Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Science Fiction in Buchform
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Teddy
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Teddy »

jeamy hat geschrieben: 15. Januar 2023 20:58
Teddy hat geschrieben: 15. Januar 2023 16:43 Für mich fällt dieses Gesetz vom Himmel.
Auch dass die Hekaten wissen, wo sich die Insignien befinden, wird mir aus der Handlung nicht klar.
Oder Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Die kommen schon in der Edda vor. Die Wissen alles, weil sie das Schicksal aller weben. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das ist natürlich das Geniale an Gaiman. Er bedient sich sämtlicher Mythen der Welt, sodass er immer eine Figur findet, die seine Geschichte voran bringt.
Diese Vermischung verschiedener Mythen macht wahrscheinlich viel von dem Charme seiner Geschichten (nicht nur Sandman) aus.
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Naut
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Naut »

Abschluss Nummer 2, diesmal der Debütroman:

(x) Debütroman: Simon Weinert - Tassilo der Mumienabrichter
(x) Kurzgeschichtensammlung: Uwe Hermann - Das Amt für versäumte Ausgaben
( ) Arthur C. Clark Award
( ) Skandinavien
( ) 1948 geboren
( ) Comic
( ) "Neuerscheinung des Monats"

Simon Weinert - Tassilo der Mumienabrichter
Ein bizarres Buch: Geschrieben um 2004 lag es wohl über 10 Jahre auf den Schreibtischen von Verlagen und Lektoren, die es, so wie es war, auf keinen Fall veröffentlichen wollten. Und ich kann verstehen, warum. Der Protagonist ist nämlich bei weitem kein Sympathieträger, nicht mal ein netter Loser oder auch nur ein bewundernswertes A********. Er ist einfach eine Mischung aus unerträglich dumm und dabei bemitleidenswert ängstlich. Wächst er am Schluss über sich hinaus? Ja. Ganz am Schluss. Das fordert viel Geduld vom Leser.
Und sonst so? Das ganze Buch ist ein seltsamer Genrebastard. Es sieht aus, wie eine Art Barockpunk, oder Rokoko-Rock, es zu lesen ist, wie die Musik von Igorrr zu hören. Da gibt es bunt geschminkte Adlige, die auf fliegenden Skateboards über einen neobarocken Alptraumspiegel einer pseudovenezianischen Turmstadt herrschen. Die Massen müssen in turbokapitalistischen Sweatshops knechten, während die "Perücken" blutiges Hasenpolo spielen, tote Affen zu mechatronischen Puppen abrichten oder sich gegenseitig psychoaktive Knollen in den Enddarm applizieren. Und nahezu jeder ist wirklich widerlich; immer, wenn der Leser meint, eine menschliche Regung zu entdecken, wird sie im nächsten Moment zertrümmert. Das Ganze spielt sich vor dem Hintergrund einer apokalyptischen Rückkehr eines Zeitalters des Chaos ab, so dass niemand ungeschoren davonkommt. Und von der obzönen Alltagssprache will ich gar nicht erst anfangen!
Klingt das schlimm? Ist es. Und trotzdem ist das Buch toll, es ist unglaublich spannend, wendungsreich, witzig, voller bizarrer Einfälle und bei all den Zutaten erstaunlich homogen und leicht lesbar. Als vergleichbar fällt mir allenfalls "World's End" von T C Boyle ein, Tassilo ist sozusagen der Barockfantasy-Zwilling. Mit so einer Art Happy End. Es ist mir ein Rätsel, warum das Buch nicht als "Kultbuch" verehrt wird. Großartig!
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Teddy
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Nach deiner Inhaltsangebe dachte ich, das klingt wie eine Mischung aus Michel Moorcock, China Mieville und Ada Palmer. Und dann sagst du, dass man das allenfalls mit "World's End" vergleichen kann? Da hab ich jetzt schon einige Probleme, das zusammen zu bekommen.
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Naut »

Teddy hat geschrieben: 18. Januar 2023 23:47 Nach deiner Inhaltsangebe dachte ich, das klingt wie eine Mischung aus Michel Moorcock, China Mieville und Ada Palmer. Und dann sagst du, dass man das allenfalls mit "World's End" vergleichen kann? Da hab ich jetzt schon einige Probleme, das zusammen zu bekommen.
Ich meinte die Konstitution, dass der Protagonist immer wieder das Gute will (meist für sich selbst) und dann die Dinge nur schlimmer macht. Auch das permanente Streben nach "Glück" - eigentlich Geld - ist hier eine deutliche Parallele.

