Terry Pratchett, Eine Insel -- Stellungnahme des Übersetzers
Verfasst: 31. März 2009 09:13
In diesen Thread passt es wohl am besten ...
Terry Pratchetts Roman "Eine Insel" ("Nation")
Stellungnahme des Übersetzers Bernhard Kempen
Im April 2009 erscheint Terry Pratchetts Roman "Nation" unter dem
deutschen Titel "Eine Insel" im Verlag Manhattan. Als Übersetzer ist ein
gewisser, bislang unbekannter "Peder Brehnkmann" genannt. Falls sich
manche Leser wundern, dass eine Person dieses Namens zuvor noch nie
öffentlich in Erscheinung getreten ist, mögen sie die Buchstaben des
Anagramms einmal kräftig durcheinanderschütteln. Auf diese Weise
bekommen sie gleichzeitig einen Eindruck davon, was mit der Übersetzung
dieses Buches geschehen ist.
Als ich den Auftrag erhielt, den Roman "Nation" ins Deutsche zu
übertragen, wurde mir schon nach der Lektüre weniger Seiten klar, dass
ich das große Meisterwerk von Terry Pratchett in den Händen hielt --
eines Autors, der mit gerade mal 60 Jahren nach einer Alzheimer-Diagnose
möglicherweise kurz vor dem Ende seiner Schaffensphase steht. In
"Nation" geht es um Leben und Tod, um Kindheit und Alter, um die Frage,
wie man sich in einer Welt zurechtfinden kann, die jedes sichere
Fundament verloren hat. Gleichzeitig ist das Buch ein augenzwinkernder
Gegenentwurf zur "Scheibenwelt", dem Romanzyklus, mit dem Terry
Pratchett zum Bestsellerautor wurde.
Obwohl die Geschichte aus der Perspektive eines jugendlichen
Protagonisten erzählt wird, ist "Nation" keineswegs ein herkömmliches
Jugendbuch. Es steht vielmehr in der angelsächsischen Tradition, die
Werke wie "Alice in Wonderland" hervorgebracht hat, ein Genre, das
heutzutage gern als "All Age Books" vermarktet wird. Im deutschen
Sprachraum wurden vergleichbare Werke von Autoren wie Wilhelm Busch oder
Walter Moers verfasst -- Autoren, die von einer Literaturkritik, die
streng in U- und E-Kategorien denkt, nie richtig ernstgenommen wurden.
Doch ich wollte mich dadurch nicht entmutigen lassen und machte mich
daran, das Buch vor diesem Hintergrund angemessen und mit viel Herzblut
ins Deutsche zu übersetzen, in einer scheinbar simplen, vordergründig
naiven Sprache, die dem Duktus des Originals entspricht.
Zum ersten Mal kam ich ins Grübeln, als ich erfuhr, dass das Buch auf
Deutsch "Eine Insel" heißen soll. Ich hätte "Die Nation" passender
gefunden, doch ich konnte durchaus über die Lummerland-Assoziation
schmunzeln, auch wenn die Insel bei Pratchett nur einen Berg hat -- und
es nicht im entferntesten um Lokomotiven geht. Ich hatte nur die leichte
Sorge, dass die deutschen Leser durch diese Anspielung auf die falsche
Fährte "Kinderbuch" gelockt werden könnten. Aber dann beschloss ich, das
nicht so eng zu sehen und darauf zu hoffen, dass der Roman für sich wirkt.
