Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Science Fiction in Buchform
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Knochenmann
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

Planänderung: Stadt "Shades of Gray" trag ich mal "Network Effekt" als letztes Buch einer Serie ein.


( ) Ein Buch aus "Die 100 besten Science-Fiction-Bücher aller Zeiten"
(X) Deutschsprachiger Roman einer Frau, erschienen 2019 / "Bay City Heroes" von Laura Weller
(X) Locus Award Gewinner / "Kollaps" von John Scalzi
( ) Buch von Brian W. Aldiss
(X) Letzter Band eines Mehrteilers "Network Effekt" von Matha Wells
( ) Buch mit dem Wort "Zeit" im Titel
( ) Handlung auf dem Mond
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Uschi Zietsch
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Melde Vollzug des dritten Buches!
Brian W. Aldiss: Tod im Staub
Ich habe Helliconia natürlich da, aber der erste Band ist sehr dick und ich bin damals gescheitert. Das wollte ich nicht nochmal riskieren. Dann war es gar nicht so einfach, weitere Bücher von ihm zu bekommen, Aldiss ist komplett out. Aber über eBay habe ich dann tatsächlich ein bevorzugt dünnes Büchlein gefunden.
Die Handlung spielt in ca. 200 Jahren. Es gibt 24 Milliarden oder so Bevölkerung (keine Ahnung, wie man auf so viel kommt, ohne dass es mal irgendwo atombombt). Der Großteil der Welt ist logischerweise völlig verarmt und es ist extrem eng. Nur die Weltmeere sind noch frei, auf denen atomkraftbetriebene Frachter rumkurven mit einer kleinen (4 Mann) Besatzung, die eigentlich gar nicht notwendig ist, sie wird aber trotzdem eingesetzt, weil ... äh, keine Ahnung.
Unser Protagonist ist der Kapitän so eines Frachters und der Roman fängt damit an, dass eine Leiche mit einem umgeschnallten Antigrav in ihn reinknallt. So weit, so guter Einstieg.
Die Menschen sind alle krank und alle leiden Hunger. Wegen kleinster Vergehen wird man zum Landarbeiter verurteilt, der dann auf ewig irgendwas aufm Land macht. Zeug anbauen, aber nur im Schutzanzug, weil der Boden und die Luftschicht bis einen oder zwei Metern komplett Pestizid- und Insektizidverseucht ist.
Dann gibt's natürlich Rebellen, die von sowas abhauen, das sind die Wanderer. Weiß nicht, wovon die leben und wieso die die verpestete Luft aushalten.
Unser Held leidet unter mehreren psychischen Erkrankungen, Schizophrenie, Paranoia, Halluzinationen, Wahnvorstellungen ... zwischendurch jedenfalls tickt er aus und erlebt seltsam metaphysisches.
Einmal springt er aus dem Fenster und geht dann davon aus, dass er tot ist.
Die Geschichte ist in der Ich-Form geschrieben. Der Protagonist hat einen Knall, keine Frage. Er hört nicht zu, er handelt unvernünftig und bringt alles durcheinander, was kaum möglich scheint anhand des herrschenden Chaos.
Erstaunlicherweise ist die gesamte Welt pleite und am Boden, mit Ausnahme von Afrika. Die sind jetzt die Herren. Nur: Es gibt keine afrikanische Union, weil die untereinander trotzdem zerstritten sind. Wie die also die Supermacht sein können, erschließt sich mir nicht. Jedenfalls gibt es Bestrebungen, Afrika den Supermachtstatus abzunehmen, und unser Protagonist stolpert in diese Intrigen hinein (erst so gegen Ende allerdings).

Aldiss' Vorstellung einer Dystopie ist teils überzogen, teils absurd. Das weiß er auch selbst, denn er liefert so gut wie keine Erklärungen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Damit ist das alles nicht schlüssig.
Insgesamt kommt mir der Kurzroman mehr wie eine aufgeblasene Kurzgeschichte vor. Speziell am Ende, denn es bricht mittendrin ab und lässt jede Menge Fragen offen. Allen voran: "Warum?" Warum handelt der Protagonist auf einmal im letzten Absatz genau gegenteilig von dem, was er die ganze Zeit verfolgt und vertreten hat?
Und vor allem: Es wird in der Ich-Erzählung deutlich, dass er aus einer ferneren Zukunft berichtet von der Stelle aus, an der die Geschichte endet. Aber was ist denn dann geschehen? Genau die zentrale Frage bleibt völlig offen: Konnte man nun etwas verändern? Wurde es schlimmer? Besser?
So den Leser hängen zu lassen, macht mich sauer.

