[Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Eine sehr intensive Geschichte die sich mit Religionen und ihren potenziell totalitären Auswüchsen beschäftigt. Erzählt aus der Sicht eines kleinen Mannes, dem die Lust nach einem Apfel zum Verhängnis wird. Hat mir sehr gut gefallen.
Interessantes Details: Die herrschenden Araber fahren deutsche Autos (VW, Mercedes).
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Flossensauger
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Flossensauger »

War Jeschkes Anti-Islamismus damals vielleicht schon vorhanden? Mir ist dieser erst bei seinem letztem Buch, welches auch in vielerlei anderer Hinsicht verunglückt ist unangenehm aufgefallen.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Flossensauger hat geschrieben: 22. April 2021 13:00 War Jeschkes Anti-Islamismus damals vielleicht schon vorhanden? Mir ist dieser erst bei seinem letztem Buch, welches auch in vielerlei anderer Hinsicht verunglückt ist unangenehm aufgefallen.
Du meinst Dschiheads?

Ich denke da interpretierst du zuviel rein. Die Geschichte ist von 1980 und bestimmt unter Einfluss der Iran Krise entstanden.
Dem Herausgeber Anti-Islamismus zu unterstellen weil er diese Geschichte für das Buch ausgewählt hat, scheint mir nicht nur wir hergeholt, sondern wirkt sogar ein wenig konstruiert und hat schon fast was von einer Unterstellung.
Hast du konkrete Hinweise zu deinem Verdacht?
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Teddy
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Ich konnte mich mit der Gescheite nicht richtig anfreunden, weil ich auf jeder zweiten Seite die Prämisse in Frage gestellt habe. Die Araber (wer auch immer genau damit gemeint sein soll) sollen die USA übernommen haben? Wo es zuvor kein arabisches Land geschafft hat, einen Krieg gegen das winzige Israel zu gewinnen? Die einzige Erklärung dafür, die Araber hatten halt das Öl, war schon 1980 nicht sehr überzeugend.
Mir ist auch nicht klar, welche Intention die Geschichte hat: Für eine Islamkritik finde ich sie zu plump. (Man ersetze mal Araber durch Schwarze. Das gäbe aber einen Aufschrei.) Oder ist das eine Kritik am amerikanischen Lebensstil, was mit vertauschten Rollen gezeigt wird?
Das ist übrigens die einzige Geschichte, die auch schon im Jubiläumsband 25-Jahre-Heyne-SF enthalten war.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Flossensauger »

Mammut hat geschrieben: 22. April 2021 13:38
Flossensauger hat geschrieben: 22. April 2021 13:00 War Jeschkes Anti-Islamismus damals vielleicht schon vorhanden? Mir ist dieser erst bei seinem letztem Buch, welches auch in vielerlei anderer Hinsicht verunglückt ist unangenehm aufgefallen.
Du meinst Dschiheads?

Ich denke da interpretierst du zuviel rein. Die Geschichte ist von 1980 und bestimmt unter Einfluss der Iran Krise entstanden.
Dem Herausgeber Anti-Islamismus zu unterstellen weil er diese Geschichte für das Buch ausgewählt hat, scheint mir nicht nur wir hergeholt, sondern wirkt sogar ein wenig konstruiert und hat schon fast was von einer Unterstellung.
Hast du konkrete Hinweise zu deinem Verdacht?
Nö. Ich schrieb ja bereits, das es mir erst mit Dschiheads aufgefallen ist.

(Das Jeschke sich zu der Zeit -1980- für das Öl unter dem arabischen Sub-Kontinent interessiert hat ist ja bekannt, sein -gutes- Buch "Der letzte Tag der Schöpfung" handelt davon.)

