Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Science Fiction in Buchform
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Teddy
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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Teddy »

1976

Hugo und Nebula: Beste Novella
Roger Zelazny - Daheim ist der Henker (Home Is the Hangman)
Ein namenloser Privatdetektiv hat es in einer zukünftigen Welt geschafft, aus allen staatliche Datenbanken zu verschwinden. Er bekommt den Auftrag, einen Senator zu beschützen, der, bevor er in die Politik ging, bei der Programmierung bzw. dem Training einer KI beteiligt war, die Teil eines selbständig agierenden Roboter für extraterrestrische Missionen war. Das Projekt scheiterte, da die KI zusammenbrach. Dies dachte man zumindest, doch jetzt ist die KI, genannt Henker, zur Erde zurückgekehrt und einer der vier Programmierer/Lehrer der KI wurde ermordet. Der Senator fürchtet nun, dass der Henker sich rächen will. Der Privatdetektiv sucht die zwei anderen Programmierer auf, die solch ein Verhalten der KI ausschließen, jedoch ebenfalls ermordet werden. Der Showdown Mensch gegen Maschine findet dann in einer abgelegenen Waldhütte statt, in der der Senator sich versteckt hat.
Mit der KI hat Zelazny ein Thema aufgegriffen, das heute aktueller ist denn je. Er behandelt die technische Seite kaum und konzentriert sich auf die philosophischen, psychologischen und religiösen Aspekte. Dabei eiert er allerdings gelegentlich um den Kern der Sache herum, ohne auf den Punkt zu kommen. Auch der Endkampf ist rein plotgetrieben. So haben die vier Leibwächter des Senators Waffen, die der Panzerung des Henkers nichts anhaben können, obwohl der Aufbau des Henkers bekannt ist. Trotzdem ist dies eine insgesamt gelungene Geschichte, die ihrer Zeit deutlich voraus war.

Hugo: Beste Novelette
Larry Niven - Im Grenzland der Sonne (The Borderland of Sol)
Im Sonnensystem sind mehrere Frachtschiffe verschwunden. Ein Funktionär der Erde macht sich mit einem Piloten und dessen Freund, einem Kosmologen in einem als Frachter getarnten Kriegsschiff ins Sonnensystem auf, da hinter dem Verschwinden der Frachter Piraten vermutet werden. Bei Erreichen des äußeren Sonnensystems fällt das Schiff aus dem Hyperraum. Es stellt sich heraus, dass der Antrieb verschwunden ist. Der Kosmologe hat zwar eine Idee, was passiert sein könnte, behält diese jedoch für sich, damit es für den Leser spannender bleibt. Die Lösung ist ein leichtes Schwarzes Loch, dass von einem Wissenschaftler benutzt wird, um Schiffe zu kapern.
Oh mein Gott. Da schreibt Niven nach dem Erfolg bei der Hugovergabe 1975 gleich noch eine Räuberpistole mit einem leichten Schwarzen Loch und gewinnt gleich wieder. Und wieder benutzt er das Schwarze Loch nur, um einem Mad Scientist dummes Zeug machen zu lassen. Von der Faszination der Astronomie bleibt nichts übrig, zumal das leichte Schwarze Loch so beschrieben wird, wie sich klein Hänschen ein Schwarzes Loch vorstellt, das alle Materie in sich hineinsaugt, die dann mit einem Knall verschwindet.

Nebula: Beste Novelette
Tom Reamy - San Diego Lightfoot Sue (San Diego Lightfoot Sue)
John Lee lebt auf einer Farm in Kansas in einer vom Unglück verfolgten Familie. Als seine Mutter stirbt reist der 15-jährige allein nach L.A., wo er von einem schrägen aber gutherzigen homosexuellen Paar aufgenommen wird. Er verliebt sich in die Nachbarin des Paars, die Malerin Sue, die Mitte vierzig ist und einige Akte von ihm malt. Um wieder jung zu sein, lässt sich Sue mit finsteren Mächten ein.
Hervorragend geschriebene Geschichte um das Erwachsen werden und erste sexuelle Erfahrungen, die die phantastische Komponente nur ganz am Rande erwähnt.

