Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Science Fiction in Buchform
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Frank Böhmert

Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Frank Böhmert »

In diesen Thread passt es wohl am besten ...
Terry Pratchetts Roman "Eine Insel" ("Nation")
Stellungnahme des Übersetzers Bernhard Kempen


Im April 2009 erscheint Terry Pratchetts Roman "Nation" unter dem
deutschen Titel "Eine Insel" im Verlag Manhattan. Als Übersetzer ist ein
gewisser, bislang unbekannter "Peder Brehnkmann" genannt. Falls sich
manche Leser wundern, dass eine Person dieses Namens zuvor noch nie
öffentlich in Erscheinung getreten ist, mögen sie die Buchstaben des
Anagramms einmal kräftig durcheinanderschütteln. Auf diese Weise
bekommen sie gleichzeitig einen Eindruck davon, was mit der Übersetzung
dieses Buches geschehen ist.
Als ich den Auftrag erhielt, den Roman "Nation" ins Deutsche zu
übertragen, wurde mir schon nach der Lektüre weniger Seiten klar, dass
ich das große Meisterwerk von Terry Pratchett in den Händen hielt --
eines Autors, der mit gerade mal 60 Jahren nach einer Alzheimer-Diagnose
möglicherweise kurz vor dem Ende seiner Schaffensphase steht. In
"Nation" geht es um Leben und Tod, um Kindheit und Alter, um die Frage,
wie man sich in einer Welt zurechtfinden kann, die jedes sichere
Fundament verloren hat. Gleichzeitig ist das Buch ein augenzwinkernder
Gegenentwurf zur "Scheibenwelt", dem Romanzyklus, mit dem Terry
Pratchett zum Bestsellerautor wurde.
Obwohl die Geschichte aus der Perspektive eines jugendlichen
Protagonisten erzählt wird, ist "Nation" keineswegs ein herkömmliches
Jugendbuch. Es steht vielmehr in der angelsächsischen Tradition, die
Werke wie "Alice in Wonderland" hervorgebracht hat, ein Genre, das
heutzutage gern als "All Age Books" vermarktet wird. Im deutschen
Sprachraum wurden vergleichbare Werke von Autoren wie Wilhelm Busch oder
Walter Moers verfasst -- Autoren, die von einer Literaturkritik, die
streng in U- und E-Kategorien denkt, nie richtig ernstgenommen wurden.
Doch ich wollte mich dadurch nicht entmutigen lassen und machte mich
daran, das Buch vor diesem Hintergrund angemessen und mit viel Herzblut
ins Deutsche zu übersetzen, in einer scheinbar simplen, vordergründig
naiven Sprache, die dem Duktus des Originals entspricht.
Zum ersten Mal kam ich ins Grübeln, als ich erfuhr, dass das Buch auf
Deutsch "Eine Insel" heißen soll. Ich hätte "Die Nation" passender
gefunden, doch ich konnte durchaus über die Lummerland-Assoziation
schmunzeln, auch wenn die Insel bei Pratchett nur einen Berg hat -- und
es nicht im entferntesten um Lokomotiven geht. Ich hatte nur die leichte
Sorge, dass die deutschen Leser durch diese Anspielung auf die falsche
Fährte "Kinderbuch" gelockt werden könnten. Aber dann beschloss ich, das
nicht so eng zu sehen und darauf zu hoffen, dass der Roman für sich wirkt.
Doch dann erhielt ich die Druckfahnen mit der von der Lektorin Kerstin
Jeske bearbeiteten Fassung und musste feststellen, dass mein
Übersetzungstext durch den Reißwolf gedreht worden war. Mit den vielen
Änderungen, die man unter "Geschmackssache" abbuchen könnte, hätte ich
leben können, auch wenn ich mich immer wieder fragen musste, warum
Formulierungen, die völlig in Ordnung waren, durch andere ersetzt
wurden, die genauso in Ordnung waren. Problematischer waren die
typischen Lektoratsfehler (die passieren, wenn Passagen umgeschrieben
werden und dabei Wörter oder Satzzeichen unter den Tisch fallen) und die
vielen sachlichen Fehler (mit "calenture" ist "Tropenkoller" und nicht
"Tropenfieber" gemeint). Einige von diesen Patzern konnte ich rückgängig
machen, wobei es jedoch immer wieder zu überflüssigen Diskussionen kam,
weil Lektorin und Redakteurin zunächst auf ihren offensichtlich falschen
Ansichten beharrten, bis sie sich schließlich von meinen Sachargumenten
überzeugen ließen. So wollte mir Frau Jeske zunächst nicht glauben, dass
die Kapitelüberschrift "How Imo Made the World" der üblichen
Großschreibung englischer Titel entspricht und man sie demzufolge nicht
mit "Wie Imo Die Welt Machte" wiedergeben sollte, weil das im Deutschen
einfach nicht üblich ist. Ich erhielt immer mehr den Eindruck, dass hier
eine Lektorin am Werk war, die sich auf Kosten eines Übersetzers
profilieren wollte. Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass sie
versucht hatte, Pratchetts (und meinen) naiv-lakonischen Stil in den
eines handelsüblichen, pädagogisch unbedenklichen Jugendbuchs zu ändern.
Der Gerechtigkeit halber möchte ich anmerken, dass vielleicht ein
Zehntel der Änderungen durchaus berechtigt waren, wenn Fehler korrigiert
oder misslungene Satzkonstruktionen durch elegantere Lösungen ersetzt
wurden. Ich arbeite selbst gelegentlich als Lektor und weiß, dass kaum
ein Autor oder Übersetzer fehlerfreie Texte abliefert, weil man dazu
neigt, die Fehler in den eigenen Texten zu übersehen. Das hat etwas mit
Betriebsblindheit zu tun. Deshalb bin im Normalfall froh, dass meine
Texte noch einmal von einem Lektor gegengelesen werden. Allerdings
erwarte ich von einem guten Lektorat, dass meine Fehler korrigiert und
keine neuen in den Text eingebaut werden.
Ich habe mir dann große Mühe gegeben, die ersten ca. 70 Seiten der
Druckfahnen zu bearbeiten, wobei ich hauptsächlich zurückkorrigiert
habe, also die Änderungen der Lektorin durch meine ursprünglichen
Formulierungen ersetzt habe. Danach habe ich es aufgegeben, weil ich es
in der Kürze der Zeit ohnehin nicht geschafft hätte, das ganze Buch zu
überarbeiten, und weil die Redakteurin mir ganz klar sagte, dass sie
sowieso nur einen kleinen Teil meiner Korrekturen übernehmen würde.
Damit war der Punkt erreicht, wo ich mich nicht mehr mit dem
identifizieren konnte, was man aus meiner Übersetzung gemacht hatte.
Daraufhin kündigte ich jede weitere Zusammenarbeit mit der betreffenden
Redakteurin auf, worauf das nächste Pratchett-Buch, dessen Übersetzung
bereits mit mir vereinbart worden war, einem anderen Übersetzer
anvertraut wurde -- einem netten Kollegen, dem ich freundschaftlich
verbunden bin. Ich kann ihm nur eine bessere Zusammenarbeit mit der
Redaktion wünschen, die nun vielleicht verstanden hat, dass man nicht
nach Belieben mit einem Lohnübersetzer umspringen kann.
Wer Pratchetts Roman "Nation" in der deutschen Fassung "Eine Insel"
liest, wird vermutlich trotz aller Pannen erkennen, dass dieses Buch ein
großes Meisterwerk ist, weil die Geschichte und die Themen durch das
Lektorat kaum beschädigt wurden. Wer die Sprache und den Stil etwas
unpassend oder gar daneben findet, möge sich bei der zuständigen
Redakteurin Nicole Geismann beschweren. Hier wurde die Chance versäumt,
ein wunderbares, magisches Buch in literarisch angemessener deutscher
Übersetzung zu präsentieren.
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Uschi Zietsch
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Uff. :(
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Smiley »

