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Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 17:36
von Andreas Eschbach
Da es anderswo gerade viel um wirkliche oder angebliche Vorurteile geht, würde ich gerne hier mal Erfahrungen austauschen, was für Vorurteile gegenüber SF Ihr erlebt habt und wie Ihr damit umgegangen seid. (Sprachlos dastehen soll hier auch als "damit umgehen" gelten.)
Als Eröffnung möchte ich wiedergeben, was
Marcus Hammerschmitt mir einmal erzählt hat, nämlich, dass er in einem Interview mit einem der eher angesehenen Medien zu Beginn gefragt wurde:
"Sie sehen doch aus wie ein ganz intelligenter Mensch – wieso schreibt so jemand Science Fiction?"
Ich sehe nun nicht so intelligent aus wie Marcus, aber ähnliche Fragen hat man mir auch schon gestellt. Nur leider nicht so zitierfähig, eher in Form verlegenen Darumherum-Redens.
Dafür beruht eines meiner Lieblingskomplimente auf einem Vorurteil. Unsere betagte Nachbarin, die in Stuttgart in der Wohnung über uns wohnte (damals schon weit über Siebzig; mittlerweile wohnt sie in der Großen Wohnung Über Uns Allen), hat mich seinerzeit in den Anfangstagen mal auf der Treppe angehalten und gesagt:
"Herr Eschbach, ich hab mir Ihr Buch* gekauft. Und ich wollt Ihnen bloß sagen: Also, ich les solche Bücher normalerweise ja nicht – aber Ihres, das hat mir gefallen."
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* gemeint waren "Die Haarteppichknüpfer", damals gerade in der Tb-Ausgabe bei Heyne erschienen
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 18:34
von Bully
In der Schule war ich mit meinem geheimen Laster immer völlig allein.
Später lernte ich gleichgesinnte kennen, und ich lernte, offen damit umzugehen.
Einmal hat mich jemand, den ich eigentlich nur vom Sehen kannte, auf einer Party wegen eines PR-Leserbrief angesprochen, den ich vor Ewigkeiten (damals schon lange her) geschrieben hatte.
Es gibt übrigens Menschen, die nicht nur intelligent _aussehen_, bzw., die intelligenter sind, als sie aussehen (was eigentlich ein viel weiteres Feld an Vorurteilen darstellt. "Du bist hochintelligent? Aber Du siehst gut aus!"), und die trotzdem SF machen.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 18:53
von frankh
Eigentlich habe ich mit Vorurteilen, die SF betreffend, nie wirklich Probleme gehabt.
Ich finde Äußerungen wie "Eigentlich mag ich ja keine SF, aber das kann man ja wirklich lesen." eher amüsant als abwertend.
Und als Autoren sollten wir nicht zu gering schätzen, daß wir gerade für SF oder Phantastik ganz allgemein ein zwar zahlenmäßig limitiertes, aber durchaus interessiertes und engagiertes Publikum vorfinden. Wer einmal versucht hat, z. B. eine Anthologie im Mainstreambereich zu veröffentlichen, weiß, wovon ich rede. Solche Veröffentlichungen gehen in der Menge unter, ohne eine Spur zurückzulassen.
So gesehen kann ich mit den Vorurteilen jener, die sowieso kein Buch aus dem phantastischen Bereich in die Hand nehmen würden, recht gut leben.
FWH
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 19:09
von Pogopuschel
Andreas Eschbach hat geschrieben: "Sie sehen doch aus wie ein ganz intelligenter Mensch – wieso schreibt so jemand Science Fiction?"
Vielleicht hat der Interviewer die Frage ja auf die Verdienstmöglichkeiten bezogen, die man als Autor mit dem Genre SF hat.
Im unvirtuellen Leben habe ich bisher kaum negative Erfahrungen in Bezug auf SF gemacht. Seit ich vom Land nach Berlin gezogen bin, besteht mein Bekanntenkreis aber auch größtenteils aus SF-Fans.
Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich SF und Horror übersetze, sind kaum negative Reaktionen darunter. Allerdings haben manche Leute (auch hauptberufliche Übersetzer, die teils Literatur studiert haben) doch sehr eigentümliche Vorstellungen von den Genres. Und ich kenne auch Übersetzer, die lieber von Hartz IV leben würden, als so einen Schund wie SF und (vor allem) Fantasy zu übersetzen.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 19:11
von deval
Als Christ werde ich von anderen Christen oftmals schräg angesehen wenn ich mich mit einem SF Buch
sehen lasse oder gesehen werde. Der erste Satz ist dann oftmals: "Ein Christ darf so etwas aber nicht
lesen."
Und dann muss ich mir gebetsmühlenartig die immer wiederkehrenden Argumente anhören: Stimmt nicht
mit der Bibel überein, da kommen Außerirdische drin vor, und und und. In der Regel entgegne ich dann
immer: "Hey, ich les das nur, ich glaub nicht dran. Und so lange ich das vor mir und Gott veranworten
kann, können wir beide gut damit leben."
Gemein wie ich bin, suche ich mir dann in Ausnahmefällen auch schon mal Bücher mit den Covern heraus,
die anderen Christen (die glauben sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen) die Haare zu Berge stehen
läßt. Manchmal tut es einfach gut zu provozieren und den anderen zu zeigen: Ihr (!) bestimmt nicht über mein
Leben.

Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 19:14
von My.
Über solche Denkweisen denke ich nicht nach. (Dafür habe ich zur Not Herrn Hütter.)
My.
P.S.: Damit der Herr Hütter nicht zum Insidergag verkommt: beckinsale.de.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 19:23
von Amtranik
Interessant ist in diesem Zusammenhang doch, das sehr viele der erfolgreichsten Kinofilme, Blockbuster etc etc phantastische Elemente beinhalten. Wenn man dann auf einer bestimmten Ebene nachfragt, wills keiner schauen, lesen oder auch nur was damit zu tun haben. Gut, finden das aber doch wohl die allermeisten. Sonst hätte die angesprochenen Spielfilme nicht diese Erfolge gehabt.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 20:27
von a3kHH
frankh hat geschrieben:Eigentlich habe ich mit Vorurteilen, die SF betreffend, nie wirklich Probleme gehabt.
In meiner Jugend, also vor laaaanger Zeit, kamen mir schon Vorurteile entgegen.
In den letzten 10, 20 Jahren nicht mehr. Im Gegenteil, mein SF-Blog gibt mir schon aji.
Wobei es, interessanterweise wie ich finde, eine ebenso stark existierende Western-Fan-Gemeinde zu geben scheint.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 20:46
von Andreas Eschbach
In meiner Schulzeit verstanden die meisten unter SF "Weltraumgeschichten". Man war ein Spinner, wenn man sich mit "so was" abgab.
ABER: Fand man einen anderen SF-Fan, wurde daraus meist gleich eine Freundschaft fürs Leben.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 10. Mai 2013 23:55
von Doop
Da meine beiden älteren Geschwister SF lasen, habe ich mich nie allein gefühlt. Und auf die Frage, wie ein intelligenter Mensch sowas lesen kann, kann man nur die Gegenfrage stellen, wie ein intelligenter Mensch sowas eigentlich nicht lesen kann. Ich war aber seltenst in solche Diskussionen verwickelt
@deval Christen, die erklären, "sowas" dürfe man nicht lesen, weil Außerirdische in der Bibel nicht vorkommen, könntest Du fragen, ob sie auch Bücher ablehnen, in denen Pinguine, Autos oder Toastbrot vorkommen. Das sind ja auch Dinge, über die Bibel sich ausschweigt...

Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 11. Mai 2013 07:15
von HMP
Hatte ich mit Vorurteilen zu kämpfen? "2 Mark 50" hätte Robert Lembke vielleicht gesagt. Also ja und nein.
Als ich SF (oder Phantastik überhaupt) zu lesen begann, hörte ich von meinen Eltern und anderen immer wieder: "Lies was anständiges!" Oder wenn damals (Ende der 1960er) ein SF-Film im Fernsehen kam oder ich im Kino was sehen wollte kam von der Seite: "Wie kann man so was nur anschauen. Das ist doch nichts gescheites!"
Aber es gab eben auch die paar wenigen - und da kann ich Andreas bestätigen - die das Interesse an SF teilten und es wurden zum Teil gute und langjährige Freundschaften daraus, wenn auch nur für die Zeit, in der wir zusammen waren (Schule, Sport usw.).
Die berühmte Masse (meines Bekanntenkreises) hingegen war ... sagen wir neutral. Oder gleichgültig. Es interessierte sie nicht, sie lasen es nicht, sie sahen es nicht. Es war ihnen egal.
Ähnlich war es, als ich dann anfing (Mitte der 1970er) zu schreiben. Natürlich zunächst mal nur für den Hausgebrauch und ein paar "Auserwählte". Von den einen kam: "Such Dir doch ein gescheites Hobby!" oder "Schreib doch was gescheites!" (Wobei das was sie lasen in meinen Augen auch nicht unbedingt etwas "Gescheites" war: Western, Historienschinken usw.

