Anomalie (Hervé Le Tellier)

Science Fiction in Buchform
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Cyberduck
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Anomalie (Hervé Le Tellier)

Beitrag von Cyberduck »

Hier kann ich noch eine Rezension beisteuern, die ich bereits an anderer Stelle veröffentlicht hatte:

Die Anomalie (Hervé Le Tellier)

Im März 2021 gerät ein Linienflug von Paris nach New York in ein schweres Unwetter. Das Flugzeug wird beschädigt, doch die Insassen kommen mit dem Schrecken davon und landen sicher in New York. Einige Monate später landet dasselbe Flugzeug noch einmal – mit denselben Passagieren, denselben Crewmitgliedern und allem Drum und Dran. Die beiden Maschinen unterscheiden sich in nichts – weder in ihrer Seriennummer noch in den Beschädigungen am Flugzeug oder den Erinnerungen der Menschen an Bord.

Das ist die Prämisse von Hervé Le Telliers Roman „Die Anomalie“. Einem Werk, das sich formal und inhaltlich zwischen Literatur, Philosophie und Science-Fiction bewegt. Der Roman beschäftigt sich mit einem Phänomen, das scheinbar außerhalb aller bekannten physikalischen und logischen Gesetze steht, und entfaltet daraus eine Erzählung, die zugleich gesellschaftlich, psychologisch und existenziell ist.

Das zweite Flugzeug wird schließlich vom US-Militär auf einen Luftwaffenstützpunkt nahe New York geleitet und unter strenge Quarantäne gestellt. Die Passagiere, die nichtsahnend sind, dass sie zuvor bereits schon einmal gelandet sind, finden sich plötzlich in einem Ausnahmezustand wieder. Es folgen Verhöre, Untersuchungen und medizinische Tests. Bald ist klar: Diese Menschen sind perfekte Doppelgänger. Nur die anderen leben bereits weiter – außerhalb, mit denselben Erinnerungen und Erfahrungen – bis zu jenem Flug. Mit zunehmender Komplexität der Situation rücken auch andere Perspektiven ins Zentrum: Psychologen, Mathematiker, Theologen und Militärs sind bemüht, das Phänomen einzuordnen. Politiker und Behörden sind ratlos, bemühen sich aber, die Kontrolle zu bewahren, und bereiten sich auf das Unvermeidliche vor. Die Gegenüberstellung der jeweiligen Doppelgänger.

Le Tellier schildert dieses Ereignis nicht als Thriller oder Katastrophenroman, sondern als vielschichtiges menschliches Drama. Im Zentrum stehen Einzelschicksale: ein Linienpilot, der seinem eigenen Tod gegenübersteht. Ein depressiver Schriftsteller, der ein mysteriöses Buch schreibt. Ein Kind, das plötzlich zwei Mütter hat. Ein Auftragsmörder, der sich selbst begegnet. Ein Architekt, der seiner Beziehung hinterhertrauert. Und andere mehr. Die Figuren reagieren so unterschiedlich wie Menschen eben sind: mit Ablehnung, Verwirrung, Angst, Trotz oder stillem Staunen. Ihre Geschichten sind durchzogen von Verlust, Erinnerung, Wut und Sehnsucht, jedoch nie überzeichnet. Vieles geschieht leise und unaufgeregt mit einem präzisen Blick für das Allzumenschliche im Angesicht des Unfassbaren.

Besonders spannend ist, wie das Buch mit Erwartungen spielt. Es beginnt mit einem gesellschaftlichen Spiegel, entwickelt sich rasch zu einem Mysterium und schließlich zu einer Frage, die über das Erklärbare hinausgeht. Als Leser fragte ich mich oft, wie Le Tellier diese Geschichte je zu einem sinnvollen Ende bringen könnte. Ich habe viele Hypothesen aufgestellt: über Simulationen, über Realitätsebenen, über Konstruktionen, über quantenphysikalische Phänomene. Und doch hat mich das Ende überrascht. Nicht durch eine große Wendung, sondern durch seine Konsequenz: ruhig, dramatisch und wirkungsvoll.

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Uschi Zietsch
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Re: Anomalie (Hervé Le Tellier)

Beitrag von Uschi Zietsch »

Was für ein Zufall, gestern ist das Buch bei mir eingetrudelt :-D das ich mir nach der Leserunde vornehmen werde. Bin gespannt. Deswegen lese ich deine Rezi auch erst danach.
:bier:
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Re: Anomalie (Hervé Le Tellier)

Beitrag von head_in_the_clouds »

"Die Anomalie" ist ein Interessantes Beispiel aus der Slipstream SF: Also AutorInnen die das Genre nutzen um sozusagen eine Freifahrt zu erhalten, ohne auf das Genre festgelegt zu werden - die Titel werden nicht als solche gekennzeichnet oder vermarktet.

