Seite 1 von 3

Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 24. August 2012 21:55
von timetunnel
Ich habe mal eine theoretische Frage zur Geschichte der SF und der thematischen Entwiicklung. Neulich wurde ich mal mit der Frage konfrontiert, wie sich die SF denn über die Jahrzehnte themenmäßig, vor allem was die Themenschwerpunkte angeht, verändert habe. "Themenschwerpunkte" meint dabei das, was man auch "die am meisten bearbeiteten Themen" oder den "Themenmainstream" nennen könnte. Was natürlich nicht leicht zu ermitteln und auch subjektiv ist. Und es ist natürlich klar, dass zu jeder Zeit auch viele andere Themen in der SF bearbeitet wurden, aber eben vielleicht nicht so oft/so viel/so ausführlich. Ich kam auf folgende grobe Einteilung:

bis ca. 1960/70: Entdeckung, Eroberung und Erweiterung des Raums, ganz speziell des Weltraums bzw. Verteidigung desselben. Das passt zeitlich ungefähr in die Zeit des räumlich expansiven Kolonialismus und dessen Ende. Stichwörter: Planetenbesiedlungen, Invasion von Außerirdischen, Krieg.

ca. späte 60er bis 80er: Beschränkungen und Grenzen von Gesellschaften ausloten und auch überschreiten. Beispiele: Brunners Klassiker Morgenwelt, Schockwellenreiter und Schafe blicken auf, "Jahr 2022...", Planet der Habenichtse

seit den 80ern: Bedeutungsverlust des Staats. Und die Grenzen des Körpers und des Geistes erkunden und sprengen, vor allem mit Hilfe von Technologie. Stichwörter: Cyborgs, virtuelle Realitäten, KI, Konzerne, Globalisierung. Beispiele: Neuromancer, Snow Crash, Das Unsterblichkeitsprogramm, David Maruseks Geschichten

Das ist jetzt vielleicht keine überraschend neue Erkenntnis, aber ich wollte mal fragen was ihr von dieser Einteilung haltet. Bin ich da von meiner subjektiven Brille, die nur die SF sieht und kennt, die sie auch interessiert, geblendet?

Und: was wird wohl das nächste große "Thema" sein? Wissen? Zeit? Umwelt?

(Ich habe übrigens vorher im Forum gewühlt, aber keinen vergleichbaren Thread gefunden. Bitte Bescheid, falls es den doch gibt)

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 24. August 2012 22:38
von a3kHH
Mit Verlaub : Das ist von vorne bis hinten Unsinn.
Einen Mainstream, wie Du ihn Dir vorstellst, existierte zu keinem Zeitpunkt. Siehe dazu etwa die englische Wikipedia über Asimov :
"Nightfall" is an archetypal example of social science fiction, a term coined by Asimov to describe a new trend in the 1940s, led by authors including Asimov and Heinlein, away from gadgets and space opera and toward speculation about the human condition.
Die globalen politischen Ereignisse haben Enfluß auf die SF gehabt, ja, aber in gänzlich anderer Form, als Du versuchst sie darzustellen.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 00:27
von agro
So dumm finde ich Timetunnels Äußerungen garnicht. Und eine solche These als Diskussionsgrundlage finde ich auch ganz anregend. Literatur ist immer Spiegel der Zeit. Ich bin großer Fan russischer SF, bzw der Literatur aus den 50érn und 60érn der DDR -im SF-Genre. Auffällig ist: Ende des 2. WK /Atomkraft/kalter Krieg/Eiserner Vorhang/Erstkontakt/Technologie und Erkundung des Solarsystems. Gesellschaftsutopien - bestes Beispiel Jefremow.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 06:31
von a3kHH
agro hat geschrieben:Literatur ist immer Spiegel der Zeit.
Schon richtig.
Aber nicht in dieser Klein-Fritzchen-Mentatlität, in der ihr denkt.
Dabei ist DDR- und osteuropäische SF bis zum Fall des Eisernen Vorhangs irrelevant, da ein nicht unerheblicher Teil davon unterdrückt wurde und nur das den proletarischen Massen vor Augen kam, das den Herrschenden genehm war.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 11:44
von breitsameter
a3kHH hat geschrieben:Mit Verlaub : Das ist von vorne bis hinten Unsinn.
Einen Mainstream, wie Du ihn Dir vorstellst, existierte zu keinem Zeitpunkt.
Nun ja, das kannst Du so nicht sagen. Natürlich kann man aus literaturwissenschaftlicher Sicht eine Themenanalyse der erschienenen SF-Geschichten und -Romane vornehmen und daraus Trends ableiten und erkennen. Ob die Autoren dies zur damaligen Zeit überhaupt so bewußt wahrgenommen haben oder nicht, ist dabei irrelevant - besonders bei der Betrachtung der Frühzeit der SF, als die Herausgeber durchaus einen großen Einfluss auf die Themen der Geschichten hatten (Campbell, aber später auch z.B. Moorcock, Pohl, haben sich dazu mehrmals geäußert).