Die Geschichte ist dennoch erfrischend anders und erfrischend unterhaltsam. Freut mich, dass ich sie gelesen habe, und man kann sie auch heute noch - logisch mit Abstrichen - lesen. Aber auch in dem Fall muss ich sagen: Klassiker sind nix für mich.

Notiz am Rande: Ich habe Aldiss einmal Anfang der 80er persönlich kennengelernt, und das war eine herzerfrischende Erfahrung.

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(X) Brian W. Aldiss: Tod im Staub
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Ender »

Apropos Aldiss:
Wie ich zufällig gerade gesehen habe, wird im Juli bei Heyne ein ganzer Schwung an Aldiss-Romanen als eBook neu aufgelegt!
LINK zur Heyne-Vorschau.

Es ist also Auswahl für Punkt 4 vorhanden.
(Und ich gehe ab sofort davon aus, dass sich Heyne bei der Planung seines eBook-Programms an unserer Challenge orientiert ...)

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Uschi Zietsch
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Wäre bei mir nicht der Fall, weil ich keine eBooks lese. Aber ich bin ja eh durch mit dem Punkt ;-)
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aquarius
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von aquarius »

Bild

Wolfgang Jeschke: Der letzte Tag der Schöpfung
Auf der Liste der 100 besten Science-Fiction-Bücher stehen viele Bücher, die ich schon gelesen habe. Aber noch mehr habe ich noch nicht gelesen und davon einige, die ich schon immer mal lesen wollte.
Entschieden habe ich mich für einen Klassiker aus Deutschland. Im Roman schicken die Amerikaner verschiedene Expeditionen 5 Millionen Jahre in die Vergangenheit, um den Nordafrikanern das Erdöl abzupumpen. Das grandiose Scheitern dieses Vorhaben wird im Roman geschildert.
Die Zeit ist beinahe spurlos an dem Roman vorbeigegangen, die Haupthandlung könnte so ähnlich auch heute noch stattfinden. Die Lektüre hat sich auf jeden Fall gelohnt.

[x] 1. 100 beste Science-Fiction-Bücher aller Zeiten: Wolfgang Jeschke: Der letzte Tag der Schöpfung
[x] 2. deutschsprachiger Roman, 2019, Autorin: Marie Graßhoff: Neon Birds
[ ] 3. Roman Gewinner Locus Award
[x] 4. Buch von Brian W. Aldiss: Helliconia: Frühling
[x] 5. Letzter Band eines Mehrteilers: Greg Bear: Die Rache des Titan
[ ] 6. Buch mit dem Wort "Zeit" im Titel
[ ] 7. Buch, dessen Handlung auf dem Mond spielt

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Uschi Zietsch
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

So, nun ist die Halbzeit überschritten.
Originalroman Autorin von 2019:
Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Ich muss gestehen, ich hab den Roman wegen des wirklich coolen Titels gewählt.

Ca. 2065 ist es genauso wie bei uns. Manchmal noch ein bisschen antiquierter. Denn es gibt Faxe (!), Briefe (!), keine Home Offices, und der Verkehr unterscheidet sich nicht von heute (auch die Verkehrsmittel). Es gibt natürlich auch Mails und Handys, aber die sind auf dem heutigen Stand.
Was allgemein gearbeitet wird und wie die wirtschaftliche Situation ist, erfahren wir nicht, auch nicht, ob sich das politische System geändert hat.

Der Stil ist teils sehr antiquiert mit Formen wie "sendete", "wendete", was schon seit mindestens 25 Jahren nicht mehr üblich ist. Erst gegen Ende zu wird die Sprache ein bisschen moderner.

Aber was ist nun SF? Nun, es laufen lauter Datas rum. Die meisten sind eher unselbstständig, wie die allererste Urform von Data. Sie werden übrigens als "Recheneinheiten" (sic!) bezeichnet.
Aber dann gibt es noch den richtigen Data, das ist Roberta, eine KI-Recheneinheit, die sich selbstständig weiterentwickeln und programmieren kann. Und genau wie Data ist sie auf der Suche nach Gefühlen und fragt sich, was das Menschliche ist und warum Menschen so handeln. (Also sie ist Data, nur dass sie absolut menschlich aussieht und als weiblich gebaut und programmiert wurde.)

