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NOVA 8 - meine Eindrücke

Verfasst: 10. September 2005 19:59
von breitsameter
Zum ersten Mal seit längerer Zeit hatte ich endlich einmal die Muße die neue Ausgabe von NOVA auch sofort nach dem Eintreffen und das auch fast in aller Ruhe lesen zu können.

Ich habe deshalb nach der Lektüre in drei Beiträgen im Forum der NOVA-Homepage alle Kurzgeschichten des Magazins kurz kommentiert, aber da dort anscheinend fast niemand mitliest, poste ich meinen Text jetzt auch hier:


»Psyhack« von Michael ist schon mal ein brandheißer Anwärter auf die SF-Preise dieses Jahres. Es ist, und das sage ich obwohl ich noch nicht alle Texte in NOVA 8 gelesen habe, das herausragendeste Werk in dieser Ausgabe und allein schon ein Grund, sich diese Nummer zu holen.
Warum?
Nun, Michael scheint für die Novelle geschaffen, denn er nutzt die Länge geschickt aus, um mehr als nur einen verschwommenen Handlungshintergrund zu zeichnen und eine Welt zu erschaffen, die erschreckend und realistisch zugleich wirkt. Trotzdem steht natürlich seine Hauptfigur im Mittelpunkt, die ein wenig an Joshua Ali Quare aus John Barnes Roman »Kaleidoscope Century« erinnert und sich stetig selbst neu erfinden muß. Amüsant auch die kurze (unbewußte?) Anspielung auf Philip K. Dicks Paycheck, denn auch hier liegen die Wurzeln von »Psyhack«.

»Der Keller« von Marcus Hammerschmitt - faszinierend, wie Marcus es hier schafft einen simplen Polizeibericht zum Protokoll des rätselhaften Grauens werden zu lassen. Natürlich hätte ich mir gerne mehr gewünscht, eine Auflösung, aber das zeigt nur, wie sehr einen schon diese wenigen Zeilen packen.

Nicht gepackt hat mich hingegen »Jäger« von Malte Sembten und Florian Gagel. Die Einleitung spricht ja schon davon, daß das »Szenario wohlbekannt ist« und so ist es ja auch tatsächlich. In einem anderen Umfeld hätte diese Kurzgeschichte vielleicht weniger enttäuscht, aber bei so einer qualitativ hochwertigen Konkurrenz...

»002:32:45« hat mich verwirrt und letztlich mit Fragen zurückgelassen. Blut als Lebensstoff für... Roboter mit biologischer Komponente? Es bleiben Fragen, und beängstigende Vorstellungen, wenn von Fleischwölfen zur Blutgewinnung die Rede ist...

»Das ewige Lied« hätte ich wohl auch ohne Nennung des Autors als eine Geschichte von Frank W. Haubold erkannt. Nur er schreibt Werke dieser Art, in der sich eine melancholische Aufbruchsromantik mit einem Bruch der Realität verbindet.

Weiter geht's... mit den »Polexplosionen«. Ja, ich mag die Romane von Philip K. Dick ja auch sehr gerne und ich habe die meisten mit Genuß gelesen, aber so manche Geschichte wäre vielleicht doch besser, wenn sich die Autoren auch mal ein anderes Vorbild als immer nur den alten Dick suchen würden. Denn »Polexplosionen« ist eine gute Geschichte, die aber halt leider nur etwas darunter leidet, daß sie halt nichts eigenständig darstellt, sondern eben auf den Ideen von PKD beruht. So seh ich das zumindest...

Eric Brown: »Ulla, Ulla« ist leicht als Beitrag eines Profi-Autoren zu erkennen, denn hier stimmen auch die kleinen stilistischen Details, und auch die Idee der Geschichte hat mir gefallen. Allenfalls die Tatsache, daß ein Geologe, dem man nicht so recht trauen will, trotzdem einfach so wenige Tage nach der Landung wieder frei herumlaufen kann, erscheint mir etwas unglaubwürdig. Aber gut, ohne würde die Geschichte nicht funktionieren.