Den Band verkneife ich mir.

TP hat Alzheimer? Wusste ich noch nicht.
Verdammt.
Ein Leben ohne Tabasco ist möglich, aber geschmacklos.
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

doch. leider schon seit über einem jahr bekannt - seit dezember 07.

AN EMBUGGERANCE
Folks,

I would have liked to keep this one quiet for a little while, but because of upcoming conventions and of course the need to keep my publishers informed, it seems to me unfair to withhold the news. I have been diagnosed with a very rare form of early
onset Alzheimer's, which lay behind this year's phantom "stroke".

We are taking it fairly philosophically down here and possibly with a mild optimism. For now work is continuing on the completion of Nation and the basic notes are already being laid down for Unseen Academicals. All other things being equal, I
expect to meet most current and, as far as possible, future commitments but will discuss things with the various organisers. Frankly, I would prefer it if people kept things cheerful, because I think there's time for at least a few more books yet :o)

Terry Pratchett

PS I would just like to draw attention to everyone reading the above that this should
be interpreted as 'I am not dead'. I will, of course, be dead at some future point, as
will everybody else. For me, this maybe further off than you think - it's too soon to tell.
I know it's a very human thing to say "Is there anything I can do", but in this case I
would only entertain offers from very high-end experts in brain chemistry.
http://www.paulkidby.com/news/index.html
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel »

Was bin ich froh, dass ich "Nation" bereits im Original gelesen habe. Wahrlich ein Meisterwerk. Unterscheidet sich stilistisch sehr von den Discworldnovels.
Ich hatte an früherer Stelle bereits gepostet, dass mich der Übersetzerwechsel von Brandhorst zu Kempen bereits abgeschreckt hat. Aber in diesem Fall kann ich nur sagen: Respekt Herr Kempen. Das ist wirklich eine Sauerei.