In Berlin, wo die Geschichte stattfindet, gibt niemand mehr eine Wohnung auf, sondern zieht (problemlos) woandershin, und untervermietet, das kann so bis in 4-5 weitere Untervermieter gehen, sodass jeder an den anderen die Miete überweist. Was die EIgentümer und Meldeämter dazu sagen, wird nicht ausgesagt. Meistens erbt der Nachmieter auch gleich die verlassene Recheneinheit, die er dann auf sich polt und dann hat die ihn lieb. Erzählt wird das nur bei Männern. Frauen, also echte Menschenfrauen, gibt es in dieser Geschichte genau 2: Eine Polizistin und eine Mutter, die am Schluss erst in Erscheinung tritt.
Eine alte Oma ist nämlich auch eine Recheneinheit, aber die hat einen echten Pudel. (Hm? Vielleicht von ihrem Menschen geerbt.)

Es gibt zwei gesellschaftliche Probleme: Erstens, die Rechte und Gleichberechtigung der Frauen sind so bei Stand 1980/90er, das patriarchalische System ist auf dem Höhepunkt. Zweitens, alle bringen sich um. Obwohl doch jeder eine Recheneinheit hat, die alles für ihn tut. Hilft nichts. Deswegen gibt es das Polizeidezernat Suizide, das dafür sorgen soll, dass die Angehörigen die Bestattungskosten übernehmen, damit das nicht am Staat/dem Steuerzahler hängenbleibt.
Und hier kommt Roberta ins Spiel, die erste Sonderbeauftragte ihrer Art, die 15 Tage Zeit hat, das in die Wege zu leiten und selbstverständlich an der Bürokratie, den Faxen, dem Papierkram und den verstaubten Büros mit verstaubten Beamten scheitert. (Ach ja, da gibt es auch noch ein oder zwei Frauen, aber die sind geschlechtslose Stereotypen, könnten auch Männer sein.)

All die vielen Datas jedenfalls (es kommen wohl so 48% auf 52% Menschen) sind super programmiert und sehen exakt menschlich aus, sie können sogar essen und trinken und gehen dann aufs Klo, um das Unverdaute loszuwerden. Das führt sogar soweit, dass sie auch in Abwesenheit von Menschen Frühstück etc zelebrieren.
Erstaunlich auch, obwohl sie von Menschen nicht zu unterscheiden sind, werden sie von Menschen sofort als Maschinen erkannt. Wer keinen Data hat, hasst die Maschinen oder jagt sie, um sie in Autos umzubauen.

Also. Roberta soll einen Suizidfall aufklären, den wir am Anfang mitbekommen, bevor auf sie geblendet wird, und am 15. Tag ist sie selbst der Tote und klingelt an der Tür seiner Mutter, und ... Ende.

Solcher Art literarisches Zeugs, das SF sein soll und natürlich auf einigen Seiten mit dem typisch deutschen, belehrenden Autoren-Zeigefinger und Lexikaeinträgen daherkommt, ist einfach nix für mich. Hier wird der aktuelle gesellschaftliche Stand, vor allem der Frauen, kritisiert, was also nichts mit SF zu tun hat und nur zeigt, dass die Autorin keine Lust auf Weltenbau oder neue Entwicklungen hatte, sie hat was auszusagen und anzuprangern, und zwar das heute. Ja, gern, aber bitte ohne den Stempel SF. Danke.

Wenigstens ist es mit 270 Seiten ein zum Glück nicht zu dickes Buch und es liest sich flott (die Traktate hab ich ausgelassen, ich weiß ja, wie unsere Welt mit Gleichberechtigung und so aussieht), vor allem ab dem Zeitpunkt, wenn die Autorin sich mal ein bisschen frei geschrieben hat und einfach mal erzählt. Dann ist es stellenweise spannend und berührend.

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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Ender »

5.) den LETZTEN Band eines Mehrteilers
In dieser Kategorie habe ich es mir leicht gemacht, indem ich einen ZWEIteiler ausgewählt habe.
Und zwar: "In Liebe, Dein Vaterland" von Ryu Murakami. (Das ist der andere Murakami.)

Bild

Zur Handlung: Eine nordkoreanische Eliteeinheit besetzt ein japanisches Baseballstadion und später die ganze Stadt, um so - nach dem Eintreffen weiterer 120.000 Soldaten - den Süden Japans in eine nordkoreanische Provinz zu verwandeln. Das in der hier beschriebenen Welt politisch und wirtschaftlich extrem geschwächte Japan reagiert völlig hilflos, auch die Verbündeten sehen nur tatenlos zu, und somit droht der Plan zu gelingen.

Eine ganz schön abgefahrene, in zwei knapp 500-seitigen Bänden erzählte (je nach Lesart Near-Future- oder Parallelwelt-) Geschichte in aus unserer Sicht ungewohnter Umgebung. Es geht um Politik, Militär, Mitläufer, Außenseiter, Psychopathen, Medien, Gewalt, Melancholie und giftige Gliederfüßer.

