Zum Werk von John Brunner

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Ming der Grausame
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Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 27. November 2018 14:09

Ein paar abschließende Worte zu John Brunner:

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Die Lateiner pflegten dazu zu sagen: De mortuis nil nisi bene. Und daran werde ich versuchen, mich zu halten. So ist es zweifellos gut, dass er inzwischen mehr oder weniger vergessen wurde. Natürlich habe ich nicht alles von ihm gelesen, aber gemeinhin gilt all das, was er vor 1969 geschrieben hat als Pulp reinsten Wassers. Davon habe ich eine Anthologie Sie schenkten uns die Sterne mir angetan.

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Und wieder muss ich ihn loben, den bevor ich dieses Machtwerk gelesen hatte, wusste ich gar nicht, dass das Subgenre Sword-Science-Fiction überhaupt existiert. Am besten stellt man sich ein paar verlauste Wikinger in ein so hochmodernes Raumschiff, dass die nur das Ziel eingeben müssen und um den Rest kümmert sich die Technik. Die erste Geschichte war amüsant, die zweite ging so und bei der dritten hatte ich schon raus, dass John Brunner sich hauptsächlich des Deus ex Machina bedient, um eine Geschichte, die eigentlich keinen positiven Ausgang mehr haben kann, doch noch zum Positiven zu wenden.

UND DAS MACHT ER STÄNDIG.

Andere mögen es anders einschätzen, aber mir geht so was auf Dauer echt auf den Geist, was schnell zu Abzügen in der B-Note führte und danach sogar zu noch drastischeren Punktabzügen.

Aber bleiben wir beim Guten: Der Schockwellenreiter aus dem Jahr 1975 ist definitiv empfehlenswert.

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Über den Rest hingegen sollte man eher den Mantel des Schweigens ausbreiten, alleine schon deswegen, weil viele seine hochgerühmten Werken wirklich sehr schlecht gealtert sind.

Zu seiner Zeit mag er großartig gewesen sein, aber heute kann er einfach nicht mehr mithalten. Er starb 1995 an einem Herzinfarkt, als er an der World Science Fiction Convention in Glasgow teilnahm. Aber um ehrlich zu sein: Seit 1980 hat er nichts wirklich Brauchbares mehr rausgebracht.
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Doop » 27. November 2018 14:24

Ich glaube ich habe tatsächlich nur „Die Gussform der Zeit“ gelesen, ein eher zähes Lesevergnügen. Der Eoman spuelt komplett auf einem außerirdischen Planeten in einer fremden Zivilisation ohne menschliche Protagonisten. Ist aber lange her. Schockwellenreiter und Morgenwelt sollte ich mir wegen deren historischer Signifikanz aber doch mal antun.
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 27. November 2018 14:49

John Brunner und Poul Anderson haben übrigens just wegen des Subgenres Sword-Science-Fiction regen Kontakt gehabt. Von Poul Anderson stammt ja Sir Rogers himmlischer Kreuzzug, dass ebenfalls unter das Sword-Science-Fiction-Subgenre fällt...
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von heino » 28. November 2018 07:07

Ich kenne von Brunner nur die großen Werke (Morgenwelt, Der Schockwellenreiter, Schafe blicken auf und Ein irrer Orbit). Die haben mir damals gefallen, aber es ist auch schon lange her, dass ich die gelesen habe. Keine Ahnung, wie die heute auf mich wirken würden.
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel » 28. November 2018 11:25

Ist schon lange her, dass ich "Schafe blicken auf" gelesen habe, aber als ich ein paar Jahre später in Brasilien in Gated Communities unterwegs war, dache, ist ja wie bei Brunner.

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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 28. November 2018 14:28

Schafe blicken auf spielt von uns aus gesehen in der Vergangenheit. Damit ist es wie z.B. auch Die Klapperschlange mit den von mir sehr geschätzter Antiheld Snake Plissken hinreichen falsifiziert. Im Übrigem habe ich schon hier angemerkt, dass die Studie des Club of Rome die Brunnersche Zukunftsschau ebenfalls falsifizierte. Keine Lesart von Die Grenzen des Wachstums (1972) konnte seine Antizipationen stützen. John Brunner war also eine falsche Kassandra. Er hat nicht nur falsche Ökoalarme ausgelöst, er wusste bereits 1975, als er Der Schockwellenreiter auflegte, dass seine klassische Anti-Utopien Morgenwelt (1968) und Schafe blicken auf (1972) definitiv im ewigen Orkus der literarischen Paralogismen verschwinden würden – und just deswegen hat er sich bei diesem Werk zum Glück so zurückgenommen...
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von heino » 29. November 2018 08:01

Du liest SF also, weil du von den Autoren korrekte Zukunftsvorhersagen erwartest? Ich glaube, du unterstellst Brunner da Motive, die er vermutlich gar nicht hatte. Es dürfte wohl jedem fähigen SF-Autoren bewusst sein, dass die Welt sich kaum so entwickeln wird, wie er/sie sich das vorstellt. Ist Gibson auch ein Alarmist, weil er vor einer vollcomputerisierten und von Konzernen beherrschten Welt warnte? Oder Harrison, der in "Make room! Make room!" auf wirklich drastisch übertriebene Weise die Überbevölkerung aufs Korn nahm? Ich denke eher, dass Brunner hier mehr darauf aus war, wichtige Themen in literarische Unterhaltung zu verwandeln. Das muss man nicht mögen, aber man sollte Fiktion auch nicht am Club of Rome messen.
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 29. November 2018 13:36

