Abgefahrene Borderline-Phantastik

Science Fiction in Buchform
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Thomas Wawerka
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Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Ich lasse mich immer gern durch fremde Leseerfahrungen anregen. Außerdem mag ich Literatur, die jeglichen Rahmen sprengt, die verrückt ist und verwirrt, die neue Welten oder Sichtweisen erschließt oder wenigstens die bisherige Welt samt Sichtweisen derselben zum inneren Einsturz bringt; Literatur, die sich nicht an Regeln oder Genregrenzen hält; Literatur wie die Filme von Lynch oder Jodorowsky ... kurz und gut: Mindfuck-Literatur. Wer also Romane, Kurzgeschichten etc. jenseits der ausgetretenen Pfade kennt und schätzt (und auf Genrezuweisungen wie "SF", "Horror", "Magischer Realismus", "Realismus" und was es sonst noch alles geben mag gut und gern verzichten kann), möge seine Lesefrüchte lauthals feilbieten! Ich würde mich ganz außerordentlich darüber freuen und mache hiermit auch gleich den Anfang:
Eins der abgefahrensten Bücher, die ich gelesen habe, ist David R. Bunch: "Moderan" (tunlichst nicht zu verwechseln mit Chris Bunch!). Das Buch ist Science Fiction, kein Zweifel - es spielt in einer Zukunft, in der Menschen ihre natürlichen Körper schrittweise durch Kunststoff und Legierungen ersetzen lassen (und am Ende ganz zu Energiewesen werden) und gleichzeitig riesige fahrende Festungen ... tja, hm, auf der einen Seite besteigen und befehligen, auf der anderen Seite tatsächlich auch sind ... als wären diese Festungen künstliche Fortsetzungen der künstlichen Gliedmaßen. Diese Festungen bekriegen sich ständig, und dieser Krieg ist Sinn, Feier, Sakrament, Zweck und Ausdruck des "neuen Lebens", zu dem sich die Menschen entschlossen haben.
Aber damit hat man das Buch nur annähernd charakterisiert. Es ist abgesehen davon derart gegen die SF gebürstet, dass mir vor Staunen der Mund offen stehen blieb. Nicht nur die Erzählweise, nicht nur die Perspektive, nicht nur der Ton (manchmal glaubt man sich mitten in Nietzsches "Zarathustra" versetzt) - trotz aller Feier des Neuen, des Technischen, des Unsterblichen und Überlegenen, trotz dieses ganzen Hurra-Futurismus wirkt es heimlich und hinterrücks deprimierend. Da hat man eine Zukunft mit unglaublichen technischen Möglichkeiten, aber der Mensch ändert sich durch all das kein bisschen. Er bleibt ein kleinliches, herrschsüchtiges, allezeit auf den eigenen Vorteil bedachtes und für die falschen Dinge viel zu schnell begeisterungsfähiges Durchschnittswesen, auch noch als Strahlenwesen. Nicht wirklich "böse", aber auch nicht "gut", in den meisten Fällen fehlgeleitet mit Anteilen eigenen Verschuldens ... ja, selbst wenn er sich gern ändern würde (weil er eben Mensch ist und als solcher zumindest auch partiell erkenntnisfähig und dem Besseren zuneigt), kann er es nicht - es ist eine Tragik. Der Weg, den er einmal eingeschlagen hat, muss bis zum Ende gegangen, der Krieg, den er einmal angefangen hat, bis zu Sieg oder Niederlage ausgefochten werden, und je weiter die Geschichte fortläuft, umso deutlicher wird, dass es weder Ende noch Sieg oder Niederlage geben wird, nicht einmal eine Art Schicksal oder Bestimmung, sondern immer nur Stationen, in denen er sich eine zeitlang provisorisch einrichten kann. Weder kann man sich selbst ändern, noch etwas an den Umständen, wenn man Moderan (so heißt das fiktive Land) einmal betreten hat. Also: Feuer aus allen Rohren! (Was soll man auch sonst tun in Moderan?!)
Das Buch kann man am besten als "Episodenroman" beschreiben. Eigentlich handelt es sich um Kurzgeschichten (sie sind wirklich kurz, so kurz wie bei Hemingway oder sogar noch kürzer), die jedoch aufeinander aufbauen. Der Protagonist, ein Ich-Erzähler (aber kein "Held" in irgendeinem Sinn), bleibt offenbar derselbe (man erfährt nicht allzuviel über ihn). Das Hauptaugenmerk liegt auf jeweils einem Aspekt dieser völlig irren Zukunft, und auch dieser Aspekt wird nur ausschnittsweise vorgestellt/behandelt. Es wird wenig erklärt (nicht wohltuend wenig im Unterschied zu so vielen breit und bräsig referierenden Science-Fiction-Autoren aus der Stephen-Baxter-Etage, sondern schmerzlich wenig), vieles muss man sich selbst zusammenpuzzeln, manches passt auch gar nicht zusammen - aber darauf kommt wenig an. Der innere Monolog ist oft lyrischer Natur (Bunch schrieb ansonsten Gedichte, im Zusammenhang von Moderan wirkt das Lyrische deplaciert, auf schwer bestimmbare Art und Weise unheimlich), er nimmt einen großen Raum ein und gibt dem Gesamtwerk eine fast autistisch anmutende Aura ... ganz so, als wolle der Autor sagen: "Nimm hin und lies, dies schenke ich dir, es sind meine Visionen aus einer fremden Welt, was du damit anstellst, bleibt dir selbst anheim gestellt." Nicht gerade die ideale Bettlektüre und auch nichts, was man in einem Tag runterschwarten könnte, aber in kleinen Dosen zu sich genommen entfaltet es eine ganz erstaunliche Wirkkraft - jedenfalls bei mir!
Wenn Frank Hebben den Freudschen Terminus "Prothesengötter" nicht für sein eigenes Buch reklamiert hätte, wäre Bunchs Buch der mit weitem Abstand heißeste Anwärter auf diesen Titel!