Hugo und Nebula: Beste Short Story
Fritz Leiber - Versäum nicht den Zeppelin! (Catch That Zeppelin!)
Parallelweltgeschichte, in der ein Industrieller der deutschen Zeppelinwerke sich mit seinem Sohn, einem Historiker, über Schlüsselereignisse der Geschichte unterhalten, die bei Nichteintreten zu einer völlig anderen, schlimmeren Welt hätten führen können. Interessante Spekulation über eine Welt ohne zweiten Weltkrieg, in der die Zeppeline die Lüfte beherrschen. Ob aber der Erzähler Adolf (genannt Dolf) Hitler sich in dieser besseren Welt in den beschriebenen patriotischen, aber dennoch toleranten Weltbürger verwandelt hätte, mag man bezweifeln.

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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Teddy »

1977

Hugo (unentschieden) und Nebula: Beste Novella
James Tiptree, Jr. - Houston, Houston, bitte kommen! (Houston, Houston, Do You Read?)
Die Besatzung eines Forschungsschiff, das die Sonne erkundet, muss bei der Rückkehr festzustellen, dass sie einen Zeitsprung von 300 Jahren in die Zukunft gemacht haben. Sie werden von einem Raumschiff gerettet, an dem nur Frauen an Bord sind. Die drei Männer aus der Vergangenheit finden nach und nach heraus, dass es nur noch 2 Millionen Menschen auf der Erde gibt, da nach einer Pandemie die Menschheit größtenteils unfruchtbar geworden ist und die wenigen Neugeborenen alle weiblich sind. Der Fortbestand der Menschheit wird durch Klonen von elftausend Phenotypen sichergestellt. Die Frauen des Raumschiffs setzen die Männer unter eine enthemmende Droge, ein Experiment, das für die Männer sehr schlecht ausgeht.
Tiptree entwirft ein Utopia und zeigt nicht, was es braucht, sondern was es nicht braucht, nämlich Hierarchien, Religion und vor allem Männer. Sehr interessante, gut zu lesende Geschichte, deren Quintessenz, Alpha-Männchen sind in der modernen Gesellschaft nicht als Führer geeignet, heute mindestens so aktuell ist wie 1977.

Hugo (unentschieden): Beste Novella
Spider Robinson - Nur nicht beim wirklichen Namen (By Any Other Name)
Mal wieder eine Mad Scientist-Geschichte, bei der der Wissenschaftler das Gute will - wobei hier selbst das Gute nicht recht nachvollziehbar ist - und der Welt einen Virus beschert, der letztendlich zum Tod des Großteils der Menschheit führt. Der Sohn des ehemaliger Mitarbeiter des Wissenschaftlers macht sich ins verlassene New York auf, in das sich der Wissenschaftler zurückgezogen hat, um diesen zu töten.
Die Geschichte atmet viel Zeitgeist der 70er Jahre, wie Umweltverschmutzung, zurück zur Natur, Drogen oder Stadtflucht. Sie ist geschickt aufgebaut, steigt mitten in der Handlung ein und erzählt erst nach und nach, wie es zu der Situation gekommen ist. Leider ist die Motivation der beiden Wissenschaftler nicht nachvollziehbar und so verpufft auch die Pointe der Geschichte völlig.

Hugo und Nebula: Beste Novelette
Isaac Asimov - Der Zweihundertjährige (The Bicentennial Man)
Geschichte des Roboters Andrew, der ein Mensch seien möchte. Anhand seines Lebens wird zugleich die fiktive Geschichte der Robotik mit erzählt, die maßgeblich von - aus Sicht des Herstellers - Andrews fehlerhaften Eigenschaften mitbestimmt wird.
Das hätte eine völlig schmalzige Geschichte werden können, aber hier wird Asimovs Schwäche, d.h. sein doch eher dröger Stil, zum Vorteil. Interessante Erzählung, die das Thema auslotet, was eigentlich einen Menschen zum Menschen macht.