Der Weltenbau ist möglicherweise mit den genannten Autoren vergleichbar, obwohl ich da nicht so augenfällige Ähnlichkeiten sehe (Palmer kenne ich nicht, aber Mieville und Moorcock habe ich gelesen). Eher hat es mich da an Michael Swanwick ("The Iron Dragon's Daughter") oder Walter John Williams ("Aristoi") erinnert, aber, wie gesagt, nicht so deutlich. Weinert geht hier schon sehr eigene Wege.
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Mammut
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Ich habe jetzt ebenfalls die erste Kategorie geschafft, eine Kurzgeschichtensammlung:
Sehr schön illustriert von Ladi Bartok bietet Die Besessenen sich ein bunter Strauß an Geschichten, die aber insgesamt zu begeistern wissen. Fremde Länder und fremde Sitten, eine spitze Feder des Erzählers und morbide, stellenweise modern ist es auch.
Was will das Leserherz mehr. Lesenswert.
https://defms.blogspot.com/2023/01/hann ... senen.html
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von lapismont »

@Naut
Tassilo der Mumienabrichter ist Kult!
Kann ich Simon Deine Worte weiterleiten?
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Naut »

lapismont hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:22 @Naut
Tassilo der Mumienabrichter ist Kult!
Kann ich Simon Deine Worte weiterleiten?
Ja, klar! Grüß schön, sag ihm aber nicht, dass ich vier Jahre gebraucht habe, bis ich das Buch gelesen hatte (was ich jetzt bedaure). ;)
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von lapismont »

Naut hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:30
lapismont hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:22 @Naut
Tassilo der Mumienabrichter ist Kult!
Kann ich Simon Deine Worte weiterleiten?
Ja, klar! Grüß schön, sag ihm aber nicht, dass ich vier Jahre gebraucht habe, bis ich das Buch gelesen hatte (was ich jetzt bedaure). ;)
Mach ich! Durch seine viele Übersetzungsarbeiten kommt das eigene Schreiben wohl grad zu kurz.
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Naut »

lapismont hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:47
Naut hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:30
lapismont hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:22 @Naut
Tassilo der Mumienabrichter ist Kult!
Kann ich Simon Deine Worte weiterleiten?
Ja, klar! Grüß schön, sag ihm aber nicht, dass ich vier Jahre gebraucht habe, bis ich das Buch gelesen hatte (was ich jetzt bedaure). ;)
Mach ich! Durch seine viele Übersetzungsarbeiten kommt das eigene Schreiben wohl grad zu kurz.
Sehr schade. Auch bei seinem Lesebühnenkollegen Jakob Schmidt ist das ja so, einzig Jasper Nicolaisen schafft es, ab und an ein Buch zu bringen ...
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Mammut
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Naut hat geschrieben: 19. Januar 2023 09:27
lapismont hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:47
Naut hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:30
lapismont hat geschrieben: 19. Januar 2023 08:22 @Naut
Tassilo der Mumienabrichter ist Kult!
Kann ich Simon Deine Worte weiterleiten?
Ja, klar! Grüß schön, sag ihm aber nicht, dass ich vier Jahre gebraucht habe, bis ich das Buch gelesen hatte (was ich jetzt bedaure). ;)
Mach ich! Durch seine viele Übersetzungsarbeiten kommt das eigene Schreiben wohl grad zu kurz.
Sehr schade. Auch bei seinem Lesebühnenkollegen Jakob Schmidt ist das ja so, einzig Jasper Nicolaisen schafft es, ab und an ein Buch zu bringen ...
Von Jasper wird es auch eine Kurzgeschichte in Zwielicht 18 geben.
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Ralf Wambach »

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Für mich eine kleine Nostalgie-Reise. Dieser erste Band der Reihe wurde vom Heyne-Verlag 1979 herausgegeben, also gerade in meiner zarten Jugend, als ich begann, intensiver Science-Fiction-Literatur zu lesen.

Eine Sammlung mit 8 Kurzgeschichten.

Stephen Leigh: Mörderehre
Eine Geschichte über ein Syndikat auf einem fernen Planeten, das Auftragsmorde ausführt. Allerdings gibt der Codex, an den sich alle Syndikatsmitglieder strikt halten, den Opfern Chancen, dem Mord zu entkommen.
Die Geschichte hat wenig mit SF zu tun, sie hätte auch in entsprechenden Milieus hier auf der Erde in der heutigen Zeit mit heute gebräuchlichen Waffen spielen können.

