Gerade im Kino gesehen...

Gast09
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Re: Gerade im Kino gesehen...

Ungelesener Beitrag von Gast09 » 27. März 2019 20:50

Goldfische
Gesehen und für Goldig! befunden.
Die Schauspielerin Jella Haase hat ein Problem; ein Problem an dessen Lösung Romy Schneider grandios gescheitert ist, ein Problem für dessen Lösung Julia Roberts annähernd 2 Jahrzehnte benötigte, ein Problem bei dem Pierre Brice resignierte weil er es nicht lösen konnte, ein Problem welches Elisabeth Wiedemann zeitweise in die Verzweiflung getrieben hat: sie wird gnadenlos mit einer Rolle identifiziert.
Dieser Film hier zeigt, dass sie das ihre Person betreffende Problem gelöst hat und zwar perfekt. Das war auch nötig, denn ihre nahezu jedem bekannte Rolle hätte sie über viele Jahre in eine Einbahnstraße manövriert.
Zum Film: der Portfolio - Manager wird bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt, dass er von der Hüfte an abwärts gelähmt ist. In der Reha kommt die Info seines Bankiers aus Zürich dahingehend, dass sich die deutsche Finanzverwaltung Zugang zu seinem Schließfach verschaffen will. Mit dem Hintergedanken, dass ein Kleinbus voller Reha-Insassen eher nicht vom Zoll kontrolliert wird, stiftet er der Reha eine Kameltherapie in der Nähe von Zürich und nutzt diese Tour, um sein Geld nach Deutschland zu schmuggeln. Hätte auch funktioniert, wäre da nicht die Geldgier.
Soviel bis hier. Der Film ist ruhig und feinfühlig, er wird getragen von einem leisen intelligenten Humor. Die Charaktere sind sensibel gezeichnet, fast schon goldig und die Handlung ist (nahezu) frei von Absurditäten und insbesondere auch von Schenkelklopfern. Der Film zeigt aber auch, wozu Geldgier fähig ist und wie sich Menschen wohl tatsächlich verhalten, wenn es in einem gut besuchten Freizeitpark 500€ - Scheine regnet.
Der Film endet mit einer Überraschung:
die Reha bietet Bargeldschmuggel mittels Behindertentransport als Dienstleistung an gegen 30% Beteiligung
Ist doch goldig, oder?
Ich wiederhole ein weiter oben bereits mehrfach verwendetes Statement: Solange die Deutsche Filmförderung ihre Finanzmittel für derartige Projekte zur Verfügung stellt, solange ist die Welt noch in Ordnung.
Gut gemacht, Jella. Weiter so!
9/10 schön gemachte Anspielungen auf 2001 - Odyssee im Weltraum
Gast09
OK, gut. Bevor jetzt eventuell Fragen kommen, welche Rolle Jella denn hatte:

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Re: Gerade im Kino gesehen...

Ungelesener Beitrag von Badabumm » 27. März 2019 21:22

Na, dann ist ja gut, dass ich Frau Haase nicht kannte. Da darf sie ihr Potential unvoreingenommen darbieten... ;)
Ich musste auch suchmaschinieren, den Goethe-Film habe ich nicht gesehen... und die anderen TV-Produktionen auch nicht. In „König von Deutschland“ ist sie mir nicht aufgefallen.
Ich will keine englische Rangbezeichnung! :faint:

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Re: Gerade im Kino gesehen...

Ungelesener Beitrag von Ender » 11. April 2019 15:25

Nur mal so (und ohne eigenen Thread):


Die erfolgreichsten 2018 gestarteten Filme im deutschsprachigen Raum (D, A, dt. CH) in Mio. Besuchern:

4,56 Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen
4,42 Bohemian Rhapsody
4,12 Avengers 3
3,64 Fifty Shades of Grey 3
3,58 Der Junge muss an die frische Luft
3,14 Hotel Transsilvanien 3
2,94 Mamma Mia 2
2,91 Der Grinch
2,89 Jurassic World 2
2,75 Deadpool 2

6 von 10 -> wir sehen: Die Phantastik beherrscht das Kino!
Quelle

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Re: Gerade im Kino gesehen...

Ungelesener Beitrag von Gast09 » 17. April 2019 18:24

Ich liefer noch zwei Sachen nach, kurz und schmerzlos:

a) Monsieur Claude 2
Schön, richtig schön. Der erste Teil war schon so gut, dass ich der Fortsetzung eher skeptisch gegenüber stand; aber Pustekuchen. Sie machen auf dem gleichen Niveau weiter.
Worum geht's?
M. Claude ist ein wohlhabender, konservativer Rechtanwalt und Vater von vier Töchtern. Im ersten Film wird erzählt wie seine Töchter ihre Lebenspartner finden und welche Schockwellen das bei Monsieur Claude auslöst: ein Israeli, ein Araber, ein Afrikaner, ein Chinese.
Im zweiten Teil geht es um Heimweh. Die Jungs wollen zurück in ihre Heimat und ihre Frauen und Kinder natürlich mitnehmen; also nach Tel Aviv, Algier, Abidjan, Peking. Monsieur Claude muss sich auch damit arrangieren, was er vorbildlich macht. Eine schöne, kleine Kino-Unterhaltung. Nicht der Versuch, aus einem Erfolg noch mehr Kohle zu ernten (Marigold-Hotel fällt mir da ein, der zweite Teil ist einfach nur schlimm) sondern ein Film in allerbester Tradition. Sehenswert.