Hugo: Beste Short Story
Joe Haldeman - Dreihundertjähriges (Tricentennial)
Im Jahr 2076 empfangen Wissenschaftler von der 400 Mann starken Raumstation L-5 Signale von einem relativ nahem Sternsystem, die als Signale einer intelligenten Rasse interpretiert werden. Die Regierung der Erde hat allerdings kein Interesse eine Kontaktaufnahme zu finanzieren, zu teuer, zu gefährlich und außerdem sind die USA mit ihrer Dreihundertjahrfeier beschäftigt. Die Bewohner der Raumstation beschließen der Sonne kurzerhand mit einem Generatrionenschiff, das vor vielen Jahren gebaut aber nie zum Einsatz kam, einen Besuch abzustatten.
Haldeman erzählt auf 25 Seiten Stoff für einen ganzen Roman. Die politische Konstellation, der mögliche Erstkontakt, die Entdeckung eines Doppelsternsystems aus zwei schwarzer Zwergen jenseits der Plutobahn, das Generationenschiff. Und am Ende kommt alles anders als erwartet. Gekonnte Mischung aus Hard SF und Sense of Wonder.

Nebula: Beste Short Story
Charles L. Grant - Tödliche Schatten (A Crowd of Shadows)
Ein Mann begegnet in einem ruhigen Ferienort einer Familie, deren "Sohn" ein Android ist und die von anderen Gästen offen diskriminiert werden. In der Nacht wird einer der Diskriminierer ermordet. Während sich unter vielen der Gäste Hysterie breitmacht, erkennt der Mann, dass er nur deshalb keine Angst hat, da er freundlich zu der Familie war, aber insgeheim den Androiden ebenfalls verdächtigt.
Spannende Kriminalgeschichte, die den Rassismus von heute auf einen Hass gegen Androiden in der Zukunft abbildet. Dass die Androiden an einer Tätowierung auf dem Unterarm gekennzeichnet werden, ist allerdings nahe an einer Geschmacklosigkeit.

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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Teddy »

1978

Hugo und Nebula: Beste Novella
Spider Robinson & Jeanne Robinson - Sternentanz (1. Kapitel) (Stardance)
Die Balletttänzerin Shara Drummond ist nicht nur außergewöhnlich schön sondern auch eine großartige Tänzerin. Trotzdem bekommt sie kaum Engagements, da sie schlicht zu groß ist. Ihr gewiefter Manager verschafft ihr die Möglichkeit auf einer Raumstation zu arbeiten, wo sie in kürzester Zeit eine völlig neue Kunstform entwickelt, eine Art 3D-Balett in der Schwerelosigkeit, womit sie berühmt wird. Die Geschichte bekommt eine völlig neue Richtung als Aliens auftauchen, Wesen aus Licht, mit denen jeder Kontaktversuch scheitert, bis Shara Drummond einen Kontakt per Sternentanz versucht.
Gut geschriebene Geschichte, die ein ungewöhnliches Thema in die SF einbringt und deren Tanzszenen selbst einen Ballettmuffel bewegen. Ist der Aufstieg der Tänzerin gegen jeden Widerstand der Außenwelt schon spannende Handlung genug, kommt mit dem Erscheinen der Aliens auch der hardcore SF-Leser voll auf seine Kosten.

Hugo: Beste Novelette
Joan D. Vinge - Bernsteinaugen (Eyes of Amber)
Die Erzählung beginnt wie eine typische Fantasygeschichte: Eine verstoßene Adlige und der jüngere Bruder eines Fürsten treffen sich zu einem Komplott, um Fürst nebst Familie zu ermorden. Die Personen werden mit Flugmembranen und Krallen beschrieben, die Frau führt einen Dämonen bei sich, ein wenig seltsam ist der Springbrunne aus Ammoniak. Bis sich der Dämon als Sonde entpuppt, die von Menschen benutzt wird, um das Leben auf dem Titan zu beobachten. Die beteiligten Wissenschaftler stehen vor einem Dilemma: Die Leitung würde gerne die Morde öffentlich zeigen, um das Interesse der Öffentlichkeit hoch zu halten und Forschungsgelder zu sichern. Oder soll man die Sonde nutzen, um in eine fremde Kultur einzugreifen?
Insgesamt eine spannende Erzählung, wobei die Handlung auf dem Titan deutlich gelungener ist, als die auf der Erde. Das Problem des Eingreifens wird nur unzulänglich ausgearbeitet. Dafür gibt es einen völlig überflüssigen Mutter-Sohn-Konflikt und es wird ständig betont, das Computer nie fremde Sprachen ordentlich übersetzen werden können.