- ich hatte ja auch meine Vorurteile). Die "Auserwählten" waren durchaus interessiert (auch wenn ich die Geschichten natürlich heute keinem mehr zu lesen geben würde: Gigantismus hat regiert). Die Masse hingegen war wieder gleichgültig. Allenfalls die Tatsache, dass ich "Schreiben" als Hobby hatte, "berührte" sie. War eben etwas anderes als Autorennbahn, Modelleisenbahn, Fußball usw.
Insgesamt kann ich also sagen: Ja, es gab ein paar, die Vorurteile gegen SF hatten. Wenn ich mit diesen Vorteilen (zumindest was das Lesen betrifft) zu kämpfen hatte, dann war es der Kampf mit den Eltern. Sie mussten mir damals ja meine Leserichtung finanzieren

... meine wöchentliche Dosis Perry zum Beispiel. Und da musste ich dann schon ein wenig kämpfen (und Zugeständnisse machen: "Ich gebe Dir das Geld, aber dafür musst Du ...!").
Im Bekannten- und Freundeskreis weniger. Abfällige Bemerkungen ab und zu, aber kämpfen nicht wirklich.
Heute ... haben die Menschen in meinem Umfeld keine Vorurteile mehr. Allenfalls Desinteresse. Auch wenn sie selbst oft genug irgendwelche phantastischen Dinge anschauen. Und wenn doch jemand meint, er müsse SF im allgemeinen und mein Interesse dafür im Besonderen verurteilen ... es gibt immer eine Tür, durch die man den Raum amüsiert verlassen kann.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 11. Mai 2013 08:43
von Diboo
SF ist mittlerweile gut im Mainstream angekommen, für viele zwar vornehmlich im medialen Bereich, aber das färbt durchaus auf die Belletristik ab.
Ich kann daher nicht davon berichten, noch allzu schräg angeschaut zu werden.
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 11. Mai 2013 09:06
von Andreas Eschbach
Der Heftroman ist ja auch noch einmal so ein Thema. Zu meiner Zeit waren "Heftle" begehrte Beschlagnahmeziele für unsere Lehrer, für die "Landser", "Arztroman" und "Perry Rhodan" ein und dasselbe Zeug war. Hans Dominik und Jules Verne dagegen gab's in der Schulbücherei. Das waren ja auch richtige Bücher. (Anbei: Hat jemand mal versucht, im Erwachsenenalter nochmal Hans Dominik zu lesen? Ich wage es nicht, in Erinnerung an endlose Gedankenstrich und Punkt-Punkt-Punkt-Gewitter

)
Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 11. Mai 2013 09:09
von Diboo
Zu meiner Zeit gab es reichlich SF in der Schulbücherei - der Brandis jedenfalls stand da, eine Reihe der SF-Jugendbücher vom Arena-Verlag, einiges von Schneider, gerade die Sachen vom Ulrici - die haben alle gerne gelesen, Raumschiff Monitor und dieses unterirdische Dingens, den Namen habe ich vergessen. Ich kann mich nicht beklagen.
Das Phänomen ist erklärbar, als ich dann zu einer kleinen Party des Deutsch-LK in die Wohnung meines Deutschlehrers eingeladen wurde, der auch für die Bücherei verantwortlich zeichnete - und dort Fischer Orbit komplett im Regal sitzen sah. Da ging mir ein Licht auf

Re: Vorurteile gegen SF und wie wir damit leben
Verfasst: 11. Mai 2013 09:19
von HMP
Andreas Eschbach hat geschrieben:(Anbei: Hat jemand mal versucht, im Erwachsenenalter nochmal Hans Dominik zu lesen? Ich wage es nicht, in Erinnerung an endlose Gedankenstrich und Punkt-Punkt-Punkt-Gewitter

)
(Ja, ich lese meine Dominiks immer mal wieder gerne. Das letzte Mal sehr intensiv 2006 für meinen Dominik-Artikel in Phase X. Danach dann zwischendurch mal einen just for fun. Nennen wir es nostalgische Erinnerungen

)