Björn Jagnow: »Besuch unter der Oberfläche« - wieder ein Highlight. Knapp, aber so treffsicher formuliert, daß es die reinste Freude ist. Klasse!

Michael Schneiberg: »Ein Garten für die Ewigkeit«. Hm, gut eine Pointengeschichte. Sie funktioniert, hinterläßt aber keinen bleibenden Eindruck.

Gesamteindruck: eine wirklich gute Ausgabe mit ein, zwei Durchhängern, die halt nur »okay« waren, aber dafür auch mit einigen echten Highlights und Beiträgen von Autoren, die ich immer gerne lese. Weiter so! :prima:

Verfasst: 11. September 2005 18:52
von Smiley
Bin jetzt auch mal dazu gekommen, in mein Exemplar reinzulesen.
Ja, Psyhack ist wirklich gut . . .
Weiter bin ich aber noch nicht durch.

Sonst hat die Ausgabe hier noch keiner?

Verfasst: 12. September 2005 09:27
von Shock Wave Rider
Smiley hat geschrieben:Sonst hat die Ausgabe hier noch keiner?
Doch, ich!
Aber ich werde mir deutsche SF-Publikationen aus 2005 nicht vor dem 1. Oktober zu Gemüte führen.

Den Anfang von "Psyhack" habe ich schon auf zwei Lesungen von Michael gehört. Wenn er auf dem Niveau durchhält, dann muss sich die Konkurrenz aber verdammt anstrengen!

@Florian: Danke für die Eindrücke!

Gruß
Ralf

Verfasst: 13. September 2005 14:38
von Helmuth W. Mommers
Das neue Layout mit platzsparender, aber dennoch gut lesbarer Schriftgröße kommt NOVA sehr zustatten. So gewinnt der Inhalt um satte 20% - viel Lesestoff fürs Geld!

Eindeutiger Höhepunkt – und weiteres Glanzlicht in der Geschichte deutscher Science Fiction – ist Iwoleits Psyhack. Zwar nicht so grandios in Szene gesetzt wie das überragende Ich fürchte kein Unglück, dafür umso geschlossener stellt es eine Tour-de-force sondergleichen auf hohem erzählerischem und intellektuellem Niveau dar. Liebend gerne hätte ich diesen Text in meinen VISIONEN gebracht – wenn er den vorgegebenen Umfang nicht bei weitem gesprengt hätte. Die sparsamere Schriftgröße lässt dieses Werk von der Länge eines Heftromans immerhin nicht übergewichtig erscheinen. - Allein schon dafür lohnt es sich, diese Ausgabe zu kaufen.

Die übrigen Erzählungen kommen weniger spektakulär daher. Hier einige Kommentare in Kürze:

Haubold: poetisch, heroisch, pathetisch – von letzteren beiden etwas zuviel.

Hebben: eine Story, mit der ich nichts anfangen kann. Der Autor versucht eine Stimmung zu erzeugen, die mich nicht erreicht. Alles ist zu fragmentarisch.

Schneiberg: schön skurril mit einem amüsante Schluss.

Sembten/Gagel: nett erzählt und durchaus unterhaltsam, aber wenig inspiriert.

Bühler: eine faszinierende Geschichte eines zweifellos sehr talentierten Jungautors. Ich gestehe, dass ich noch nicht ganz den Durchblick habe und sie wohl ein zweites Mal lesen muss.

Hammerschmitt: eine anspruchsvolle Geschichte, mit der ich Mühe habe. Gegen Ende verflacht der Spannungsbogen; was bleibt, ist die Frage nach der Aussage.

Jagnow: eine ganz ausgezeichnete Charakterstudie, sehr gut geschrieben. Als erklärter Purist würde ich so einen Text in einem Literatur-, nicht aber in einem Science Fiction-Magazin suchen. Hallo Redaktion: ich bitte um Gnade! - mir wohlwollenderweise nicht „bitterste Feindschaft“ ansagen...