Ted Reynolds: Der Untermieter
Eine sehr kurze satirische Geschichte über einen Außerirdischen, der sich auf der Erde in eine Dachkammer einmietet und dort ein Tor zu seiner weit entfernten Galaxie einrichtet. Er freundet sich mit der Katze seiner Vermieterin an, aber die Vermieterin ist sehr argwöhnisch und nach einem Streit kündigt sie dem Außerirdischen. Er lässt das Tor in der Dachkammer zurück und die Katze verschwindet dadurch versehentlich in die andere Galaxie. Aus Rache kippt die Vermieterin ab dann ihren Müll in die andere Galaxie … aber die Pointe verrate ich hier nicht …

Sally A. Sellers: Todesqualen
Tolle Geschichte (mit leichten Ungereimtheiten) über eine Frau, die quasi beliebig lange lebt, weil alle Verletzungen und Schädigungen an ihrem Körper innerhalb weniger Stunden wieder komplett regenerieren und heilen. Sie leidet aber darunter und will endlich sterben, das klappt aber nicht so einfach …

Edward H. Koch: Das heimwehkranke Huhn
Die Geschichte spielt auf einer Hühnerfarm (besser: Zuchtstation), in der Hühner für andere Planeten und die dortigen Umweltbedingungen gezüchtet werden.

Keith Laumer: Der Geburtstag
Kurze Geschichte über eine Familie, die dazu auserwählt wurde, einen Sohn zu haben, der fünfzig mal länger lebt als ein normaler Mensch. Der Sohn entwickelt sich deshalb extrem langsam und ist an seinem 50. Geburtstag immer noch ein Baby.

Isaac Asimov: Die Geschmacksfrage
Tolle Geschichte über einen Kochwettbewerb auf einem fremden Planeten, für die dort lebenden Menschen traditionell der Höhepunkt des Jahres. Die Kandidaten nehmen als Zutaten aber nicht Bestandteile von Pflanzen oder Tieren, die gibt es auf dem Planeten nicht, sondern künstlich erzeugte Substanzen und Pilze, chemisch erzeugte Aromen und so weiter, die computergestützt zu immer neuen Geschmackskombinationen kombiniert werden.
Es ist verpönt, auf andere Planeten zu reisen und von dort irgendwelche Gebräuche zu übernehmen. Aber ein Kandidat macht es doch und bringt von dort eine Zutat mit, die sein Gericht offensichtlich so lecker schmecken lässt, dass er den Wettbewerb gewinnt. Dummerweise behält er den Gebrauch dieser Zutat nicht für sich und wird zur Strafe für immer auf einen anderen Planeten verbannt. Um welche Zutat es sich handelt, verrate ich hier natürlich nicht, aber sie wird auch auf unserem Planeten gern zum Kochen benutzt.

John Shirley: Zwei Fremde
Die Geschichte ist mehr ein rühriges Märchen als Science-Fiction. In der kanadischen Arktis ist ein Eskimo-Volk kurz vor dem Verhungern und Aussterben, weil der Winter so kalt und keine Nahrung zu finden ist. Die ersehnte Rettung kommt aber nicht durch den „weißen Mann“, der die Katastrophe verursacht hat, sondern durch einen gestrandeten Außerirdischen, der in dem Gebiet eine Notlandung macht …

Joan Vinge
Ein Expeditionsteam erforscht auf einem fremden Planeten eine Höhle, in der die Urankonzentration so groß ist, dass eine Kettenreaktion auf dem natürlichen Weg zustande kommt. Insbesondere untersuchen sie Ratten, die in der Höhle leben und wie diese es geschafft haben, sich dieser hohen Strahlenbelastung dauerhaft anzupassen. Die Ratten sind intelligent …


[ ] den Debütroman eines Autors nach Wahl.
[x] eine Kurzgeschichtensammlung. Isaac Asimovs Science-Fiction-Magazin Nr. 1
[] einen Siegerroman des Arthur-C.-Clark-Awards.
[] ein Buch eines skandinavischen Autors.
[] ein Buch eines Autors, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert.
[] einen Comic.
[]ein Buch, das auf „sf-lit-de“ als „Neuerscheinung des Monats“ aufgeführt ist.
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Naut »

Kreuz Nummer 3, diesmal in der "Neuerscheinung des Monats":

