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„Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 11:36
von head_in_the_clouds
„Tyger! Tyger! burning bright
In the forests of the night…“


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Mit dem Zitat des Gedichts von William Blake beginnt der Roman „Tiger! Tiger!“ - kurz darauf wurde dieser geniale Bester-Titel leider vom Verlag umbenannt in das aus dessen Sicht mehr verkaufsfördernde , aber blasse „The Stars My Destination“ unter dem er dann seine Berühmtheit erlangte. Es gilt als eines der einflussreichsten Werke der modernen Science Fiction.

Der Originaltitel war durch das Blake-Zitat eng mit dem rohen, animalischen , auf Rache ausgerichteten Charakter des Hauptprotagonisten Gully Foyle verbunden. So erinnert die Kriegsbemalung, die er später symbolisch für seinen Rachezug anlegt, an die Streifen des Tigers (siehe Titelbild unten des späteren Verlagstitels). Der Heyne Verlag gab 1983 Bester die Ehre den Roman mit Tiger! Tiger! in seine Bibliothek der Science-Fiction Literatur aufzunehmen, weitere deutsche Ausgaben siehe unten in der ISFDB Referenz.

Mitte der 1950er Jahre publiziert, nahm das Werk moderne Stilmittel der SF vorweg. So verdanken ambitioniertere Autoren dem Werk einiges. Die Vintage -SF hatte zweifelsohne ihre Höhepunkte!

Seine Bedeutung liegt aber weniger in der konkreten Handlung als in den formalen und thematischen Innovationen, die das Genre stark verändert haben. Konkret nimmt Bester hier die New Wave Ästhetik vorweg, die die SF der 1960er bestimmen sollte und ist ein Vorläufer u.a. für Philip K. Dick, Robert Silverberg , Samuel R. Delaney, Michael Moorcock oder J. G. Ballard.

Womöglich ist auch dadurch die vorzufindende Kritiker- und Leserhaltung zu erklären „du liebst es oder du hasst es“. Der Beat Generation zuzurechnen, polarisiert Bester – es kam ihm mehr darauf an, in seiner Vorstellung von zu erneuernder SF WIE etwas gesagt wird: Mit den stilistischen Mitteln des Mainstream experimentell und psychologisch fokussiert und nicht so sehr WAS gesagt wird. Anbetracht eines grausamen Blutzolls eines vergangenen Weltkrieges und Kalten Krieges der atomaren Bedrohung schien es unmöglich, eine sinnvolle Hoffnung zukünftiger menschlicher Entwicklung mit Worten zu beschreiben.

Der grundlegende Plot ,verlegt in eine ernüchternd anmutende Zukunft, basiert auf keiner geringeren Vorlage als Dumas „Graf von Monte Christo“ von 1846: dessen Rachemotiv bei gleichzeitiger moralischer Ambivalenz ist der faszinierende Schwerpunkt auch bei Bester's Werk von 1956. Er platzierte seine Hauptfigur Gully Foyle an die Stelle von Edmond Dantès und schuf so fast nebenbei den ersten Antihelden der SF.

Im Werk findet sich exemplarisch das in der Genre-SF bis etwa in den 1980er regelmässig verwendete Stilmittel des konzeptionellen Durchbruchs: Hier ist das gesellschaftliche Zusammenleben radikal verändert durch das „Jaunten“ – eine Art mentales teleportieren , das anti-elitär daherkommt, da es fast alle können. Was hätte dieser Paradigmenwechsel für einen strukturellen Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik , Psychologie oder Architektur? Bester sieht mehr positives darin - eine Demokratisierung. (Fun fact: Stephen King leistet Tribut an Besters Roman in seiner Kurzgeschichte „The Jaunt“ , auch wenn er den Begriff dort im anderen Sinn einer Technologie vorbehält für überlichtschnelles Reisen.)

Oft wird der Text auch als Proto-Cyberpunk wahrgenommen : Der Antiheld agiert in einer brutalisierten , technologisierten Zukunft mit extremer sozialer Ungleichheit und erinnert an das Worldbuilding von Gibson’s Neuromancer. Für die fortschrittsgläubige SF der 50er und ihrer Leser war das eine harte Pille zu schlucken, da sie doch anderes gewohnt waren. Aber die o.g. prägenden SF Zeitgenossen Besters faszinierte der Abgesang auf diese naive Ideologie technologischer Machbarkeit, die oft scheinbar in einem psychologischen und gesellschaftlichen Vakkum stattfindet , ohne zu kritisierende Aspekte zu haben.

Wenn uns eine Mahnung aus Besters Werk bleibt , dann das exponentiell beschleunigende Technologie unsere kulturelle Entwicklung hinterher hinken lässt und radikal Gesellschaft verändert und potentiell radikalisiert. Konkret könnte das heute beispielsweise sein, das anbetracht der Bedrohung und Chance von KI die grundlegende, scheinbar unveränderte Raubtiernatur des Menschen, sich auch dort manifestieren kann.

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ISFDB Referenz

Alfred Bester

The Stars My Destination (1956)
also appeared as:
• Variant: Tiger! Tiger! (1956)
• Translation: Die Rache des Kosmonauten [German] (1965)
• Translation: Tiger! Tiger! [German] (1983) https://www.isfdb.org/cgi-bin/pl.cgi?366606
• Translation: Der brennende Mann [German] (2000)

Re: „Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 15:54
von kingsize
„du liebst es oder du hasst es“ -- ich bin auf der ich-liebe-es-Seite :-) Obwohl das 30 Jahre oder mehr her ist, daß ich das Buch gelesen habe, erinnere ich mich noch relativ gut und fand es ziemlich genial.

Re: „Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 17:45
von deval
Ich habe im Jahr 2005 hier im Forum schon kundgetan, dass ich das Buch grottig schlecht fand. Gehöre also zu der anderen Fraktion. :lol:

viewtopic.php?t=3980&hilit=alfred+bester&start=15

Aber, wer weiß, Geschmäcker können sich mit der Zeit ja ändern. Wer weiß, wie es mir heute gefallen würde.

Re: „Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 18:00
von Flossensauger
Hier auch Team dagegen.

Re: „Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 18:40
von Helli-S
Ich lese ihn ab und zu mal gerne zur Unterhaltung. Ich find ihn weder richtig gut noch richtig schlecht.

Re: „Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 19:45
von Shock Wave Rider
Ich habe das Buch im Rahmen der Lesechallenge 2020 gelesen.
Mein Urteil fiel ernüchtert und durchwachsen aus: klick!

Bester(!) Gruß
Ralf

Re: „Tiger! Tiger!“ – Alfred Bester (1956): Bahnbrechende Vintage-SF die du kennen solltest!

Verfasst: 19. März 2026 21:52
von Doop
Ich mochte den Roman seinerzeit sehr. Team Liebe.