Nebula: Beste Novelette
James Tiptree, Jr. - Die Screwfly Solution (The Screwfly Solution)
In Briefen, Artikeln und Tagebucheintragungen erzählte Geschichte, um massive Ausbrüche von Gewalt gegen Frauen. Immer mehr Männer entwickeln einen Hass auf Frauen, der zu Massenmorden und frauenfreien Zonen führt. Von Seiten der Politik und Kirche wird überwiegend beschwichtigt. Ein Kardinal ist gar der Überzeugung, in der Bibel sei die Frau lediglich als vorübergehende Gefährtin des Mannes definiert.
Sehr spannende und bewegende Erzählung mit einer bitterer Pointe. Eine der besten Geschichten von Tiptree.

Hugo und Nebula: Beste Short Story
Harlan Ellison - Jeffty ist fünf (Jeffty Is Five)
Der Ich-Erzähler hat einen Freund Jeffty, der mit fünf Jahren nicht weiter altert. Trotz des immer größer werdenden Altersunterschied bleiben die beiden befreundet, aber eher auf der Basis eines kleinen Bruders, mit dem man ins Kino geht oder zum Burgeressen. Mit Mitte 20 erkennt der Erzähler, dass um Jeffty eine Art Blase besteht, in der die Zeit ebenfalls nicht vorangeht, alte Radioserien werden immer weitergeführt, im Kino laufen neue Filme mit Humphrey Bogart und Stanley G. Weinbaum schreibt neue Erzählungen. Jefftys Eltern leiden jedoch unter der Situation und werden immer phlegmatischer.
Ellison beschreibt voller Nostalgie alles, was ihn wohl selbst in seiner Kindheit begeistert hat. Nette Geschichte mit einem traurigen Ende.

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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

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1979 (Hugo)
Beste Novella
John Varley - Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision)
Die Geschichte spielt in einer Parallel-USA in den 80er Jahren. (Es herrscht eine große Rezession, es gab eine Kernschmelze, aber das ist für die Geschichte unwesentlich.) Aufgrund einer Rötelnepidemie wurden in den 60er Jahren sehr viele taubblinde Kinder geboren. Eine kleine Gruppe dieser Taubblinden hat eine Kommune gegründet, die exakt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Der arbeitslos gewordene Ich-Erzähler beschließt durch die USA zu wandern und kommt dabei in diese Kommune, wo er schon beinahe liebevoll aufgenommen wird. Er lernt die Regeln der autarken Kommune kennen, aber vor allem die ausgeklügelte Kommunikationsform der Taubblinden, die verschiedene Ebenen der Tastsprache entwickelt haben. Obwohl er rasche Fortschritte beim Erlernen dieser Sprache macht, erkennt er, dass der sehende und hörende Mensch nie den Grad an Zusammengehörigkeit erreichen wird, um wirklich zur Gruppe der Taubblinden dazuzugehören.
Faszinierende Geschichte, die beim Leser einerseits ein Bewusstsein für die alltäglichen Probleme von taubblinden Menschen weckt. Andererseits verbindet Varley dies mit der phantastischen Komponente der Ausbildung einer Art Schwarmwesens, das die Taubblinden aufgrund ihrer ausgefeilten Tastsprache bilden. Sehr Lesenswert.

Beste Novelette
Poul Anderson - Jägermond (Hunter's Moon)
Zwei Wissenschaftler (ein Ehepaar, dass eine Zweckehe eingegangen ist) untersuchen auf einem kolonialisierten Planeten zwei einheimische intelligente Rassen. Zum einen ballonartige Wesen, die selbst Helium erzeugen und durch die Luft treiben. Zum anderen eine Rasse, deren Individuen erst weiblich sind und deren Nachkommen sich aus abgegebenen Körpersegmenten entwickeln. Nach zwei "Geburten" werden sie dann männlich. Die Wissenschaftler haben sich je ein Lebewesen vertraut gemacht und können nun über eine Sonde rudimentär deren Gedanken lesen. Beide Rassen stehen im Konflikt, da die Landbewohner die Ballonwesen für die hohe Sterblichkeit ihres Nachwuchses verantwortlich machen. Ausgerechnet die beiden Vertrauten der Menschen geraten in einen Kampf, während sie von den Menschen beobachtet werden.
Eine Geschichte mit mehr Licht als Schatten. Die außerirdischen Lebensformen werden faszinierend beschrieben. Über diese hätte man gerne noch mehr erfahren. Leider wird stattdessen auf die Eheprobleme der Menschen eingegangen. Trotzdem eine gelungene Erzählung.

