Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Science Fiction in Buchform
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L.N. Muhr
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Badabumm hat geschrieben:
26. November 2020 16:17
Viele Konstruktionen im Englischen und Deutschen stammen aus denselben Quellen - schließlich sind die Sprachen verwandt. Und heute abgestrafte Formulierungen wie "dem Hans sein Haus" gab es bereits im Mittelalter.
Und in Dialogen kann man das auch mal durchgehen lassen. Da ist es ja oft eher so, dass die Figuren zu steif reden: "Ich ging zu Hans' Haus ..."

Aber im Erzähltext ... oder stell dir vor, am Rathaus stünde "dem Rat sein Haus" dran. Du würdest vor Schreck bis zum Hanshaus rennen ...

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Badabumm
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Badabumm »

Naja, es steht „Dem deutschen Volke“ dran. Für „sein Haus“ fehlte der Platz...
„Wenn Außerirdische so sind wie wir, möchte ich nicht von uns entdeckt werden.“

Harald Lesch

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L.N. Muhr
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von L.N. Muhr »

Unser Haus - in der Mitte von unserer Straße.

Mit 14 hab ich mich echt gefragt, wieso das Haus mitten auf der Straße steht, das geht doch gar nicht ...

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lapismont
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von lapismont »

L.N. Muhr hat geschrieben:
26. November 2020 20:34
Unser Haus - in der Mitte von unserer Straße.

Mit 14 hab ich mich echt gefragt, wieso das Haus mitten auf der Straße steht, das geht doch gar nicht ...
Da schreibste was. Hab das Bild noch vor mir, wenn ich den Song höre, allerdings dachte ich da immer an so ein russisches Hexenhaus auf einem Hühnerbein. keine Ahnung, warum so für mich ein Haus aussah, das mitten auf der Straße steht.

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Badabumm »

Naja, aber warum denkt man unwillkürlich, dass das Haus mitten auf der Fahrbahn steht - aber nicht zwischen den Hausnummern 1 und 123 in der Mitte???? Also ungefähr Hausnummer 61...
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von lapismont »

Badabumm hat geschrieben:
26. November 2020 23:12
Naja, aber warum denkt man unwillkürlich, dass das Haus mitten auf der Fahrbahn steht - aber nicht zwischen den Hausnummern 1 und 123 in der Mitte???? Also ungefähr Hausnummer 61...
Weil man das so direkt übertragen nicht sagt: Unser Haus, in der Mitte von der Straße …
:beanie:

Auf halber höhe, auf halber Länge, in der Mitte zwischen, vermurlich würden wir unbewusst versuchen, den Eindruck zu vermeiden, jemand könnte die Mitte der Fahrbahn meinen.

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Uschi Zietsch »

Oder, wenn man eine baumbestandene Straße entlang fährt ...

My, natürlich verändert sich die Sprache, und zwar permanent. Sie verwendet die einen Wörter nicht mehr, nimmt dafür andere auf. Vor allem Fremdwörter halten weltweit überall Einzug durch die Globalisierung und weil in manchen Sprachen das eine oder andere Wort nicht vorgesehen ist, gerade bei technischen Begriffen.
Und natürlich haben Poeten wie Shakespeare, Dickens & Co beispielsweise ganz entschieden die englische Sprache verändert, so wie bei uns Goethe & Co. Viele allgemein gebräuchlicher Wörter sind uns gar nicht mehr bewusst, dass sie mal von jemandem erfunden wurden und gar keine "echte" etymologische Herleitung besitzen.
Insofern wird das Denglische bei uns voranschreiten.
Aber "Ich erinnere" werde ich niemals nicht akzeptieren.
:bier:
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Ender »

Dass Ausdrücke oder Formulierungen aus anderen Sprachen in der einen oder anderen Form übernommen werden, ist ja grundsätzlich ganz normal und absolut keine neue Entwicklung. Vor 200 Jahren war Französisch die angesagte Sprache, aus der etliche Begriffe ins Deutsche eingeflossen sind, davor jahrhundertelang Latein, und im Moment ist halt Englisch die Weltsprache Nummer 1.
Was sich durch die Globalisierung natürlich schneller ausbreitet als früher.

Bestimmte Begriffe zu übernehmen und ggf. "einzudeutschen" finde ich auch gar nicht schlimm. Manchmal gibt es ja wirklich Worte, die eine bestimmte Sache wunderbar beschreiben, die es so aber eben nur in Sprache XY gibt.

Nervig wird es nur, wenn Ausdrücke, die es haargenau so auch im Deutschen gibt, trotzdem übernommen werden, um sich damit irgendwie besonders modern vorzukommen. (Erlebe ich in jedem Meeting so, in dem reichlich Knowledge und Manpower aufgeboten wird, um den neuesten Business plan unter Berücksichtigung eines Worst-Case-Szenarios zu erstellen.)
Oder eben schlechte 1:1-Übersetzungen, die einen Satzbau aus anderen Sprachen übertragen, den es im Deutschen so gar nicht gibt.


Naut hat geschrieben:
26. November 2020 15:33
L.N. Muhr hat geschrieben:
26. November 2020 14:42
Auch die Phrase "ich erinnere" (i remember) kommt zum Einsatz.
Das wird oft als Anglizismus rezipiert, ist es in diesem Fall wohl auch.
Der "Fachausdruck" dafür lautet Reverse-Lübke-Englisch. :wink:

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von lapismont »

Worst-Case gefällt mir als Wort. Schlimmster-Fall-Szenerio ist nicht so griffig. Aber Managementsprech ist schon eine Plage. Zum Glück kann man neuerdings bei solchen Meetings parallel was sinnvolles machen. Wobei wir tatsächlich ganz sperrig von Konferenzen reden. Mal mit Skype, Telefon oder Video davor. Als Verb dann skypen. Lass ma skypen -- gängige Chat-Nachricht in der Anstalt.