(x) Debütroman: Simon Weinert - Tassilo der Mumienabrichter
(x) Kurzgeschichtensammlung: Uwe Hermann - Das Amt für versäumte Ausgaben
( ) Arthur C. Clark Award
( ) Skandinavien
( ) 1948 geboren
( ) Comic
(x) "Neuerscheinung des Monats": Basma Abdel Aziz - Das Tor

Basma Abdel Aziz - Das Tor
Auf dem Klappentext wird Aziz' Roman als "erste arabische Dystopie" bezeichnet und in eine Reihe mit "1984" und Kafkas "Vor dem Gesetz" gestellt. Das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen: Erzählt wird eine Geschichte in einem ungenannten arabischen Land, das sich vergeblich in einer Revolution von einem autoritärem Herrscher befreien wollte. In der Folge ersetzt sich dieser Herrscher jedoch selbst durch einen anonymen bürokratischen Apparat, der nur als "das nördliche Gebäude" oder eben "das Tor" bekannt ist. Als ein Mann unverschuldet während weiterer Aufstände verletzt wird, durchläuft er eine qualvolle, bürokratische Prozedur, denn offiziell kann es die Kugel, die in ihm steckt, gar nicht geben.
Die Autorin zeichnet das tägliche Leben der verschiedenen Menschen, die vor dem Tor stehen und warten, denn das Tor ist geschlossen und, soviel sei verraten, wird nie öffnen. Dabei entsteht nach und nach ein Bild ihrer Mikrogesellschaft und auch der größeren Gesellschaft, die unter der Bürokratie und Unterdrückung durch das Tor leidet.
Ich fand vor allem einen Punkt bemerkenswert: Die Autorin befasst sich beruflich mit Traumapatienten, die Folter erfahren haben. Dies findet sich auch im Roman, indem eine Szene, in der eine Frau verhört und (vermutlich) gefoltert wird, eben nicht geschildert wird, sondern buchstäblich in Schwärze verschwindet. Ebenso gibt es viele solcher Auslassungen, die einen Einblick erlauben, wie vielleicht die arabische Gesellschaft so funktioniert. Das fand ich interessant.
Auf der anderen Seite fand ich das Buch teils schwer zu lesen, denn die Erzählperspektive springt manchmal von Satz zu Satz zwischen etlichen Personen, so dass es schwer ist, zu verstehen, wer gerade was tut. Auch erscheinen neue Personen unvermittelt und werden erst am Schluss des Buchs charakterisiert, wad ich seltsam fand. Dabei ist es aber kurz genug, dass ich mich beim Lesen nicht quälen musste.
Kafka ist abschließend tatsächlich eine naheliegende Assoziation, desweiteren fällt mit Stanislav Lems "Memoiren, gefunden in der Badewanne" ein.

Insgesamt eine interessante Leseerfahrung, die mich jetzt aber nicht zum Fan der Autorin gemacht hat.
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

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Kategorie 7.) ein Buch, das auf 'sf-lit-de' als "Neuerscheinung des Monats" aufgeführt ist

Edward Ashton - Mickey 7

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Von Enders Darstellung vorgewarnt, habe ich das Buch trotzdem gehört. Erstens gleich anstrengender Eindruck vom Leser, der seine Atemgeräusche zu einem Stilmittel der Lesung macht, was tatsächlich nervt. Da ich den größten Teil aber während der täglichen Pendelfahrt gehört habe, kam das meist nicht gegen die Fahrgeräusche an.
Inhaltlich ist das Buch nur insoweit mit Andy Weirs Geschichten vergleichbar, als dass Ashton sich bemüht, technische Hintergründe zu erläutern, also dieser Roman einer aus der Kategorie Technobabbel ist. Die Figuren dazu sind nicht gerade Sympathieträger, jede hat ihre nervigen Eigenheiten, und sozialkompetent sind die alle nicht, da fragte ich mich schon öfter, wie man mit diesen Leuten befreundet sein kann. Die Ich-Perspektive lässt einige Stellen in schnoddrigem Stil daherkommen, aber witzig war das ganze nicht. Tja, ich hatte dann ja sowas geahnt. In die Irre haben sie mich geleitet mit dem Anlehnen an Andy Weir, das muss ich zugeben. Richtig schlecht ist der Roman nicht, aber mehr als mittelmäßig würde ich nicht sagen. Zuviel ärgerliches Getue, zuviel Palaver, zuwenig Inhalt. Und schon gar nicht dem Titelbild entsprechend.