Gruß Markus
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Frank Böhmert

Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Frank Böhmert »

Frank Böhmert hat geschrieben:In diesen Thread passt es wohl am besten ...
Hm, sorry, vielleicht kann ein Mod doch noch diese Beiträge abtrennen in ein eigenes Thema "Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers"? Wäre nett!
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Olaf
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Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Olaf »

Dein Wunsch wurde erfüllt. ;)
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Frank Böhmert

Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Frank Böhmert »

Bernhard Kempen hat geschrieben:Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass sie
versucht hatte, Pratchetts (und meinen) naiv-lakonischen Stil in den
eines handelsüblichen, pädagogisch unbedenklichen Jugendbuchs zu ändern.
Mal das Klischee beiseitegeschoben (ich kenne solche Jugendbücher gar nicht; was ich zum Begutachten und zum Übersetzen bekomme, sind viel schrägere und politisch weniger korrekte Bücher als das meiste auf dem Erwachsenen-Massenmarkt) interessiert mich am meisten, was für Stilverschiebungen genau das sind. Ich hoffe, da stellt Bernhard Kempen bei Gelegenheit noch Beispielabsätze zur Verfügung. Die in seiner Stellungnahme erwähnten Beispiele illustrieren diesen Punkt ja gar nicht.

Oder kann vielleicht jemand, der das Original hat, mal die ersten drei Absätze hier einstellen, und jemand, der die deutsche Ausgabe hat, dann daraus die ersten drei?

(Keine Sorge, damit werden keine Urheberrechte verletzt; so etwas fällt unter die Zitatfreiheit.)

Dann kennen wir zwar Bernhards "Originalübersetzung" noch nicht, aber können immerhin ein bisschen abschätzen, wie groß der angerichtete Schaden so ist.

P.S. Danke, Olaf!
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Rusch
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Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Rusch »

Das ist sehr, sehr interessant. Diese Redakteurin muss wirklich sehr viel Zeit gehabt haben. Mein Kinder lesen mit vergnügen die Tiffany Bücher, aber ich weiß nicht, ob ich dieses Buch auf Deutsch kaufen soll....
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Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel »

Frank Böhmert hat geschrieben: Oder kann vielleicht jemand, der das Original hat, mal die ersten drei Absätze hier einstellen, und jemand, der die deutsche Ausgabe hat, dann daraus die ersten drei?

(Keine Sorge, damit werden keine Urheberrechte verletzt; so etwas fällt unter die Zitatfreiheit.)

Dann kennen wir zwar Bernhards "Originalübersetzung" noch nicht, aber können immerhin ein bisschen abschätzen, wie groß der angerichtete Schaden so ist.

P.S. Danke, Olaf!
Das macht "Jemand" morgen mit dem Original. Bis dahin kann man hier http://www.amazon.com/gp/reader/0385613 ... eader-link bei amazon.com die ersten 6 Seiten lesen.
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Pogopuschel
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Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel »

Übrigens Frank: :birthday:
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Frank Böhmert

Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Frank Böhmert »

Pogopuschel hat geschrieben:Übrigens Frank: :birthday:
Huch? Hat sich mein Geburtstagsdatum bis in den Westerwald rumgesprochen? Danke.
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Pogopuschel
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Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Pogopuschel »

Frank Böhmert hat geschrieben:
Pogopuschel hat geschrieben:Übrigens Frank: :birthday:
Huch? Hat sich mein Geburtstagsdatum bis in den Westerwald rumgesprochen? Danke.
Ne, aber bis zu SF-Netzwerk.de. Dort wird angezeigt, wer aktuell Geburtstag hat. Du hast wohl bei der Anmeldung dein Geburtsdatum angegeben.
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Uschi Zietsch
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Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Frank Böhmert hat geschrieben:
Pogopuschel hat geschrieben:Übrigens Frank: :birthday:
Huch? Hat sich mein Geburtstagsdatum bis in den Westerwald rumgesprochen? Danke.
Dann bist du ja ein Aprilscherz wie mein bester Ehemann! Auch gratuliere! :birthday: :ola:
:bier:
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Frank Böhmert

Re: Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers

Ungelesener Beitrag von Frank Böhmert »

Pogopuschel hat geschrieben:Ne, aber bis zu SF-Netzwerk.de. Dort wird angezeigt, wer aktuell Geburtstag hat. Du hast wohl bei der Anmeldung dein Geburtsdatum angegeben.
Eigentlich nicht. Also nicht mein wahres. Sondern ein erkennbar falsches, wie ich gehofft hatte. "1. April 1904" oder irgendsowas. :D Aber der 1. April liegt jetzt nicht soooo weit daneben. :beanie:

Okay. Back on topic.
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