Gaststory von Brown: Beeindruckend, mit welch einfachen, anschaulichen Worten der Autor es versteht, eine Idee, die den Dreißigerjahren entsprungen sein könnte, glaubhaft weil realitätsnah ins Heute zu transportieren. Da kommt ja so was wie Nostalgie auf!

Womit wir bei Arno Behrends Analyse angelangt wären... Hoffen wir, dass er Recht hat. Etwas mehr Optimismus, Begeisterung und weniger Zukunftsängste würde uns allen gut tun. Mich eingeschlossen.

Auch Harbachs Beitrag ist sehr informativ – nicht nur, weil ich, umgekehrt zu Barceló, als Österreicher in Spanien lebe. !Holà Elia. Recuerdos!

Wer NOVA nicht abonniert hat, sollte dies nachholen. Jetzt.

Verfasst: 13. September 2005 21:22
von frankh
Inhaltlich gibt's von mir aus Befangenheitsgründen keinen Kommentar, aber was die Schriftgröße anbetrifft, muß ich leider widersprechen. Die Rechnung: Schrift kleiner -> mehr Text -> zufriedenere Leser geht m. E. nicht auf.

Bei handlungsorientierten Texten mag es ausreichend sein, wenn man das Gedruckte hintereinanderweg lesen kann. Bei Texten, wo es auch um Stil und Sprache geht, sind zu kleine Schriften kontraproduktiv. Das Auge möchte sich auch einmal ausruhen können, der Leser eine Wendung zwei oder dreimal lesen und bei Bedarf auch wiederfinden. Das funktioniert bei Schriftgrößen kleiner 10 kaum noch. Manchmal ist weniger (Text pro Seite) halt doch mehr. Aber vielleicht fällt mir das auch nur auf, weil ich mittlerweile nicht mehr so gut sehe. :wink:

Gruß
Frank

Verfasst: 14. September 2005 08:53
von Helmuth W. Mommers
frankh hat geschrieben:Inhaltlich gibt's von mir aus Befangenheitsgründen keinen Kommentar
...nur weil Du eine Story in dieser Ausgabe hast, darfst/willst Du Dich nicht äussern? - Müsstest Du dann nicht genauso befangen sein, wenn Du Dich zu einer anderen Ausgabe äusserst? - Als Autor über einen anderen Autor?

So betrachtet dürfte ich mich überhaupt nicht äussern. Weder über die Geschichten meiner Autorenkollegen, noch über Anthologien anderer Herausgeber.

Ich fühle mich nicht befangen. Ich versuche nach besten Kräften und mit reinem Gewissen, möglichst objektiv zu urteilen. Auch wenn es meine subjektive Meinung darstellt. Aber einen "Maulkorb" will ich mir denn doch nicht verpassen :wink:

Andererseits: Es ist Dein gutes Recht zu schweigen. Vor allem dann, wenn es opportun erscheint.

Verfasst: 14. September 2005 09:38
von Shock Wave Rider
frankh hat geschrieben:[...], aber was die Schriftgröße anbetrifft, muß ich leider widersprechen. Die Rechnung: Schrift kleiner -> mehr Text -> zufriedenere Leser geht m. E. nicht auf.
Lass mich raten, Frank: Du bist weitsichtig? 8)

Gruß
Ralf

Verfasst: 14. September 2005 09:48
von frankh
Shock Wave Rider hat geschrieben:
frankh hat geschrieben:[...], aber was die Schriftgröße anbetrifft, muß ich leider widersprechen. Die Rechnung: Schrift kleiner -> mehr Text -> zufriedenere Leser geht m. E. nicht auf.
Lass mich raten, Frank: Du bist weitsichtig? 8)

Gruß
Ralf
Ich weiß nicht. Jedenfalls brauche ich seit kurzem eine Lesebrille. Muß wohl eine Alterserscheinung sein. :-?

Das ändert aber nichts daran, daß ein gedruckter literarischer Text (nicht die Zeitung oder das Telefonbuch) m. E. einer gewissen, nicht zu kleinen Mindestschriftgröße bedarf.