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Naut »

lapismont hat geschrieben:
27. November 2020 08:48
Worst-Case gefällt mir als Wort. Schlimmster-Fall-Szenerio ist nicht so griffig. Aber Managementsprech ist schon eine Plage. Zum Glück kann man neuerdings bei solchen Meetings parallel was sinnvolles machen. Wobei wir tatsächlich ganz sperrig von Konferenzen reden. Mal mit Skype, Telefon oder Video davor. Als Verb dann skypen. Lass ma skypen -- gängige Chat-Nachricht in der Anstalt.
Da hat sich tatsächlich noch kein Sprachgebrauch herausgebildet. Wir reden oft von einer Telco, wenn wir so etwas meinen, oder einer Webex. Aber Kollegen aus der Industrie nennen das einen "Call" - was mich immer noch verwirrt.

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Ender »

Manche Leute fühlen sich geradezu provoziert, wenn man ganz altmodisch von einer "Video-Konferenz" spricht. Ist natürlich auch ein übler Latinismus ... Oder wie das dann heißt ...
Wenn ich richtig rebellisch bin, nenne ich es einfach "Besprechung". Wie so ein Neandertaler.

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My.
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von My. »

@ Uschi & Ender:

Es gibt sinnvolle Veränderungen der (deutschen) Sprache. Und es gibt das, was speziell 2020 passiert ist - unnötiger, blödsinniger Denglischquatsch (in der Werbung als Werblisch noch gesteigert, siehe https://www.beckinsale.de/archive/5037), den nicht nur keiner braucht, sondern der gute, durchaus (noch) gängige deutsche Worte in den Abgrund drängt, weil Gedankenlose meinen, die deutsche Sprache nicht mehr zu verwenden oder überhaupt noch zu beherrschen, sei "supercool" (sic!). Letztlich leidet auch das Verständnis von Sprache darunter (und dagegen wird durch "vereinfachtes Deutsch" gekämpft, anstatt die eigentliche Ursache zu bekämpfen).

Und, Ender, auch die Eindeutschung von (englischen) Begriffen kann idiotisch. Oder kannst du mir den tieferen Sinn der Eindeutschung von "to negotiate" als "negoziieren" erklären? Was ist an "verhandeln" auf einmal nicht mehr richtig? Selbst der Google Übersetzer kann das richtig übersetzen.
Oder das "Narrativ" ... Was zum Henker spricht auf einmal gegen eine "Erzählung", abgesehen davon, dass es das Substantiv "Narrativ" überhaupt nicht gibt?

Ich habe immer mehr den Eindruck, dass es Idioten erlaubt ist, mit der deutschen Sprache umzugehen und damit auch noch (unser!) Geld zu verdienen, als sei es inzwischen auch erlaubt, Kraftfahrzeuge mittels scharfer Werkzeuge Tribals (vulgo: Stammesangehörige*) zu verpassen und damit vermeintlich zu verschönern.

My.


* Ja, das kommt dann auch noch. Die Verwendung von Anglizismen, ohne Ahnung zu haben, was sie bedeuten. Wirklich bedeuten.

P.S.: Und, Uschi, bei "ich erinnere irgendwas, irgendwen" usw. bin ich ganz bei dir. "Das macht keinen Sinn", fck! Das ist einfach nur verbale Faulheit, sozusagen: "Ich verbal Faulheit".
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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von My. »

Ich hatte letztens mal ein Telefonat mit einem Autor, der mir ein Manuskript andienen wollte. Ein deutsches, wohlgemerkt. Er genderte in einer Tour, er sprach Denglisch, dass mir übel wurde. Als ich ihn darauf hinwies, dass er bitte Deutsch mit mir reden solle und ich ihm erklären musste, was ich damit meinte, wurde er pampig. Ich habe dann aufgelegt. Er hat sich später entschuldigt und hörbar bemüht. Sein Manuskript habe ich zurückgewiesen, er wisse ja nun, was er mit dem Text zu tun habe.

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Ender »

My. hat geschrieben:
27. November 2020 10:00
Und, Ender, auch die Eindeutschung von (englischen) Begriffen kann idiotisch.
Dass sie das kann, ist keine Frage. Genau das meinte ich ja: Es gibt durchaus sinnvolle Beispiele, mit denen die Sprache erweitert wird, aber eben auch völlig sinnlose, mit denen Modewörter eingeführt werden, die überhaupt nichts Neues bieten, sondern bloß einen schon längst existierenden Begriff ersetzen. Das ist dann meistens albern.

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Re: Abt. Textverarbeitung - Die schönsten Übersetzungsschnitzer

Ungelesener Beitrag von Naut »

Ender hat geschrieben:
27. November 2020 09:53
Manche Leute fühlen sich geradezu provoziert, wenn man ganz altmodisch von einer "Video-Konferenz" spricht.
Da lauern semantische Untiefen! Ein Projektpartner fragte neulich, ob wir einen Webcall oder eine Videokonferenz bevorzugen würden. Ich habe die Frage nicht verstanden und musste mir erst erklären lassen, dass er mit ersterem eine virtuelle Konferenz mit Präsentations- und Audiomöglichkeit, aber ohne Video meinte (weil Videofunktion besonderen Firmenrichtlinien unterliegen). Diese Bedeutungszuweisungen sind also weiterhin im Fluss.

Mich nervt am meisten die Konstruktion, Jahreszahlen mit "in" zu versehen: "In 2020 werden wir einen Umsatzrückgang beobachten." Braucht man nicht.

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