Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Wir lesen gemeinsam ausgewählte Science Fiction-Bücher und diskutieren darüber!
Benutzeravatar
Konrad
Fan
Fan
Beiträge: 48
Registriert: 6. November 2011 13:51
Land: Deutschland
Wohnort: München

Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 18. Mai 2018 10:21

Ich kann nur hoffen, daß jetzt niemand auf die Idee kommt, den Text der 9. Beethoven anzutasten...
:megablaster:

Benutzeravatar
Konrad
Fan
Fan
Beiträge: 48
Registriert: 6. November 2011 13:51
Land: Deutschland
Wohnort: München

Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 18. Mai 2018 17:06

"Frauenbeauftragte will Deutschlandlied gendern!", so der Titel einer großen Frauenzeitschrift. :mad:
Nachdem ich mich vorsichtig gekniffen und vergewissert hatte, daß ich nicht über Tiptrees "Your faces..." eingeschlafen und in dessen Zukunft gelandet war, fand ich im Merkur (nein, nicht der von "Houston, Houston...") Leserbriefe, die mich wieder beruhigten:
https://www.merkur.de/lokales/leserbrie ... 66328.html
:lol:

Benutzeravatar
Konrad
Fan
Fan
Beiträge: 48
Registriert: 6. November 2011 13:51
Land: Deutschland
Wohnort: München

Re: Lesezirkel HOUSTON, HOUSTON! von James Tiptree jr.

Ungelesener Beitrag von Konrad » 22. Mai 2018 11:59

Immer diese Tippfehler, "lurp" steht natürlich für LRRP und nicht LLRP.
Steht da breit und fett und trotzdem liest man immer wieder drüber hinweg.

Ich habe ja schon erwähnt, daß sich Tiptree für die Titel ihrer Erzählungen bei einigen Dichtern bedient hat.
"And I Awoke and Found Me Here on the Cold Hill's Side" stammt z.B. von John Keats aus "La Belle Dame Sans Merci".
Aber auch die Zitate in den Erzählungen stellen für die Übersetzung immer eine Herausforderung dar.
In "Houston, Houston..." läßt Tiptree Lorimer angesichts des betäubten Dave zitieren:
“On the deck my captain lies”.

Dies stammt aus Walt Whitmans Gedicht "O Captain! My Captain" und ist ein Ausschnitt aus der Zeile “Where on the deck my captain lies Fallen cold and dead.” Walt Whitmans Gedicht ist in Amerika sehr populär, eine bewegende Reaktion des Autors auf Lincolns Ermordung am Ende des Bürgerkriegs, 6 Tage nach General Lees Kapitulation.

Tiptree verstärkt m.E. in der Szene mit dem Zitat das Gefühl der Führungslosigkeit, der Verlorenheit.
Es gibt allerdings noch einen versteckten Aspekt, der hier erstaunlich gut paßt.
Whitman hat in späteren Jahren bei den Erinnerungsfeiern an Lincolns Ermordung Vorträge gehalten, in denen er die geschichtliche Notwendigkeit von Lincolns Tod betont hat.
Die Wahl Lincolns zum 16. Präsidenten gilt als Auslöser der Sezession.

1981 hat Joachim Körber in seiner Übersetzung das Zitat wie normalen Text behandelt. Er ignoriert die poetische Form völlig; ich glaube nicht, daß er wußte, wer und was da zitiert wurde.

1982 versuchte Walter Brumm die Zeile zu deuten und übersetzt sehr freizügig "Dave hat recht. Ich habe sie verraten. Nun liegt er da, ausgeliefert auf Gedeih und Verderb."
Das entspricht zwar der Situation in der Szene, folgt aber Tiptrees Gedanken zur Führerschaft nicht.

1989 erschien der Spielfilm "Der Club der toten Dichter" von Peter Weir, der das Gedicht auch in Deutschland bekannt machte. Im Film läßt sich ein beliebter Lehrer, toll gespielt von Robin Williams, mit "O Captain! My Captain" anreden.

2013 verwendet Andrea Stumpf als Übersetzung den Titel "O Käpt'n! Mein Käpt'n!" und knüpft damit an die bekannte Anrede im Spielfilm an. Dies ist zwar gut gemeint, ruft aber m.E. eine völlig andere Assoziation hervor.
Im Spielfilm wird dieses Zitat am Ende zusammen mit der Solidaritätsdemonstration das Symbol für Selbstbehauptung.

Tja, Übersetzen ist ein Metier mit vielen Klippen... :engel:

Antworten