Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

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head_in_the_clouds
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Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von head_in_the_clouds »

Es mag sein das es mehr Dystopien gibt als Utopien. Man könnte sagen, das man „Phantasie verschwendet“ , nur um das Düstere aufzuzeigen.

Dystopien sind aber notwendig, und auch immer eine Warnung , einen Weg NICHT zu beschreiten.

Entwirft man eine Utopie, ist eines ganz essentiell. Darum geht es hier.


Utopie ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen!

… sondern ein Ort, an dem auch Rückschläge vorkommen und als spannende Herausforderungen begrüßt werden, an dem Belastungen eher belebend als überwältigend oder schädlich wirken; eine Herausforderung, deren Bewältigung Erfolgserlebnisse verschafft und die Resilienz stärken. Diese Spannung ist ein Ausdruck nach dem Suchen eines Gleichgewichts, das um das Ziel pendelt, Harmonie zu erzeugen, die zwar nie gänzlich oder für immer erreicht wird – aber nie irgendeine Art Zwang ausübt.
Es ist auch ein Ort körperlicher und mentaler Gesundheit und Freiheit, der ein weites und sich stetig erweiterndes Spektrum an freudvollen Möglichkeiten bietet, was ein Mensch mit seiner Autonomie anfangen kann.

Aber wo ist dann der Haken?

Keine Gesellschaft, so umfassend sie auch geplant und durchdacht sein mag, keine utopische Ordnung wird für absolut jede Person eine glückliche sein. Menschen sind dafür zu verschieden.

Nicht alle MÜSSEN einsehen, das diese utopische Gesellschaft, die für sie beste aller möglichen ist.
Nehmen wir an, wir gehen nach diesem Rezept vor und gründen eine solche Gemeinschaft wie oben beschrieben auf der Grundlage, die uns am ehesten geeignet erscheint, das Gedeihen in vielerlei Hinsicht, Glück und echte Zwischenmenschlichkeit zu fördern.
Wie auch immer unsere Bedingungen aussehen mögen, es wird Menschen geben, die sich dort nicht zu Hause fühlen. Sicher werden viele zufrieden sein; vielleicht sind sogar die meisten glücklich – aber einige werden es eben nicht sein. Für solche Menschen ist es unerlässlich, dass sie einen leicht zugänglichen Ausweg haben, der ihnen den Zugang zu möglichst vielen alternativen Lebenswelten und -Lebensweisen ermöglicht.

Naiv wäre es aber auch zu denken, das man an diesen Orten auch von deren Bewohnern immer willkommen ist: Ihre Utopie könnte für sie nur Sinn machen, wenn diese in einem abgeschlossenen Raum etabliert wird - ähnlich einer Burg mit einem Graben darum oder einer Insel. Dort liegt vielleicht auch schon die Saat für eine Drift ins dystopische.

Egal wie die Utopie aussieht, es muss ein EXIT existieren

Notwendige Voraussetzung für ein Utopia ist also gleichzeitig ein EXIT daraus.

Zuerst klingt es paradox, was es aber nicht ist. Zwar umfasst das Angebot von Utopien eine schier unendliche Vielfalt an unterschiedlichen Gesellschaften, – aber auch und nicht zuletzt die schnelle und einfache Möglichkeit, zu jeder von ihnen zu wechseln – und ist somit der Schlüssel zu einer realistischen Utopie.
Vergesse den EXIT und es wird früher oder später zu internen Spannungen kommen, seitens derer die sich nicht berücksichtigt fühlen.

credits: Danke an Adam Roberts, der die Grundlage für den Gedanken gelegt hat!
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LeisesLärmen
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von LeisesLärmen »