Positiv: Die Rolle von Politik und Medien, die mit der Situation völlig überfordert sind, wird sehr anschaulich dargestellt. Zudem bekommt man hier und da kleine Einblicke in koreanische und japanische Geschichte, Gebräuche und Eigenarten. Das gesamte Setting ist einfach ziemlich interessant.
Negativ: Es treten irre viele Personen auf - zu viele, um zu einzelnen von ihnen eine echte Bindung oder Empathie zu entwickeln. Zudem fühlte ich mich bisweilen an Stephen King erinnert: zu jeder Figur, egal ob wichtig oder Nebenrolle, wird erst mal die Lebensgeschichte erzählt. Das ist manchmal gut und notwendig, um ihre Handlungen zu verstehen, häufig aber einfach überflüssig und ohne Bezug zur Geschichte. Auf Dauer ist das alles viel zu viel des Guten und führt zu etlichen Längen. Rückblickend stellt sich die Frage, ob es wirklich nötig war, die Geschichte auf zwei Bände zu strecken. Meiner Meinung nach eher nicht.

Trotzdem bereue ich es nicht, die Bücher gelesen zu haben. Für die schwachen Momente mit seitenlanger Langeweile konnten die guten Momente mit tarantinoartig-absurden Szenen oftmals entschädigen.
So eine richtige Empfehlung kann ich guten Gewissens aber nicht aussprechen.


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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Ender hat geschrieben:
4. Juli 2020 21:00
nach dem Eintreffen weiterer 120.000 Soldaten - den Süden Japans in eine nordkoreanische Provinz zu verwandeln.
Das klingt ungefähr so realistisch las ob damals die DDR mit 120.000 Mann Frankreich besetzt hätte und die NATO hatte gerade Besseres zu tun. Selbst in einer Parallelwelt.

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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Ender »

So ganz unrealistisch ist das tatsächlich nicht beschrieben. (Mit dem "Süden Japans" ist hier auch nur eine einzelne Provinz gemeint, nicht etwa das halbe Land.)
Immerhin drohen die Besatzer damit, zehntausende von Geiseln zu töten und stellen sich zudem nicht als Invasoren dar, sondern als abtrünnige Revolutionäre, die nicht für, sondern sogar gegen das nordkoreanische Regime handeln. Und schon stecken Politik und Diplomatie in einer Zwickmühle.
Außerdem stellen einige Nationen schnell fest, dass bei langwierigen Verhandlungen und Blockaden schwere wirtschaftliche Einbußen drohen ... wenn man sich dagegen mit den "neuen Machthabern" arrangiert, ließe sich möglicherweise sogar Kapital daraus schlagen.
Also, so völlig abwegig ist das letztlich gar nicht mal alles, es steckt schon durchaus etwas dahinter.

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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Klingt immer noch hanebüchen. Aber hey, auch aus der hanebüchensten Prämisse kann ein guter Roman entstehen. Scheint hier aber auch nicht der Fall zu sein. Ich bleibe erstmal beim anderen Murakami.

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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Ender »

Überzeichnet ist das alles natürlich schon. Und Phantastik halt.
Aber dass z.B. wirtschaftliche Interessen oder politisches Kalkül in Krisenzeiten plötzlich wichtiger sind als die Moral, dass Medien bzw. Öffentlichkeit sich verunsichern und beeinflussen lassen, dass die USA ein unzuverlässiger Partner sein können (frag mal die Kurden) -- bei genauerer Betrachtung ist vieles davon auf einmal gar nicht mehr so hanebüchen.
Somit eine durchaus gelungene Groteske, wie ich finde. Die Schwächen liegen woanders, sind aber wie gesagt leider auch vorhanden.

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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Ich finde, das klingt absolut plausibel. Japan ist ein Inselstaat, da ist es absolut möglich, wenn eine außenliegende Insel, die genügend Bewohner hat, überrannt und besetzt wird. Und dass die Welt ringsum zögert, etwas zu unternehmen, wegen der wirtschaftlichen Interessen und politischem Kalkül. Und mei, es ist ja nur eine Insel und weit weg. Nicht zu vergessen, dass Nordkorea - vielleicht - ein Atombombenstaat ist.
Wir haben das übrigens vor ein paar Jahren schon live erlebt, also ist es nicht mal mehr SF.
Erinnert sich noch jemand an eine gewisse Halbinsel, fängt mit K an, in der Ukraine?
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Und weiter geht's!
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Auch diesmal wieder ein schmales Büchlein von 220 Seiten, und ein total schönes, wie man es von Golkonda (die Sterne haben den Verlag selig) gewohnt ist.
Es ist ein Novellen/Kurzgeschichtenband, wobei aber alle Geschichten dasselbe Grundthema haben und somit zusammenhängen, nur dass es immer andere Protagonisten sind, die in der neuen Welt leben, lieben und leiden.