Die Geschichte von F. Camoin habe ich komplett aus meinem Gedächtnis verloren. Um dazu etwas sagen zu können müsste ich sie nochmal nachlesen.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Ralf Wambach »

Mir ging die Geschichte schon unter die Haut. Wegen der düsteren und desolaten Stimmung, die meines Erachtens gut eingefangen ist, aber auch diese detaillierte Schilderung des Hand-Abhackens aus einem eigentlich doch nichtigen Anlass. Also der Protagonist hatte schon mein Mitgefühl.
Dieses Hineininterpretieren von möglichem Anti-Islamismus oder ähnlichem mache ich bei Geschichten eigentlich nicht. Es ist halt eine Geschichte, nicht mehr und nicht weniger.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Flossensauger »

Ralf Wambach hat geschrieben: 22. April 2021 20:58 Mir ging die Geschichte schon unter die Haut. Wegen der düsteren und desolaten Stimmung, die meines Erachtens gut eingefangen ist, aber auch diese detaillierte Schilderung des Hand-Abhackens aus einem eigentlich doch nichtigen Anlass. Also der Protagonist hatte schon mein Mitgefühl.
Dieses Hineininterpretieren von möglichem Anti-Islamismus oder ähnlichem mache ich bei Geschichten eigentlich nicht. Es ist halt eine Geschichte, nicht mehr und nicht weniger.
Die Geschichte ist von 1980. Und Fiktion.

In einem streng genommen Islamischem Staat wäre das Handabhacken für Diebstahl Gesetz. Ob es angewand würde weiss ich nicht.

In der real existierenden U.S.A. werden regelmässig schwarze Menschen von der Polizei getötet, obwohl dieses per Gesetz verboten ist.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Flossensauger hat geschrieben: 22. April 2021 23:14 In einem streng genommen Islamischem Staat wäre das Handabhacken für Diebstahl Gesetz. Ob es angewand würde weiss ich nicht.
Wenn ein islamischer Staat ein Staat ist, der den Islam als Staatsreligion hat, stimmt das nicht. In vielen solchen Saaten gilt die Scharia gar nicht oder nur teilweise. Und auch dort wo sie gilt, gibt es verschiedene Auslegungen.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

Ich hatte die 1979er Revolution im Iran gar nicht mehr auf dem Radar, aber im Rückblick macht es Sin ndas die Sory vor de mHintergrund geschrieben wurde.

Das nicht erklärt wird Wie es dazu gekommen ist schmälert das ganze auch nicht, ist halt ein Stimmungsbild.

Auf der anderen Seite: das ist so eine Geschichte von der man das Gefühl hat, man hätte schon hunderte davon gelesen ohne das man eine davon benennen könnte.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

"The Gernsback Continuum" von William Gibson (1981)

Eine ergibige Geschichte! Und eine auf die ich mich gefreut habe.

Worom es geht: Fotograf bekommt Job, er soll in den USA Gebäde fotographieren, und zwar: diese Dinger aus dem 1950er Jahres, Futurismus und so. Zeug mit Aluverkeidungen und Finnen, mit Bögen und Kistallbrücken, mit Suchscheinwerfern. Viel zu große Flugzeuge, Autos die aussehen wi Aluavokadlos mit Heifischflossen, Fabriken wie gestrandete U-Boote.

Und wärend er das tut bekommt er Halozinationen, von einer Welt in der all das Zeug "wirklich" ist, wo eine bessere Zukunft Realität ist. Wo raische Leute in weißen Togas und Sandalen herumlaufen. Er sieht Zepeline und Kristallflugscheiben, die er sich aber nur einbidelt.

Also, wo hier anfangeh?

Na, bei dem Buch selber! Da haben wir in der Story dafor dieses islamistische Dystopia, zu dem kann man stehen wie man will, aber es ist eine relativ einfache Phantasie von einer anderen Welt. Und weiter vorne im Buch: Ballard und seine leeren Swimmingpools, und dann natürlich: Bradburry und eine sandalisierten togentragenden Aliens in der Kristallstadt am Mars.

Und jetzt die Geschte, die nächste Permutation, die auflösung der falschen Versprechungen der Science Fiction.

Ich hab von Gibson wenig gelesen was ich richtig gut fand, aber die Story ist eine Ausnahme. Was da alles drinnensteckt!