Gruß
Frank

Verfasst: 14. September 2005 09:51
von frankh
Helmuth W. Mommers hat geschrieben:
frankh hat geschrieben:Inhaltlich gibt's von mir aus Befangenheitsgründen keinen Kommentar
...nur weil Du eine Story in dieser Ausgabe hast, darfst/willst Du Dich nicht äussern? - Müsstest Du dann nicht genauso befangen sein, wenn Du Dich zu einer anderen Ausgabe äusserst? - Als Autor über einen anderen Autor?
Ganz so einfach ist es leider nicht.
Wenn ich - nur einmal theoretisch angenommen - eine von anderen gelobte Geschichte kritisieren würde, würde es doch sofort heißen: "Der Haubold ist doch bloß neidisch, weil seine Story niemand lobt."

Das muß ich mir nicht antun. :smokin

Gruß
Frank

Verfasst: 14. September 2005 10:02
von Shock Wave Rider
frankh hat geschrieben:Wenn ich - nur einmal theoretisch angenommen - eine von anderen gelobte Geschichte kritisieren würde, würde es doch sofort heißen: "Der Haubold ist doch bloß neidisch, weil seine Story niemand lobt."
Was gefällt Dir denn an "Psyhack" nicht? :wink:

Zur Schriftgrößendiskussion:
1. Wenn Du eine Lesebrille brauchst, bist Du weitsichtig. Und wenn Du sie erst seit kurzem brauchst, leidest Du in der Tat unter Altersweitsichtigkeit.
2. Ich stelle immer wieder fest, dass sich hinter der Klage über zu kleine Schriften Weitsichtigkeit, hinter der Klage über zu dicke Bücher aufgrund von zu großen Schrifttypen Kurzsichtigkeit verbirgt.

Gruß
Ralf,
selber kurzsichtig (2 - 2,5 Dioptrien)
und liebt es, 20seitige Dokumente auf 5 Blätter Papier kleinzukopieren

Verfasst: 14. September 2005 10:23
von frankh
Shock Wave Rider hat geschrieben: Was gefällt Dir denn an "Psyhack" nicht? :wink:
Keine Unterstellungen, bitte. Mir gefällt die Novelle gut.
Shock Wave Rider hat geschrieben: Zur Schriftgrößendiskussion:
1. Wenn Du eine Lesebrille brauchst, bist Du weitsichtig. Und wenn Du sie erst seit kurzem brauchst, leidest Du in der Tat unter Altersweitsichtigkeit.
2. Ich stelle immer wieder fest, dass sich hinter der Klage über zu kleine Schriften Weitsichtigkeit, hinter der Klage über zu dicke Bücher aufgrund von zu großen Schrifttypen Kurzsichtigkeit verbirgt.

Gruß
Ralf,
selber kurzsichtig (2 - 2,5 Dioptrien)
und liebt es, 20seitige Dokumente auf 5 Blätter Papier kleinzukopieren
Dann bin ich eben altersweitsichtig. Weitsicht ist ja im Grunde etwas Positives. 8)

Wenn ich es aber beeinflussen kann (z. B. als Herausgeber), würde ich nie unter 11 Punkt Schriftgröße gehen. Weil ein Buch eben keine Sammlung von Zeitungsartikeln ist ...

Gruß
Frank

Verfasst: 14. September 2005 11:36
von Mammut
Ganz so einfach ist es leider nicht.
Wenn ich - nur einmal theoretisch angenommen - eine von anderen gelobte Geschichte kritisieren würde, würde es doch sofort heißen: "Der Haubold ist doch bloß neidisch, weil seine Story niemand lobt."
Hallo Frank,

deine Meinung ist natürlich dir überlassen, aber die Argumentation passt meines Erachtens so nicht. Im "Zweifelsfall" werden die von dir aufgeführten Argumente immer herausgekramt, unabhänigig, ob du in der Anthologie vertreten bist oder nicht.
Du sitzt auf jeden Fall im Glashaus. :D
Aber natürlich ist es nachvollziehbar, wenn du - oder ein anderer Autor - aus eben diesen Gründen mit seiner Meinung zurückhält.