[ ] Debütroman
[ ] Kurzgeschichtensammlung
[ ] Siegerroman des Arthur C. Clarke Awards
[ ] skandinavische/r Autor/in
[ ] 1948 geborene/r Autor/in
[ ] Comic
[X] Neuerscheinung des Monats | Edward Ashton - Mickey 7
Abzugeben: Booklooker
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Erste Kategorie: ein Debütroman

Caroline Ronnefeldt - Quendel

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Klassische Fantasy lese ich eher selten. Über Quendel habe ich allerdings gleich von mehreren Seiten begeisterte Rezensionen gelesen. Unter anderem nannte Dennis Scheck es "die poetisch eigenwilligste und überzeugenste Fantasy, die ich seit langem gelesen habe."

Bei den Quendel handelt es sich um ein kleinwüchsiges, bodenständiges Volk und wer hier sofort an die Hobbits denkt, liegt auf jeden Fall nicht völlig falsch. Mehr Gemeinsamkeiten mit Tolkien gibt es aber nicht.
Der eigenbrötlerische Quendel Bullrich Schattenbart, der das höchst ungewöhnliche Hobby des Kartenzeichnens hat, begibt sich in den Finster, einen Wald, um den vernünftige Quendel einen großen Bogen machen. Zurecht, denn Bullrich geht prompt verloren, worauf sich ein kleiner Trupp von Freunden und Nachbarn auf die Suche nach ihm macht. In einem zweiten Handlungsstrang geht ein Quendelkind, das seinen Hund sucht, im Sumpf verloren und wird von seinem Vater und einen kauzigen Nachbarn gesucht. Bei beiden Suchen nehmen unheimliche, übernatürliche Phänomene mehr und mehr zu, die Welt der Quendel wird durchlässig zu einer anderen, geisterhaften Welt. Hier hat die Autorin auf Motive der "Wilden Jagt" zurückgegriffen.
Das große Plus an Ronnefeldts Roman liegt in der erzeugten Atmosphäre. Die Geräusche im dunklen Wald, die geheimnisvollen Leuchterscheinungen, die hier und da auftreten, der Hund, den man hört, aber nie sieht, die fast vergessene Vergangenheit der Quendel, die sich wieder ins reale Leben zurück schleicht. Dies wird erreicht, indem alles sehr detailliert beschrieben wird, was dann aber auch ein kleiner Nachteil des Romans ist. Es geht doch hin und wieder etwas arg langsam in der Handlung voran.
Mir hat der Roman gut gefallen und ich werde wohl auch noch die beiden weiten Bände lesen. (Ich dachte, dass die Bände in sich abgeschlossen sind, was aber nicht der Fall ist.) Für alle, die Fantasy lesen, ist Quendel durchaus zu empfehlen.



[X] den Debütroman eines Autors / einer Autorin nach Wahl | Caroline Ronnefeldt - Quendel
[ ] eine Kurzgeschichtensammlung
[ ] einen Siegerroman des Arthur C. Clark Awards
[ ] ein Buch eines/einer skandinavischen Autors/Autorin
[ ] ein Buch von einem Autor/einer Autorin, der/die im Jahr 1948 geboren wurde
[X] einen Comic | Neil Gaiman - Sandman Band 9 - Die Gütigen
[ ] ein Buch, das auf 'sf-lit-de' als "Neuerscheinung des Monats" aufgeführt ist
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2023

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Kategorie 2.) ein Siegerroman des Arthur C. Clarke Awards

Lauren Beukes- Zoo City

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Stilistisch herausragend, auch überraschend, dabei zerfleischt sich der Text nicht in einem Versuch, die eigene Phantastik zu erklären. Gern und für meine Verhältnisse auch schnell gelesen, weil es mich gefesselt hat. Ich liebe die Sprache, und wenn sie so wie hier so kunstvoll, aber schnörkellos benutzt wird umso mehr. Ich verstehe das Buch nicht in seiner Gänze, zum Beispiel das Warum ist mir nicht klar geworden. Und ganz konkret war es am Ende doch sehr knapp abgewickelt, so dass ich hier sozusagen den Faden verloren habe ;)
Trotzdem ein tolles Leseereignis, danke bereits jetzt, dass ich es endlich doch zu lesen genötigt war!

[ ] Debütroman
[ ] Kurzgeschichtensammlung
[x] Siegerroman des Arthur C. Clarke Awards | Lauren Beukes- Zoo City
[ ] skandinavische/r Autor/in
[ ] 1948 geborene/r Autor/in
[ ] Comic
[x] Neuerscheinung des Monats | Edward Ashton - Mickey 7
Abzugeben: Booklooker
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