Zitierenswert:
"Die Desinger waren Populisten, nicht wahr? Sie versuchen, den Leuten zu geben, was sie wollten. Und die Leute wollten Zukunft."
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Wer ist "Gerstenback", Kanuchenmann? ;)
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

Ich und Namen, eine Geschichte voller Missverständnisse
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Mammut »

L.N. Muhr hat geschrieben: 25. April 2021 20:41 Wer ist "Gerstenback", Kanuchenmann? ;)
Das ist der Verschwörungstheoretiker aus der vergangenen Zukunft. :headbanger:
Gibson hat immer was Lyrisches und so wirkt auch diese Geschichte eher wie ein Rausch auf blauen Pillen. Eine schöne Abendlektüre.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Ender »

Da wir die Geschichte einst im Kurzgeschichtenklassiker-Thread schonmal hatten, mache ich's mir leicht und zitiere mich selbst:
Ich bin kein allzu großer Kenner von Gibsons Werk, denn das meiste, was ich von ihm gelesen habe, fand ich nur so lala. Deshalb verspürte ich noch keinen großen Ehrgeiz, mich intensiv einzulesen.
Diese Story hier hat mir aber aus irgendeinem Grund schon immer gut gefallen, obwohl das Ende ziemlich unspektakulär daherkommt.
Die Geschichte beginnt auch sehr gemächlich, liest sich aber trotzdem unterhaltsam, weil sie stilistisch schön und leicht humorvoll geschrieben ist ("Bleistiftspitzer wie im Windkanal getestet", "uncharismatischer Rockmusiker").
Was dann passiert - das Verschwimmen von Realität und Wahrnehmung/Fiktion - erinnert schon stark an Philip K. Dick ... was ich persönlich ja auch nie verkehrt finde.
Ungewöhnlich fand ich hier die relativ frühzeitigen Erklärungen von Kihn, was es mit dem beschriebenen Phänomen auf sich hat. Da bekommt man als Leser die Interpretation gleich vorab mitgeliefert. Irgendwie merkwürdig - das wirkt fast so, als hätte Gibson befürchtet, dass man seine Story sonst vielleicht zu schräg finden oder nicht verstehen würde.
Insgesamt für meinen Geschmack kein Riesen-Highlight, aber aus Gründen, die ich gar nicht so richtig erklären kann, mag ich die Geschichte trotzdem. Ich glaube, es liegt am allgemeinen Erzählton und an dem Gesamtthema, das dahinter steckt (eine Zukunft, die sich frühere Generationen ausgemalt haben und die es aber so nie gegeben hat).
Zuletzt geändert von Ender am 25. April 2021 22:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: [Lesezirkel] Fernes Licht - Kurzgeschichten

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Schließe mich Ender an und zitiere mich ebenfalls selbst aus dem Kurzgeschichten-Thread:

Fotograf bekommt den Auftrag, Architektur und Design der amerikanischen Stromlinien-Moderne der dreißiger Jahre zu fotografieren, also Dinge aus einer Zeit, als viele Menschen voller Begeisterung in die technisierte Zukunft blickten und von fliegenden Autos und Flügen zu den Planeten träumten. Durch die intensive Beschäftigung mit der Zukunft, die so nie stattfand, gerät der Fotograf temporär in ein alternatives 1980, in dem die Entwürfe aus den Covern der amerikanischen SF-Pulpmagazine Wirklichkeit sind. Nur die Beschäftigung mit den profansten Dingen seiner eigenen Wirklichkeit führt zu einem verblassen der Gernsbackschen Zukunft.
Für den SF-Fan eine nette Geschichte, die sich mit vergangenen Vorstellungen der Zukunft beschäftigt, dem grenzenlosen Optimismus der frühen SF.
Was mich an Gibson etwas stört ist, dass er gar nichts erklärt (was immer noch viel besser ist als zu viel zu erklären). Gab es beispielsweise einen Architekten mit dem Spitznamen "Ming dem Gnadenlosen", der futuristische Tankstellen baute?
Was der Story fehlt, um richtig gut zu sein, ist eine ordentliche Pointe. Dass am Ende die Membrane zum Gernsback-Kontinuum von allein wieder undurchlässig wird, ist dann doch ein wenig wenig.
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