David R. Bunch: Moderan (Festung 10); 1971 (1974)
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Bungle
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Thomas Wawerka hat geschrieben:
David R. Bunch: Moderan (Festung 10); 1971 (1974)
Klingt stark nach New Wave. Zeitlich dürfte das auch passen.

Abgefahrene Phantastik war für mich Stephen Hall: Gedankenhaie, gibt es noch bei Serie Piper

Gedankenhaier bedrohen die Gedanken und Erinnerungen der Hauptfigur. Sie bestehen aus Informationen und sind gleichzeitig materiell, haben auch etwa die Gestalt von Haien, die gewissermaßen unter der Oberfläche der Wirkichkeit lauern. Der Bedrohte hat gerade einen Verlust zu bewältigen, seine Frau kam bei einem Unfall ums Leben. Vielleicht bildet sich der Mann auch ein, er ist jedenfalls in einer Psycho-Therapie, aber auf seine Flucht vor den Gedankenhaien findet er Menschen, die Informationen und Erinnerungen vor den Gedankenhaien retten und ihn unterstützen. Voller interessanter stimmige Details dieser eigenartigen Welt, die sozusagen in unsere Wirklichkeit/Gegenwart existiert. Bizarr und unterhaltsam.

MB

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Thomas Wawerka
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Yeah! "Gedankenhaie" habe ich ebenfalls gelesen und genossen! Quintessentielle Science Fiction, ohne irgendeinen sattsam bekannten SF-Topos zu bemühen! Etwas ganz und gar Neues ... SF, die sich mit den Grundlagen des Denkens und der Wahrnehmung der Welt befasst (ich bezeichne das für mich behelfsweise als "Mindstream"). Ebenfalls in diese Kategorie fallen:
- Nick Harkaway: Die gelöschte Welt
- Scarlett Thomas: Troposphere
- Robert Kerber: Fremde Lebensformen hinter Glas (in NOVA 6)
Seitdem bin ich auf der Suche nach mehr davon ...
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Bungle
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Ich kann dir noch Georg Klein "Libidissi" empfehlen. "Mainstream", spielt in einem fiktiven Nordafrika, in der es durch Anhänger einer vom Autor erfundenen Religion zu einer Art Revolution kommt. Sprachlich außergewöhnlich und ideenreich Hier gibt es die Rezi
Vom gleichen Autor gibt es auch "Sünde, Güte, Blitz". Das habe ich noch nicht gelesen.