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 11:51
von breitsameter
timetunnel hat geschrieben:Und: was wird wohl das nächste große "Thema" sein? Wissen? Zeit? Umwelt?
Themen der Umweltzerstörung (mit den Varianten Bevölkerungsexplosion usw.) waren in den 1970ern in der SF durchaus oft anzutreffen - und mit etwas Verspätung waren sie dann in den 198ßern/1990ern immer noch in Form eines zerstörten Ökosystems und der damit bedingten Existenz von Arkologien eine häufig gewählte Kulisse des Cyberpunks (Arkologien interessanterweise mit zwei Denkansätzen: Schutz des Menschen vor der zerstörten Umwelt - oder: Schutz der sich langsam erholenden Umwelt vor der Bestie Mensch). Zum Begriff Arkologie hier mehr: http://de.wikipedia.org/wiki/Arkologie

Herausragend ist hier sicher »Where Late the Sweet Birds Sang« (1976 – dt.: Hier sangen früher Vögel, 1978) von Kate Wilhelm, wobei man hier deutlich sagen muss, dass hier nur das Thema von Rachel Carson in der SF umgesetzt wurde - deren »Der Stumme Frühling« (Englischer Titel: Silent Spring) datiert aber bereits auf das Jahr 1962!

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 12:40
von a3kHH
breitsameter hat geschrieben:
a3kHH hat geschrieben:Mit Verlaub : Das ist von vorne bis hinten Unsinn.
Einen Mainstream, wie Du ihn Dir vorstellst, existierte zu keinem Zeitpunkt.
Nun ja, das kannst Du so nicht sagen. Natürlich kann man aus literaturwissenschaftlicher Sicht eine Themenanalyse der erschienenen SF-Geschichten und -Romane vornehmen und daraus Trends ableiten und erkennen. Ob die Autoren dies zur damaligen Zeit überhaupt so bewußt wahrgenommen haben oder nicht, ist dabei irrelevant - besonders bei der Betrachtung der Frühzeit der SF, als die Herausgeber durchaus einen großen Einfluss auf die Themen der Geschichten hatten (Campbell, aber später auch z.B. Moorcock, Pohl, haben sich dazu mehrmals geäußert).
Thematische Trends im Sinne von Ökologie, Invasion, Inner Sense etc. : Nein.
Inhaltliche Trends in dem Sinne, daß ein Invasions-Roman und ein Inner Sense-Roman das gleiche Thema "Umweltzerstörung" behandeln dagegen sehr wohl, da gebe ich Dir Recht.
Aber hier war die Frage nach einer primitiven Schubladisierung der pro Jahr erschienenen SF-Romane plus einer direkten Wechselwirkung der geopolitischen Lage auf diese Schubladen. Und das bestreite ich doch deutlich.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 15:23
von timetunnel
a3kHH hat geschrieben:Das ist von vorne bis hinten Unsinn. Einen Mainstream, wie Du ihn Dir vorstellst, existierte zu keinem Zeitpunkt. Siehe dazu etwa die englische Wikipedia über Asimov
Also, ich verstehe das von dir gebrachte Wikipedia-Zitat über Asimov ganz in meinem Sinne: "a term coined by Asimov to describe a new trend (...) away from gadgets and space opera" - das deutet ja darauf hin, dass genau diese Themen bis dahin dominierten und man davon weg wollte "toward speculation about the human condition". Wobei ich "trend" hier als etwas verstehe, was nicht Mainstream ist und was die meisten Menschen noch nicht erreicht hat (und, falls der Trend sich nicht verstärkt, eine Nische bleiben wird).
a3kHH hat geschrieben:Klein-Fritzchen-Mentatlität
was das der Diskussion bringen soll ist mir schleierhaft. Oder war das "Mentat" darin kein Tippfehler sondern ein cleverer Wüstenplanet-Querverweis, der mir entgeht?
a3kHH hat geschrieben:Aber hier war die Frage nach einer primitiven Schubladisierung der pro Jahr erschienenen SF-Romane plus einer direkten Wechselwirkung der geopolitischen Lage auf diese Schubladen.
Da stellst du meine Frage aber falsch dar: ich möchte nicht einfach ein paar Schubladen aufmachen und dann jeden "der pro Jahr erschienenen SF-Romane" irgendwie in diese Schubladen quetschen. Ich hatte oben ganz eindeutig geschrieben, dass mir klar ist, dass es viel SF gibt, die nicht in diese Schubladen passt.
breitsameter hat geschrieben:Natürlich kann man aus literaturwissenschaftlicher Sicht eine Themenanalyse der erschienenen SF-Geschichten und -Romane vornehmen und daraus Trends ableiten und erkennen. Ob die Autoren dies zur damaligen Zeit überhaupt so bewußt wahrgenommen haben oder nicht, ist dabei irrelevant.
Exakt. Wobei ich aber die Themenanalyse in Verbindung mit der Verbreitung der Werke meinte: mir ging es in meiner Ausgangsfrage vor allem darum, welche Themen der SF von den meisten Menschen, aus welchen Gründen auch immer, rezipiert wurden (was ich als "Mainstream" verstehe).
breitsameter hat geschrieben:Arkologie
Danke für den Tipp! Kannte ich noch nicht, sehr spannend.