b) Walking on Water
Viele kennen den Comer-See, alle kennen den Garda-See aber den Iseo-See, der genau dazwischen liegt, den kennt kaum einer. Im Jahre 2016 änderte sich das. Christo, der allen bekannte Verpackungs-Künstler bekam die behördliche Erlaubnis, eine begehbare Wasser-Installation dortselbst aufzubauen. Die Installation war überaus erfolgreich nicht zuletzt deshalb weil die Familie Beretta (eine italienische Waffen-Dynastie) erlaubt hat, die ihr gehörende Insel im See zu umbauen; in den 16 Tagen ihres Bestehens kamen mehr als 1,2 Mio. Besucher. Der Film ist ein Dokumentarfilm. Er zeigt Planung, Aufbau und Chaos-Abwicklung des Projekts. Er gehört zur Kategorie Exibition on Screen woraus wir schon etliche Filme gesehen haben. Überaus sehenswert.
Siehe auch hier:
https://www.dw.com/de/dokumentation-chr ... a-48029694
Gast09

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Re: Gerade im Kino gesehen...

Ungelesener Beitrag von Gast09 » Gestern 12:27

Der Fall Collini
Gesehen und für Beeindruckend! befunden, insbesondere beeindruckte (mal wieder) die schauspielerische Leistung von Elyas M' Barek. Der Film ist komplett um ihn herum konstruiert, er ist die Hauptperson aber er ist nicht penetrant oder irgendwie lästig in dieser Eigenschaft; er hat Fehler, Schwächen, Unsicherheiten, kann es aber mit Heiner Lauterbach und Alexandra Maria Lara locker aufnehmen.
Worum geht's?
Hans Meyer, Eigentümer und Vorstandsvorsitzender von MMF, Meyer'sche Metall Fabrik, wird in seiner Hotel - Suite aus nächster Nähe erschossen. Der Täter Fabrizio Collini (Franco Nero) lässt sich widerstandslos festnehmen. Der seit drei Monaten praktizierende Anwalt Caspar Leinen (E. M'B.) übernimmt die Pflichtverteidigung. Er ist befangen, denn er ist als Adoptiv - Enkel bei Hans Meyer aufgewachsen, sein "richtiger" Enkel war sein bester Freund und er hatte (und hat irgendwie auch jetzt noch) eine Affäre mit der Enkelin des Getöteten. Niemand versteht, dass er den mutmaßlichem Mörder seines Ziehvaters und Gönners verteidigen will. Die Situation wird nicht einfacher als er feststellt, dass der Tatverdächtige jede Kooperation verweigert. Was er aber schnell herausfindet ist, dass es einen Komplott gibt; irgendeine große Sache die alles überstrahlt. Dieser Eindruck verdichtet sich nachdem die Sachverständigen erklärt haben, dass die Tatwaffe ein seltenes Sammlerstück ist welches im Handel so gut wie nie angeboten wird.
Genug bis hier.
Der Film zieht uns hinab in den konservativen Sumpf des Jahres 1968; von Heinrich Böll treffend als "Reste verfaulender Macht" bezeichnet. Tragende Säule ist das sog. Dreher-Gesetz durch welches als Totschlag definierte Kriegsverbrechen nach 20 Jahren verjährten; wen es interessiert: siehe Wiki "Eduard Dreher" oder auch gleich hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Verjährungsskandal_(1968)
Und um ein derartiges Kriegsverbrechen geht es.
Starker Spoiler:
Hans Meyer war SS-Offizier und hat 1944 in einem Toscana-Dorf 20 Zivilisten als Vergeltung für einen Partisanen-Anschlag erschießen lassen. Der damals etwa 10-jährige Fabrizio Collini musste zusehen wie die Erschießungen abliefen und auch wie sein Vater, der die erste Salve überlebt hatte, danach mit eben jener oben bezeichneten Waffe aus nächster Nähe erschossen wurde.
Der Film spielt 2001. Ja, sie haben den Kaffee-Automaten noch mit DM-Münzen gefüttert. Ja, so manche Handies hatten noch eine Antenne. Ja und ich glaube auch, dass Kleidung und Automarken korrekt sind. Aber waren die Computer - Bildschirme damals schon so flach und hatten sie auch damals schon das im Film gezeigte Display?
Egal. Der Film rangiert auf Platz 3 der Charts von dieser Woche (bei einem allerdings schwachen Umfeld). Und auch hier gilt: so lange die Deutsche Filmförderung ihre Finanzmittel für derartige Projekte frei gibt, so lange ist die Welt noch in Ordnung.
Der Film ist ein Justiz-Drama. 2/3 seiner 123 Min spielen in einem Gerichtssaal, einem Gefängnis oder in der Forensik. Aber der Film ist zu keiner Sekunde langweilig oder ermüdend denn sie ersetzen Zeugenaussagen und Sachverständigen-Gutachten durch Spielszenen.
Beeindruckend.
9/10 spontan im Gericht verteilten Schriftsätzen
Gast09

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