MB

Torsten
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Torsten »

Auf "Moderan" bin ich erst im fröhlichen Buchzitate-Rätsel-Thread gestoßen als Jorge diese Zeilen einstellte und eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Vielleicht sollte ich meine Bemühungen, eine Ausgabe zu erhalten, fortsetzen...

http://forum.sf-fan.de/viewtopic.php?f= ... &start=390
Würde gerne lesen: Einen neuen Roman von Caroline Janice Cherryh

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Helge
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Helge »

Ich freue mich sehr über diesen Thread, denn ich mag genau diese Art von Fantastik auch sehr gern.
Als Schnellschuss, der mir gerade so einfällt, habe ich zu bieten: Der Schlaf des Blutes von Serge Brussolo.
Es geht darin um eine Welt, in der drei Arten von Menschen leben: Fleischesser, Pflanzenesser und solche, die sich von ihrem eigenen schnell wachsenden Haar ernähren. Es ist eine Wüstenwelt, deren ätzendem Sand man sich nicht ungeschützt aussetzen kann. Oasen darin sind riesige schlafende Tiere, die von den Fleischessern gejagt werden und deren abgezogene Felle von den Haare essenden Nomaden als Unterlage für ihre Lagerplätze verwendet werden. Allerdings lebt das abgezogene Fell noch weiter und man sollte nicht für zu lange Zeit darauf einschlafen. Der ganze Roman ist voll bizarrer Ideen, ziemlich düster und ein Happy End gibts nicht.
Für Leser englischsprachiger Bücher kann ich The Mammoth Book of Extreme Science Fiction und The Mammoth Book of Extreme Fantasy, beide herausgegeben von Mike Ashley, empfehlen, die für mich als Kurzgeschichtenliebhaber voller Leckerbissen waren.
Ausreichend hochentwickelte Magie ist nicht von Technologie zu unterscheiden.

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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Mir sind noch zwei Romane von Iain Banks eingefallen:
Barfuss über Glas und Die Brücke. "Romane", die unterschiedliche Ebenen haben, die miteinander verknüpft sind.
Im ersteren sind es drei Novoellen, eine Liebesgeschichte aus der Gegenwart, eine Erzählung um einen Paranoiker, der Angst davor hat, von Außerirdischen übernommen zu werden, und eine Erzählung, die in unendlich ferne Zukunft in einem Gebäude spielt, das nur aus Büchern besteht.
Im zweiten können die drei Ebenen auch die Schichten im Bewusstsein sein, denn es liegt ein junger Mann im Koma, und der scheint zu "träumen". Die SF-Ebene spielt in einer Welt in der die Menschen in einer unendlich erscheinenden Brücke leben.

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Helge
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Helge »