Ich gestehe übrigens, dass mein Kategorisierungsversuch auf jeden Fall sehr stark durch die SF des angelsächsischen Raums geprägt ist.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 16:02
von stolle
@timetunnel: Ich halte Deine Einteilung für interessant und diskussionswürdig. Ich habe es immer so ähnlich gesehen. Wenn Du von der Rezeptionsseite an die Sache herangehen willst, würde ich empfehlen, beschränke Dich, um vernünftige Daten zu erhalten: Nimm z.B. die SF-Reihe des Heyne-Verlags und werte das Programm durch die Jahrzehnte aus, und du kriegst einen ersten Anhaltspunkt.
Ich hatte mal eine Freundin, die Kunstgeschichte studiert hat, und allein anhand der Cover der dt. SF-TaBus diese Einteilung bestätigt hat. (Das will nix heissen, aber ich fand das damals sehr interessant.)

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 16:25
von timetunnel
stolle hat geschrieben:@timetunnel: Ich halte Deine Einteilung für interessant und diskussionswürdig. Ich habe es immer so ähnlich gesehen. Wenn Du von der Rezeptionsseite an die Sache herangehen willst, würde ich empfehlen, beschränke Dich, um vernünftige Daten zu erhalten: Nimm z.B. die SF-Reihe des Heyne-Verlags und werte das Programm durch die Jahrzehnte aus, und du kriegst einen ersten Anhaltspunkt.
Ich hatte mal eine Freundin, die Kunstgeschichte studiert hat, und allein anhand der Cover der dt. SF-TaBus diese Einteilung bestätigt hat. (Das will nix heissen, aber ich fand das damals sehr interessant.)
Danke für den Tipp, stolle. Die Cover-Sache deiner Kunstgeschichte-Freundin ist in der Tat sehr sehr interessant. Weißt du, ob es ihre Erkenntnisse irgendwo als Artikel/Arbeit gibt bzw. ob sie sich da auf konkrete Artikel/Arbeiten zu dem Thema bezog...?