Ich werde mir NOVA 8 in meinem Urlaub vorknöpfen, bin gespannt.

Bis bald,
Michael

Thema Schriftgröße

Verfasst: 8. Oktober 2005 08:01
von Olaf G Hilscher
Die Schriftgröße in NOVA 8 scheint ja wirklich ein großes Thema zu sein, deshalb mal eine kurze Anmerkung :lehrer: :
Prinzipiell variierte die Schriftgröße schon immer von Ausgabe zu Ausgabe um einen Punkt, je nach dem, wie es mit dem jeweiligen Layout gepaßt hat. Daß NOVA jetzt generell etwas kleiner gesetzt ist, liegt einfach daran, daß wir nur eine begrenzte Zahl an Seiten pro Ausgabe zur Verfügung haben, aber trotzdem soviel Text wie möglich unterbringen wollen. Wir wollen euch Lesern ja schließlich auch was bieten für's Geld, gell. :smokin
Ich persönlich finde es übrigens nicht zu klein, obwohl ich so super-weitsichtig bin, daß ich noch nicht mal die Bild-Zeitung ohne meine Brille lesen könnte.

In diesem Sinne,
Olaf

Verfasst: 8. Oktober 2005 16:01
von Anno
Hallo!

Mit der Schriftgröße habe ich überhaupt kein Problem. Wenn dadurch mehr Raum für Stories geschaffen wurde kann mir dies nur Recht sein. Zumal dadurch auch längere Werke wie die Novelle von Michael K. Iwoleit eine adäquate Veröffentlichungsmöglichkeit erhalten.
Anliegend noch meine ausführliche Meinung zu den einzelnen Story-Beiträgen der deutschsprachigen Autoren.