Doch dann erhielt ich die Druckfahnen mit der von der Lektorin Kerstin
Jeske bearbeiteten Fassung und musste feststellen, dass mein
Übersetzungstext durch den Reißwolf gedreht worden war. Mit den vielen
Änderungen, die man unter "Geschmackssache" abbuchen könnte, hätte ich
leben können, auch wenn ich mich immer wieder fragen musste, warum
Formulierungen, die völlig in Ordnung waren, durch andere ersetzt
wurden, die genauso in Ordnung waren. Problematischer waren die
typischen Lektoratsfehler (die passieren, wenn Passagen umgeschrieben
werden und dabei Wörter oder Satzzeichen unter den Tisch fallen) und die
vielen sachlichen Fehler (mit "calenture" ist "Tropenkoller" und nicht
"Tropenfieber" gemeint). Einige von diesen Patzern konnte ich rückgängig
machen, wobei es jedoch immer wieder zu überflüssigen Diskussionen kam,
weil Lektorin und Redakteurin zunächst auf ihren offensichtlich falschen
Ansichten beharrten, bis sie sich schließlich von meinen Sachargumenten
überzeugen ließen. So wollte mir Frau Jeske zunächst nicht glauben, dass
die Kapitelüberschrift "How Imo Made the World" der üblichen
Großschreibung englischer Titel entspricht und man sie demzufolge nicht
mit "Wie Imo Die Welt Machte" wiedergeben sollte, weil das im Deutschen
einfach nicht üblich ist. Ich erhielt immer mehr den Eindruck, dass hier
eine Lektorin am Werk war, die sich auf Kosten eines Übersetzers
profilieren wollte. Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass sie
versucht hatte, Pratchetts (und meinen) naiv-lakonischen Stil in den
eines handelsüblichen, pädagogisch unbedenklichen Jugendbuchs zu ändern.
Der Gerechtigkeit halber möchte ich anmerken, dass vielleicht ein
Zehntel der Änderungen durchaus berechtigt waren, wenn Fehler korrigiert
oder misslungene Satzkonstruktionen durch elegantere Lösungen ersetzt
wurden. Ich arbeite selbst gelegentlich als Lektor und weiß, dass kaum
ein Autor oder Übersetzer fehlerfreie Texte abliefert, weil man dazu
neigt, die Fehler in den eigenen Texten zu übersehen. Das hat etwas mit
Betriebsblindheit zu tun. Deshalb bin im Normalfall froh, dass meine
Texte noch einmal von einem Lektor gegengelesen werden. Allerdings
erwarte ich von einem guten Lektorat, dass meine Fehler korrigiert und
keine neuen in den Text eingebaut werden.
Ich habe mir dann große Mühe gegeben, die ersten ca. 70 Seiten der
Druckfahnen zu bearbeiten, wobei ich hauptsächlich zurückkorrigiert
habe, also die Änderungen der Lektorin durch meine ursprünglichen
Formulierungen ersetzt habe. Danach habe ich es aufgegeben, weil ich es
in der Kürze der Zeit ohnehin nicht geschafft hätte, das ganze Buch zu
überarbeiten, und weil die Redakteurin mir ganz klar sagte, dass sie
sowieso nur einen kleinen Teil meiner Korrekturen übernehmen würde.
Damit war der Punkt erreicht, wo ich mich nicht mehr mit dem
identifizieren konnte, was man aus meiner Übersetzung gemacht hatte.
Daraufhin kündigte ich jede weitere Zusammenarbeit mit der betreffenden
Redakteurin auf, worauf das nächste Pratchett-Buch, dessen Übersetzung
bereits mit mir vereinbart worden war, einem anderen Übersetzer
anvertraut wurde -- einem netten Kollegen, dem ich freundschaftlich
verbunden bin. Ich kann ihm nur eine bessere Zusammenarbeit mit der
Redaktion wünschen, die nun vielleicht verstanden hat, dass man nicht
nach Belieben mit einem Lohnübersetzer umspringen kann.
Wer Pratchetts Roman "Nation" in der deutschen Fassung "Eine Insel"
liest, wird vermutlich trotz aller Pannen erkennen, dass dieses Buch ein
großes Meisterwerk ist, weil die Geschichte und die Themen durch das
Lektorat kaum beschädigt wurden. Wer die Sprache und den Stil etwas
unpassend oder gar daneben findet, möge sich bei der zuständigen
Redakteurin Nicole Geismann beschweren. Hier wurde die Chance versäumt,
ein wunderbares, magisches Buch in literarisch angemessener deutscher
Übersetzung zu präsentieren.