Beste Short Story
C. J. Cherryh - Kassandra (Cassandra)
Eine Frau leidet unter der Eigenschafft, tödliche Unglücke vorauszusehen. Die betroffene Person wird dabei durchscheinend, überlagert von der zukünftigen Katastrophe. Da ihr niemand glaubt, hat sie schon viel Lebenszeit in Krankenhäusern und Psychiatrien verbracht. Zum Einsetzen der Geschichte wird es für die Frau entsetzlich. Ein Krieg ist ausgebrochen und die Frau sieht nur noch Geister, die in den Flammen der brennenden Stadt sterben.
Das Interessante an der Geschichte ist, dass Cherryh den Leser mitten in die Handlung wirft und sich dieser selbst erschließen muss, worum es überhaupt geht. Hat mir gut gefallen.

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Mammut
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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Teddy hat geschrieben:
22. Oktober 2020 18:59
1979 (Hugo)
Beste Novella
John Varley - Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision)
Die Geschichte spielt in einer Parallel-USA in den 80er Jahren. (Es herrscht eine große Rezession, es gab eine Kernschmelze, aber das ist für die Geschichte unwesentlich.) Aufgrund einer Rötelnepidemie wurden in den 60er Jahren sehr viele taubblinde Kinder geboren. Eine kleine Gruppe dieser Taubblinden hat eine Kommune gegründet, die exakt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Der arbeitslos gewordene Ich-Erzähler beschließt durch die USA zu wandern und kommt dabei in diese Kommune, wo er schon beinahe liebevoll aufgenommen wird. Er lernt die Regeln der autarken Kommune kennen, aber vor allem die ausgeklügelte Kommunikationsform der Taubblinden, die verschiedene Ebenen der Tastsprache entwickelt haben. Obwohl er rasche Fortschritte beim Erlernen dieser Sprache macht, erkennt er, dass der sehende und hörende Mensch nie den Grad an Zusammengehörigkeit erreichen wird, um wirklich zur Gruppe der Taubblinden dazuzugehören.
Faszinierende Geschichte, die beim Leser einerseits ein Bewusstsein für die alltäglichen Probleme von taubblinden Menschen weckt. Andererseits verbindet Varley dies mit der phantastischen Komponente der Ausbildung einer Art Schwarmwesens, das die Taubblinden aufgrund ihrer ausgefeilten Tastsprache bilden. Sehr Lesenswert.
An die kann ich mich auch noch erinnern. John Varley hat es einfach drauf, seine Kurzgeschichten sind sehr lesenswert und manche sogar echt herausragend.

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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Teddy »

In den ersten 10 Jahren seines Schaffens hat Varley in der Tat eine Menge tolle Erzählungen geschrieben. Viele davon haben einen gemeinsamen Hintergrund, die "Eight Worlds". Im diesem Universum nimmt Varley schon viele Dinge voraus, mit denen andere Autoren wie Richard Morgan oder Charles Stross später bekannt geworden sind. Beispielsweise das Speichern des Bewusstseins, sodass man nach dem Tod des Körpers in einen neuen Körper Zurückkopiert werden kann, bzw. das beliebige Tauschen von Körpern und damit des Geschlechts. Die meisten dieser Geschichten sind auch auf deutsch in diversen Anthologien erschienen.

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Mammut
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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Mammut »

Teddy hat geschrieben:
22. Oktober 2020 23:12
In den ersten 10 Jahren seines Schaffens hat Varley in der Tat eine Menge tolle Erzählungen geschrieben. Viele davon haben einen gemeinsamen Hintergrund, die "Eight Worlds". Im diesem Universum nimmt Varley schon viele Dinge voraus, mit denen andere Autoren wie Richard Morgan oder Charles Stross später bekannt geworden sind. Beispielsweise das Speichern des Bewusstseins, sodass man nach dem Tod des Körpers in einen neuen Körper Zurückkopiert werden kann, bzw. das beliebige Tauschen von Körpern und damit des Geschlechts. Die meisten dieser Geschichten sind auch auf deutsch in diversen Anthologien erschienen.
Ich habe die drei Sammlungen (Voraussichten) gelesen, die kann ich nur empfehlen.