Interessante Gedanken.
In dem Land meiner Kindheit, DDR, hieß SciFi-Literatur grundsätzlich "Utopische Literatur", weil man sie der für sich reklamierten utopischen Zukunftsvision der klassenlosen Gesellschaft unterordnen wollte.
In der Tat war die Utopie des Kommunismus aber nur als abgeschottete Burg denkbar. Ein zerbrechlich Ding mit monströsen Immunsystemen (Stasi).
Ich empfehle in diesem Kontext gern immer, die allerersten großen utopischen Bücher zu lesen: "Utopia" von Thomas Morus und Campanellas "Sonnenstaat" - ein Staat, der sich ebenso als beste aller künftiger Welten empfiehlt.
Mir ging es beim Lesen beider Ur-Utopien allerdings so, dass ich in keiner der beiden Welten leben wollte.
Kaserne, Reglement, Überwachung, eklig.
Utopien hat aber letztlich sicher jeder denkende und hoffende Mensch immer im Kopf: Welten, in denen er lieber leben wollte als in der realen gegenwärtigen.
Nur finde ich gerade in der Science-Fiction-Literatur/Film der letzten Jahre (Jahrzehnte) da kaum Ansätze. Es regieren Dystopien.
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Flossensauger
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Flossensauger »

LeisesLärmen hat geschrieben: Heute 00:34 In dem Land meiner Kindheit, DDR, hieß SciFi-Literatur grundsätzlich "Utopische Literatur",
War das so?
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Doop
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Doop »

Sie hieß eigentlich wissenschaftliche Phantastik, die Übersetzung des russischen Begriffs Научная фантастика.

Utopische Literatur, utopische Filme - die Begriffe gab es auch. Wobei wir die Ideologie nicht vergessen dürfen: utopisch war outdated, da die utopischen Sozialisten (z.B. auch der Urvater der Fantasy William Morris) vor den „wissenschaftlichen“ (Marx und die Marxisten-Leninisten) kamen. Die Zukunftsvisionen der ostdeutschen SF, die das lichte Morgen feierten (oftmals dies aber subversiv unterliefen und Kritik am Istzustand formulierten, die die Zensoren aber nicht verstanden) waren deshalb im Sinne des Staates nicht utopisch sondern wissenschaftlich. Klingt wie Unsinn, war aber so. Das änderte nichts am Sprachgebrauch im Alltag, der „utopisch“ verwendete. Eine beliebte Taschenbuchreihe in Ostdeutschland hieß übrigens „SF Utopia“. Den Begriff der Science Fiction verwendete man auch erstaunlicher Weise immer öfter in den 80er Jahren.

Hoffe, das hilft.

Dass Dystopien „regieren“ liegt natürlich daran, dass sie 1000mal unterhaltsamer sind als Utopien. Wir wollen lesen, wie Katniss das Capitol besiegt oder sehen, wie Neo die Matrix zerstört. Wir wollen keine Geschichte darüber, dass Kattniss in einer freien Welt in Glück und Überfluss lebt. Auch dystopische Welten können ja positiv sein, wenn erzählt wird, wie diese Welten fallen.
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L.N. Muhr
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von L.N. Muhr »

Das ist mir alles zu simpel. Auch in der DDR durchlief der Begriff Veränderungen.

Zu beginn relativ üblich war der Begriff des wissenschaftlich-utopischen Romans für das Werk, und der wissenschaftlichen Phantastik für das Genre. (Hätte sich das durchgesetzt, wäre das hier das wul-fan-Forum, aber das nur am Rande.)

Spätestens ab den Achtzigern wurde der Begriff der SF durchaus gängig, siehe beispielhaft die Nachdruckreihe SF Utopia (ironischerweise teils mit Werken, die älter waren als der SF-Begriff).

Besagte Zukunftsvisionen der ostdeutschen SF waren zu Beginn oft völlig unsubversiv, im Geiste des Aufbaus einer neuen Zeit. Das betrifft vor allem die Titel aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Erst irgendwann im Verlauf der Siebziger begannen Autor*Innen das Genre für subversive Texte zu nutzen, nicht nur in der DDR, sondern mWn im gesamten Ostblock. Dahinter lag die simple Erkenntnis, dass man die eigenen Verhältnisse, die es ja offiziell nicht gab, nur auf eine fremde Welt zu spiegeln brauchte. Das war im Kern das Strugatzki-Muster. Held war dabei oft ein utopischer Agent, der aus einer sozialistischen Idealwelt kam und mit einer Realität konfrontiert wurde, die ihn völlig aus dem Gleichgewicht brachte.