Die Brücke von Ian Banks fand ich ehrlich gesagt nicht so doll. Es wird relativ schnell klar, dass das einfach nur eine Traumwelt ist, in der der Held seine Psyche und sein Leben aufarbeitet, und gerade in fantastischer Hinsicht hat der Autor da sehr wenig daraus gemacht.
Wer Traumwelten mag, dem kann ich die Dantes Inferno-Comics von Akron und Voenix empfehlen. Höchst abgefahrene astrologisch orientierte Tiefenpsychologie, jedes Heft behandelt ein Sternzeichen. Etwas astrologisches und okkultes Grundwissen ist von Vorteil beim Lesen und Betrachten - es sind aber trotzdem die schwerstverdaulichen Comics, die ich kenne.
Weißes Licht von Rudy Rucker ist auch eine herrlich schräge Fantasie, in der der Held, ein Mathematiker, verschiedene mythologische und mathematische Gedankengebäude bereist und sich mit einem menschengroßen Kakerlak anfreundet. Ein Buch voller Ideen, die so intelligent wie schräg sind.
Und wenn wir schon bei Rudy Rucker sind: Herr über Raum und Zeit
Ein verkrachter Erfinder entdeckt eine Möglichkeit, gottgleiche Macht über das Universum zu erlangen, indem man dem Universum vormacht, die Plancksche Länge betrüge einen halben Meter, und seinen Kopf in den Bereich bringt, in dem dies gilt. Nun ist der Geist des Betreffenden von allen Naturgesetzen befreit und hat die völlige magische Macht. Auch dieses Buch ist gespickt mit einer Unmenge von skurrilen Ideen.
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Thomas Wawerka
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

Die Brücke war für mich ein Schlüsselerlebnis, ich hätte sie als nächstes selbst vorgestellt, aber so isses auch gut ... Klar weiß man, dass die Traumwelt eine Traumwelt ist! Aber ist nicht jede SF-Welt eine Traumwelt (auf der Metaebene zumindest)? Ich fand es spannend, wie Traumwelt und "reale Welt" in Verbindung gebracht wurden. Und da ist es ja keineswegs so, dass sich die Traumwelt "entschlüsseln" ließe, sie behält einen ganz eigenen Charakter (ich muss immer an den General und das Schwein denken ...). Selten ein Buch gelesen, das Science Fiction, Gegenwartsliteratur und Surrealismus derart miteinander verquirlt und trotzdem funktioniert.
Meine nächste Empfehlung ist Herbert Rosendorfer: Der Ruinenbaumeister. Dieser "Roman" ist nach dem Schachtel-in-der-Schachtel-Prinzip aufgebaut (für alle Ossis: wie ne Matrjoschka). Er beginnt in einem Zug voller Nonnen und endet da auch wieder, und zwischendurch geht es um die Jagd nach dem Tatzelwurm, die Gefahren des Weihnachtsliedersingens im Sommer und die Frage, wie man sich am besten auf den Weltuntergang einstimmt (der direkt bevorsteht) - Antwort: als Streicherquartett. Dieser "Roman" (die Bezeichnung ist nicht wirklich angemessen; das Buch ist eine Art Kaleidoskop mit Rahmenhandlung) sprüht vor Witz und Ideen. Die Sprache ist bildreich und ironisch und lässt sich angenehm lesen, man kann sich den Plauderton eines geistreichen Erzählers vorstellen. Seltsame Figuren treten auf (wie der titelgebende "Ruinenbaumeister" oder ein "Bundesoberentfruchtungswart"), tun seltsame Dinge oder erzählen seltsame Geschichten und treten wieder ab. Als Leser folgt man ihnen eine zeitlang, wird dann unversehens in eine neue Situation mit anderen Charakteren geworfen und verirrt sich langsam, aber sicher in einem Labyrinth von Geschichten. Das ist gewollt, ich denke, dass genau das die Vorstellung des Autors von Geschichte (menschlicher Geschichte, Kulturgeschichte) an sich ist: Sie ist ein Labyrinth. Es gibt keinen eindeutigen Sinn, nicht einmal eine einwandfreie Sichtweise, eine richtige Position, von der aus sie gültig beurteilt werden könnte. Wir folgen provisorischen Sinn-Wegen, sind immer in Geschichten verstrickt, haben keine Gesamtschau. Wir stiften den Sinn unseres Tuns selbst, auch wenn dieses etwas so Absurdes ist wie Ruinen bauen ... Der Roman lädt zu derartigen philosophischen Betrachtungen ein, ohne dazu zu zwingen oder einem die Freude an verrückter Unterhaltung zu verweigern, wenn man keine Lust aufs Philosophieren hat. Er macht auch so Spaß. Als Leser wird man hinters Licht, aber nicht genasführt. Der Autor gibt sich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Kurz und bündig: der "Münchhausen" unserer Zeit.