Meine Erfahrungen (auch mit Tellier) sind, das neue Ideen oder Ansätze hier zu finden sind, während sich die Genre Sf seit Jahren doch meist um bekannte Themen / Kombinationen aus dem Cyberpunk / Neue Space Opera / Hard SF bedient - also seit den 80ern/90ern des letzten Jahrhunderts(!)

Tatsächlich gibt es mit "Schöne Neue Welt" von Huxley oder 1984 von Orwell ältere Bsp. für Slipstream.
Neuere sind "Alles was wir geben mussten" von Kazuro Ishiguro oder Cormack McCarthy ("Die Strasse").

Gibt auch einen aktuellen Post dazu von mir ;-)
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Re: Anomalie (Hervé Le Tellier)

Beitrag von Uschi Zietsch »

Ich habe das Buch jetzt fertig gelesen. Es ist erfreulicherweise nicht zu lang - und doch war mir einiges zu literarisch-geschwätzig-ausschweifig mit blumiger Lyrik und so. Das ist halt einfach nicht mehr mein Ding (war es in meiner Jugendzeit). Aber das kann man ja leicht überblättern. Und einiges musste ich nachschlagen, weil ich die Wörter nicht kannte, tja, dem Feuilleton bin ich halt fern ;-) Aber das macht nichts, lernt man was dazu.

Der Autor ist zweifelsohne ein Nerd, er kennt sein Metier, und der Anspielungen sind viele, zum großen Teil genannt, manchmal aber auch nicht, und das erweckt dann auch ein Schmunzeln. Ebenso wie er den damaligen US-Präsidenten beschreibt, den er im Gegensatz zu Macron nicht beim Namen nennt.
Meine Lieblingsszene ist die bei den Befragungen, wo Victor Miesel, der Autor von "Die Anomalie", die leser liest, sich totlacht über die Art der Fragen, die 1:1 aus "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" stammen.
Denn das Protokoll 42 - man weiß es eh von Anfang an - ist nichts als ein Jux. Denn wer rechnet schon damit, dass sich ein Flugzeug verdoppelt?
Neben viel Humor, der Analyse menschlicher Stärken und Schwächen, kommen auch intensiv religiöse und Glaubensfragen zum Tragen (mit zum Teil sehr tragischen Konsequenzen).
Die Konsequenz, dass die Verdopplung deswegen geschah, weil wir alle in einer Simulation sind und im Programm was schiefging, setzt sich mehr und mehr durch.
Tellier zeigt das an einzelnen Szenen, geht aber nichts ins Globale. Sonst wären es wahrscheinlich tausend Seiten geworden, denn diese Konsequenzen sind kaum abzusehen. Man weiß aber eh, wo es hinführt, zu Chaos und Anarchie.
Aber so weit kommt es ohnehin nicht, denn im Oktober passiert es zum dritten Mal, und logischerweise wird das dritte Flugzeug abgeschossen - was zum Absturz des Programms und dem Ende der Simulation führt und somit auch das Buch endet.
Tatsächlich erinnert mich das ein bisschen an "Life of Chuck", wo die Simulation nur im Kopf eines Sterbenden stattfindet - das Realleben aber weiterexistiert. Wobei wir nicht wissen ... :beanie:
Ich war schon gespannt, wie Tellier die ganze Sache lösen will. Nun ja, er wählte die einfachste Lösung ... so recht angefreundet hab ich mich mit ihr nicht (rein persönlicher Geschmack), aber es ist ein Ende, wie es da steht, und passt.
Der Kniff des Buches im Buch, dass wir tatsächlich Victor Miesels Buch lesen, wird am Ende deutlich, und ist eine Gehirnverschränkung, auf die ich mich nicht weiter einlasse, weil ich sonst ganz wuschig werde. Es ist ein Paradoxon wie bei Zeitreisen, und sogar in zweifacher Hinsicht, da das Buch ja zweimal geschrieben wurde. Nein, eigentlich dreimal. Äh - lassen wir das. Nicht neu, aber in dem Fall knifflig und gelungen.
Das einzige, was meinem Gefühl nach nicht reinpasst, ist das Flugzeug in China. Da kam die Anomalie wohl nur einmal vor, keiner erfährt je davon, und die Menschen dort sind natürlich längst alle abgemurkst. Aber da die New Yorker Anomalie noch einmal passiert - wofür ist das gut? Um zu unterstreichen, dass unsere Welt eine Simulation ist, dessen Programm zusammenkracht? Die chinesische Anomalie wurde zwar nicht vergessen und am Ende nochmal erwähnt, aber der Autor hätte das auch weglassen können, weil es keinerlei Auswirkungen hat.
Sehr schön ist die Talkrunde mit Miesel und dem Philosophen, die viel zusammenfasst und doch die Grundfragen nicht lösen kann. Natürlich nicht.

Jedenfalls: hat mir gefallen, ist sehr schön und humorvoll erzählt, tiefgründigen Charakterisierungen einiger Einzelschicksale, mit prallem Wissen und Nerdtum, eine gelungene Kombi. Ich geb ne Leseempfehlung. :prima:
:bier:
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