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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Teddy »

Mammut hat geschrieben:
23. Oktober 2020 09:29
Teddy hat geschrieben:
22. Oktober 2020 23:12
In den ersten 10 Jahren seines Schaffens hat Varley in der Tat eine Menge tolle Erzählungen geschrieben. Viele davon haben einen gemeinsamen Hintergrund, die "Eight Worlds". Im diesem Universum nimmt Varley schon viele Dinge voraus, mit denen andere Autoren wie Richard Morgan oder Charles Stross später bekannt geworden sind. Beispielsweise das Speichern des Bewusstseins, sodass man nach dem Tod des Körpers in einen neuen Körper Zurückkopiert werden kann, bzw. das beliebige Tauschen von Körpern und damit des Geschlechts. Die meisten dieser Geschichten sind auch auf deutsch in diversen Anthologien erschienen.
Ich habe die drei Sammlungen (Voraussichten) gelesen, die kann ich nur empfehlen.
Ja, ich auch.

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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Teddy »

1979 (Nebula)

Beste Novella
John Varley - Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision)
(siehe oben)

Beste Novelette
Charles L. Grant - Der Schein von Kerzen, das Auge des Einhorns (A Glow of Candles, a Unicorn's Eye)
In der nahen Zukunft gibt es für Schauspieler kaum noch Arbeit. Gordon hält sich mit Engagements in Erziehungsbereich über Wasser, da alle Theaterproduktionen, an denen er mitgewirkt hat, innerhalb kürzester Zeit abgesetzt wurde. Er macht die Produzenten, die nur noch auf immer größere Showeffekte setzen, dafür verantwortlich. Er überfällt alle drei und schlägt sie so brutal zusammen, dass er selber erstaunt ist, dass diese die Angriffe überlebt haben. Als die Polizei ihn auf die Schliche kommt, flieht er mit seiner Freundin aus der Megacity (ein Verbund von New York und Philadelphia) und beginnt ein aufs Wesentliche reduziertes Theater für die Bewohner des ländlichen Raums mit alten Stücken, insbesondere von Shakespeare.
Das ist eine gut geschriebene, vor allem in des Fluchtszenen auch spannende Geschichte. Der Zukunftsentwurf ist allerdings weniger gelungen. Was ist eigentlich mit Filmschauspielern? Warum gibt es viel weniger Autos als heute, obwohl das Leben außerhalb der Megacity genauso beschrieben wird, wie es heute auch ist? Auch die Motivation der Überfälle, die als Mord geplant waren, ist schwer nachzuvollziehen. Kann man durchaus lesen, ist aber nichts, was man gelesen haben muss.

Beste Short Story
Edward Bryant - Die Schere zerbricht am Stein (Stone)
In der Zukunft gibt es eine Kunstform Sensostim, bei der eine Sängerin durch eine Elektrodennetz mit ihrem Publikum in Rückkopplung steht. Diese wird durch einen Techniker über eine Art Mischpult live geregelt. Die Geschichte wird aus der Sicht des Technikers der erfolgreichsten Sensostim Künstlerin erzählt, in die er verliebt ist, die seine Liebe aber nur Zeitweise erwidert. Er erfüllt ihr den Wunsch, sie bei einem Konzert vor einer Million Zuschauer zu töten, indem er die Rückkopplung komplett übersteuert.
Das ist eine stilistisch gekonnt erzählte Geschichte, aber ich konnte den Wünsch der Sängerin, der auch nie explizit genannt wird, nicht nachvollziehen. Will sie den ultimativen Kick durch die Rückkopplung mit einer Million Menschen erlangen?

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Knochenmann
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Re: Hugo- und Nebula-Gewinner im Bereich Short Fiction

Ungelesener Beitrag von Knochenmann »

Teddy hat geschrieben:
29. Oktober 2020 14:28

Das ist eine stilistisch gekonnt erzählte Geschichte, aber ich konnte den Wünsch der Sängerin, der auch nie explizit genannt wird, nicht nachvollziehen. Will sie den ultimativen Kick durch die Rückkopplung mit einer Million Menschen erlangen?
Yolo!
Als ich jung war, war der Pluto noch ein Planet

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