Die Menschen sind quasi unsterblich geworden durch regelmäßiges aufpimpen, Organaustausch und so, und im Gegenzug werden keine Kinder mehr geboren, nur noch sehr selten werden Genehmigungen dafür erteilt. Um überall gleichzeitig aktiv sein zu können, kann man beliebig viele Holo-Abzüge von sich erstellen, die man nach Gebrauch wieder löschen kann. Durch einen Gürtel ist man mit der ganzen Welt vernetzt und hat seinen persönlichen Butler dabei. Klone laufen en masse herum, die Arbeiten erledigen, zu denen Mensch keinen Bock mehr hat. Und so erzählt der Autor Einzelschicksale, die zum großen Teil tragisch enden (leider). Obwohl die Welt an sich keine gar schlechte ist. Eigentlich geht's ja allen gut. Aber dann halt doch nicht allen. Ob man sich eine kinderlose Welt vorstellen kann - das ist natürlich auch so eine Sache. Und mit der Technik geht sowieso immer irgendwas schief. Sie funktioniert nicht richtig, oder sie rebelliert.

Der absolute Pluspunkt: Da ist nichts verkopft, kein Wedeln mit dem Zeigefinger, keine moralische Keule, keine Besserwisserei, kein Intellektuellenzwang. Es sind hervorragende Erzählungen, man ist immer nah an und in den Figuren, lebt, leidet und liebt mit ihnen. Mittendrin im Leben und stets auf den Punkt gebracht.

Die Titelgeschichte ist die längste und auch vom Weltenbau her am meisten ausgefeilt. Absolut intensiv in der Charakterisierung mit sehr, sehr vielen Facetten. Leider wird nicht genau erklärt, wie ich mir das "versengt" vorzustellen habe, das ist aber auch der erste von zwei winzigen Kritikpunkten, der zweite ist, ich hab den Schluss der letzten Geschichte "Wie wir uns kennenlernten" nicht kapiert. Das war wohl eine raffinierte Pointe, die an mich schlichtes Gemüt verschwendet war.

Ich bin schlichtweg begeistert von dieser Idee einer (wie ich finde, vorstellbaren) Zukunft. Wenn ich daran denke, was Braslavsky aus einer ähnlichen Idee alles nicht gemacht hat und hätte machen können (dadurch dass ich zufällig die beiden Bücher hintereinander gelesen habe, habe ich einen guten Vergleich) - hier jedenfalls funktioniert die Sache, der Weltenbau ist top, die Ideen sind ausgefeilt. Es ist spannend, berührend, und bei aller Utopie doch für das eine oder andere Individuum tragisch. Fazit der Geschichten: Wer nicht mitmachen will, scheitert.

Das ist SF, wie sie sein soll! Volle Punktzahl. Volle Berechtigung auf der Liste.

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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

Uschi Zietsch hat geschrieben:
Heute 10:53
Obwohl die Welt an sich keine gar schlechte ist.
Die Welt ist furchtbar! Der ultimative Alptraum. Die beiden Protagonisten waren zwei der Alphas, das was von den Menschen noch übrig geblieben sind: große Künstler, Politiker und Firmenlenker. Alle anderen Menschen sind mehr oder minder ausgerottet und durch diese Arbeitsklone ersetzt.... von denen nicht die Gefahr ausgeht das die jemals in ihren Leben irgendwas mahen was nicht ihrem Anforderungsprofil entspricht, keine Gefahr also für das Top 0,001%. Alles unter dem Deckmantel des Freien Markts und des Kapitalismus.

Das wird im Roman "Counting Heads" noch weiter ausgeführt, alle Kruzgeschichten fließen dort im Roman zusammen.

Was das "Versengen" angeht: Der Körper wird mit Nanomaschinen angereichert, die alle Körperzellen die sich vom Körper lösen verbrennen.

Und unnötig zu sagen:
Der "Irrtum" der zum Versengen geführt hat keiner war, sondern eine langeingefädelte Intrige der Frau, die die ganze genetische Kontrolle über das Kind haben wollte.
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Re: Die Phantastik - Lesechallenge 2020

Ungelesener Beitrag von Ender »

Könnt ihr bitte mal aufhören, mich ständig an meinen SUB zu erinnern? :-?
Aber nach Uschis Begeisterung ist meine Vorfreude auf das Buch nun noch größer (und die ist ja bekanntlich die schönste Freude).

Und Uschi ist übrigens mit der Challenge schon fast durch. :respekt:

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