyborg verwandelt wird und deshalb bei seiner Rückkehr in den Westen große Probleme mit seinem Arbeitgeber (US-Regierung) bekommt, weil die ihn nicht mehr für einen Menschen und auch noch für einen Spion hält. Der Film heißt "Der Mann aus Metall" und geht auf einen Roman von Algis Budrys zurück, wenn ich mich recht erinnere. Das scheint mir von der Thematik viel näherliegend zu sein als Man+.
Stimmt, der Roman ist von Budrys("Zwischen zwei Welten"(Who?)), die Ähnlichkeiten, die ich zu "Man+" noch in Erinnerung habe, betreffen die körperlichen Veränderungen(neue Augen für Infrarotsicht, andere Haut, Entfernen der Eingeweide und Geschlechtsorgane usw.)
Die Veränderungen im Film bzw. Roman von Budrys sind auch recht drastisch: Lucas Martino verfügt nach seiner "Wiederherstellung" nur noch über sein Gehirn, seine Augen und einen Arm; alles andere besteht aus Plastik und Metall, selbst sein Herz und seine Eingeweide sind zum größten Teil künstlich ersetzt worden. Klar das die westlichen Geheimdienste glauben, das der KGB ihnen ein Kuckucksei ins Nest legen will(tatsächlich wurde das auch versucht, aber der "Freiwillige" starb noch auf dem Operationstisch, so das tatsächlich Martino in den Westen zurückgekehrt ist).

Benutzeravatar
Bungle
SMOF
SMOF
Beiträge: 2816
Registriert: 23. Mai 2003 22:01
Land: Deutschland
Liest zur Zeit: Torsten Scheib "Götterschlacht"
Wohnort: Flussfahrerheim

Ungelesener Beitrag von Bungle »

heino hat geschrieben:Er ist auch, aber nicht nur, SF-Autor. Bestes Beispiel ist wohl "Das Jesus-Video", in dem er SF und Thriller mischt. Ähnliches haben aber auch schon etliche "richtige" SF-Autoren getan, z.B. Alfred Bester mit "Demolition", das ein typisches SF-Thema (geistige Mutationen/Super-fähigkeiten) mit einer Krimistory vermengt. Daß er sich selber nicht als SF- sondern als Phantastik-Autoren betrachtet, ist daher durchaus richtig, weil er damit eine größere thematische Bandbreite zur Verfügung hat. Trotzdem hat er schon einige Sf-Romane geschrieben.
Heino, er sieht sich nicht allgemein als Phantastik-Autor, sondern als Autor, der Themen behandelt, die auch Themen der Science Fiction sind. Sein Ansatz und womöglich die Vorstellung von seiner Leserschaft ist ein anderer. Du hast, recht Science Fiction und Krimi/Thriller-Elemente zu vermischen, das ist nicht das Besondere bei Eschbach. Er ist eben keine Genre-Autor, der um innovative Themen bemüht ist, sprich das "Genre" in irgendeinder Form voranbringt, wie dies zum Bsp William Gibson gemacht hat.
Man kann Eschbach vielleicht mit Philip Kerr vergleichen, der auch "reine" Science Fiction Romane (Der zweite Engel z. Bs.) geschrieben hat, der aber ein ganz anderes Publikum hat und die Wissenschaft viel ernster nimmt als ein Science Fiction-Autor.

MB

Benutzeravatar
gnal
Fan
Fan
Beiträge: 22
Registriert: 27. Dezember 2002 11:27
Bundesland:
Land: Österreich
Wohnort: A-Linz
Kontaktdaten:

Ungelesener Beitrag von gnal »

Shock Wave Rider hat geschrieben:Eine oberflächliche Erhebung ergab einen Bestand von mindestens 96 ungelesenen Büchern in meinen Regalen. Die Zahl muß sich erstmal deutlich verringern, bevor ich mir was Neues anschaffe.
Das kommt mir irgendwie bekannt vor...
Am schlimmsten ist wenn man nach dem man ein buch gekauft hat eines dieser Reviews lest, wie z. b. - hier, und diese nicht so gut ausgefallen ist.
Ein paar beispiele:
Brian Aldiss- Weißer Mars
Myra Cakan- Downtown Blues
Bruce Sterling- Inseln im Netz
Bruce Sterling- Distraction
...
Liest zur Zeit:
- "Die kalte Schuler" von Markus Werner

Kino:
- Caché

heino
SMOF
SMOF
Beiträge: 7078
Registriert: 2. Mai 2003 20:29
Bundesland: NRW
Land: Deutschland
Wohnort: Köln

Ungelesener Beitrag von heino »

@Jorge und Bungle: ihr habt beide recht und ich denke, wir stimmen weitestgehend miteinander überein :bier:
@gnal : auch dir stimme ich zu. Mir geht es momentan mit "Das tropische Millenium" von Norman Spinrad so, das Florian hier vor einiger Zeit als nicht sehr gut bewertet hat. Ich habe letzte Woche mit dem Lesen dieses Buches angefangen und bin bisher sehr enttäuscht. Die Frage ist, ob das Buch wirklich so schlecht ist oder ich mich von der Review beeinflussen ließ. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.........
Lektüre daheim:
Matt Ruff - Ich und die anderen
Lektüre unterwegs:
Stefan Orth - Couchsurfing in Saudi-Arabien

Benutzeravatar
Terrania

Butter bei de Fische ...

Ungelesener Beitrag von Terrania »

Eschbach kann was - und das beweist er mit Non-SF-Romanen am Besten. Eine Billion Dollar ist eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe, fesselnd, mit intelligentem Plot und: Super recherchiert.
Das Jesus-Video ist an Originalität fast nicht zu toppen und ist wahrscheinlich genau deshalb so gut angekommen. Exponential-Drift ist nett zu lesen und letztlich ist die Kernaussage (wie sich die Menschheit vermehrt) klasse rübergebracht, aber dennoch kein Jahrhundertwerk.
QUEST ist das langweiligste Stück SciFi, das ich je gelesen habe. Ein kleiner Ausrutscher vielleicht. Der letzte seiner Art: Das Buch ist enttäuschend, wenn man seine vorherigen Bücher zugrundelegt. Der Plot kommt nicht in Gang, die philosophischen Grundtöne nehmen Überhand. Und dabei gehts ÜBERHAUPT nicht darum, ob ein Cyborg ein Mensch ist. Es geht um grundlegende Aussagen (SENECA). So gelesen ist es eine gelungene Übersetzung von SENECAS Überlegungen zum Sein. Nicht mehr und nicht weniger. Schön die akribischen Beschreibungen. Im Großen und Ganzen ein "nettes" Buch, das man en passant mitnimmt, aber kein Werk, das in einem Atemzug mit seinen obigen besten Büchern zu nennen wäre. Solide. Mehr nicht. Ob mans empfehlen kann? Schwer zu sagen.

Antworten