Nein, selbstverständlich erwarte ich keine korrekte Zukunftsvorhersage. Aber hinreichend fundierten Zukunftsvorhersagen und es ist doch immer wieder erstaunlich, dass man gute Science-Fiction-Autoren just daran erkennt, wie hinreichend genau sie die Zukunft prognostizieren konnten. Und John Brunner lag sowohl was die Zukunft an sich als auch was das menschliche Miteinander so sehr daneben, wie eben nur ein Blinder ohne Krückstock daneben liegen kann. John Brunner verzweifelte schlicht als Mensch an seine Mitmenschen, er verstand einfach nicht, dass Menschen einfach nicht so sein wollen, wie sie sein sollten, sondern einfach nur so sind, wie sie eben so sind. Hätte er wenigstens den Schneid besessen ein anständiger Zyniker zu werden, dann wäre es ihn nicht nur persönlich besser gegangen – er wäre wahrscheinlich sogar ein besserer Autor gewesen... Bild
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von heino » 30. November 2018 07:12

Ming der Grausame hat geschrieben:
29. November 2018 13:36
John Brunner verzweifelte schlicht als Mensch an seine Mitmenschen, er verstand einfach nicht, dass Menschen einfach nicht so sein wollen, wie sie sein sollten, sondern einfach nur so sind, wie sie eben so sind.
Wenn du das nur aus seinen Romanen schließt, sind das auch nur wieder unbewiesene Vermutungen und unzulässige Unterstellungen. Ich will hier gar nicht groß für Brunner in die Bresche springen, niemand muss seine Romane mögen oder ihn für einen guten Autoren halten. Aber deine Neigung, ohne jegliche Beweise solche Urteile zu fällen, finde ich schon sehr fragwürdig.
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 30. November 2018 11:59

Bücher sagen grundsätzlich etwas über den Autor aus. Und just in Morgenwelt ist die Figur des Chad C. Mulligan so offensichtlich das Alte Ego von John Brunner, das man darüber nicht weiter zu diskutieren braucht... Bild
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Teddy » 30. November 2018 12:46

Ming der Grausame hat geschrieben:
29. November 2018 13:36
Aber hinreichend fundierten Zukunftsvorhersagen und es ist doch immer wieder erstaunlich, dass man gute Science-Fiction-Autoren just daran erkennt, wie hinreichend genau sie die Zukunft prognostizieren konnten.
Das ist aber sehr eng. Da fallen ja alle raus, die gar keine Near-Furure-Geschichten schreiben.
Und wer soll das denn deiner Meinung nach sein? Greg Egan hat die nahe Zukunft recht gut getroffen. Aber zu einem guten Schriftsteller hat ihn das nicht gemacht. Ist er jetzt ein guter SF-Autor?

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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 30. November 2018 13:24

Teddy hat geschrieben:
30. November 2018 12:46
Ming der Grausame hat geschrieben:
29. November 2018 13:36
Aber hinreichend fundierten Zukunftsvorhersagen und es ist doch immer wieder erstaunlich, dass man gute Science-Fiction-Autoren just daran erkennt, wie hinreichend genau sie die Zukunft prognostizieren konnten.
Das ist aber sehr eng. Da fallen ja alle raus, die gar keine Near-Furure-Geschichten schreiben.
Nein, Das unterscheidet lediglich Science-Fiction von Fantasy. Das eine beruht bekanntlich auf fundierte wissenschaftliche Überlegungen, das andere eben nicht... Bild
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Teddy » 30. November 2018 15:50

Ming der Grausame hat geschrieben:
30. November 2018 13:24
Teddy hat geschrieben:
30. November 2018 12:46
Ming der Grausame hat geschrieben:
29. November 2018 13:36
Aber hinreichend fundierten Zukunftsvorhersagen und es ist doch immer wieder erstaunlich, dass man gute Science-Fiction-Autoren just daran erkennt, wie hinreichend genau sie die Zukunft prognostizieren konnten.
Das ist aber sehr eng. Da fallen ja alle raus, die gar keine Near-Furure-Geschichten schreiben.
Nein, Das unterscheidet lediglich Science-Fiction von Fantasy. Das eine beruht bekanntlich auf fundierte wissenschaftliche Überlegungen, das andere eben nicht... Bild
Welch Allgemeinplatz.
Ist Bradbury jetzt ein schlechter SF-Autor, weil seine Vorhersagen nicht eingetroffen sind, oder ein Fantasy-Autor, weil ihm Wissenschaft eher wenig interessiert hat?

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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von Ming der Grausame » 30. November 2018 16:42

Ich kann zu Greg Egan nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Und von Ray Bradbury kenne ich nur Fahrenheit 451 und Bücher sind nun wirklich ein Hauptgrund für ein nicht-systemkonformes Denken bzw. Handeln, daher kann ich nicht letztgültig verneinen, dass ein zukünftiges autoritäres System seine Dystopie nicht womöglich doch noch verwirklicht. Ray hat nämlich kein Datum angegeben, wann es soweit sein sollte... Bild
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Re: Zum Werk von John Brunner

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr » 30. November 2018 17:52

Seit wann erkennt man gute SF-Autoren daran, dass ihre Prognosen zutreffen? Was ist das denn für ein dummes Geschwätz? Hat da einer Langeweile und will provozieren?

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