Gestern war ich in "Die Frau in Schwarz" mit Harry, äh, Daniel Radcliffe in der Hauptrolle. Ein sehr atmosphärischer, ruhiger, stimmungsvoller Gruselfilm - ganz klassisch, ohne special effects, 3D oder Blutfontänen. Sehr schöne Bilder prägen den Film - die Salzmarschen, das alte Dorf, Eel Marsh House. Dem ruhigen Rhythmus von Ebbe und Flut folgt das Leben der Menschen, folgen auch die Menschen selbst in ihrem Naturell - und auch auf filmtechnischer Ebene geht es langsam voran, konventionell im besten Sinn. Hektische Schnitte sind nicht zu erwarten, manche Szenenbilder gleichen Gemälden, bevor sich mal ein Darsteller bewegt. Eruptive Aggression zeigt sich bei den Dorfbewohnern darin, dass sie auf der Straße herumstehen und ein Auto an der Durchfahrt hindern ...
Die Dorfbewohner sind mit der "Frau in Schwarz" vertraut. Ihre Angst, ihre Scheu, ihre Abneigung gegenüber Fremden (der Prot kommt aus London) fressen sie in sich hinein. Sie verhalten sich hölzern, fatalistisch, verstummen eher als sich auf Diskussionen oder Auseinandersetzungen einzulassen. Es scheint, als ob sie alle, gelähmt vor Angst, auf das nächste Opfer warten. Und natürlich tun sie genau das und stellen sich dabei die stille, bange Frage, ob sie es sein werden. Nur wenn der Tod dann zuschlägt - er trifft immer die Kinder, und immer gewaltsam - springen sie aus ihrer Lethargie heraus, schreien und weinen, dass es einem schon übertrieben scheint. Aber das ist eben die einzig mögliche Gefühlsäußerung im Schatten der "Frau in Schwarz", und in diesen Moment wird ein ganzes emotionales Leben hineingelegt.
Radcliffe agiert als Durchschnittsmensch: ein pflichbewusster edwardianischer Notar, der seinen Sohn liebt und über den Tod seiner Frau nicht hinwegkommt. Völlig unbewaffnet tritt er der "Frau in Schwarz" gegenüber - er nimmt noch nicht einmal eine entschiedene Position ein, ob er denn überhaupt an Geister glaubt. (Sein Schlafzimmerblick unterstützt diese Indifferenz seines Charakters.) Er ist ein Protagonist ohne Antagonisten, mehr Beobachter der Ereignisse als deren Motor. Hin und wieder versucht er, in die uhrwerksgleich ablaufende Mechanik des Schicksals einzugreifen, aber diese Versuche verlaufen eigentümlich im Sand. Sie haben weder positive noch negative Folgen.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill. Der Plot ist gut durchdacht und hat keine Löcher. Die Atmosphäre ist zeitlos (Zeit der Handlung dürfte die erste Hälfte der 20er Jahre sein). Der Film wirkt älter, wie aus den Vierzigern oder Fünfzigern. Ich fand ihn dennoch gruselig, und was mir sehr gefiel, war, dass trotz aller Konventionalität das Ende so nicht zu erwarten war.
Ich weiß nicht recht, was ich vergeben soll. Es war kein großartiges, Staunen machendes und in seiner Raffinesse neuartiges Gericht, sondern eher vertraute (obwohl selten gewordene) Kost. Gut vergleichbar mit "The Others". Ich finde nichts zu mäkeln, daher:
10/10 trommelnden Spielzeugäffchen!
(Wirklich liebevolle Bilder, gerade auch das langsame Gleiten der Kamera über die Spielzeuge in den Kinderzimmern, die reflektierenden Glasaugen der Äffchen und Bären ... toll!)
"Hilfreich wäre es, wenn wir die, die sich dem Leistungsdruck widersetzen, bewundern, anstatt sie als Loser anzusehen." -
Svenja Flaßpöhler