Gruß Andreas



Die aktuelle Ausgabe von nova bietet seinen Lesern sieben Kurzgeschichten, eine Novelle von Michael K. Iwoleit, eine Gaststory von Eric Brown, ein Interview mit der spanischen Autorin Elia Barceló, einen Nachruf auf Carl Amery und eine Reflektion von Arno Behrend.
Im Vordergrund stehen natürlich wieder die Kurzgeschichten bekannter und weniger bekannter deutschsprachiger Autoren.
Den Reigen eröffnet Frank W. Haubold mit „Das ewige Lied“. Junge Männer ziehen in einen interstellaren Konflikt gegen einen übermächtig erscheinenden, unsichtbaren Gegner. Christoph ist einer dieser jungen Männer, die ins Ungewisse aufgebrochen sind. Er wird in der Vorhut eingesetzt, wo ihn stundenlanges Warten auf den Gegner in eine Traumwelt abgleiten lässt bis er zurückgeholt wird in die Realität, die den Tod für ihn bereit hält. Frank W. Haubold verfügt über eine unverwechselbare Stimme im Phantastikgenre. Seine melancholische Ausdrucksweise läst eine ganz eigene Stimmung entstehen, die einem zum Nachdenken anregt. Wie kein anderer gelingt es ihm wirklich unverwechselbare Kurzgeschichten zu verfassen. Für mich eines der Highlights dieser Ausgabe.
„002:32:45“ von Frank Hebben zählt zu den ungewöhnlichsten Stories, die in nova bislang veröffentlicht wurden. Mit menschlichen Organen und Körperteilen aufgepeppte Roboter benötigen zum Überleben menschliches Blut. Eines dieser Wesen wird auf eine gefährliche Mission gesandt, um dieses Lebenselixier zu besorgen. Obwohl die Story nur wenige Seiten umfasst, hat sie doch einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen. Dieser ist zum einen in der Idee an sich zu suchen, aber auch an der schriftstellerischen Ausführung, die sehr technikorientiert ist.
Michael Schneibergs Story „ Ein Garten für die Ewigkeit“ ist dann schon konventioneller verfasst. Die Seelen der Toten werden von Aliens eingefangen und verkörperlicht. Fortan dienen sie beim Bau riesiger Raumplattformen am Rande des Sonnensystems. Ihr Sklavendasein endet als einer der Toten einen Streik anzettelt und ihnen so einen gewissen Freiraum verschafft. Die Geschichte ist kurzweilig zu lesen, mit einigen humorvollen Passagen angereichert und hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck.
In „Jäger“ von Malte S. Sembten und Florian Gagel erzählt ein Gentleman einigen seiner Freunde abendlich im Club von einem ganz außergewöhnlichen Jagdausflug, bei dem er Augenzeuge eines interstellaren Krieges geworden ist. Mitten in der Wildnis begegnete er Vertreter zweier Alienrassen, die sich gegenseitig bekriegten. Leider hinterließen sie keine Spuren auf der Erde, so dass er seine Geschichte nicht mit Beweisen untermauern kann. Gut erzähltes Jägerlatein mit einem bekannten Szenario. Dies ist zu wenig, um bei dem Niveau der hier präsentierten Geschichten über den Durchschnitt zu liegen. Vom Stil her gut zu lesen, von der Idee her aber zu bekannt.
„Polexplosionen“ von Jochen Bühler ist durchdrungen von den Werken Philip K. Dicks. Sogar eine der Figuren trägt den Namen Philip K.. Wer sich daran nicht stört, wird eine gut verfasste Geschichte vorfinden, in der eines der Motive des amerikanischen SF-Autoren aufgegriffen wird. Die Story dürfte ganz nach dem Geschmack der Herausgeber sein, zählt für mich aber nicht zu den Highlights.
Marcus Hammerschmitt zählt zu den bekanntesten SF-Autoren dieser Tage. Aufgrund wegbrechender Veröffentlichungsmöglichkeiten im Romanbereich, finden sich nur vereinzelt neue Kurzgeschichten von ihm. Mit „Der Keller“ stellt er sein Erzähltalent einmal mehr unter Beweis. Die Story kommt als Polizeibericht verfasst daher, der den Tatort eines illegal eingerichteten Versuchslabors beschreibt und das was die Polizei bis dato darüber herausgefunden hat. Nüchtern zu Papier gebracht und immer auf die Beweisbarkeit der Aussagen hin ausgerichtet, bleibt dem Leser doch so einiges verborgen. Allein schon aufgrund der Erzählweise eine ungewöhnliche Story.
Björn Jagnows Geschichte „Besuch unter der Oberfläche“ ist als Dialog in drei Aufzügen verfasst. Ein Reporter besucht eine in der Tiefsee allein lebende Wissenschaftlerin, um sie direkt vor Ort zu interviewen. Sehr schnell geraten sie in eine Diskussion über das Alleinsein, warum sie jeweils ihren Beruf ergriffen haben und kommen sich näher. Da die Geschichte fast ausschließlich aus wörtlicher Rede besteht, ist die Leistung des Autors umso höher einzuordnen, denn er muss alle relevanten Informationen seinen beiden Figuren in den Mund legen. Zudem ist die Story aufgrund ihrer Kürze sehr handlungsdicht gepackt. Sicherlich mag der eine oder andere Leser sich fragen, warum sich diese Story in einem SF-Magazin wiederfindet. Aus meiner Sicht sind es genau solche Texte, die nova insgesamt immer wieder lesenswert machen.
Mein persönliches Highlight dieser Ausgabe stellt Michael K. Iwoleits Novelle „Psyhack“ dar. Auf 55 Seiten entwirft er die Geschichte eines Mannes, der sein Gedächtnis nach jedem erfolgreichen Abschluss seiner nicht ganz gesetzestreuen Missionen löschen lässt. Mit der Zeit verschwimmen aber auch seine eigentlichen Erinnerungen, sein eigenes Ich. Er verliert sich in einem Gemengelage von Erinnerungsfetzen. Sich der Gefahr bewusst werdend für immer seine ursprünglichen Erinnerungen und somit auch sein ursprüngliches Ich zu verlieren, versucht er auszusteigen und den alten Zustand wieder herstellen zu lassen. Ein Unterfangen, welches sein Auftraggeber nicht gutheißen kann und sich als sehr schwierig herausstellt. Im Verlaufe seiner Gedächtniswiederherstellung wird er konfrontiert mit seiner Vergangenheit und findet heraus, warum er für seinen Auftraggeber so wertvoll ist. Wie eine Zwiebel kommt Schale für Schale hinzu, bis er sich letztlich an alles erinnert und eine große Schuld abzutragen versucht.
Die Story lebt nicht nur von dieser schichtweisen Durchdringung des Gedankennebels, sondern bietet den Lesern noch die eine oder andere Wendung. Dabei versteht es der Autor seine Geschichte über die gesamte Länge hinweg zu erzählen. Er benötigt einfach die 55 Seiten, keine mehr und keine weniger. Mit „Psyhack“ hat Michael K. Iwoleit einmal mehr unter Beweis gestellt, welch erzählerisches Talent in ihm steckt.
Betrachtet man alle Werke zusammen und vergleicht sie mit den bisherigen Ausgaben von nova, dann würde ich die vorliegende als über den Durchschnitt ansiedeln. Ein Kauf lohnt sich allein schon für die Werke von Iwoleit, Haubold, Jagnow und Hammerschmitt.