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 18:27
von stolle
timetunnel hat geschrieben:Weißt du, ob es ihre Erkenntnisse irgendwo als Artikel/Arbeit gibt bzw. ob sie sich da auf konkrete Artikel/Arbeiten zu dem Thema bezog...?
Nein, das war einfach nur ein Gespräch. Ich habe selbst mal für ein Referat im Literaturwissenschaftsstudium gehalten, in dessen Rahmen ich einen kurzen Abriss der Geschichte der SF machen musste (eigentlich hab ich einfach das Lexikon der SF-Literatur dazu benutzt :D ), und wir haben uns darüber unterhalten.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 19:12
von a3kHH
stolle hat geschrieben:Nimm z.B. die SF-Reihe des Heyne-Verlags und werte das Programm durch die Jahrzehnte aus, und du kriegst einen ersten Anhaltspunkt.
Da gerade in der Heyne-Reihe Romane aus den verschiedensten Jahrzehnten im gleichen Jahr erschienen sind, ist eine Analyse dieser Reihe sinnlos.
stolle hat geschrieben:Ich hatte mal eine Freundin, die Kunstgeschichte studiert hat, und allein anhand der Cover der dt. SF-TaBus diese Einteilung bestätigt hat. (Das will nix heissen, aber ich fand das damals sehr interessant.)
Wenn man sich mit der Cover-Erstellung beschäftigt, stösst man auf mehrere Künstler, die sich hiermit einen Namen gemacht haben. Inwieweit das Cover mit dem Inhalt übereinstimmt, verschweigt der Chronist höflich. Daß diese Cover aber einen gewissen Zeitgeschmack darstellen, der vom Original-Erscheinungsjahr des Romans recht deutlich abweicht, ist unbestritten.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 19:23
von a3kHH
timetunnel hat geschrieben:Also, ich verstehe das von dir gebrachte Wikipedia-Zitat über Asimov ganz in meinem Sinne: "a term coined by Asimov to describe a new trend (...) away from gadgets and space opera" - das deutet ja darauf hin, dass genau diese Themen bis dahin dominierten und man davon weg wollte "toward speculation about the human condition".
Jo, aber das war in den 40ern. Und nicht in den 80ern, wo es laut Deiner Schubladisierung hätte hingehören müssen.

Was Du versuchst, als "Trends" darzustellen, sind Hypes wie der nach Vampirschlampen, Zombies oder pubertierenden Zauberlehrlingen. Diese Hypes gab und gibt es, sie stellen aber keinen Mainstream dar.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 19:34
von L.N. Muhr
Naja, nu'. Auch Aldiss skizziert im "Milliarden-Jahre-Traum" eine vergleichbare Entwicklung. Das Ende der Weltraumabenteuer war eigentlich schon in den fünfziger Jahren gekommen, parallel dazu begann dann eher etwas wie eine Verästelung: inner-space- und social-fiction als dominanter werdende Strings, die sich auch gegenseitig umschlangen. Ab den Achtzigerjahren war eine Rückkehr der Space-Fiction zu verzeichnen, zum Teil in Rückgriff auf die originäre Phase der SF, zum Teil in Rückgriff auf die Entdeckungen von Inner- und Social-Fiction. Und Cyberspace war letztlich auch nur eine Fortführung des Inner-space mit anderen Mitteln.

Klar abtrennen läßt sich das nicht. Genres beinflussen sich entlang eines Zeitstranges und auch ein Genre beeinflußt sich selbst. Du kannst nicht zweimal in den selben Fluß steigen. Trotzdem gab es halt immer dominantere und weniger dominantere Genres. Trotzdem sollte man festhalten, dass die Space-Fiction von heute etwas völlig anderes ist als die in den Dreissigerjahren.

Re: Themenschwerpunkte in der Geschichte der SF

Verfasst: 25. August 2012 21:02
von Frank Böhmert
Wie fast immer haben beide Seiten recht: Es gab natürlich Strömungen in der SF, und je schlichter die Darstellung, desto weniger trifft sie zu.

Ihr kennt Ward Shelleys tolle Karte der Geschichte der SF, oder? Gibt's leider nur auf Englisch, aber wer kann, der sollte sich mit etwas zu trinken und zu knabbern in die Leseecke zurückziehen und über folgendem ein Stündchen fröhlich brüten:
http://biblioklept.org/2011/03/09/the-h ... e-fiction/
Sie wird größer, wenn man sie anklickt. Viel größer.