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Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 26. November 2025 21:55
von Cyberduck
Das habe ich gerade in der Badewanne fertig gelesen. Leider habe ich die beiden Zwischenfazits nicht mehr gefunden. Daher habe ich sie, soweit ich mich noch daran erinnern konnte, in das Gesamtfazit einfließen lassen:

"Unendlichkeit" (Alastair Reynolds)

"Unendlichkeit" spielt im 26. Jahrhundert, in einer Zukunft, in der die Menschheit zwar die Sterne erreicht hat, ohne jedoch wirklich gereift zu sein. Verschiedene Fraktionen, Ideologien und technologische Entwicklungsstufen konkurrieren miteinander. Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman die Geschichten dreier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Im Zentrum steht der Archäologe Dan Sylveste, der auf dem Planeten Resurgam die Überreste einer ausgestorbenen Spezies erforscht. Sein wissenschaftlicher Ehrgeiz grenzt an Besessenheit und das Geheimnis um das plötzliche Ende dieser Zivilisation könnte weit über Resurgam hinaus von Bedeutung sein. Parallel dazu treibt ein uraltes, halb verfallenes Raumschiff durch den Weltraum, dessen Crew mit inneren Gefahren und einer rätselhaften Krankheit kämpft. Lange bleibt unklar, welche Absichten tatsächlich verfolgt werden. Schließlich begleitet man die Auftragsmörderin Ana Khouri, deren Weg sie in ein Netz aus Loyalitäten und Intrigen führt, das sie weit über die Grenzen ihrer Heimatwelt hinauszieht.

Diese drei Handlungsstränge laufen zunächst nebeneinander her, wechseln abrupt die Perspektiven und Tonlagen und wirken anfangs fast wie getrennte Erzählungen. Das macht den Einstieg etwas mühsam. Reynolds wirft den Leser ohne große Orientierung in diese zersplitterte Zukunft. Gerade die sprunghaften Übergänge innerhalb einzelner Kapitel können irritieren, wenn man klare, sachliche Hard-SF-Strukturen gewohnt ist. Die Kombination aus wissenschaftlich-nüchternen Passagen, düsterer Gothic-Atmosphäre im All und der noirartigen Emotionalität von Khouris Handlungsfaden erzeugt anfangs eher Reibung als Zusammenhang.

Mit zunehmender Seitenzahl beginnt sich das Bild jedoch zu ordnen. Die anfangs losen Fäden finden zueinander, Themen und Motive verschränken sich und die Geschichte gewinnt an Kontur. Das Raumschiff "Sehnsucht nach Unendlichkeit", das sowohl Technik als auch verrottendes Lebewesen ist, wirkt wie ein groteskes Sinnbild dieser Zukunft. Bluthunde als KI-Fragmente vergangener Persönlichkeiten und genetisch angepasste Wächterratten als biologische Sensoren verstärken den Eindruck, dass Reynolds Wissenschaft und Mythos bewusst ineinanderblendet. Diese Welt ist keine reine Technikvision, sondern ein Geflecht aus sedimentierten Schichten, in dem Vergangenes, Verfallenes und Fortschreitendes ohne klare Grenzen ineinander übergehen. Das ist fordernd, aber auch faszinierend.

Sobald die drei Stränge im zweiten Drittel zusammenlaufen, gewinnt der Roman deutlich an Struktur. Entscheidungen beginnen, Gewicht zu bekommen, die Atmosphäre verdichtet sich und die Spannung steigt spürbar. Besonders angenehm war für mich, dass Reynolds die Auflösung lange offenhält. Zwar weiß man, dass alles zusammenhängt, doch bleibt man bis kurz vor Schluss im Unklaren darüber, wie und warum. Es gibt keine simplen Vorausdeutungen und auch keine klare Spur, die das Ende vorwegnimmt. Dieser Schwebezustand trägt viel zur Wirkung des Romans bei und belohnt die Geduld, die man am Anfang investieren muss.

Nicht alles hat für mich gleich gut funktioniert. In der ersten Hälfte sind einige Passagen überladen, andere zu abrupt oder beinah fantastisch. An manchen Stellen hätte mir ein sachlicherer Stil besser gefallen. Doch rückblickend macht gerade diese stilistische Unruhe einen Teil des Reizes aus. Sie zwingt dazu, sich aktiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen, statt sie nur passiv zu konsumieren.

Am Ende bleibt ein Roman, der mich trotz seiner sperrigen Momente nicht losgelassen hat. Die Frage, wie alles ausgeht, blieb bis zum letzten Kapitel spannend. Und trotz kleiner Schwächen hat „Unendlichkeit” genau das erreicht, was gute Science-Fiction leisten sollte: eine Welt zu eröffnen, die größer ist als man selbst, und ein Nachhall zu hinterlassen, der über das Zuklappen des Buches hinaus anhält. Ich bin froh, dran geblieben zu sein.

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Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 27. November 2025 17:49
von deval
Ist schon etwas länger her das ich das Buch gelesen habe. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern ob es Teil einer Serie ist.
Daher meine Frage: Ist die Geschichte abgeschlossen?

Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 27. November 2025 18:17
von Flossensauger
Und, viel wichtiger:

Wird das Format bei aufeinanderfolgenden Bänden geändert?

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Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 27. November 2025 20:24
von Cyberduck
deval hat geschrieben: 27. November 2025 17:49 Ist schon etwas länger her das ich das Buch gelesen habe. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern ob es Teil einer Serie ist.
Daher meine Frage: Ist die Geschichte abgeschlossen?
Wenn man der Veröffentlichungsreihenfolge folgt, scheint "Chasm City" der zweite Band des "Revelation-Space"-Zyklus zu sein, da er direkt nach "Unendlichkeit" erschienen ist. Die englische Wikipedia führt "Chasm City" jedoch nicht als Teil der "Inhibitor Sequence", sondern als eigenständigen Roman eines gemeinsamen Universums. "Redemption Ark" (Arche) wird dort als zweiter Band aufgeführt. Die deutsche Wikipedia ordnet hingegen nach einem anderen Kriterium und stellt scheinbar alle im selben Universum angesiedelten Romane zu einer Reihe zusammen. Dort wird "Redemption Ark" erst an dritter Stelle genannt und "Chasm City" an zweiter Stelle. Da der Autor Brite ist, traue ich der englischen Wikipedia hier mehr als der deutschen, zumal jemand im Forum schon erwähnt hat, dass die Handlung von "Chasm City" vor der Zeit von "Unendlichkeit" spielt, was die englische Wikipedia auch bestätigt.

Long story short: Die Romane hängen alle irgendwie zusammen, aber in welcher Reihenfolge man sie lesen sollte, darüber scheiden sich die Geister. Ich habe "Arche" jedenfalls gestern noch angelesen. Zum Format kann ich nichts sagen, da ich eBooks lese.

https://en.wikipedia.org/wiki/Revelatio ... hatgpt.com
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arche_(Roman)

Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 28. November 2025 13:10
von Scotty
Also Alastair Reynolds hat mal in einem Interview gesagt, dass die Bände so konzipiert sind dass sie einzeln lesbar sind ohne eine Reihenfolge zu beachten.

Das kann ich so bestätigen. Die Stories sind in sich abgeschlossen auch wenn sie zu anderen Zeiträumen spielen. Vereinzelt könnte auf Personen der Vorgänger Bände Bezug genommen werden allerdings ohne dass das sonderlich wichtig für das Verständnis ist. Ich selber habe die Bände in der Reihenfokge des Erscheinens gelesen und fand das sehr gut so.

Chronologisch spielt Chasm City jedoch VOR Unendlichkeit und ist (wie auch die anderen Bände) deutlich weniger sperrig.

Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 28. November 2025 14:39
von Mammut
Die Arche hört im Prinzip mitten drin auf:
https://defms.blogspot.com/2021/03/alas ... arche.html

Aurora hat eine Fortsetzung, das konnte man aber abgeschlossen lesen:
https://defms.blogspot.com/2021/01/alas ... urora.html

Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 29. November 2025 00:54
von Scotty
Ist bei mir zu lange her. Ich hab die ursprünglich 4 Romane mit grossem zeitlichen Abstand gelesen und war jeweils zufrieden mit dem Ende und hatte dieses nicht als Cliffhanger empfunden. Es kann aber sein dass mich meine Erinnerung täuscht und die Arche mit dem Nachfolger doch enger zusammen hängt. In jedem Fall: Wenn man die Werke in der Reihenfolge des Erscheinens liest macht man nichts falsch.

Re: Unendlichkeit (Alastair Reynolds)

Verfasst: 29. November 2025 09:54
von Mammut
Absolution Gap is a 2003 science fiction novel written by Welsh author Alastair Reynolds.[1] It takes place in the Revelation Space universe and is a direct sequel to Redemption Ark.[2][3]
https://en.wikipedia.org/wiki/Absolution_Gap

Hier findet sich auch noch eine Zusammenfassung:
https://www.janetts-meinung.de/belletristik/offenbarung

Schließlich ist dieser Band der Abschluss der Inhibitor-Reihe. Man kann ihn zwar lesen ohne die Vorgänger zu kennen, doch viel zu häufig wird der Leser dann Zusammenhänge nicht erkennen können, vor allem was die alten Figuren angeht. Als Abschluss der Reihe funktioniert der Band allerdings noch weniger. In Unendlichkeit wurden die Grundlagen zum Konflikt zwischen der Menschheit und den Unterdrückern gelegt: Dan Sylveste weckte die Maschinenwesen. In Die Arche wurde die Übermacht der Unterdrücker demonstriert: Mehr als eine Flucht, die den Konflikt nur aufschob und nicht aufhob, war trotz der Weltraumgeschütze nicht zu erreichen. In Offenbarung sollte nun eigentlich der Konflikt auf die eine oder andere Art gelöst werden – wird er aber nicht. Behandelt werden eine Fortsetzung der Flucht und die vom Unterdrücker-Krieg unabhängigen wirren Pläne eines religiösen Fanatikers. Die Auflösung erfolgt dann in wenigen Sätzen im Epilog.