Verfasst: 6. Dezember 2005 13:39
von Shock Wave Rider
NOVA 8

Mittlerweile ist schon die achte NOVA-Ausgabe erschienen. Und das neueste Heft ist wieder mal gelungen. Es gab nur zwei Stories, die mir wenig zusagten. Die anderen zeigten ansprechende Ideen und gutes
schriftstellerisches Können. Die Lektüre hat Spaß gemacht.

Frank W. Haubold: Das ewige Lied
Frank verhackstückt eine wohlbekannte Idee. Aber welch eine dichte Atmosphäre schafft er, welch eine wundervolle, lyrische Sprache setzt er hier ein. Rilke hätte sich über die Widmung gefreut.

Frank Hebben: 002:32:45
Fand ich verworren. Worum geht es? Wer ist wer? Alles sehr avantgardistisch und unklar. Eine Story, mit der ich wenig anfangen konnte.

Michael Schneiberg: Ein Garten für die Ewigkeit
Nette Glosse über das Leben nach dem Tod mit schöner Schlusspointe. Gut geschrieben, aber letztlich nicht mehr als eine Fingerübung.

Malte S. Sembten/Florian Gagel: Jäger
Nette Schnurre, zu erzählen bei Whisky und Zigarre am Kamin im Club. Die Verschachtelungen der diversen Jäger, die plötzlich zu Gejagten werden, ist ganz süß. Aber nicht mehr.

Jochen Bühler: Polexplosion
Schönes Setting, nette Detailideen, solide erzählt. Aber das Ende ist seltsam und leicht überstrapaziert.

Marcus Hammerschmitt: Der Keller
Nette Idee, aber nichts draus gemacht. War das Beamtensatire? Und was ist in der Horvathstr. nun wirklich passiert?

Michael K. Iwoleit: Psyhack
Eine "tour de force" durch eine nicht mehr so ferne Zukunft. Sprachgewaltig, ideenreich, stimmig, mitreißend! Ein Meisterwerk!

Bjørn Jagnow: Besuch unter der Oberfläche
Spannender Dialog, klasse, wie sich die beiden aneinander heranarbeiten und dennoch ihre Schwierigkeiten haben. Viel zwischen den Zeilen. Super!

Eric Brown: Ulla, ulla!
Wir erfahren, woher H.G. Wells seine Infos über die Marsmenschen herbekam. Und dass die Marsianer gar nicht so bösartig sind. Professionell und schön erzählt!

Daneben enthält die Ausgabe noch ein Interview von Thomas Harbach mit der in Österreich lebenden spanischen Autorin Elia Barcelo, einen Nachruf auf Carl Amery und Arno Behrends Betrachtungen zum (Rück-)Stand der SF-Filme gegenüber der Literatur. Und was das für die Konditionierung junger Fans bedeutet.

Fazit: Zum Kauf empfohlen!

Gruß
Ralf