Aus gutem Grund waren die Achtzigerjahre die spannendste Phase der DDR-SF (und wohl auch der DDR-Musik und -Literatur insgesamt). Man konnte sehen, wie sich da was regte, wie da was emporgrollte, was unterdrückt wurde.

Brauchen wir mehr Utopien? Fraglos. Aber angesichts des Zustandes der Welt kann man ganz simpel sagen: "Die Verhältnisse, sie sind nicht so." Utopien sind ein zweischneidiges Schwert: sie können Auswege aus der Krise darstellen. Sie können aber auch einlullen, wenn sie diese Auswege zu simpel darstellen. ("Wir erfinden eine unerschöpfliche Energiequelle, und dann wird alles gut.") Komplexe Stoffe, und jede tatsächliche Utopie ist zwingend komplex, verkaufen sich zudem sehr schlecht. Hier wird die Ideenvielfalt durch den Markt eingegrenzt. Und möglicherweise infolge unsere Vorstellungskraft.

Darüber hinaus sei angemerkt, dass nicht alles, was sich dystopisch anfühlt, eine Dystopie ist. Der Begriff wird viel zu inflationär verwendet für alles, wo es in irgendeiner Zukunft Leuten schlecht geht. Dahingehend ist auch die Dystopie zweischneidig: der Gedanke "es könnte alles noch viel schlimmer sein" vermag ebenfalls einzulullen.

Die USA als Kernland der SF hat zudem gerade das Problem, dass sie im Kern in einer Dystopie lebt und die Kulturindustrie eher eine Eskapismuswelle daraus sich ergebend erfährt.
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Doop »

Wenn, dann wären wir das Wissenschaftlich-utopische Fantastik Forum, oder kurz: das WUFF! :-)
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L.N. Muhr
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von L.N. Muhr »

Wuff-fan.de
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Flossensauger »

Das glaube ich dir gerne. (Edith: Euch beiden.)

Ich habe momentan keinen Zugang zu der Doktorarbeit von Karsten Kruschel: "Dialektik von Eutopischem und Dystopischem in der Science-fiction-Literatur der DDR in den achziger Jahren", weiss aber, das er von Science Fiction in der DDR gesprochen hat.

Karsten hat zweimal den deutschen SF Preis gewonnen, war drei mal für den Laßwitz nominiert, der Gutachter war Professor Doktor Rainer Eisfeld. Ich habe momentan keinen Grund, ihm da nicht weiterhin zu folgen.
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Doop »

Science Fiction ist es ja auch dann, wenn es seinerzeit größtenteils anders genannt wurde. Wann hat Karsten denn seine Dissertation verfasst? Nach 1990? Dann erklärt es sich von selbst.

Glaube ruhig auch Ellen, lapi und mir. Wir waren zumindest teilweise ja noch dabei. Ich bin Jahrgang 1970.
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von L.N. Muhr »

Ich sag mal so: *in* den Achtzigerjahren bereits die gesamten Achtzigerjahre zu analysieren, wäre doch leicht gewagt.
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Doop »

Ja, das stimmt einerseits. Andererseits: Vielleicht war die Analyse ja ein SF-mäßiger Blick in die Zukunft, geschrieben 1979…? :-)
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Flossensauger
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Flossensauger »

Wegen Wende nicht mehr dazu gekommen, mit Hilfe vom Wessi Rainer Eisfeld dann doch am 09.04.1992 die öffentliche Verteidigung an der Pädagogischen Hochschule (Philosophische Fakultät) Leipzig statt. Mit Auszeichnung bestanden.
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Flossensauger
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Re: Brauchen wir mehr Utopien in der SF ?

Beitrag von Flossensauger »

Ich will da gar nicht darauf herumreiten. Nur mir (als Wessi) kommt es falsch vor, wenn behauptet wird, jegliche DDR SF hätte Utopie geheissen. Mehr wollte ich gar nicht.
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