Herbert Rosendorfer: Der Ruinenbaumeister (1969)
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

@Helge: Danke für die Brussolo-Empfehlung - klingt interessant! Werd ich mir zulegen.
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Die Ruinenbaumeister kann ich auch weiterempfehlen.

Mir ist noch Christopher Priest eingefallen.
"Der steile Horizont" hat eine interessante Idee.
"Der schöne Schein" ist aber wirklich "Borderline" :) Es geht um Unsichtbarkeit im umfassenden Sinn. Priest balanciert großartig auf der Grenze zwischen Phantastik und Science Fiction. Im Zentrum steht ein Kameramann mit der Gabe, nicht bemerkt zu werden. Ich war damals sehr angetan davon.
"Der weiße Raum" und "Das Traumarchipel" sind inhaltlich auch in der Nähe.

"Die Stadt & die Stadt" von Mieville, wo es zwei Städte gibt, die praktisch unsichtbar für die Bewohner ineinander existieren, ist auch ziemlich abgefahren.

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Horselover Fat
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Horselover Fat »

Nicht fehlen darf da Jonathan Carroll. Das Land des Lachens und das hölzerne Meer haben es mir sehr angetan. In letzterem taucht ein altersschwacher Pitbull auf, stirbt, wird begraben, um gleich darauf wieder aufzuerstehen. Der Protagonist wird mehrfach in Zukunft und Gegenwart versetzt und trifft dabei sein jüngeres ich...

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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Thomas Wawerka »

@Bungle: Priest hab ich auch gelesen, zuletzt den "weißen Raum". "Die Stadt"/"Der steile Horizont" fand ich sehr beeindruckend, den "schönen Schein" zutiefst verwirrend. Priest hat so eine Art, zu verunsichern ... Statt einer Auflösung im Sinne von Ende löst sich am Ende wirklich alles auf, die Geschichte, die Charaktere, und als Leser wird man in diesen Auflösungsprozess auch mit hineingezogen. Etwas konventioneller sind "Das Kabinett der Magier" (erfolgreich verfilmt als "Prestige") und "Die Amok-Schleife". "The Separation" wurde leider nicht übersetzt, und mittlerweile scheint er ganz mit dem Schreiben aufgehört zu haben. Wie schade! :kopfschuettel:
He, wie's aussieht, haben wir eine nicht geringe Schnittmenge an gemeinsamer Lektüre! :bier: Jetzt bin ich aber mal gespannt, was du noch alles hervorkramst!
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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Bungle »

Ich nehm es mal als Kompliment, dass du mich mit @Jorge verwechselst :)

Kennst du das Werk von Eugen Egner:
"Der Universums-Stulp", "Androiden auf Milchbasis" und "Gift Gottes"? Egner ist Zeichner und Autor von grotesk-phantastischen Erzählungen und Romanen. Die beiden ersten Titel sind auch abseitige Science Fiction. Habe ich selbst noch nicht gelesen. :oops:
Was ich gelesen habe ist "Eine letzte Welt" von Christoph Ransmayr, der das Römische Reich sozusagen mit der Gegenwart verschmolzen hat und den "Metamorphosen"-Dichter diese auch wirklich erleben lässt. Ist sprachlich beeindruckend.

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Re: Abgefahrene Borderline-Phantastik

Ungelesener Beitrag von Helge »

Horselover Fat hat geschrieben:Nicht fehlen darf da Jonathan Carroll. Das Land des Lachens und das hölzerne Meer haben es mir sehr angetan. In letzterem taucht ein altersschwacher Pitbull auf...
Gibt es eigentlich irgendein Carroll-Buch, in dem KEIN Pitbull auftaucht? :D
(Nicht, dass mich das stören würde - ich mag die knuffigen Schnuffels auch sehr gern.)
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